Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

 Aktuell

Samstag, 10. April
Die krisenerprobten Grenzland-Filmtage lassen sich nicht einmal vom Corona-Virus unterkriegen. 96 Beiträge aus fast vierzig Ländern hat das Team um Kerstin Fröber für den neuen Jahrgang ausgewählt und kann mit Rekorden aufwarten: Die 44. Auflage des traditionsreichen Festivals präsentiert das bislang größte Angebot, dauert vierzehn Tage und lädt mehr Besucher ein denn je online.


Eckpunkt
Alles tot

Von Curiander

Samstag, 10. April   So viel Charakter wie seine Handschrift hatte der Schreiber selber nicht. Datiert mit dem 29. Mai 1962 und in ansehnlich flüssigen, blauen Tintenzügen bat Adolf Eichmann, der gnadenlose Chefbürokrat der nationalsozialistischen Juden-Vernichtung, den israelischen Staatspräsidenten Jizchak Ben Zwi um Gnade, ausgerechnet er. Jetzt vor sechzig Jahren, am 11. April 1961, hatte in Jerusalem der Prozess gegen den Vollstrecker der 1942 in der Berliner Wannseekonferenz beschlossenen, massenmörderischen und fabrikmäßig ins Werk gesetzten „Endlösung der Judenfrage“ begonnen; am 15. Dezember erging das Todesurteil; gut ein halbes Jahr später wurde es vollstreckt. Er sei, schrieb Eichmann zwei Tage zuvor im Bittbrief, ein viel zu kleines Licht gewesen, als dass er „die Verfolgung der Juden selbständig hätte betreiben können“; seine Richter hätten die „Tatsache übergangen, dass ich niemals einen solchen Dienstrang hatte, der mit so entscheidenden, selbständigen Befugnissen hätte verbunden sein müssen.“ Stets nur „im Auftrag“ und also ohne eigene Verantwortung habe er gehandelt und sogar „unter dem Eindruck der erlebten unerhörten Gräuel sofort um meine Versetzung gebeten“. Ein letztes Mal fasste Eichmann damit die Argumentationslinie seiner Verteidigung vor Gericht zusammen, ohne Erfolg. So wenig wie sein eigenes Gnadengesuch verfingen einschlägige Bittschriften Vera Eichmanns, seiner Frau, und seiner fünf Brüder: In der Nacht zum 1. Juni 1962 baumelte der Kopf und das Gesicht des Holocausts in Ramla am Strick des Henkers. Der Auslöschung von sechs Millionen Juden ist sein Name aufgeprägt, nicht anders als der Name von Auschwitz als dem grauenvollsten Erinnerungsort des Nazi-Terrors. Als sich von 1963 bis 1965 zwanzig Angehörige der dortigen Lagermannschaft vor einem Schwurgericht in Frankfurt verantworten mussten, klangen ihre Schutzbehauptungen mitunter so, als hätte Adolf Eichmann sie diktiert: Oft sei ihnen der Dienst „verzweifelt“ schwergefallen, aber „wir alle / das möchte ich nochmals betonen / haben nichts als unsere Schuldigkeit getan“. So rechtfertigte sich einer der Schergen, nicht etwa um sich zu entschuldigen – er sprach sich frei von Schuld. Peter Weiss zitiert ihn in seiner 1965 uraufgeführten „Ermittlung“. Der Bühnentext fasst die originalen Prozessmitschriften zusammen, gestrafft und durch einen nüchternen Stil einander angeglichen. Inhaltlich hinzuerfunden hat der Schriftsteller nichts: Das Unbeschreibliche, das die elf musiklosen „Gesänge“ seines „szenischen Oratoriums“ zu beschreiben suchen, trug sich genau so im größten Vernichtungslager der SS zwischen „Rampe“, Folterstuben und Krematorium zu. Die große Mehrheit derer, die zusammengepfercht in Viehwaggons dort ankamen, wurde nackt ins Gas getrieben, wo „nach 32 Minuten endlich alles tot“ war, wie ein Obersturmführer notierte. Die hochmodernen Verbrennungsöfen glühten und rauchten 24 Stunden täglich. Auch sechzig Jahre nach dem Jerusalemer Prozess darf die Erinnerung an Hitler und Himmler, Heydrich, Eichmann oder Höß, an Auschwitz und Majdanek, Treblinka und die anderen Orte der Verdammnis nicht „endlich tot“ sein. In jeder gymnasialen Oberstufe sollte Peter Weiss‘ „Ermittlung“ als Pflichtlektüre durchgenommen werden. Nicht auszudenken, bliebe das Gedenken denen überlassen, die sich auf Befehl und Gehorsam berufen oder gar leugnen, dass es die „Rampe“, das Gas und das Feuer je gab. ■

Frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.



Rückblick

Samstag, 3. April
Als Goethe 1788 in die Katakomben der „ewigen Stadt“ hinabstieg, hielt ers nicht lange aus in den „dumpfigen“ Räumen: „Alsobald“ floh er wieder hinauf, zu Luft und Licht: fast eine Wiedergeburt. Zwischen Karfreitag, dem  Datum der Trauer, und Ostern, dem Fest der Auferstehung, ist Gelegenheit für einen wenigstens gedanklichen Abstieg in die unterirdischen Städte der Toten von Rom, Paris und Wien.


 

Verpestete Bücher - Serie
Bisherige Teile:
1. Poe: Die Maske des Roten Todes
2. Boccaccio: Das Dekameron
3. Defoe: Die Pest zu London
4. Gotthelf: Die schwarze Spinne
5. Jacobsen, Heym, Isolde Kurz
6. Thomas Mann: Der Tod in Venedig
7. Camus: Die Pest
8. Szczypiorski: Eine Messe für die StadtArras

 


Samstag, 26. März
Zwei Epidemien grassieren mörderisch im Nordfrankreich der 1460er-Jahre: Erst vertilgt die Pest ein Fünftel der Bevölkerung; dann infizieren sich die Üebrlebenden mit dem Bazillus des religiösen Wahns und gehen auf Juden- und Hexenjagd. Im achten Teil unserer Serie über Verpestete Bücher liest der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski (1928 bis 2000) „Eine Messe für die Stadt Arras“. 


Dienstag, 23.
März

Theater Hof - Livestream im Internet -
Das Theater Hof erzählt William Shakespeares Tragödie Othello radikal anders und in expliziter Sprache. Der Titelheld ist weiß statt schwarz, eine Frau und kein Mann, homosexuell und nicht einmal ein Held. Gut ein Jahr nach der Premiere zeigte das Haus die ungewöhnliche Produktion als Livestream im Internet.

 


Dienstag, 9. März
Heuer haben vier Schreckensereignisse rund um große Fußballspiele runde Jahrestage. Etwa das Bolton Disaster: Heute vor 75 Jahren kamen bei einer Massenpanik im Stadion der nordenglischen Stadt 33 Menschen ums Leben, über 500 wurden verletzt. Panik ist, wenn, warum auch immer, der Herdentrieb Scharen von Menschen buchstäblich in Raserei versetzt. Dann zählt nur noch eins: Nichts wie weg!


Schauspiel-Produktionen des
Theaters Hof auf
ho-f

Terezín
Goldszombies
Status quo
Kanzlist Krehler

Florence Foster Jenkins

Känguru-Chroniken
Othello

auf der Seite Schauspiel


Musiktheater-Produktionen des
Theaters Hof auf
ho-f

The Cold Heart
Hexen
Wiener Blut
Chicago
Der k
leine Muck

auf der Seite Musiktheater


_____________________________________

In jeder Buchhandlung erhältlich:

NEU   WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2.99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.

Rezension in der
Frankenpost: hier klicken.


Außerdem

als zweite, durchgesehene Auflage
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2.99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren  fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen.
Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.