Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)


Eckpunkte-Archiv 2021

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Dienstag 11. Mai  Man stelle sich wenigstens mal vor, im Sommer würde wirklich alles besser, Corona macht schlapp, Millionen blasser, angedickter Menschen können immerhin ein bisschen von dem machen, was sie schon längst wollen, zum Beispiel vom Start der neuen Kultursaison Ende September/Anfang Oktober weg endlich wieder ins Theater gehen und ins Kino, ins Konzert und ins Museum … Dann, ja dann, am 12. November, öffnet das Frauenmuseum in Bonn für vier Tage seine Kunstmesse. Gesetzt den Fall, das Virus hat sich bis dahin einigermaßen ausgetobt, wird sie bereits die Sechsundzwanzigste ihrer Art sein. Aber das ist noch gar nichts: Das Museum selbst wird sogar vierzig. Marianne Pitzen gründete es 1981 und steht seither an der seiner Spitze. Zwar darf es nicht für sich in Anspruch nehmen, das einzige seiner Art zu sein: Auch in Fürth und Wien gibt es Frauenmuseen, im vorarlbergigen Hittisau, auch in Meran … Aber als das älteste, nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auf der ganzen von Männern dominierten Erde, darf das Bonner Institut wohl gelten. Ein ehemaliges Kaufhaus ist sein Domizil, gelegen mitten in der Altstadt der einstigen Bundesmetropole; umso provozierender musste einst der Titel seiner allerersten Ausstellung klingen: „Wo Außenseiterinnen wohnen“. Knapp neunhundert Präsentationen zeigte es bislang, ungefähr dreitausend Künstlerinnen hatte es zu Gast. Ungeheure Zahlen: im Durchschnitt etwa drei Ausstellungen in vier Monaten – das macht den Kuratorinnen und Mitarbeiterinnen, ihrer Chefin und deren interdisziplinären Partnerinnen so leicht niemand nach. Weil sie das Museum nicht allein als Ort der Kunst und der Künste, sondern ebenso als Forschungszentrum und Archiv, als Austragungsort und Ausgangspunkt für politische Debatten ansehen, wagten und wagen sie immer wieder „Ausfälle“ in die Öffentlichkeit. Die teils aufsehenerregenden Aktionen wollen auf die soziale, mediale und wirtschaftliche Ungleichbehandlung der Geschlechter und die Verzerrung der Geschlechterbilder aufmerksam machen und sind überdies ökologischen Zielen verpflichtet; nicht zufällig entstand das Museum zu einer Zeit, da die Umweltbewegung an Fahrt und Durchschlagskraft gewann. Geschichtsbewusst dokumentiert es die vergangenen vier Jahrzehnte der Frauenbewegung – und lotet noch weit tiefer in die Vergangenheit hinein. Alles in allem explizit weiblich fokussiert und naturgemäß feministisch in der Haltung, will das Museum als Zielpublikum durchaus auch die Männer – oder „männlichen Wesen“, wie die Direktorin sie gern nennt – für sich und seine Themen interessieren, tragen die doch nach wie vor die Hauptverantwortung dafür, wie über Frauen gedacht, gesprochen, geschrieben wird und welches Bild sich der Normalbürger von ihnen macht. „Wir wussten ja, wie wir sind“, sagte Marianne Pitzen unlängst dem Deutschlandfunk Kultur, „es war aber nötig, das öffentlich zu machen.“ Dass das noch immer nötig ist, darf mann getrost für eine Schande halten: In der Republik leben etwa 42 Millionen Frauen – und damit eine Million mehr als Männer; gleichwohl behandeln Letztere sie gern wie eine Minderheit. Darum bleiben die vermeintlichen „Außenseiterinnen“, versteht sich, die wichtigste Besuchergruppe der Ausstellungen und Messen. Für deren Anliegen fand Kuratorin Anna Thinius bei einem Interview im vergangenen Dezember eine pfiffige Devise: „Frauen in die Museen bringen – nicht nur als Nacktmodelle!“ ■


Freundin Sophie

Samstag. 8. Mai  „Registriere dich, um Fotos und Videos von Freunden anzusehen“, schlägt der Onlinedienst Instagram den Sonderlingen vor, die dort immer noch nicht angemeldet sind. Die Freundin, die den Userinnen und Usern unter @ichbinsophiescholl nähertritt, stellt sich in einem Steckbrief als 21-jährige Studentin der Philosophie und Biologie vor, die „Kunst & echten Kaffee“ mag und sich knapp mit „Harter Geist, weiches Herz“ beschreibt. Daneben zeigt ein Foto eine sehr junge Frau, das schulterlange Haar gescheitelt, eine Margerite überm linken Ohr, im kindlichen Gesicht ein melancholisch zugewandtes Lächeln. So, ungefähr, könnte die Widerstandkämpferin durchaus auftreten, heute, hundert Jahre nach ihrer Geburt am 9. Mai 1921; so, digital über die sozialen Netzwerke, würde sie sich mit ihren Freundinnen und Freunden austauschen, wenn sie jetzt an der Münchner Universität studierte, wie sie es vom Mai 1942 an für zwei Semester tatsächlich tat. Damals allerdings war man, soweit persönlicher Kontakt nicht infrage kam, auf analoge Mitteilungen angewiesen. Sophie Scholl, ihr Bruder Hans und die anderen Widerständler der „Weißen Rose“ wählten Flugblätter dafür. Die sechste und letzte Ausgabe ließen sie am 18. Februar 1943 in den Lichthof des Uni-Hauptgebäudes segeln. Ihr eigenes Todesurteil hatten sie darauf geschrieben – freilich mit den Worten eines erbitterten Appells an die „deutsche Jugend“: Sie möge den „Weltkriegsgefreiten“ Adolf Hitler mitsamt den „Peinigern“ in seinem Dienst „zerschmettern“; hatte doch der unfähige „Führer“ mit seiner „genialen“ Strategie bis dahin schon „dreihundertdreißigtausend deutsche Männer sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt“. Wurden die Scholls, als ein Hausmeister sie bei der Aktion ertappte, wirklich Opfer ihrer Naivität, wie manche ihnen nachsagen? Rechneten sie, notorisch intelligent und desillusioniert, nicht längst damit, irgendwann aufgegriffen, abgeurteilt, exekutiert zu werden, wie es dann auch, am 22. Februar, durch das Fallbeil geschah? Den „harten Geist“ und das „weiche Herz“ der opferbereiten Heldin zu ergründen, unternahmen seit 1982 immer wieder Filmregisseure wie Percy Adlon – in dem poetischen Porträt „Fünf letzte Tage“ – oder, stärker dokumentarisch, Marc Rothemund; dessen Kinodrama „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ von 2005 zeigt das ARD-Fernsehen am Sonntag, leider erst um 23.50 Uhr, im Ersten. Bereits am Samstag, und schon um 19.20 Uhr, gehen auf 3sat Sabine Jainski und Ilona Kalmbach die Wege ab, auf denen Sophie, „das Gesicht des besseren Deutschlands“, und ihr Vermächtnis seit ihrem frühen Ende rezipiert wurden. Zur „Seele des Widerstands“ ernennt sie gar eine szenische Dokumentation von Stefan Brauburger und Cristina Trebbi aus dem Jahr 2013 in der ZDF-Mediathek. Freilich, wie könnte der Sound des studentischen Widerstands gegenwärtiger klingen als in der Einladung des Südwestdeutschen und des Bayerischen Rundfunks: „Stell Dir vor, es ist 1942 auf Instagram“? In „Echtzeit“ durchquert die Protagonistin (Luna Wedler) mit bisher 503 000 Online- „Freunden“ die letzten zehn Monate ihres großen Lebens, das zu kurz währte, um ihr begreiflich zu machen, „warum dauernd Menschen von anderen Menschen in Lebensgefahr gebracht werden“; und dem mit chauvinistischen Parolen nicht beizukommen war: „Sag nicht, es ist fürs Vaterland!“  ■


Allein oder einsam

Dienstag, 4. Mai   Kaum ein Pünktchen gibt sie auf der Weltkarte ab, obwohl sie einen großen Namen trägt: Isla Robinson Crusoe. Fast siebenhundert Kilometer vor Chiles Westküste gelegen, schwimmt die Insel auf dem Pazifik als Denkmal für eine Gestalt der Weltliteratur, für den Seemann, über den Daniel Defoes Abenteuerroman von 1719 Unglaubliches erzählt: Am Ende des siebzehnten Jahrhunderts wird der Titelheld an die Gestade eines menschenleeren Eilandes gespült, wo er es, überlebenswillig und einfallsreich, fertigbringt, 28 Jahre lang auf sich gestellt zu überdauern. Noch weiter westlich, dafür ein klein wenig größer, hält die Isla Alejandro Selkirk den Gewalten stand, benannt nach dem realen Vorbild Crusoes. 1704 war Alexander Selkirk, ein schottischer Freibeuter Ende zwanzig, während einer Kaperfahrt allerdings nicht hier, sondern auf der Robinson-Insel nach Meinungsverschiedenheiten mit seinem Kapitän zurückgelassen worden. Vier Jahre und vier Monate harrte er auf dem Felsen aus, nicht von blühender Daseinskraft beseelt, sondern gepeinigt von Hunger und Ratten, Melancholie und Einsamkeit. Dann endlich las die Mannschaft eines vorüberfahrenden Schiffs den halb vertierten Kollegen auf. Hin und wieder ist wohl jeder gern allein; einsam immerhin, wie Crusoe oder Selkirk, wollen die wenigsten auch nur ein paar Tage sein, geschweige denn Wochen, Monate – ein Jahr. Freilich mussten und müssen in aller Welt, des Corona-Lockdowns wegen, Unzählige mit unterschiedlichen Graden und Dauern des Verlassenseins Bekanntschaft schließen. Mauro Morandi, „Italiens Robinson Crusoe“, gehört nicht zu ihnen. Zwar mutterseelenallein, aber nicht alleingelassen, nicht verlorengegangen oder ausgestoßen, hauste er 32 Jahre lang auf der Mittelmeerinsel Budelli vor Sardiniens Nordküste. Die wenigen Auskünfte über sie im Online-Lexikon Wikipedia („Länge: 2,1 km, Breite 1,5 km“) schließen mit der knappen Mitteilung: „Einwohner: 1“. Demnächst muss es „Einwohner: 0“ heißen. Denn einem schon Jahre alten Räumungsbefehl wird Morandi, wenngleich widerstrebend, endlich Folge leisten. Die Insel, bislang Privateigentum, ging vor fünf Jahren in den Besitz des Staates über, um in einen Nationalpark umgewandelt zu werden. Zur Geschichte der Gesellschaft gehören seit jeher Menschen wie Morandi, die sich von ihr mit Vorsatz abwenden, überfordert von der Welt oder ihrer überdrüssig oder ihr gar feind. Solche Abkehr, zu radikaler Gottsuche und Bußbereitschaft sublimiert, trieb auch jene Männer und Frauen vor allem des frühen Christentums in die selbstgewählte Isolation, die sich als Einsiedler in Höhlen oder Erdhütten niederließen oder als Styliten, auf Säulen stehend, Wind und Wetter erduldeten. Was Mauro Morandi von dieserart heiligen Landratten und erst recht von den Crusoes und Selkirks der Meere unterscheidet, ist die Freiwilligkeit seiner vermeintlichen Einsamkeit, die eben darum – weil er sich ohne Zwang zu ihr entschloss – in Wahrheit ein entschiedenes Alleinsein ist. Indes sucht sich wohl niemand ohne ein spezielles Naturell ein Leben wie das seine aus. Zum Menschenfreund taugt Morandi sicher nicht; vielleicht ists gut, dass er der Mitwelt, die ihm unerträglich war, sich seinerseits nicht zumuten will; mag sein, er ist ein Kauz oder ein noch komischerer Vogel. Aber seine Standfestigkeit kann jedem, dem seine Nächsten gelegentlich zu nahekommen, eine Ahnung davon geben, wie es ist, nichts Nutzloses zu brauchen und sich selbst genug zu sein. ■


