Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Aktuell

23. Oktober, Freiheitshalle, Konferenzbereich
Der Gang zum „Italiener“ für ein leckeres, nicht allzu teures Abendessen - heute hierzulande für viele eine Selbstverständlichkeit. Das war indes keineswegs immer so. Der in Hof geborene Kulturwissenschaftler Professor Dieter Richter zeichnet in seinem neuen Buch Con gusto die„kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht“ nach. Die Präsentation war ein delikates Ereignis.

23. Oktober, Bayreuth, Studiobühne
Ein hochempathisches Ensemble zeigt mit Vater, was Florian Zellers gefeiertes Kinodebüt „The Father“ ursprünglich war und ist: ein bewegendes Bühnenstück. In Anja Dechant-Sundbys mutig illusionsloser Inszenierung imponiert Wolfram Ster als alter Herr, der durch Demenz den Verstand verliert. Zugleich verliert seine Tochter, rücksichtsvoll, doch überfordert, den geliebten, doch belastenden Papa. 

Weitere Produktionen des Theaters Hof:
Die Ensembles des Hauses holen zurzeit und in den kommenden Wochen Vorstellungen von Produktionen nach, die während der Hoch-Zeit der Corona-Pandemie zwar geprobt wurden, aber nur selten oder gar nicht öffentlich gezeigt werden konnten. Über sie hat
ho-f bereits (in der Regel nach Besuch der Generalproben) berichtet. Sie finden die Rezensionen auf den jeweiligen Unterseiten Schauspiel und Musiktheater, wenn Sie nach unten scrollen. Auf dem PC können sie auch mit der Tastenkombination strg+f die Suchfunktion aktivieren, ins Suchfenster das Hauptwort des Stücktitels eintragen und die Eingabetaste drücken.


Eckpunkt
Lichtzeichen

Von Curiander

20. Oktober  Krise ist, wenn keiner weiß, wies weitergeht. Zeigt die Ampel Rot, geht’s nicht weiter – aber ist das schon Krise? Und was, wenn sie mit all ihren Farben gleichzeitig aufwartet, mit Rot, Gelb, Grün – so wie (vermutlich) demnächst im Bundesberlin: Müssen wir dann zornrot anlaufen oder grün, weil uns übel ist, droht gelbe Gefahr? Oder signalisiert uns die farbige Dreifaltigkeit blühendes Leben, goldene Zukunft und die Hoffnung auf beides? Zurzeit einigen sich viele Anhänger wie Gegner der scheidenden Kanzlerin darauf, die Ampel nach sechzehn Merkel-Jahren für das Symbol eines möglichen dynamischen Neuanfangs immerhin in Betracht zu ziehen. Freilich kommt, wer sich in Sachen Farbsymbolik ein wenig auskennt, nicht umhin, sie für eine heikle, weil vieldeutige Metapher zu halten. Dabei ging es der Vorrichtung, der sich unser bildhafter, in diesem Wochen grassierender Ausdruck verdankt, just ums Gegenteil: um Unzweideutig- und Unmissverständlichkeit nämlich, den Augenblick betreffend, in dem ein Autofahrer Gas geben darf oder besser auf die Bremse tritt. Wer an einer Straßenkreuzung Rot sieht, weiß: Nun muss er stehenbleiben, nicht weil Krise ist, sondern um zu vermeiden, dass, weils kracht, eine entsteht. Darüber, wann das Ursprungsjahr solcher Lichtzeichenanlagen anzusetzen sei, herrscht keine Einigkeit: Manche Quellen nennen bereits den Dezember 1868, weil da im noch nicht motorisierten London vor dem Parlament erstmals entsprechende Signale den Kutschern Zeichen gaben, mittels Gaslichtern, die bereits die noch heute gebräuchlichen Farben zeigten. Rot und Grün strahlten auch die elektrischen Leuchten, die vom 5. August 1914 an in Cleveland, US-Bundesstaat Ohio, den immer stärker von Automobilen geprägten Verkehr regeln sollten. Die erste Berliner und damit deutsche Ampel leuchtete zehn Jahre später von einem Türmchen am Potsdamer Platz herab; in acht Meter Höhe thronte ein Schupo auf des fünfeckigen Turmes Spitze in einem verglasten Kabinchen mit Rundumsicht und besorgte den Farbwechsel von Hand. Berichtet wird, dass sich die Autofahrer zwar nolens volens auf die Verbots- und Freie-Fahrt-Zeichen einließen, die Fußgänger sie jedoch vielfach gleichgültig bis provozierend ignorierten. Die Ampel speziell für Passanten per pedes ist eine Erfindung der dänischen Hauptstadt: Von 1933 an sorgte in Kopenhagen ein Prototyp für ein geregeltes stop and go. Während 1952 die New Yorker Verkehrsbetriebe dazu übergingen, den Fußgängern schriftlich die Befehle „Walk“ und „Don’t walk“ („Geh“ und „Geh nicht“) zu erteilen und damit eine gewisse Lesefähigkeit voraussetzten, machten es, zum Beispiel, die Kollegen in Deutschland den Bürgern durch die Ampelmännchen leichter, wobei die ostdeutschen, mit Riesenschritt und breitem Hut, auch nach dem End der DDR ikonische Signalkraft entfalten. Die Ampel, in dieser Weise begriffen, hat für uns stets mit unserer Mobilität zu tun: Gemäß ihrem Diktat bewegen wir uns – oder, abwartend, eben nicht. Das widerspricht indes dem ursprünglichen Begriff und ihrem Gebrauch: Das Wort, vom lateinischen ampulla für kleines (Öl-)Fläschchen abstammend, bezeichnete zunächst eine –Hängelampe, im Mittelalter vor allem die „ewigen“ Lichter in Sakralbauten und vor heiligen Bildern. Von alters her also hat die Ampel mit Erleuchtung zu tun, und derer bedarf jede wie auch immer kolorierte Koalition im Lande, will sie krisenfest durch die kommenden vier Jahre kurven. ■

Frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

20. Oktober, Bayreuth, Studiobühne
Seine Sketche um den „Firmling“ und dessen ersten Rausch oder die fatal missratende „Orchesterprobe“ sind noch heute Paradebeispiele für gelungenen deutschen Humor. Das Bayreuther Ensemble gestaltet indes einen Abend mit kaum bekannten Szenen von Karl Valentin. Gerade sie zeigen: Er hat es, wie jeder traurige Clown seinesgleichen, immer auch ziemlich ernst gemeint.

 


Theater Hof
Schauspiel
Anna Viehmann
Schlafen Fische?

Der Sturm
Mutter Courage und ihre Kinder
Willkommen
Toulouse
Der Rest
Othello
Die Känguru-Chroniken
Florence Foster Jenkins
Kanzlist Krehler
Status quo
Goldszombies
Terezín

Musiktheater
Medea
Der Prozess
Chaplin (Ballett)
Der kleine Muck (Ballett)
Chicago
Wiener Blut
Hexen
The Cold Heart


Bayreuther Festspiele:
Der fliegende Holländer
Tannhäuser
Die Meistersinger von Nürnberg
Die Walküre

Luisenburg-Festspiele (Wunsiedel):
Der Name der Rose (Musical)
Faust I

Vogtlandtheater (Plauen):
RemIXed (Beethovens Neunte)
Woyzeck

Studiobühne Bayreuth:
Das Liebeskonzil


Konzert
zuletzt
Hofer Symphoniker: William Youn mit Mozarts „Jeunehomme“-Konzert
Kammerchor Hof: Antonín Dvořáks Messe opus 86
Kulturwelten Helmbrechts: Beethoven meets Tango
Bayreuther Festspiele: Konzert mit Andris Nelsons
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Film und Fernsehen
zuletzt
James Bond 007: Keine Zeit zu sterben
Dune
The Father
Nomadland

Anderes
zuletzt
Die Eroberung Amerikas:
Franzobel liest in Hof aus seinem neuen Roman
Es geht auch ohne Beethoven: Die „zehnte Symphonie“ aus dem Computer
Bücher & Musik: Kurzrezensionen
Eine Explosion für die Augen
Der neue Konzertsaal in Lichtenberg
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Essay  
zuletzt
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik
Verständige Weiber
Zum Internationalen Frauentag
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Bald kommt das neue Buch

VERPESTETE BÜCHER - Elf literarische Epidemien und ein Epilog von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Die passende Serie in den Jahren der Corona-Pandemie: Zehn Teile und einen (dreiteiligen) Epilog umfasste unser Überblick über Romane und Erzählungen der deutschsprachigen und der Weltliteratur, in denen Seuchen eine Hauptrolle spielen. Bald werden alle Teile als Buch herauskommen, vermehrt um ein ausführliches, noch nicht veröffentlichtes Kapitel über den Roman „Der letzte Mensch“ der „Frankenstein“-Autorin Mary Shelley.

 

Weiterhin
im Buchhandel erhältlich

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.

Rezension in der
Frankenpost: hier klicken.


Als zweite, durchgesehene Ausgabe
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren  fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen.
Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.