Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Aktuell

Liebe Leserin, lieber Leser,
wegen kleiner, aber unaufschiebbarer Eingriffe an den Augen müssen wir eine Auszeit einlegen. Das bedauern wir selbst am meisten, geschieht es doch ausgerechnet jetzt, wo 'nach Corona' die Kulturregion endlich zum neuen, alten Leben erwachen will. Voraussichtlich am Dienstag, dem 6. Juli, meldet sich ho-f, dann noch sehschärfer, zurück. Bis dahin alles Gute - und bleiben Sie uns treu.



Dienstag, 15. Juni
Hof, Freiheitshalle
Mit Geschmack, Formgefühl und Klangkultur melden sich die Hofer Symphoniker zurück. Zu hören sind Werke von Mendelssohn Bartholdy, dem Norweger Christian Sinding und Jón Leif aus Island. Als Solistin demonstriert die Geigerin Lea Birringer virtuos eine Spielart, die ihren Glanz vor allem ursprünglicher Empfindsamkeit verdankt.


Eckpunkt
Irgendwie echt

Von Curiander

Dienstag, 15. Juni  Wir stellen uns vor: In einer Ausstellung mit Werken Albrecht Dürers stehen wir versunken vor der weltbekannten „Melancholia“, bestaunen die Rätselhaftigkeit des Sujets, die Kunstfertigkeit der Ausführung, erschauern vor dem Halbjahrtausend, aus dem Meister und Kupferstich uns nahekommen, und freuen uns, der zahllos reproduzierten Grafik endlich im Original zu begegnen. Daheim indes desillusioniert uns der Katalog: Das Blatt, weil unbezahlbar und kaum zu versichern, sei uns dann doch wieder nur in Gestalt eines Scans, wenn auch unterschiedslos zum Urbild, präsentiert worden. „Nur“ eine Kopie? Dürfen wir uns unzufrieden und getäuscht fühlen, weil wir unsere Andacht an eine Fälschung verschwendeten? Die Aura des Bildes wirkte ja ungemindert auf uns. Die Symbolwelt, die sich vor uns auftat, war die dürersche, zu der niemand etwas hinzutat, wie auch keiner etwas fortnahm von ihr. 2018 ersteigerte ein Käufer das „Porträt des Edmond de Belamy“, das erste als Kunst ausgegebene Bildwerk, das nicht ein Mensch, sondern ein Computer erstellt hatte; den Wert setzte der Abnehmer fest, indem er bereit war, dafür 380 500 Euro zu bezahlen. Gesetzt den Fall, Pierre Fautrel, der den Algorithmus programmiert hat, druckt es dieser Tage ein weiteres Mal auf Leinwand aus: Existieren dann zwei Originale, weil beide bis zum letzten Pixel identisch sind? Und ist der Klon zwangsläufig ebenso viel wert wie das erste Exemplar? Klone, also gleichsam genetisch identische Kopien, von herausragenden Exponaten verbreiten zum Beispiel die Uffizien, weil der vielbesuchten Florentiner Sammlung coronahalber die Eintrittsgelder wegbrachen. Im Auftrag der Galerie stellte eine Spezialfirma neun digitale Duplikate von Michelangelos „Tondo Doni“ her, seinem weltberühmten Rundbild der Heiligen Familie von 1508. Ein Exemplar war einem Interessenten 140 000 Euro wert. Vor solchem Hintergrund verdient Walter Benjamins blickveränderndes Essay über „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ erneute Lektüre und gesteigertes Interesse: Schon 1936 wies der Denker nach, wie Schöpfungen der Bild- und Tonkunst durch die Option, sie mittels Fotografie, Kunstdruck, Musikkonserve beliebig oft originalgetreu zu vervielfältigen, ihre auratische Ausstrahlung oder gar rituelle Bedeutung einbüßen. Umso mehr geht davon verloren, je näher wir die Repliken in unserer Nähe verfügbar halten. Die „Melancholia“ in der Dürer-Schau: Ist allein der uns vorenthaltene, fünfhundert Jahre alte ‚echte‘ Plattenabzug Kunst – und das uns gezeigte Blatt nichts als bedrucktes Papier? Seit Jahrzehnten kämpft sich der genieästhetische Begriff des Werks von einer Krise zur nächsten: So recht will namentlich die Literaturwissenschaft schon lange nicht mehr an ihn glauben, sieht sie doch jeden Text durch intertextuelle Bezüge in zahllose Kontexte verflochten; erst recht weiß heute, im Zeitalter des copy and paste und der digital art works, niemand mehr, was genau und wieviel der eine Autor oder die andere Künstlerin, wenn nicht der Computer zu einer Kreation beitrug. Mithin müssen, wie die Vorstellung vom Werk, auch Kategorien wie Original, Kopie, Fälschung neu gefüllt, vielleicht verworfen werden. Salvador Dalí, der an der Vielzahl seiner Nachahmer den eigenen künstlerischen Rang maß, ging da als Pionier voran: Blanko signierte er zigtausende Papierbögen; wer welche besaß, konnte ein paar eigene, autorisiert ‚echte Dalís‘ darauf pinseln, ganz nach Bedarf. ■

Frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

Zuletzt  Samstag, 12. Juni
Bayreuth, Markgräfliches Opernhaus
Sechzig Jahre: 1961 wurde die Musica Bayreuth  –  zunächst als Orgelwoche –  gegründet. Den runden Geburtstag begeht das Festival festlich im Weltkulturerbe mit den Bamberger Symphonikern. Das Programm enthält Musik von Mozart, Haydn und Schubert, vermeintlich Leichtes - das Orchester spielt dennoch geistreich und tiefenscharf.


Dienstag, 8. Juni
Bayreuth, Stadtkirche

Verklärte Nacht bei der Musica Bayreuth: Das Festival, neben den Wagner-Festspielen das zweite bedeutende in der Stadt, hat das Ensemble Kontraste in die sich verdunkelnde Stadtkirche geladen. Dort verbindet sich Olivier Messiaens grandioses  Quartett für das Ende der Zeit mit symbolischen Videobildern von Sonne, Mond und Sternen.


Schauspiel

Theater Hof:
Willkommen
Toulouse
Der Rest
Othello
Die Känguru-Chroniken
Florence Foster Jenkins
Kanzlist Krehler
Status quo
Goldszombies
Terezín

Vogtland-Theater Plauen:
RemIXed (Beethovens Neunte)
Woyzeck


Musiktheater
Theater Hof:

Chaplin (Ballett)
Der kleine Muck (Ballett)
Chicago
Wiener Blut
Hexen
The Cold Heart



Konzert
zuletzt
Hofer Symphoniker:
Mendelssohn, Leifs, Sinding
Musica Bayreuth:
Messiaen, Quartett für das Ende der Zeit
Musica Bayreuth:
Bamberger Symphoniker



Film und Fernsehen
zuletzt
44. Grenzland-Filmtage Selb


Anderes
zuletzt
Bücher & Musik
Kohlhaase, Barnes und andere
Du kommst auch drin vor
Ralf Sziegoleits neues Buch
Big Brother und die rosa Brille
Musik-Plakate in Bayreuth
Ruhm, zu Türmen gestapelt
Bismarck-Monumente in Hof und anderswo
Der Schwung liegt im Detail
Botanische Bilder von Katja Katholing-Bloss
... ...


Serie
Verpestete Bücher

Zehn literarische Epidemien
und ein Epilog

bisher:

1. Poe: Die Maske des Roten Todes
2. Boccaccio: Das Dekameron

3. Defoe: Die Pest zu London

4. Gotthelf: Die schwarze Spinne

5. Jacobsen, Heym, Isolde Kurz

6. Thomas Mann: Der Tod in Venedig

7. Camus: Die Pest

8. Szczypiorski: Eine Messe für die Stadt Arras
9. Roth, Nemesis


Essay  
zuletzt
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik
Verständige Weiber
Zum Internationalen Frauentag
Die Weisheit der Einfältigen
Über Närrinnen und Narren
... ...


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In jeder Buchhandlung
erhältlich:

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2.99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.

Rezension in der
Frankenpost: hier klicken.


Als zweite, durchgesehene Auflage
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2.99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren  fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen.
Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.