Geht in Ordnung

Samstag, 1. Mai   Ordnung, sagt das Sprichwort, sei das halbe Leben. Wir dürfen die Wendung für dämlich halten: erstens, weil meist unangenehm penible Spießer sie gegen uns verwenden; zweitens, weil sie schlicht nicht stimmt. Das Leben an sich ist Chaos wie die Schöpfung insgesamt. Mag sie auch unergründlich einer „höheren Ordnung“ folgen, dürfen wir Erdenzwerge uns schon freuen, wenn wir von Tag zu Tag unsere kleine Agenda auf die Reihe kriegen. Künftig, so verspricht man uns, werde uns „Künstliche Intelligenz“ dabei immer hilfreicher zur Hand gehen; in die Entwicklung jener selbstlernenden Maschinen investieren wir Menschen in schlichter Einfalt all unser Wissen und Können, damit sie uns dereinst eben dies abnehmen: unser Wissen und Können. Schon jetzt überlassen wir immer mehr unserer Fähigkeiten programmierten Automaten; das Gros unserer Weltkenntnis haben wir abstrakt in digitale Megaspeicher outgesourct. Früher, als keineswegs alles besser war, wars immerhin anders. Da „wusste“ man, was man schwarz auf weiß besaß, getrost nach Hause trug und dort gegliedert vorhielt: auf Papier, am besten im Aktenordner. Früher, da bestanden die Speicher des Wissens aus riesigen Büchersammlungen und zahllosen Regalkilometern, dicht bestückt mit dem, was die meisten von uns noch als „Leitzordner“ kennen – und was freilich nicht zwingend aus dem Stuttgarter Traditionsunternehmen Leitz-Acco kommen muss, sondern ebenso gut von Böttcher, Herlitz oder einem anderen Hersteller stammen kann. Die Technik der Produkte ähnelt sich weitgehend: Im Innern einer Hülle aus robustem Karton sind zwei Metallbügel eingesetzt, die sich mittels eines Hebels öffnen lassen; so können sie Dokumente aufnehmen, die auf ihrer linken Seite im passenden Abstand gelocht sind. Vor 175 Jahren, am 2. Mai 1846, kam in Großingersheim der Mechaniker Louis Leitz zur Welt, der das (meist) recht schmucklose, dafür umso dienstbarere Modell erfand. Wie wir alle Klebestreifen oder Papiertaschentücher Tesa oder Tempo nennen, gilt auch der Markennamen Leitz längst für das Ding an sich. Sogar das vorgeblich papierlose Büro kann auf Leitzordner nicht ganz verzichten, noch weniger können es Schüler und Studenten, und in fast allen Haushalten finden sich Bank-, Versicherungs- und ähnliche Unterlagen nach wie vor darin abgeheftet. Der unaufgeräumten Buntheit unserer Welt kommt, durch hohes Organisationstalent, der Aktenordner gehörig in die Quere. In dem Begriff steckt das lateinische Wort agere für machen, handeln. Der Akt und die Aktion – die Tat mithin – rührt daher, und natürlich die Akte auch, ursprünglich ein Dokument bezeichnend, worin Geschehenes und Getanes von Bedeutung schriftlich aufgezeichnet wurde. Ergänzend tritt der Ordner hinzu: In ihm sammeln wir die Teile eines verwirrenden Durcheinanders und gruppieren sie, gewissen Kriterien folgend, zu Einheiten, die uns systematisch Übersicht und Klarheit verschaffen. So wächst eine Art äußeres Gedächtnis heran, das uns, weil künstlich, Objektivität nur vorspiegelt; verdankt es sich doch in Wahrheit den subjektiv gewählten Methoden unseres Sortierens. Dies macht sich, wenn wir Akten ablegen, stets dadurch bemerkbar, dass am Ende ein paar Blätter liegen geblieben sind – und es bleiben immer welche liegen! –, die sich nicht vernünftig unterbringen lassen. Wir entsorgen sie im Ordner „Sonstiges“, in dem sich das Chaos, das wir beseitigt wähnen, im Kleinen wiederholt.  ■


Mit Rhinozerosöl

Dienstag, 27. April  Mit mancherlei Namen tarnte sich der Satiriker und nannte sich auch schon mal „Sarcasticus“: so viel wie bissiger Spötter also; in seinem Fall darf man auch sagen: Giftspritze. Als Skandalautor firmiert Oskar Panizza noch heute und wollte wohl auch 1894 als solcher gelten, als er dem kaiserzeitlichen Bürgerpublikum den Text seines „Liebeskonzils“ zumutete, einer Art Lesedrama, das mit allem brach, was bis dahin als statthaft, ja überhaupt erträglich galt. Sowohl im Himmel spielt die Handlung wie am Hof des Heiligen Vaters, 1495, in dem Jahr, da die Syphilis begann, Europas Menschen heimzusuchen. Der Gott des Spiels ist ein halbdebiler Knacker, Jesus abgewichst, Maria nicht so sehr Jungfrau wie Halbweltluder. Den Teufel beauftragt sie, in göttlichem Auftrag die entsittete Menschheit strafend zu überfallen. So zeugt Satan mit Salome – die einst lüstern auf die Enthauptung des Täufers Johannes drängte – „das Weib“, die personifizierte Lustseuche, die auf Erden sogleich die Runde macht unter dem sich erotisch haltlos austobenden Borgia-Papst Alexander VI. und seinen kurialen Kumpanen. Panizzas „Gemälde ist nur mit Kot, Spinat und ‚Rhinozerosöl‘ gemalt“, lamentierte der Rezensent der Neuen Bayerischen Landeszeitung, folglich seis nicht schade, „wenn solche Bücher konfisziert und verbrannt werden“. Nicht eingeäschert, aber beschlagnahmt wurde das – in Zürich gedruckte – Buch, und der Verfasser ging wegen „Vergehens wider die Religion“ ein Jahr ins Gefängnis, zu Einzelhaft verurteilt. Wer solch ein Sakrileg ersann, so zeterten die Biederen und Braven, der musste ja wohl verrückt sein, am Ende selbst geschlechtskrank. Beides, um es einzuräumen, traf zu: Der gebürtige Unterfranke – 1853 in Bad Kissingen zur Welt gekommen und in Schweinfurt aufgewachsen – starb als syphilitischer Paranoiker heuer vor hundert Jahren, am 28. September 1921, in der Nervenklinik von Bayreuth. Die dortige Studiobühne wagte sich 2006 an die fünfaktige „Himmelstragödie“, die erst lang nach dem Tod ihres Schöpfers auf Bühnen gefunden hatte, 1967 erstmals, im Kleinformat, in Wien, zwei Jahre später aufwendig in Paris. Zurzeit tritt der polarisierende Autor digital ins Licht: Am 1. Juli wird die von Birgit Franz inszenierte Bayreuther Produktion im Internet zu sehen sein, im Rahmen einer für jedermann und jede Frau zugänglichen Online-Ringvorlesung. Unter Federführung der Germanistin Joela Jacobs von der University of Arizona in Tucson beschäftigen sich die hochkarätig besetzten Vorträge, Präsentationen und Diskussionen noch bis zum 22. Juli mit Oskar Panizza, seinem „Genie und Irrsinn“. So sollen sich „neue Blicke auf seine kontroversen ‚Klassiker‘ “ öffnen, allen voran natürlich auf „Das Liebeskonzil“ (das der Bayerische Rundfunk als Hörspiel in seiner Audiothek bereithält); auch „rücken bislang kaum beachtete Texte in den Fokus“. Darüber, wie stark das satirische Gift, die sarkastische Galle des angriffslustigen Lästerers heute noch wirken, zerbrechen sich Kritiker jedes Mal wieder die Köpfe, wenn sich irgendwo Theaterleute des Ketzerstücks bemächtigen. Die öffentliche Ächtung seines Urhebers und dessen dadurch forciertes trauriges Schicksal brachte schon zu seinen Lebzeiten namhafte Zeitgenossen auf seine Seite, darunter Theodor Fontane und Kurt Tucholsky. Panizza selbst berief sich in seiner Verteidigung vor Gericht  auf nachvollziehbar klare Prinzipien: Zum einen sei „die Satire eine in der menschlichen Natur begründete Anlage und kann nicht ausgemerzt werden“; zum andern sei „unsere heutige Zeit der Darstellung des Erhabenen im Göttlichen nicht günstig“. Das gilt erst recht für heute. Und es ist noch gelinde gesagt. ■


Wege zum Selbst

Samstag, 24. April  Es könnte alles so einfach sein, vor allem das Leben. „Simplify your life“ heißt die Devise nicht erst seit dem etwas simplen oder vielleicht gar nicht so simplen Slogan, der 2001 Werner Tiki Küstenmachers Bestseller Titel und Thema gab. Befolgen lässt er sich, zum Beispiel, so: „Denke an das, was du hast, statt an das, was dir fehlt!“ „Was uns auch widerfährt, es soll uns von Herzen willkommen sein.“ „Willst du dich zurückziehen, so suche nicht die Küsten des Meers oder die Berge. Keine Zuflucht ist so ruhig und so sicher vor Störung wie deine eigene Seele.“ „Wer sich rächen will, sollte gerade nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.“ Schlichte, indes keineswegs plumpe Ratschläge einer schlichten Lebenshilfe; nicht etwa der Mahatma Gandhi und nicht der Dalai Lama, weder Paulo Coelho noch Jesus Christus haben sie geprägt, überhaupt kein berufsmäßiger Denker, Religionsführer oder Messias, sondern ein Politiker, Staatsmann, Kaiser sogar: Dazu wurde Marcus Aurelius alias Mark Aurel vierzigjährig, im besten Mannesalter. Ein Denker aber war er weit früher: Vor 1900 Jahren, am 26. April 121, in der Metropole des Imperium Romanum geboren, bald als hochbegabt gefördert und vor der Zeit hochgebildet, ließ er sich bereits mit zwölf von der Philosophie der Stoa inspirieren. Die war vierhundert Jahre zuvor in Griechenland entstanden und namentlich durch Ciceros Vermittlung in Rom heimisch geworden. Dem Luxus abgeneigt, in Einfachheit sich kleidend, auf dem Boden schlafend, folgte schon der junge Marcus ihren weisen, wenn auch nicht stets bequemen Weisungen. Im Kosmos ordnet eine vernünftige Vorsehung alles zum großen Ganzen, und auch du, Mensch, bist nicht mehr, nicht weniger als ein Teil davon; alles Irdische ist vergänglich, durchschaue darum auch Besitz, Macht, Ruhm als wertlos; nichts hat Bestand außer dem Wandel, darum klammere dich an nichts, sondern wandle auch du dich; erkenne deine Pflicht gegenüber dem Ganzen; liebe die Menschen, diene ihnen, nie nur dir selbst; fürchte nichts, auch nicht den Tod, der den, der es recht überlegt, kaum schrecken kann … So, in kargen Worten, lauten ein paar seiner Kerngedanken. Eleganter und in der Gelehrtensprache der Zeit, auf Griechisch, hat Mark Aurel sie während seiner letzten Jahre – er starb im Jahr 180 im heutigen Wien – in seinen „Selbstbetrachtungen“ niedergeschrieben; im Original lautet ihr Titel wörtlich Ta eis heautón, lateinisch Ad se ipsum: auf Deutsch etwa „Wege zu sich selbst“. 1559 wurde die Aphorismensammlung, aufgeteilt auf zwölf „Bücher“, in Zürich erstmals gedruckt und hat seither viele Staatsmänner, Herrscherinnen und Regenten zum Nach- und Mitdenken angeregt, so Friedrich II., König von Preußen, und den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt. Mit sanftmütiger Überlegenheit durchzieht der Grundton einer letztlich pessimistischen, dabei nicht weltfeindlichen und schon gar nicht weltfremden Resignation die 590 Sentenzen, die sich nicht mit metaphysischen Spekulationen abgeben, sondern, sozusagen anwendbar, eine praktische Ethik entwerfen. Ertrage und entsage: Dass Mark Aurel, ein Denker der humanitas, der Menschlichkeit, zugleich die brutalsten Christenverfolgungen seit den Zeiten Neros zumindest duldete, hielt die Kirche nicht davon ab, sich in vielen ihrer Lehren den Zeugnissen seines verständigen Scharfsinns anzuschließen. ■


