Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

 Aktuell

Samstag, 15. Mai,
Seit hundert Jahren erhebt sich der Bismarckturm über den Hofer Rosenbühl. 1914/15 errichtet, wurde er erst 1921 eingeweiht. Wie einst 240 vergleichbare Monumente sollte er das Andenken an Otto von Bismarck, den vor 150 Jahren ernannten, umstrittenen ersten Kanzler des Deutschen Kaiserreichs, verherrlichen. 173 Denkmäler haben sich erhalten, hierzulande, in Europa und der Welt.


Eckpunkt
Alte mæren

Von Curiander

Samstag, 15. Mai  Dies alte Werk, eines der legendären der deutschen Literatur, verdankt sich vielfältiger mythischer Überlieferung; seinerseits hatte es, weil viele Bruchstücke aus älteren Quellen darin gleichsam neu geboren wurden, das Zeug dazu, einen eigenen Mythos zu begründen; obendrein darf man seine bloße Existenz ‚mythisch‘ nennen, im Sinn von staunenswert, unerklärlich, märchenhaft. Denn das Nibelungenlied war irgendwann ums Jahr 1200 ‚einfach da‘, als eine Art anonymen Librettos; offenkundig diente es nämlich dazu, von Rezitatoren halb sprechend, halb singend kunstvoll vorgetragen zu werden. Andere Dichtungen jener Jahre, etwa der „Arme Heinrich“ und der „Iwein“ des Hartmann von Aue oder die Lieder und Sprüche des Walther von der Vogelweide, Wolframs „Parsifal“ oder „Tristan und Isolde“ des Gottfried von Straßburg, blieben nicht allein durch ihre Titel und Titelhelden, sondern auch durch ihre namhaften Verfasser berühmt; hingegen blieb der Dichter des Nibelungenlieds bis heute unbekannt – vielleicht wars ein hochbegabter Kleriker aus dem Passau-nahen Donauraum, der mit dramatischer Buntheit, poetischem Tiefsinn und vielschichtiger Psychologie zu Werke ging. Alles ziemlich mirakulös – und so beginnt die Saga ja auch, mit Versen, die den meisten schon im Deutschunterricht begegnen: „Uns ist in alten mæren / wunders vil geseit // von helden lobebæren, / von grôzer arebeit, // von fröuden hôchgezîten, / von weinen und von klagen, // von küener recken strîten / muget ir nu wunder hœren sagen.“ Auch jemand, den mitthochdeutsche Dichtung sonst nicht tangiert, kann sich gefangen genommen fühlen vom sagenhaft raunenden Ton, der Musikalität und Rhythmik gleich jener ersten Strophe, die zeitgemäß (und weniger melodiös) so lautet: „Uns wird in alten Erzählungen / viel Wunderbares mitgeteilt // von ruhmreichen Helden, / großer Mühsal, // von glücklichen Tagen und Festen, / von Tränen und Klagen. // Vom Kampf kühner Recken / könnt Ihr jetzt Erstaunliches erfahren.“ Ungefähr 2400 Strophen, je nach Handschrift, sinds insgesamt, jede zu vier in der Mitte geteilten Reimversen – macht alles in allem etwa 350 moderne Buchdruckseiten: eine Erzählung in epischer Breite. Als „Nationalepos der Deutschen“ ging sie denn auch hierzulande in die oft chauvinistisch, wenn nicht völkisch motivierte Literaturgeschichtsschreibung ein. Dabei hat der zur Zeit der sogenannten Völkerwanderung spielende Stoff „mit der deutschen Geschichte gar nichts zu tun“, wie der renommierte Frankfurter Mediävist Klaus von See unterstrich, werden doch „Zwist und Mord im burgundischen Königshaus“ verhandelt, also in linksrheinisch- französischen Gebieten an der Rhone; im zweiten Teil dann mündet das Geschehen bei den Hunnen des heutigen Ungarns in ein Blutbad. Zurzeit lädt die Badische Landesbibliothek im Internet zu einer großartigen „Schatzsuche“ rund um die älteste erhaltene Überlieferung des Liedes ein. So umfangreich, detailliert und spannend geriet die virtuelle Schau , dass ihre vier Teile mehr als einen Besuch verdienen. Dann erschließt sich wunders vil über die Saga und ihre Heimat im Mittelalter, ebenso werden die wenig lobebæren Verhunzungen durch spätere Ideologen deutlich, etwa die Parole von der „Nibelungentreue“ der Kaiserreiche im Ersten Weltkrieg oder die alte mære vom „Dolchstoß“ in den Rücken der deutschen Frontsoldaten, nachdem auch sie in den Blutbädern von 1914/18 schmählich hatten untergehen müssen, angeblich „unbesiegt“. ■

Frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.



Rückblick

Zuletzt  Dienstag, 11. Mai,
Plauen, Vogtlandtheater
Im Plauener Vogtlandtheater wurde Beethovens Neunte schon oft aufgeführt, aber noch nie so: GMD Leo Siberski und die Filmproduktion Carlsfeld haben das populäre Werk gründlich aufgemischt: remIXed. Im Umfang und der Wucht verringert, erlingt es auf Youtube mit Orchester, Jazzmusikern und einer Sängerin. Und sogar die Ballettcompagnie wirkt mit.


Samstag, 8. Mai
Serie Verpestete Bücher, Teil 9
Theodizee: Hinter dem Wort verbirgt sich die alte Frage nach der „Gerechtigkeit Gottes“ - das Rätsel, warum der ‚liebe Gott‘ das Böse auf Erden zulässt. Die Brisanz des Problems illustrierte der US-Erzähler Philip Roth 2010 in seinem letzten Roman Nemesis vor dem Hintergrund einer (fiktiven) Polio-Epidemie am Beispiel eines „guten Jungen“ in der Stadt Newark.


Dienstag, 4. Mai
„Natur wird Kunst“ auf den transparent kolorierten Aquarellen und minuziösen Grafitzeichnungen der Hofer Künstlerin Katja Katholing-Bloss. Bis Ende Mai hält das Hofer  Museum Bayerisches Vogtland die Ausstellung vor. Auch wenn Corona den persönlichen Besuch weiter verhindert, kann man die wissenschaftlich-sachlichen wie ästhetisch-schönen Blätter in einem Katalog besichtigen.


Schauspiel
Theater Hof:
Der Rest
Othello
Die Känguru-Chroniken
Florence Foster Jenkins
Kanzlist Krehler
Status quo
Goldszombies
Terezín

Vogtland-Theater Plauen:
Woyzeck
RemIXed (Beethovens Neunte)


Musiktheater
Theater Hof:

Chaplin (Ballett)
Der kleine Muck (Ballett)
Chicago
Wiener Blut
Hexen
The Cold Heart


Film und Fernsehen
zuletzt
44. Grenzland-Filmtage Selb


Anderes
zuletzt
Ruhm, zu Türmen gestapelt
Bismarck-Monumente in Hof und anderswo
Der Schwung liegt im Detail
Botanische Bilder von Katja Katholing-Bloss
... ...


Serie
Verpestete Bücher

Zehn literarische Epidemien
und ein Epilog

bisher:

1. Poe: Die Maske des Roten Todes
2. Boccaccio: Das Dekameron

3. Defoe: Die Pest zu London

4. Gotthelf: Die schwarze Spinne

5. Jacobsen, Heym, Isolde Kurz

6. Thomas Mann: Der Tod in Venedig

7. Camus: Die Pest

8. Szczypiorski: Eine Messe für die StadtArras
9. Roth, Nemesis
- Wird fortgesetzt -


Essay  
zuletzt
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik
Verständige Weiber
Zum Internationalen Frauentag
Die Weisheit der Einfältigen
Über Närrinnen und Narren
... ...


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In jeder Buchhandlung
erhältlich:

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2.99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.

Rezension in der
Frankenpost: hier klicken.


Als zweite, durchgesehene Auflage
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2.99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren  fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen.
Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.