Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Aktuell

16. September
Manchen Kritikern gilt Judith Hermann als eine der interessantesten deutschen Autorinnen; andere konnten sich mit ihren letzten Arbeiten nicht anfreunden. Auch in ihrem neuen Buch, ihrem zweiten Roman, schildert sie einsame Menschen: Eine Frau zieht aus der Stadt an die Küste, um zu ergründen, wo sie Daheim ist. Den lapidaren sound ihrer ersten Erzählungen hat die Autorin verfeinert und vertieft.

16. September, Serie Verpestete Bücher
Epilog, Teil 3 (und Schluss)

Unsere große Serie über „Verpestete Bücher“ kommt mit dem letzten Teil des Epilogs zum Schluss. Darin treten menschliche und tierische Bücherwürmer sowie richtige und elektronische Bücher in Konkurrenz. Zu erfahren ist überdies, unter welchen zumeist heiligen Umständen es vorkommt, dass strenge Männer sich Bücher buchstäblich einverleiben.


Eckpunkt
Richtig falsch

Von Curiander

16. September  Der 48-jährige Kunsthändler, der Mitte Juli in Düsseldorf vor Gericht stand, darf fast für bescheiden gelten. Gerade mal 19000 Euro verlangte er für Arbeiten von A. R. Penck und Günther Uecker, die sie gewiss auch wert gewesen wären, hätte es sich, statt um Fälschungen, um Originale gehandelt. Ganz andere Gewinnmargen hatten sich die fünf Herrschaften zum Ziel gesetzt, die in der vergangenen Woche der italienischen Polizei ins Netz gingen: Nicht nur, dass die Beamten bei ihnen 3,5 Millionen Euro in Bargeld und Wertsachen fanden; vor allem stellten sie nicht weniger als fünfhundert Gemälde des 1992 gestorbenen Briten Francis Bacon sicher, die zwar mit Echtheitszertifikaten versehen, aber trotzdem offenbar gefälscht sind. Bedenkt man, dass Sotheby’s in New York vor acht Jahren Bacons „Three Studies oft Lucian Freud“ für umgerechnet über 120 Millionen Euro versteigerte, lässt sich wenigstens andeutungsweise vermuten, was sich mit den Imitationen auf dem Markt hätte erlösen lassen, wären gutgläubige Kunden auf sie hereingefallen. Wenn auch selten in vergleichbar horrender Dimension, so ereignet sich dergleichen doch immer wieder, zumal in einer Zeit, deren ästhetische Maßstäbe die Grenzen zwischen Werk und Plagiat, Urfassung und Kopie auch ohne kriminellen Hintergrund zunehmend verwischen. Zwar kommt ein Maler um den Vorwurf, ein Gauner zu sein, nicht herum, sobald er zum Zweck unlauterer Bereicherung ein Bild oder einen Stil so vollkommen nachahmt, dass die Doublette sich vom Original kaum noch unterscheiden lässt; andererseits wird einem Meisterfälscher wie Wolfgang Beltracchi, der 2010 ins Gefängnis einrückte, Kenner- und Könnerschaft, womöglich Künstlertum nicht abzusprechen sein. „In der Politik ist es wie in der Mathematik“, hat der einstige US-Senator Edward Kennedy klug behauptet: „Alles, was nicht ganz richtig ist, ist falsch.“ In der Kunst indes verhält es sich doch anders: Beltracchis reproduzierte Malereien, Grafiken und Skulpturen waren zwar richtig falsch, aber eben auch beinah echt. Neben ihnen verschwinden fakes wie Hitlers „Tagebücher“ aus der Werkstatt des übereifrigen Konrad Kujau oder dickleibige Doktorarbeiten dünnbrettbohrender Schwindler wie dem einstigen Polit-Wunderknaben Karl-Theodor zu Guttenberg als vermurkste Versuche hudelnder Amateure. Schon vor Jahrhunderten, ja Jahrtausenden wurden Geschichtsfälschungen lanciert, die zu gewichtigen politischen Entscheidungen, wenn nicht historischen Umschwüngen führten. Und auch in den angeblich so exakten Naturwissenschaften grassiert die Vorspiegelung falscher Tatsachen, wenn sich prestigeträchtige Projekte der Spitzenforschung und einträgliche Posten nicht anders halten lassen. Beinah ans Herz rührt da das kuriose Schicksal des Würzburger Gelehrten Barthel Adam Beringer, der sich 1725 reichlich plump hereinlegen ließ: Böse Buben drehten ihm wunderlich gebildete „Lügensteine“ an, die er begeistert für spektakuläre Fossilien, sogar für versteinerte Kometen und wahrhafte Signaturen von Gottes eigener Hand hielt. Zum Lachen? Wer ahnt denn, wie oft Ähnliches heute geschieht, nur weitaus geschickter ins Werk gesetzt? Wer kann Tag für Tag ausschließen, dass er selber irgendeinem Lug und Humbug arglos vertraut, dass er geschickten Täuschern ihre Attrappen und Falsifikate blauäugig abkauft? Manchmal meint man, die ganze Welt sei, wenn schon kein fake, so doch ein Fehler. ■

Frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

Zuletzt  9. September, Kino
In The Father, dem bewegenden Kinodebüt des gefeierten französischen Dramatikers Florian Zeller, spielt der Charakterdarsteller Anthony Hopkins grandios einen würdigen alten Herrn, der buchstäblich seinen Verstand verliert: Die Demenz raubt ihm allmählich die Orientierung in Zeit, Räumen und unter seinen Mitmenschen. Dabei werden auch die Belastungen der Angehörigen sensibel deutlich.

9. September, Serie Verpestete Bücher
Epilog, Teil 2 (von 3)

Im zweiten Teil des Epilogs zu unserer großen Serie über „Verpestete Bücher“ schauen wir in die Scheiterhaufen, die eine verblendete Menschheit seit Jahrtausenden immer wieder für unliebsame Schriften und Gedanken aufschichtet. Und ein Romanautor berichtet, wie er beherzt dabei zusah, als sein eigenes, leider schwer verkäufliches Buch geschreddert wurde.

 



Schauspiel
Theater Hof:
Schlafen Fische?
Der Sturm
Mutter Courage und ihre Kinder
Willkommen
Toulouse
Der Rest
Othello
Die Känguru-Chroniken
Florence Foster Jenkins
Kanzlist Krehler
Status quo
Goldszombies
Terezín

Luisenburg-Festspiele (Wunsiedel):
Der Name der Rose (Musical)
Faust I

Vogtland-Theater Plauen:
RemIXed (Beethovens Neunte)
Woyzeck


Musiktheater
Theater Hof:

Der Prozess
Chaplin (Ballett)
Der kleine Muck (Ballett)
Chicago
Wiener Blut
Hexen
The Cold Heart
Bayreuther Festspiele:
Der fliegende Holländer
Tannhäuser
Die Meistersinger von Nürnberg
Die Walküre



Konzert
zuletzt
Bayreuther Festspiele:
Konzert mit Andris Nelsons
Wahnfried-Konzerte, Bayreuth: Liederabend mit Michael Volle
Hofer Symphoniker:
Klassik am Eisteich
Hofer Symphoniker:
Mozart mit Albrecht Mayer


Film und Fernsehen
zuletzt
The Father
Nomadland

Anderes
zuletzt
Eine Explosion für die Augen
Der neue Konzertsaal in Lichtenberg
Ein Jubiläum, kein Jubelfest
Die 25. Kunstsaat des Hofer Kunstvereins
Keine Zeit für Wunder
Kästners „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ als Buch zum Film
Alles ist möglich (fast alles)
3D-Druck im Selber Porzellanikon
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Serie
Verpestete Bücher

Zehn literarische Epidemien
und ein Epilog

1. Poe: Die Maske des Roten Todes
2. Boccaccio: Das Dekameron

3. Defoe: Die Pest zu London

4. Gotthelf: Die schwarze Spinne

5. Jacobsen, Heym, Isolde Kurz: Kleine Erzählungen

6. Thomas Mann: Der Tod in Venedig

7. Camus: Die Pest

8. Szczypiorski: Eine Messe für die Stadt Arras
9. Roth: Nemesis
10. London: Die Scharlachpest
Epilog (drei Teile)


Essay  
zuletzt
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik
Verständige Weiber
Zum Internationalen Frauentag
... ...


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Im Buchhandel
erhältlich:

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.

Rezension in der
Frankenpost: hier klicken.


Als zweite, durchgesehene Ausgabe
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren  fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen.
Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.