Im Schlaraffenland

Dienstag, 20. April  Denken wir mal an das letzte gute Buch, das wir gelesen haben: Können wir uns dann einen kreativeren Impuls vorstellen als die Idee des Geschriebenen an sich? Die Autorin, der Schriftsteller hat, was Schöpferkraft in ihrem oder seinem Hirn und Herzen, in der Fantasie erzeugte, in Zeichen und Zeilen, Worten und Sätzen niedergelegt; und unser Auge liest es lesend auf wie das Baugut einer anderen Welt, die wir uns selbst daraus zusammenfügen. Dabei verwandeln wir das Geschriebene, indem wir es uns anverwandeln, will sagen: durch die Linsen und Spiegel unseres eigenen Innern brechen und uns zu eigen machen. Zwangsläufig wird mithin das Werk in unserem Hirn und Herzen stets ein wenig (wenn nicht ziemlich) anders aussehen als es der Autor ‚meinte‘. Gut so: Wie könnte er allein zu dem ermächtigt sein, was seine Literatur in uns bewirkt? Wir selbst sind es in gleichem Maß. Wer von uns kennt denn eine Dichterin, wer steht schon einem Literaten nah genug, um sich vertraulich über das Geschriebene mit ihr oder ihm auszutauschen. Und sollten wir es überhaupt, hätten wir Gelegenheit dazu? Weiß denn der Urheber eines Textes zwingend am besten Bescheid über ihn? Sofern es bei der Lektüre Regeln gibt, so lautet die oft zitierte erste stets: Frage nicht, was der Verfasser damit sagen will; frage: Was sagt uns sein Text? Die Suche nach der Antwort legt uns Eigenverantwortung auf – und eröffnet uns gerade dadurch eine Lust: Das Buch, das wir in Händen halten, gehört uns wie ein Geschenk, was darin steht, hat uns, wer immer es schrieb, gleichsam zur freien Verfügung überlassen. Ein Schlaraffenland ist die Welt insofern, als sie unausschöpflich voller Bücher ist, und darum versteht es sich von selbst, dass es einen „Welttag des Buches“ gibt, seit 1995 an jedem 23. April und heuer also am kommenden Freitag. Bei den zahllosen Veranstaltungen des „bundesweiten Lesespaßes“ führen die Stiftung Lesen und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Kinder- und Jugendbuchverlag „cbj“ und die Deutsche Post die Feder. Zum 25. Mal können sich Schülerinnen und Schüler der vierten und fünften sowie aus Förderschul- und Übergangsklassen ein Geschenk abholen, diesmal einen „Comicroman“, vom heutigen Dienstag an bis zum 30. Juni in insgesamt etwa 3500 Buchhandlungen im Lande: Die Geschichte „Biber undercover“ schrieb Rüdiger Bertram eigens für den diesjährigen Welttag. „Wie der Mensch ins Buch gerät“, dass muss und kann jeder von uns, egal in welchem Alter, zumindest bei jedem gediegenen Text neu als Wunder erfahren. Auch Hektor Haarkötter, in seinem pfiffigen Kompendium „Der Bücherwurm“, geht der Frage nach; dem einschlägigen Kapitel stellt er ein Zitat unseres hochfränkischen Nationaldichters Jean Paul voran, der für Bücher eine so glühende Passion hegte wie kaum jemand vor und nach ihm: „Ein rechtes Werk“, schrieb der produktive Wortzauberer, „verschlingt den Verfasser und später den Leser, beide denken nicht mehr an sich.“ Derart weltvergessen zu lesen, mag uns nicht immer, mag auch nicht jedem gegeben sein. Aber wir können uns leicht darin üben. Um den Kirchenvater Augustinus an ein gutes Buch (in seinem Fall die Bibel) zu binden, genügte im fünften Jahrhundert der lateinische Ruf eines spielenden Nachbarskindes, den er zufällig aufschnappte, „Tolle, lege!“ Nicht anders lädt uns heute unsichtbar jeder Autor ein, der sich uns auf dem Bucheinband vorstellt: „Nimm und lies!“ ■


Herr von Vinci

Samstag, 17. April  Beim einen, dem Herrn Buonarroti, sind wir gewohnt, ihn – fast unhöflich – beim Vornamen zu nennen: Michelangelo. Den anderen, Leonardo, nennen wir gern „da Vinci“, obwohl das nun wirklich kein Nachname ist. Vor einer Woche wieder: Da berichteten Focus, Handelsblatt und viele andere Medien, der neue Dokumentarfilm eines Franzosen untermaure einmal mehr den Verdacht, dass der „Salvator Mundi“, den das Aktionshaus Christie’s 2017 in New York für umgerechnet 373 Millionen versteigerte, nicht „als ein von dem Großmeister geschaffenes Werk gelten" könne; zwar sei dies teuerste Gemälde aller Zeiten „in einem Atelier da Vincis entstanden, der Meister aber habe selbst lediglich ‚beigetragen‘ “. Überhaupt bestünden „seit Langem Zweifel daran, dass das Gemälde allein oder hauptsächlich von da Vinci geschaffen wurde“. Recherchiert und gedreht hat die Filmdoku Antoine Vitkine, den wir, begegnete er uns, selbstverständlich nicht mit dem duzfüßigen Antoine überrumpeln, sondern angemessen Monsieur Vitkine nennen würden. So auch dürften wir den Künstler Buonarroti als Schöpfer der Fresken in Roms Sixtinischer Kapelle angeben, freilich auf die Gefahr hin, dass nicht alle wüssten, dass wir Michelangelo meinen. Bei Leonardo liegt der Fall komplizierter. Er heißt definitiv nicht „da Vinci“, vielmehr gibt der Zusatz den Ort seiner Herkunft an: Nahe der Kleinstadt Vinci, die dreißig Kilometer westlich von Florenz liegt und heute mit einem kleinen Museum an seinen (einzigen wirklich) ‚großen Sohn‘ erinnert, wurde das Universalgenie 1452 im Dörfchen Anchiano von einer schlichten Magd geboren. Trotzdem tummelte es sich, als vor zwei Jahren sein Todestag zum 500. Mal wiederkehrte, als „da Vinci“ in Zeitungen und Magazinen, in Fernsehen und Internet. Was hindert uns nur daran, den „Großmeister“  richtig beim Namen zu nennen? Beim Philosophen Aristoteles, dem Dramatiker Sophokles und seiner lyrischen Kollegin Sappho tun wirs ja auch; dass sie, wie die alten Griechen überhaupt, keine Nachnamen führten, stört uns nicht. Bei prominenten Heiligen wie Thomas von Kempen oder Theresa von Ávila verfielen wir nie auf die Idee, in den beigegebenen Ortsbezeichnungen etwas anderes zu vermuten als eben dies: die Orte ihrer Geburt. Nicht anders verhielt es sich zunächst mit der Familie van Beethoven: „Vom Rübenacker“ bedeuteten die zwei Wörter, als die Sippe ländlich-sittlich noch in Flandern hauste. Später wurde allerdings ein Name daraus, und heute weiß jedes Kind, dass es nach dem berühmten Komponisten im Lexikon nach B wie „Beethoven, Ludwig van“ suchen muss. Im Fall der tragisch jung verunglückten Schlagersängerin Alexandra wiederum wie auch bei der japanischen Stargeigerin Midori, beim französischen Filmkomiker Fernandel oder dem Schweizer Dirigenten Adriano lassen wir uns von jeher Einzelnamen als Eigennamen gefallen und fragen nicht, ob die Herrschaften so in Wirklichkeit und wie sie womöglich weiter hießen oder heißen. Der große Leonardo aus dem kleinen Dorf müsste sich, wollte er heute einen Pass beantragen, zur Beglaubigung seiner Existenz als „di ser Piero“ bekennen, weil er unehelich als Sohn „des Herrn Piero“, eines Notars, das Licht der Welt erblickte und später von ihm adoptiert wurde. Hätte der US-amerikanische Autor Dan Brown – wenn schon, denn schon – seinen Weltbestseller „The Da Vinci Code“ von 2003 nicht richtiger „The Anchiano Code“ betiteln müssen? Und wenn die meisten unter uns von „da Vinci“ sprechen, warum dann den Messias Jesus nennen? Sagen wir doch „von Nazareth“. ■


Preisverweigerer

Dienstag, 13. April   Beinah Tag für Tag erfahren wir, dass irgendwo irgendjemand irgendeinen Preis erhält. Ihrer gibt es unzählige. Die dennoch handverlese Schar der Wenigen, die einen bekommen, muss sich nicht schämen, stolz darauf zu sein. Im Irrtum aber befänden wir uns, nähmen wir an, solche Freude müsse jeden Preisgekrönten erfüllen. Im Gegenteil. Immer wieder treffen bedeutende Ehrungen auf Menschen, denen sie ganz und gar nicht willkommen sind. Dabei müssen wir noch nicht mal an sogenannte Negativpreise denken, die nicht als Lohn gedacht sind, sondern als Maßregelung. So öffnete sich die „Verschlossene Auster“ des Netzwerks Recherche wohl kaum auf dem Schreibtisch eines Facebook-Managers, nachdem sie dem Unternehmen 2016 zuteil geworden war; auch prangte die „Goldene Kartoffel“, von den „Neuen Deutschen Medienmachern“ (und -innen) für besonders lausige Berichterstattung verliehen, 2018 gewiss nicht in der Vitrine der Bild-Zeitung; und als im vergangenen Jahr die Foodwatch-Aktivisten die Firma Hochland – für einen Käse aus Milch von „Freilaufkühen“, die in Wahrheit im Stall standen – mit dem „Goldenen Windbeutel“ heimsuchten, füllte nicht etwa eine steife Brise die Segel des Betriebs, vielmehr blies der öffentliche Wind ordentlich von vorn. Die große Aufmerksamkeit, die begehrte Kulturpreise auf sich ziehen, wird noch übertroffen, wenn jemand sie nicht haben will, wie 1926 Sinclair Lewis den US-amerikanischen Pulitzer-Prize. Zwei Mal verweigerten sich Schriftsteller dem Nobelpreis: 1958 Boris Pasternak („Doktor Schiwago“), den, unübersehbar gegen seinen Willen, die sowjetische Regierung dazu zwang, und 1964 Jean-Paul Sartre, der seiner „Unabhängigkeit“ zuliebe überhaupt keine Auszeichnungen akzeptierte. Wiederum nahm Günter Grass zwar 1999 den Nobelpreis an, hatte aber 1982 den Premio Feltrinelli abgeschmettert, Italiens höchste Ehrung für Wissenschaft und Kultur. Ähnliches trägt sich gelegentlich auch im Bereich von Film, Fernsehen und Entertainment zu. Gerade jetzt vor fünfzig Jahren machte der US-Schauspieler George C. Scott mit einer Drohung ernst. Zwar zog bei der Oscar-Verleihung am 14. April 1971 Goldie Hawn aus einem versiegelten Umschlag seinen Namen als den des besten Hauptdarstellers – Scott hatte als Titelheld des Kriegsfilms „Patton – Rebell in Uniform“ brilliert –, aber er wies die Trophäe zurück: Für bedeutungslos hielt er den Academy Award, die dauernde Konkurrenz der Schauspielerinnen und Schauspieler für unerträglich und die Show selbst für eine „Fleischbeschau“. Niemand durfte behaupten, nicht gewarnt gewesen zu sein: Im Jahr zuvor hatte Scott schon von einer möglichen Nominierung nichts wissen wollen. Mit ähnlich spektakulären Absagen folgten seinem Beispiel später Marlon Brando und Jane Fonda. Hierzulande unvergessen bleibt der TV-Auftritt des verewigten Literaturpapstes Marcel Reich-Ranicki, der 2008 für sein Lebenswerk einen der Deutschen Fernsehpreise erhalten sollte: Er habe, zeterte er live in die laufenden Kameras, „nicht gewusst, was hier auf mich wartet“, und fand es entsprechend „schlimm, dass ich diesen Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben, viele Stunden ertragen musste“. Sein Fazit „Ich nehme diesen Prrreis nicht an“ ist inzwischen fast zum Sprichwort geworden. Für manche ist der Preis zu hoch, den sie für einen Preis bezahlen sollen. Da ists vielleicht ganz gut, dass die Wenigsten von uns je einen kriegen werden. ■


Alles tot

Samstag, 10. April   So viel Charakter wie seine Handschrift hatte der Schreiber selber nicht. Datiert mit dem 29. Mai 1962 und in ansehnlich flüssigen, blauen Tintenzügen bat Adolf Eichmann, der gnadenlose Chefbürokrat der nationalsozialistischen Juden-Vernichtung, den israelischen Staatspräsidenten Jizchak Ben Zwi um Gnade, ausgerechnet er. Jetzt vor sechzig Jahren, am 11. April 1961, hatte in Jerusalem der Prozess gegen den Vollstrecker der 1942 in der Berliner Wannseekonferenz beschlossenen, massenmörderischen und fabrikmäßig ins Werk gesetzten „Endlösung der Judenfrage“ begonnen; am 15. Dezember erging das Todesurteil; gut ein halbes Jahr später wurde es vollstreckt. Er sei, schrieb Eichmann zwei Tage zuvor im Bittbrief, ein viel zu kleines Licht gewesen, als dass er „die Verfolgung der Juden selbständig hätte betreiben können“; seine Richter hätten die „Tatsache übergangen, dass ich niemals einen solchen Dienstrang hatte, der mit so entscheidenden, selbständigen Befugnissen hätte verbunden sein müssen.“ Stets nur „im Auftrag“ und also ohne eigene Verantwortung habe er gehandelt und sogar „unter dem Eindruck der erlebten unerhörten Gräuel sofort um meine Versetzung gebeten“. Ein letztes Mal fasste Eichmann damit die Argumentationslinie seiner Verteidigung vor Gericht zusammen, ohne Erfolg. So wenig wie sein eigenes Gnadengesuch verfingen einschlägige Bittschriften Vera Eichmanns, seiner Frau, und seiner fünf Brüder: In der Nacht zum 1. Juni 1962 baumelte der Kopf und das Gesicht des Holocausts in Ramla am Strick des Henkers. Der Auslöschung von sechs Millionen Juden ist sein Name aufgeprägt, nicht anders als der Name von Auschwitz als dem grauenvollsten Erinnerungsort des Nazi-Terrors. Als sich von 1963 bis 1965 zwanzig Angehörige der dortigen Lagermannschaft vor einem Schwurgericht in Frankfurt verantworten mussten, klangen ihre Schutzbehauptungen mitunter so, als hätte Adolf Eichmann sie diktiert: Oft sei ihnen der Dienst „verzweifelt“ schwergefallen, aber „wir alle / das möchte ich nochmals betonen / haben nichts als unsere Schuldigkeit getan“. So rechtfertigte sich einer der Schergen, nicht etwa um sich zu entschuldigen – er sprach sich frei von Schuld. Peter Weiss zitiert ihn in seiner 1965 uraufgeführten „Ermittlung“. Der Bühnentext fasst die originalen Prozessmitschriften zusammen, gestrafft und durch einen nüchternen Stil einander angeglichen. Inhaltlich hinzuerfunden hat der Schriftsteller nichts: Das Unbeschreibliche, das die elf musiklosen „Gesänge“ seines „szenischen Oratoriums“ zu beschreiben suchen, trug sich genau so im größten Vernichtungslager der SS zwischen „Rampe“, Folterstuben und Krematorium zu. Die große Mehrheit derer, die zusammengepfercht in Viehwaggons dort ankamen, wurde nackt ins Gas getrieben, wo „nach 32 Minuten endlich alles tot“ war, wie ein Obersturmführer notierte. Die hochmodernen Verbrennungsöfen glühten und rauchten 24 Stunden täglich. Auch sechzig Jahre nach dem Jerusalemer Prozess darf die Erinnerung an Hitler und Himmler, Heydrich, Eichmann oder Höß, an Auschwitz und Majdanek, Treblinka und die anderen Orte der Verdammnis nicht „endlich tot“ sein. In jeder gymnasialen Oberstufe sollte Peter Weiss‘ „Ermittlung“ als Pflichtlektüre durchgenommen werden. Nicht auszudenken, bliebe das Gedenken denen überlassen, die sich auf Befehl und Gehorsam berufen oder gar leugnen, dass es die „Rampe“, das Gas und das Feuer je gab. ■


Schreck, lass nach!

Dienstag, 6. April  Manche Geschichten, mögen sie auch schon oft erzählt worden sein, sind es wert, sie immer mal wieder zu erzählen. Diese, eine Skandalgeschichte, gehört dazu. Am Abend des 28. Mai 1913, an dem sich der Skandal ereignete, liefen zweitausend Herrschaften der besten Pariser Gesellschaft herausgeputzt im Théâtre des Champs-Élysées ein; dass sich ein Skandal ereignen sollte, war abzusehen und vielleicht sogar gewollt. Kaum erklangen die ersten Takte der neuen Komposition, begann Gekicher. Als sich der Vorhang hob und die Tänzerinnen und Tänzer der gefeierten, von Vaslav Nijinski choreografierten Ballets Russes die avantgardistische Musik in ungeschauten Bewegungen wiedergaben, da gerieten die feinen Herrschaften außer Rand und Band. Der Multiästhet Jean Cocteau, der mit viel Prominenz der Uraufführung beiwohnte, beschrieb das Geschehen mit häufig zitierten, immer wieder schön zu lesenden Worten: „Der Saal revoltierte von Anfang an. Man lachte, höhnte, pfiff, ahmte Tierstimmen nach“, Rufe und Fäuste erhoben sich, Ohrfeigen klatschten auf rasierte oder gepuderte Backen, Herren forderten einander zum Duell. Die vorgeschichtliche Opferung einer Jungfrau zu aufreizend unliebenswürdigen Dissonanzen und zornig bebender Rhythmik – das war zu starker Tobak für ein mondänes, aber schwer zu inspirierendes Pariser Publikum des ausgehenden fin de siècle: Vom 30-jährigen Neutöner Igor Strawinsky und seinem gerade mal 35-minütigen Tanztheaterstück hatte es sich halb um den Verstand und ganz um seine Selbstkontrolle bringen lassen. Indes bescherte der vermeintliche Reinfall den um keinen kreativen Hakenschlag verlegenen Urheber des Skandalwerks den internationalen Durchbruch: Le Sacre du Printemps (Das Frühlingsopfer) verlor bald seine Schrecken und firmiert seither sowohl als ein Hauptwerk des jungen Meisters als auch als Meilenstein der Musik überhaupt. Drei Jahre vor dem rüden Expressionismus des Sacre hatte Strawinsky mit dem akustischen Lichter- und Farbenrausch seines „Feuervogels“ einen Gipfel des Impressionismus erklommen, nachfolgend mit „Petruschka“ fesselnd eine volkstümlich bunte Jahrmarktstragikomödie entfaltet, 1920 sich mit „Pulcinella“ geradezu behaglich auf barocke Vorbilder zurückbesonnen. Dann aber experimentierte er immer ambitionierter mit einer zunehmend avancierten Atonalität, neusachlichen Gestaltungsmitteln, Impulsen des Jazz, einer Kontrapunktik, die  durch die Zwölftonmusik erneuert worden war … Zwar schloss keine seiner abwechslungsreich für sehr unterschiedliche Foren und Ensembles ausgearbeiteten, Schöpfungen an die Erfolge der genannten vier populären Glanzstücke an, nicht einmal die suggestive „Psalmensymphonie“ von 1930 oder die 1951 uraufgeführte Oper „The Rakes Progress“. Gleichwohl ragt Strawinsky, der vor fünfzig Jahren, am 6. April 1971, in New York 88-jährig starb, als eine Art Picasso der Musik aus der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts – und nicht der Tonunst allein – heraus: Geradezu einen Längsschnitt zog er durch das Säkulum, als einer jener raren Einzigartigen, die während ihrer Lebenszeit alle aufkommenden Stile begründen und vollenden halfen. Unablässig erneuerte er sich in seinem Ingenium; kaum fassbar die Vielgestalt und inhaltliche Vielfalt seiner Produktion. Auch wenn seine Musik es dem Hörer oft nicht leicht macht: Das abschreckende Todesurteil seines berühmten Kompositionslehrers Nikolai Rimsky-Korsakow – „Das ist unerträglich!“ – hat seine Mit- und Nachwelt gründlich revidiert. ■


Eier aus Kunst

Samstag, 3. April   Im Fernsehen, vor wenigen Tagen im Krimi „Allmen und das Geheimnis der Erotik“, hätten wir Heino Ferch beobachten können, wie er als blasierter Schlaukopf ein unbezahlbares Fabergé-Ei klaut. Im Kino, in „James Bond 007 – Octopussy“, bangten wir 1983 um den britischen Spezialagenten, der in lebensgefährliche Tauschaktionen um eine Preziose gleicher Art geriet. Auf einem Flohmarkt in den USA erwarb ein Schrotthändler 2014 einen gut acht Zentimeter großen Klumpen Altgold für 14 000 Dollar und fiel aus allen Wolken, dass er ein verloren geglaubtes russisches Fabergé-Ei aus Zarenbesitz in Händen hielt, 33 Millionen Dollar wert. Wir müssen die Miniaturprunkstücke, die unter dem Namen des Juweliers Peter Carl Fabergé (1846 bis 1920) firmieren, nicht schön, dürfen sie sogar kitschig finden – ungeachtet aber aller Mäkelei bestätigen sie uns gerade in der Osterzeit auf ihre grazile Art, dass das Ei mit seiner Symbolkraft nach Kunst, zumindest nach Kunsthandwerk dringend verlangt. Satirisch kommt es bei dem faszinierenden niederländischen Maler Hieronymus Bosch vor, der in einem Bild von 1561 ein verschrobenes Sängerensemble aus einem zersplitterten Ei wie aus einem Narrenschiff heraus trällern ließ. 1936 malte René Magritte sich selbst, wie er, die Palette in der Linken, mit der rechten Hand eine Taube auf eine Leinwand pinselt, während er, nach links starrend, ein weißes Ei auf einem Tisch fixiert, als dächte er darüber nach, was wohl „zuerst da“ war. Ein Jahr später fand Salvador Dalí, aus ähnlich surrealistischem Geist, zu einer seiner raffiniertesten Schöpfungen: Auf dem Bild kauert Narziss selbstversunken und -verliebt an einem Teich, allerdings erscheint sein Abbild nicht auf dem Wasserspiegel, sondern am Ufer neben ihm, als Hand, deren Finger anstelle seines Kopfes zart ein Ei (mit Blume) halten. Zwischen 1994 und 2006 bildete Jeff Koons mit dünnem Edelstahl ein „Cracked Egg“ nach, die zweiteilig-gezackte Schale eines aufgebrochenen und ausgelöffelten Eis in fünf Versionen – blau, rot, magenta, violett und gelb –, jeweils stolze 1,65 Meter hoch ... In der Kunst ist Ostern immer; erst recht in einer Gemeinde auf der Schwäbischen Alp mit dem frühlingshaften Namen Sonnenbühl: Dort zeigt ein einschlägiges Museum das ganze Jahr über Ostereier in allen erdenklichen altmodischen oder hippen Bemalungen und Verwandlungen, mal mit Reißverschluss, mal fast ohne Kalkschale, sogar als klingende Spieluhr. Kreative Köpfe aus aller Herren Ländern nahmen sich Eier in allen Größen und Grundfarben vor, um sich kolorierend und beklebend, sägend und fräsend an und in ihnen zu verwirklichen. Jene fragil umhüllten Keimzellen haben, versteht sich, Vögel, Hennen zumeist, gelegt; den Transport der natürlichen Kunstwerke aber besorgt zurzeit der Hase. In ihm sahen unsere vorchristlichen Vorfahren, schon irgendwie österlich, Wiedergeburt und Auferstehung verkörpert; heute bringen wir ihn gern mit Vorsicht, aber auch mit Schlauheit in Verbindung, mit Zeugungskraft und -lust und der fixen Fertigkeit, hakenschlagend zu entwischen. Zufrieden nahmen wir darum vor zehn Tagen die Frohbotschaft des Deutschen Jagdverbands zur Kenntnis, dass Meister Lampes Bestände in Deutschland von 2019 bis 2020 um gut vierzehn Prozent gewachsen seien, was wir, wie es heißt, den trockenen Frühlingen der vergangenen Jahre verdanken. So hat, mit Blick auf Hase und Ei, die heidnischen Symbole des höchsten christlichen Feiertags, sogar der Klimawandel sein Gutes. ■


Ruhe an Ostern?

Dienstag, 30. März   Für ein paar Tage haben sie in Berlin so getan „als ob“ – als ob sich der Corona-Krise ein Schnippchen schlagen ließe. Da machten die Philharmoniker Kultur, und zwar so richtig: Am angestammten Ort, in Schwarz und vor lebendigem Publikum gaben sie ein Konzert (Rachmaninows Zweite), und die Zuhörerinnen und Zuhörer tobten begeistert. 520 hatten einen Covid-Test mitgebracht, 480 absolvierten ihn an Ort und Stelle, was binnen anderthalb Stunden erledigt war. Ein „Pilotprojekt“ – und mit was für einem Erfolg! Nicht anders im Berliner Ensemble: Dort quittierte ein getestetes und mit FFP2-Masken ausgerüstetes Auditorium die Produktion „Panikherz“ nach dem Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre „mit Szenen- und erleichtertem Schlussapplaus“, wie der rbb vermeldete. Schon freute sich Philharmoniker-Intendantin Andrea Zietzschmann, endlich lasse sich ein „kreativer, konstruktiver und verantwortungsbewusster Umgang finden, trotz der Pandemie wieder Kultur zu veranstalten". Zu früh gefreut: Nun hat das Berliner „Testing“ mit Musik, Bühnenkunst und Club-Events erst einmal ein Ende. Die „Osterruhe“, wie sie Bundeskanzlerin Angela Merkel zunächst ausrief und dann schuldbewusst stornierte, sie bleibt der metropolitanen Kultur verordnet: Der Senat lässt die Schau- und Hörplätze von Gründonnerstag bis Ostermontag schließen und verschiebt den Modellversuch oder streicht ihn ganz. In Tübingen (Sieben-Tage-Inzidenz am 28. März: 98,8) geht es anders zu: Das Landestheater will das Testprojekt weiterlaufen lassen, mindestens bis zum 18. April. Von einer „enthusiastischen Aufbruchstimmung“ bei Ensembles und Publikum berichtete Intendant Thorsten Weckherlin dem Deutschlandfunk Kultur. „Nur wenn die Inzidenz um unser ‚kleines gallisches Dorf‘ herum immer mehr in die Höhe geht, werden auch wir uns fragen müssen: Ist es richtig, was wir hier machen?“ Ist das richtig, was die in Hollywood machen? In der Süddeutschen Zeitung war zu lesen, die Organisatoren der Oscar-Verleihung hätten angeordnet, dass, wer in der Nacht zum 26. April den Filmpreis bekommen wolle, sich schon persönlich nach Los Angeles bemühen müsse, und gefälligst in einwandfreier Kleiderordnung. Entscheidungen wie diese mögen nicht recht zum gegenwärtigen pandemischen Geschehen passen, allerdings könnten jene, die sie treffen, also Frau Merkel und der US-Regisseur Steven Soderbergh, die theologische Bedeutung der Ostertage für sich reklamieren. Denn die haben ja, als Fest der Auferstehung, gerade nicht mit Lockdown, also Abriegelung oder Ausgangssperre, zu tun, sondern vielmehr mit dem Gegenteil, mit dem „Aufbruch“ nämlich und dem „Enthusiasmus“, die Theaterleiter Weckherlin in Tübingen beobachtete. Als Freudenfest lockt Ostern die Menschen nach dem lähmenden Winter und der todesbewussten Passionszeit hinaus in die Vitalität des Frühlings. Darum hatte vom dreizehnten bis ins neunzehnte Jahrhundert das „Osterlachen“ in den Feiertagsgottesdiensten Tradition, ein heutzutage unter Geistlichen wieder auflebender Brauch, die Gemeinden humoristisch aufzuheitern. Ähnliches tat Stuckrad-Barre live im Berliner Ensemble, wo er, augenscheinlich ohne Lust auf Fastenzeit und Osterruhe, quietschvergnügt über die Bühne hampelte: „Endlich wieder unter Menschen!" Zwar behauptet der grämliche Mönch Jorge aus Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“, Jesus habe „nie gelacht“. Aus den Evangelien indes lässt sich das nicht belegen.


Wahres Gleichnis

Samstag, 27. März  Sehr ‚deutsch‘ war er nicht. Heinrich Mann wuchs heran, während seine Heimat als „zweites Kaiserreich“ und in ihm zahllose gefügige Untertanen großmannssüchtig nach einer maßgeblichen Rolle in der Welt verlangten. Mit gleicher dichterischer Hochbegabung gesegnet wie der zum „Großschriftsteller“ auserwählte Thomas, war Heinrich nicht gesonnen, sich gleich dem (zeitweilig feindlichen) Bruder auf gehobenes „Deutschtum“ einzustellen. Ein großer Romancier, einer der großartigsten deutscher Zunge, wurde gleichwohl auch aus ihm. Doch war die deutsche Zunge für sein Schreiben nur ein Idiom, die (nord-)deutsche Herkunft nur eine Wurzel. Denn früh schweifte sein Denken kosmopolitisch aus und fand namentlich in Frankreich, in dessen leichterer Lebensart und aufnahmebereiter, ertragreicher Kultur, namentlich in der luziden Literatur seiner lebensklugen Autoren eine zweite Heimat, vielleicht die eigentliche. So freilich geriet er in Verdacht, sich mit dem ‚Erzfeind‘ zu verschwören. 150 Jahre nach seiner Geburt – am 27. März 1871 kam er in Lübeck zur Welt – verleiht jene doppelte Blickrichtung seinem Œuvre eine so unterhaltsame wie aufschlussreiche Dialektik. Zugegeben, unter einheimischen Lesern rangieren die deutschen, gleichsam ‚antideutschen‘ Satiren an erster Stelle, und wahrlich finden sich Meisterstücke darunter. Zu Recht gilt nach wie vor der „Professor Unrat“ von 1904 als eines (auch durch Josef von Sternbergs  Verfilmung als „Der blaue Engel“ von 1930). In der seinerzeit beachtlichen Reihe deutschsprachiger Schüler- und Lehrerromane wohl das einzige Buch, darin der Fokus auf einem scheiternden Pädagogen liegt: Widerstandslos geht der stocksteif-sittenstrenge Gymnasialpauker Raat in den Armen und Umarmungen einer liebenswert liederlichen Tänzerin unter. Noch überragt wird die tragische Prosakomödie von dem 1914 vollendeten „Untertan“ um den stupid-heimtückischen Kleinstadtkapitalisten Diederich Heßling, der es als selbstsüchtiger Opportunist durch plärrende Kaisertreue zum Honoratioren seines Kaffs bringt. Deutlich weniger, leider, wird hierzulande der frankophile Heinrich Mann wahrgenommen, der seiner geistigen Wahlheimat sinnliche Vitalität und freidenkerische Weltläufigkeit verdankt; dabei dürfen die Arbeiten aus diesem Schaffensbereich (mindestens) gleichen Rang beanspruchen. Gewiss darfs die umfangreiche, dramaturgisch und sprachlich funkelnde Trilogie um die Herzogin von Assy; nach Art dreier „Göttinnen“ durchläuft die ehrgeizige Dame im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts ein gestalten- und gefühlsreiches Dasein: nach Freiheit jagend als Diana, als Minerva der Kunst, als Venus der Liebe hingegeben. Vollends in die französische Geschichte bettete Mann den Doppelroman um „Die Jugend“ und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“ ein, sein bis 1938 im französischen Exil entstandenes Hauptwerk. 1700 Seiten umfasst dies „wahre Gleichnis“ von der oft gefährdeten Karriere, der menschenfreundlichen und friedliebenden Regentschaft und dem nur scheinbar sinnlosen Tod des 1610 ermordeten „guten Königs“ Heinrich von Navarra. In dem weltgeschichtlichen Umbruch, durch den der deutsche Faschismus jeden Begriff von Macht größenwahnsinnig desavouierte, unternahm es Heinrich Mann, die Idee historischer Größe zu retten, indem er ein französisches Idealbild von humaner Führerschaft ersann. ■


Alte Wunder

Dienstag, 23. März  Gern hängen wir dem Irrtum an, unsere Vorfahren seien bei weitem nicht so clever gewesen, wie wir heute sind. Dabei sollten wir uns klar darüber sein, dass auf so gut wie jeden klugen Gedanken, den wir fassen, bereits lang vor uns Menschen verfallen sind. Denn mit den Manifestationen des Erfindergens, das unseren Erbanlagen unauslöschlich eingeschrieben ist, füllen wir unsere Lebensräume, seit wir den Erdball bevölkern. Schon Faustkeil, Boot, Pflug oder Rad haben, gemessen an den äußeren Möglichkeiten ihrer ersten ur- und vorgeschichtlichen Urheber, als sensationelle Pioniertaten zu gelten. Erst recht müssen wir den hellen Köpfen von vor zwei oder zweieinhalb Jahrtausenden zugestehen, dass ihr Ingenium dem unseren das Wasser reichen konnte. Zu den begeisterndsten Belegen hierfür zählt der „Mechanismus von Antikýthera“, den ein Schwammtaucher 1900 südlich der Peloponnes aus dem Mittelmeer barg. Er fand den mit Sediment verbackenen Messingklumpen auf einem etwa 60 vor Christus gesunkenen Römerschiff; doch stammen die Fragmente aus Griechenland und sind etwa 150 Jahre älter. Dass es sich um eine Wundermaschine handle, stand früh fest; später offenbarten Röntgenaufnahmen, noch später Computertomogramme fein gearbeitete Einzelheiten der gezackten Scheiben und darauf gravierte Lineaturen und Ziffern. Am Wochenende berichteten Medien, Forscher des Londoner University College hätten nach der Rekonstruktion der fehlenden Komponenten das Geheimnis der etwa vierzig Zentimeter großen Apparatur nun entschlüsselt: Das Zahnräder- und Rechengetriebe – handwerklich so detailliert ausgeführt, wie unsere geschicktesten Vorfahren dies erst mit Beginn der Neuzeit wieder vermochten – integriert ganz offensichtlich die komplette Himmelsmathematik der Babylonier, Griechen und Römer und ermöglicht es, sie praktisch anzuwenden, um den Lauf von Sonne und Mond sowie der in der Antike bekannten fünf Planeten – Merkur und Venus, Mars, Jupiter und Saturn – nachzuvollziehen und vorherzusagen. Selbst heutige Experten halten ungläubig vor dem antiken Geniestreich inne. Und davon gibt es mehrere. Im dritten vorchristlichen Jahrhundert ging der Grieche Ktesibios so virtuos mit Druck und Fluss von Luft und Wasser um, dass es ihm gelang, eine hydraulische Jahresuhr zu konstruieren, die ohne Eingriffe von außen ihren genauen Gleichlauf beibehielt. Oder, im alten Rom, Vitruv: Findig ließ sich der Ingenieur und Architekt im ersten Jahrhundert vor der Zeitenwende ein Odometer einfallen, sozusagen einen Meilenzähler, der exakt angab, welche Strecke ein Wagen zurückgelegt hatte. Zur Legende wurde, in den Jahrzehnten nach Christi Geburt, Heron von Alexandria, aus dessen teilweise überlieferten Schriften sich ermitteln lässt, wie profund er über eine Antriebstechnik mittels Dampfdruck nachdachte, auch über einen Maschinen-Bogen, der automatisch Pfeile abschoss, um sich sogleich von selbst wieder zu spannen, oder über selbsttätige Tempeltüröffner. Zugegeben, Herz-Lungen-Maschinen standen den Babyloniern noch lang nicht zu Gebote, den Griechen fehlte die Telegrafie, den Römern der elektrische Dosenöffner. Auch Wunder brauchen ihre Zeit. Aber wir Menschen, ob genial, ob normal, dürfen uns damit schmeicheln, dass unser Gehirn ein Wunderwerk ist und immer eins war. ■


Anfang mit Ich

Samstag, 20. März  „Liebe XY. Wollte Dir noch sagen, wie …“. „ … Muss Dir leider für Donnerstag einen Korb geben.“ „ … Habe soeben erfahren, dass …“ Wo ist es nur geblieben, das Ich in Whatsapp-, E-Mail-, SMS-Nachrichten? Immerhin galt das kuriose Ding, trotz seiner Kürze, mal als so bedeutend, dass sich seit vielen Jahrhunderten Denker des Geistes und Wissenschaftler der Seele, und nun auch Erforscher des Gehirns, haarspalterisch genau damit beschäftigen. Wenn alle Stricke irdischer Gewissheit rissen, so beruhigte sich René Descartes 1637 in seinem „Discours de la méthode“, so bleibe als tiefste Wahrheit doch immer unbestreitbar: „Ich denke, als bin ich“. Was für eine aufklärerische Erleuchtung des um Subjektivität und Individualität ringenden Menschen. Was also könnte wichtiger sein als das Ich? „Ich zuerst“, lautet, scheinbar folgerichtig, die Parole des Egoisten und Hedonisten, der, um an seine Ziele zu gelangen, alles Hemmende zur Seite drängt. So freilich hat Descartes es nicht gemeint, denn er und seinesgleichen waren und sind sich durchaus klar darüber, dass ein Ich sich erst in seinen Verhältnissen zu den anderen erkennt. Scheinbar folgerichtig (zum zweiten Mal) traten schließlich Gelehrte auf den Plan, die die Existenz eines Ichs überhaupt bestritten, um es zu einer bloßen Funktion der umgebenden Gesellschaft zu degradieren. Endgültig das Grab schaufeln wollen ihm manche Vorreiter der Neurobiologie, indem sie zu belegen suchen, dass das, was wir für unser Ich halten, die neuronalen Netzwerke unseres Kopfs uns nur vortäuschten und potente Computer wohl irgendwann vollgültig simulieren könnten. Jener Entwicklung, die sich niemand, der bei Verstand ist, wünschen kann, arbeiten die sozialen Netzwerke zu, sobald ihre Nutzer mit flinken Daumen Botschaften wie diese in die Displays fingern: „Kann dich heute nicht sehen. Muss arbeiten. Werde dich morgen anrufen.“ Manche reden sich damit heraus, solcher Telegrammstil diene dazu, Zeit zu sparen. Wers glaubt! Durch besagte Netze flutet sekündlich so viel überflüssiges Getwitter und Geschwätz, dass hier und da ein „Ich“ das Tipp-Tempo nicht nennenswert verringerte. Wurde es also von Resten einer unbeholfenen, bis zum Duckmäusertum missverstandenen Höflichkeit verschlungen? Wohl kaum. Selbstbeherrschung, Mäßigung und Takt haben, zum einen, in der Cyber-Kommunikation einen schweren Stand. Zum andern empfehlen Brief- und Bewerbungsratgeber zwar, Anschreiben und ähnliche formelle Botschaften nicht mit „Ich“ zu beginnen; seine Eliminierung aber verlangen sie keineswegs, sondern schlagen nur vor, das Wörtchen syntaktisch im Inneren des Satzes zu platzieren. Es scheint also schlicht entbehrlich geworden, das Wort – und damit, wiederum folgerichtig, die Sache selbst. Aber „Ich“ ist wichtig, und man muss kein Egomane sein, um danach zu handeln. Wer leichtfertigt der Bekundung seiner selbst entsagt – verdient der überhaupt, wahrgenommen zu werden? Aller Dekonstruktionsversuche trotzend, sollten wir hin und wieder daran denken, dass uns nur das Eingeständnis unserer Existenz vor Übergriffen und Bevormundungen schützt: Es gibt mich, darum darf ich mir in Whatsapp-Posts, E-Mails, SMS drei zusätzliche Buchstaben wert sein. Wie unabsehbar und unbeeinflussbar unsere Bedingtheiten, wie verzweigt unsere Beziehungsgeflechte auch sein mögen: Individualität hat mit unserem Anspruch auf Freiheit zu tun und mit unserem Versuch, sie zu verteidigen. ■


Inzidenz: null

Dienstag, 16. März  Seit uns Peter Wohlleben, der Feel-good-Förster der Nation, das „Geheime Leben der Bäume“ offenbart, muss selbst ein bayerischer Ministerpräsident sich nicht genieren, wenn er einen Baum umarmt. Pflanzen sind die neuen Tiere, das Grün im Topf ist das neue Haustier, wir sprechen ihm gut zu, ersparen ihm Aufregung, kümmern uns um seine Wehwehchen … Und wollen wir der Yuccapalme, dem Gummibaum was ganz besonders Gutes tun, gönnen wir ihnen demnächst vielleicht einen Konzertbesuch. Dafür ging am 22. Juni 2020 Barcelonas größtes Opernhaus mit gutem, dieser Tage hierzulande aufgegriffenem Beispiel voran. Als das Gran Teatre del Liceu nach dem ersten Corona-Lockdown wieder seine Tore öffnete, besetzten 2292 Pflanzen alle Sitze im Parkett und auf den Rängen, um floraler Tonkunst zu lauschen: Vom Konzeptkünstler Eugenio Ampudio eingeladen, intonierte ein Streichquartett die „Crisantemi“, Giacomo Puccinis gefühlvollstes Blumenstück. Jetzt, in Oldenburg, war das Auditorium kleiner, doch nicht weniger ergriffen: Denn Pflanzen, ließ der Trommler Felipe Dias zuvor wissen, „reagieren auf Schwingungen genauso wie ein Menschenpublikum“. Also beschallten er und über zwei Dutzend Musikerinnen und Musiker im „Theater-Laboratorium“ der Stadt 182 eingetopfte und gewässerte Gewächse zwei Stunden lang. Lobenswert entfalten die Tonkünstlerinnen und -künstler ihr Engagement in einer Zeit, da vor den Rampen der kulturellen Schau- und Hörplätze coronahalber seit Monaten die Leere gähnt und sich nun auch noch die Podien und Bühnen zu leeren scheinen. Vor vier Tagen kündigte der Kabarettist Volker Pispers bedauerlicherweise an, sich aus dem öffentlichen Satirebetrieb zurückzuziehen. Der kanadische Popstar Abel Makkonen Tesfaye alias The Weeknd polterte empört, er werde, weil heuer für keinen einzigen Preis nominiert, nie wieder an einer Grammy-Show teilnehmen. Dem Kandidatenschinder Dieter Bohlen – berüchtigt als Juror von „Das Supertalent“ und „Deutschland sucht den Superstar“ und überhaupt eine der schlimmsten Zumutungen des deutschen Privatfernsehens – setzte der Sender RTL unlängst den Stuhl vor die Tür. Am Samstag erging es der ZDF-Schnulzen-Präsentatorin Carmen Nebel, wie es irgendwann jedem Nebel ergeht: Sie verzog sich ... Und so weiter und so fort. Da loben wir uns den Rock- und Popmusiker Sasha: Der empfing am vergangenen Donnerstag in der riesigen, gespenstisch leeren und dunklen Hamburger Barclaycard-Arena Heike Hacker aus Aue und niemanden sonst, um ihr und nur ihr beim Schein von Kerzen und eines Lagerfeuers was vorzusingen. Mit diesem Bild im Kopf leuchten uns die Vorzüge eines ausschließlich vor Vegetation veranstalteten Konzerts erst richtig ein: Niemand kommt zu spät, keiner geht vor Schluss, nirgends Gehüstel, Geschwätz, Geraschel; überall tiefe Konzentration. „Die Musik“, verkündete Eugenio Ampudio in Barcelona, „ist die einzige Sprache, die Pflanzen verstehen oder die sie zumindest beeinflusst.“ Auf Applaus, das schönste Geräusch im Künstlerohr, müssen die Ausführenden zwar verzichten. Dafür läutert das Chlorophyll in den Blättern die Atmosphäre und lädt sie belebend mit Sauerstoff auf. Mag sein, dass unzureichend gepflegtes Grünzeug ein paar Blattläuse einschleppt. Dafür tendiert bei einem rein fleischlosen Publikum die Zahl der Corona-Neuinfektionen gegen null. ■


Schrift im Bild

Samstag, 13. März  Kritiker schreiben viel seltener Verrisse, als die Leute meinen. Wenn sies tun, können sie, meist aus verletzter Liebe zur Kunst, allerdings gnadenlos sein. Wie wohl war Edvard Munch, dem großen Maler Norwegens, zumute, als er auf seinem berühmtesten Bild, dem „Schrei“, diese vernichtende Kritik entzifferte: „Kan kun være malet af en gal Mand!“, Kann nur von einem Verrückten gemalt worden sein? War er gekränkt ob der Ablehnung seines Gemäldes, in dem er doch nach dem stärksten Ausdruck größter Angst gesucht hatte? War er stinksauer, weil irgendein Vandale sich angemaßt hatte, sein erschütterndes Werk zu verschandeln? Nichts von alledem: Jüngste Untersuchungen mittels einer Infrarotkamera ergaben, dass die Bleistiftkrakelei, links oben in der 1893 gemalten ersten von vier Fassungen des Sujets, nicht von einem fremden Ignoranten stammt, sondern vom Maler selbst. Schriftvergleiche belegten dies ohne allen Zweifel, teilte das Nationalmuseum in Oslo mit. Pikiert hatte er nach der ersten Präsentation seines Meisterwerks in der Hauptstadt Polemiken zur Kenntnis genommen, der „Schrei“ offenbare, dass er nicht recht bei Verstand sei. Jetzt jubelte die Presse, akribische Forschung habe neuerlich ein Rätsel der Kunstgeschichte geknackt. Aber wars denn eins? Welche Museumsbesucherin, welcher Besucher ohne engen Kontakt zur Wissenschaft bemerkte je die winzige Inschrift? Nein, zum veritablen Geheimnis reicht die Kritzelei nicht; schon gar nicht zur Rarität. Denn Schrift auf Bildern hat Tradition. Etliche Malereien haben einen Titel, bei manchen steht er (sofern er von der Künstlerin, dem Künstler selber stammt) sogar vorne drauf; bei einer weit größeren Zahl verzeichnet ihn die Rückseite der Leinwand. Signierte Arbeiten tragen meist den Namenszug (wie bei Picasso) oder doch das Monogramm des Urhebers (so bei Dürer). Wie Schrift selbst zum Inhalt bildnerischen Gestaltens wird, erhob der 1995 gestorbene Zeichner Horst Janssen in unverwechselbarer Eigenart zu einem Thema seines Schaffens. Weil er auch ein obsessiver Leser (von „Walt Disneys lustigen Taschenbüchern“ bis zu Martin Heidegger) und obendrein Schriftsteller war, versah er viele Blätter handschriftlich mit Wörtern, Sätzen oder ganzen Sermonen, die mit den Linien, Formen, Färbungen auf dem Papier eine grafische Ehe eingehen. Vielleicht war eine von Janssens Quellen das in der Renaissance beliebte Emblem, eine Art Rätselbild, dessen Bedeutung sich erst ganz erschließt, wenn der betrachtende Verstand die drei Komponenten – Überschrift, symbolhaltige Illustration und lyrisches Epigramm – zusammenführt und miteinander verschmilzt. Dass die vor gut fünftausend Jahren erfundene Schrift überhaupt in Bildern wurzelt, erweist jede altägyptische Hieroglyphe. Den Weg ad fontes, zurück zu den Quellen, ging die Konkrete Poesie (etwa eines Eugen Gomringer) ab den 1950ern: Dabei wandelt sich der Dichter zum Bildner, verweigert der Sprache ihre berichtende oder auf etwas verweisende Absicht, abstrahiert also Ausdruck und Bedeutung von den Wörtern und Sätzen und ordnet sie gemäß nur mehr visueller Kriterien an. So findet auch das Wort Grafik zu seinem Ursprung zurück: Das altgriechische gráphein heißt sowohl schreiben als auch zeichnen. Zwischen dem Inhalt des Textes und seiner Optik schwindet die Differenz, der Betrachter ist Leser. Oder umgekehrt. ■


Maria tanzt Tango

Dienstag, 9. März  Der Mann war ein Star, nur nicht so recht in seiner Heimat. In Südamerika, zumal in Argentinien, wo Astor Piazzolla vor jetzt hundert Jahren, am 11. März 1921, im großen Seebad Mar el Plata zur Welt gekommen war, verdächtigte man ihn, bloß noch „viel Lärm, wenig Tango“ mehr zu veranstalten: Er wolle wohl, argwöhnten puristische Mahner, als neutönender oder zeitgeistiger Umstürzler den guten alten, kneipenrauchigen Tanz abschaffen, bei dem sich brünstig schwitzende Leiber noch ordentlich aneinander reiben durften. Dergleichen aber hatte Piazzolla nicht vor, die erotische Gier oder seufzende Sentimentalität jener Musik verlor er nie aus dem Sinn: „Der Tango“, dazu bekannte er sich, „ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens“ und sollte das auch als „Tango nuevo“ bleiben, als von ihm erneuerte, ins Artifizielle transponierte Ausdrucksart. Zum „Tangokönig“ krönte den Meister des Bandoneons seine globale Verehrergemeinde, was er sich gern gefallen ließ. Ein Leisetreter durfte ein Bahnbrecher wie er auch gar nicht sein, da passte ganz gut, dass er von Natur aus frei von falscher Schüchtern- und Bescheidenheit war. Gleichwohl entging ihm nicht, dass seiner herausgehobenen Position in der Musikwelt des vergangenen Jahrhunderts etwas Widersprüchliches anhaftete: Er schätzte es, „berühmt“ zu sein, aber klar war ihm auch: „Populär bin ich nicht.“ Zur Lichtgestalt taugte er dennoch, bestrahlte er doch auf sofort erkennbare (und, allerdings, auch oft sich wiederholende) Weise die sogenannte U- wie die E-Musik. Nie verleugnete seine Kunst ihre Wurzeln in der Folklore Argentiniens, in den Puffs und Kneipen der Hauptstadt Buenos Aires; aber sie überwand die Grenzen der Vorstädte und Düsterviertel, indem sie sich ins Internationale und Mondäne wendete. Einflüsse des Jazz, der Rock- und Popmusik sog sie, ohne das Risiko ernstlichen Traditionsverlustes, in sich auf und legitimierte sich formal sogar teils durch Rückgriffe auf den altehrwürdigen Kontrapunkt. Populär wurde Piazziolla damit dann doch: zumindest bei den Propheten und Apologeten einer fortschrittlichen Kunst in Paris oder Wien, überhaupt im damaligen Westen der Welt, nicht zuletzt in New York. Dort, in Little Italy, war Piazzolla seit seinem vierten Lebensjahr aufgewachsen, in zwielichtigen Verhältnissen: „Ich hätte“, erinnerte er sich, „ebenso gut Gangsterboss werden können.“ In Frankreich ging er kurz bei der namhaften Klavier- und Kompositionspädagogin Nadia Boulanger in die Lehre und versetzte sich überhaupt zunftgerecht in die Lage, den verbrauchten „alten“ Tango nicht etwa zu liquidieren, sondern experimentierend aufzufrischen und ihn gleichsam stubenrein aus den Freuden- in die Konzerthäuser und Theater zu geleiten. Meist zwar musizierte er mit kleineren Ensembles, doch griff er auch auf orchestrale und musikdramatische Formate aus: Im Konzert für Bandoneon strebt seine Musik nach symphonischem Volumen; im Gefolge von Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ schuf er, in unterschiedlichen Versionen, eigene „Cuatro Estaciones“, und sogar eine Oper, um das Unglücksmädchen „Maria de Buenos Aires“, gibt es von ihm. Sein ergreifendster Tango heißt „Oblivion“; vor dem titelgebenden „Vergessen“ hat Piazzolla (der 1992 starb) den Lieblingstanz seiner Heimat freilich zu bewahren vermocht. ■


Die Haare der Poeten

Samstag, 6. März   In seinem neuen Buch „Der Mann im roten Rock“, das seit wenigen Wochen auch auf Deutsch vorliegt, erzählt der englische Schriftsteller Julian Barnes von so mancherlei, auch von seinem Kollegen Oscar Wilde. Unter anderem gibt er eine Anekdote wider, die im Paris des Jahres 1898 spielt, kurz nach Wildes Entlassung aus dem Gefängnis zu Reading, wo der Poet, einst gefeiert, dann tief gefallen, als Homosexueller zwei furchtbare Jahre hatte absitzen müssen. Mit dem Gedanken an Freitod spielend, sei er zur Seine gegangen und auf dem Pont Neuf auf einen Mann gestoßen, der weltvergessen hinab ins Wasser starrte. Wilde, in der Meinung, einen Leidensgenossen vor sich zu haben, fragte ihn: „Sind Sie auch ein Selbstmordkandidat?“ Doch der Mann entgegnete: „Nein, Friseur.“ Nach dieser „absurden Antwort“, schließt Barnes, „fand Wilde, das Leben sei immer noch so komisch, dass es zu ertragen wäre.“ Ist es ja auch. Es sei, witzelte der geschasste irische Poet, „viel zu wichtig, um es ernst zu nehmen“. Für Friseure wie den Fremden auf der Brücke wurde das Leben freilich mit den Corona-Lockdowns ernst und immer ernster. Seit Montag endlich besteht hierzulande kein Grund mehr für sie, sich das Leben zu nehmen, jetzt, wo die Salons wieder geöffnet haben und die Scheren schnippeln und klappern, bis die Klingen glühen. An Wildes Wolle verdienten die Figaros des Fin de Siècle mal mehr, mal weniger: Den Porträtfotos zufolge, trug er sein Haar auch schon mal kurz, ebenso gern aber in langen, gewellten Schwüngen. Wenig ist über die (jedenfalls dunkle) Farbe bekannt, gleichwohl darf bezweifelt werden, dass sie immer echt war; fand doch der poetische Dandy die Jugend seiner Epoche „grässlich“, weil sie „nicht den geringsten Respekt vor gefärbten Haaren“ habe. Gar keine Ehrfurcht vor Haaren, kolorierten oder naturfarbenen, hegt der französische Erfolgsautor Michel Houellebecq: Seiner Aura des Ungeduschten adäquat, nimmt er professionelle Leistungen zur Veredelungen seiner Frisur nicht in Anspruch, sondern schneidet sich die Haare bei Bedarf selber, „mit der Küchenschere“. So zumindest bekannte er sich vor Jahren in einem Zeitungsinterview der Welt, die sich umso überraschter zeigte, als der notorische Provokateur 2016 bei einer Preisverleihung in Frankfurt die Bühne „im eleganten grauen Anzug, die Haare kurz geschnitten und sauber gescheitelt“, betrat. In seinem Essayband „Ein bisschen schlechter“ von 2019 nannte er Donald Trump, über dessen „opulent-üppige Keratin-Pracht“ mit ihrer „golden-eidottergelben Tolle“ (Stuttgarter Nachrichten) die halbe Welt spottete, zwar einen „haarsträubenden Clown“, aber doch einen „guten Präsidenten“. Ob gut, ob böse: Wie vor Gott (Houellebecq: „Er will mich nicht“) sind vor dem „Friseur alle gleich“, musste auch der scherenklingenscharfe Wiener Gesellschaftskritiker Karl Kraus zugeben. Er übrigens trug das Haar sehr kurz, hätte sich aber, nur weil die Salons geschlossener haben, wohl ebenso wenig umgebracht, wie Oscar Wilde es tat. Für den war „Selbstmord das größte Kompliment, das man der Gesellschaft machen kann“, und die hat, konfus zusammengewürfelt, wie sie nun mal zu sein pflegt, uneingeschränkte Lobreden noch nie verdient. Dass die Deutschen seit Montag ihren gefärbten wie naturbelassenen Haaren wieder „Respekt“ zollen können, hätte dem Iren aber wohl doch ein „Kompliment“ abgerungen: Immerhin wählte er seine „Freunde nach ihrem guten Aussehen“ aus. ■


Nur mit Waffen

Dienstag, 2. März   Evolution oder Revolution? Sozialismus oder Sozialdemokratie? Der Letzteren gehört Wolfgang Thierse an, langjähriger Präsident und später Vizepräsident des Deutschen Bundestages. „Die radikalisierten Elemente in der Arbeiterschaft waren nur mit Waffengewalt zu besiegen“, äußerte er vor zwei Jahren. „Das bleibt schmerzlich, auch im Rückblick, aber der Weg, der dann eingeschlagen wurde, war der bessere.“ Der „Rückblick“ reichte, als Thierse dies sagte, hundert Jahre zurück: Damals, am 5. Januar 1919, brach in Berlin der Spartakusaufstand los – und wenig später zusammen. „Gebraucht die Waffen gegen eure Todfeinde“, hatten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Anführer der neu gegründeten Kommunistischen Partei, ihren Gefolgsleuten zugerufen. Als „Todfeinde“ erwiesen sich keineswegs nur Nationalisten, Militärs und radikalkonservative Rechte; auch Spitzenvertreter der SPD reihten sich ein. Zum Beispiel Gustav Noske, gewesener Redakteur, Reichstagsabgeordneter, Militärexperte, Gouverneur von Kiel. Als solcher hatte er im November 1918 geholfen, die Meuterei der Kriegsmarine und die im Umfeld aufflammenden Unruhen auszulöschen. Nun, zwei Monate später, war er erst recht bereit, den „Bluthund“ zu machen: Mit der Schmutzarbeit bei der Niederschlagung des Spartakusaufstands betraute er Waldemar Papst, einen Generalstabsoffizier, von dem bekannt war, dass er gern brutal hinlangte. Kompromisslos rangen Truppen der Regierung und Freikorps die Erhebung nieder; dann befahl Papst, die Anführer zu liquidieren. Zehn Tage nach Ausbruch der Rebellion wurden Luxemburg und Liebknecht festgesetzt, hart geprügelt und erschossen. Noch 1962, im rechtsradikalen Studenten-Anzeiger, brüstete sich Papst damit, als Ankläger, Richter und Retter der Zivilisation fungiert zu haben, in Personalunion: „Ich habe sie richten lassen. Ihr Sieg hätte das christliche Abendland zum Einsturz gebracht.“ Rosa Luxemburgs Geburtstag jährt sich am Freitag zum 150. Mal. Nur 48 Jahre wurde sie alt und hat doch Außerordentliches bewirkt. Als „höhere Tochter“ in Südostpolen geboren, widmete sie sich von Jugend auf der Politik und dem Kampf für eine bessere Welt der Rechtsgleichheit und der „Freiheit der Andersdenkenden“. Schon als auffallend kritisch-hellköpfige Schülerin machte sie die Ziele der Arbeiterbewegung zu ihren eigenen. Um nicht verhaftet zu werden, verließ sie neunzehnjährig die Heimat, um in Zürich Volkswirtschaft zu studieren, ihren Doktor zu machen und sich in den Marxismus zu vertiefen. Zwischendurch half sie 1893, eine sozialdemokratische Partei in Polen zu gründen. Für die deutsche SPD setzte sie sich ein, sobald sie 1898 die Staatbürgerschaft erworben hatte, wobei sie den linken Flügel zu stärken suchte. Sie schenkte sich nichts und nahm alles in Kauf: Den Ersten Weltkrieg verbrachte sie – Mitbegründerin und, an Karl Liebknechts Seite, Hauptaktivistin der antimilitaristischen „Gruppe Internationale“ – fast durchgehend hinter Gittern, bis Novemberrevolutionäre sie 1918 befreiten. Nach Gründung der sich rasch radikalisierenden Kommunistischen Partei sprach sie sich vergebens dafür aus, sich an den bevorstehenden Wahlen zur Nationalversammlung zu beteiligen. Also doch Evolution statt Revolution? Im Blutbad der „Bluthunde“ wurden Unterschiede nicht gemacht. ■


Der Mars, tönend

Samstag, 27. Februar   Synästhesie ist nicht zwar ein schwieriges Wort, aber eine feine Sache. Der Begriff benennt die Wahrnehmung, die uns widerfährt, wenn wir einen Sinnesreiz aufnehmen, ein Reizwort aufschnappen und unwillkürlich entlegene Eindrücke anderer Sinne sich sogleich mit einstellen. Zum Beispiel berichtete eine liebe Freundin dem Schreiber dieser Zeilen, für sie seien bestimmte Zahlen fest mit bestimmten Farben verbunden. Oder das Aroma eines in Tee gestippten Sandtörtchens: Das überströmte Marcel Prousts Gedächtnis schlagartig mit den vergessen geglaubten Lichtern und Couleurs, Geräuschen und Gerüchen seiner Kindheit auf dem Lande. In den alten Griechen indes finden wir alle unsere Meister: Als musisches Kulturvolk stellten sie ihre gesamte Kosmologie unter ein synästhetisches Konzept. Sie malten sich aus, im Mittelpunkt des Universums ruhe die Erde, um die alle Körper des Himmels gleichmäßig kreisten, und zwar befestigt auf acht hohlen, konzentrischen, durchsichtigen Kugeln; indem jede dieser „Sphären“ sich bewege, erzeuge sie einen ihr eigenen Klang, und weil alle acht ineinander unterschiedlich rotierten, ergebe sich eine harmonische „Sphärenmusik“. Nun aber sind Geräusch, Klang, Tonkunst an die Luft gebunden, die den Schall transportiert, und kommen also im luftleeren Weltraum nicht vor. Umso größer das Interesse an Lauten, die dennoch aus dem Kosmos zu uns dringen. Anders als die antiken Hellenen wissen wir, dass die fünf Planeten, die wir mit bloßem Auge erkennen, dass also Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn nicht auf ein und derselben Kugel, mithin nicht in derselben Entfernung unseren Erdball umlaufen. Darum bläht sich stolz die Astronomen-Brust, wenn es gelingt, eine Sonde auf der Venus landen zu lassen; oder gar auf dem – noch weiter entfernten – Mars. Dieser Tage hat der US-Rover „Perseverance“ ihn erreicht. Bis dahin war er fünfhundert Millionen Kilometer weit und ein gutes halbes Jahr lang unterwegs. Das Warten lohnte sich, auch akustisch: Der Mars gibt Laut, erstmals für uns hörbar. Denn das Mikrofon des Fahrzeugs fing Töne ein: Der höhere von ihnen verdankte sich zwar der bordeigenen Maschinerie; einen dumpferen aber erzeugte der planeteneigene Wind, der mit 180 Stundenkilometern den Landeplatz, einen Krater namens Jerezo, durchbrauste. Recht dünn ist die Gashülle rund um den Mars. Wir Erdlinge genießen das Glück vergleichsweise dicker Luft, die den Schall weit nuancierter überträgt. Sofern Euterpe, die Muse der Musik, die Künstlerinnen und Künstler küsste, waren sie gleichwohl um transatmosphärische Klänge niemals verlegen: Den Mond besingen wir volkstümlich, aber nie so ergreifend wie in dem Lied, das ihm Antonín Dvořák in seiner Oper „Rusalka“ widmete. Zwar wissen wir nicht, „wie viel Sternlein stehen“, doch der französische Frühimpressionist Henri Duparc führt uns in einer wunderbaren Tondichtung „Aux étoiles“, zu den Sternen. Gustav Holst, in seinen „Planeten“, lässt den Merkur erst mal links liegen, um seine berühmte Orchestersuite martialisch gleich mit dem Mars anheben zu lassen, dem „Bringer des Kriegs“. 1914, als der Erste Weltkrieg entbrannte, hatte der Brite mit der Komposition begonnen, 1918 wurde sie uraufgeführt – im selben Jahr, in dem der Däne Rued Langgaard ein Großwerk für ein geradezu universales Instrumentarium abschloss, Orchesterkunst von einer kosmischen Weite des Klangraums, voll außerweltlicher Ruhe und solarer Explosionen. Der Titel: „Sphärenmusik“. ■


Blüte und Pleite

Dienstag, 23. Februar   Mit dem Knaben Hanno kommt das Ende. Ein Buddenbrook ist er nur mehr dem Namen nach. Kein lebenskräftiger Handelsmann nach Art der Vorfahren kann je aus ihm werden. Nicht für Geld und Besitz, fürs Klavier sind seine Hände geschaffen. Mit der Feder zieht er in der Familienchronik einen Strich unter seinem Namen: Nach ihm wird nichts mehr kommen ... Mit Thomas Johann Heinrich Mann kam das Ende. Als der angesehene Lübecker Kaufmann und Senator 1891 starb, wusste er, dass seine Kinder zu Ökonomen nicht taugten. Konsequenterweise liquidierte er seine Firma. So konnten die Söhne Heinrich und Thomas Schriftsteller und zu Protagonisten der deutschen Literatur werden. freilich hatte Thomas Mann genug von der Lebens- und Geistesart hanseatischer Handelsherren aufgesogen, um daraus einen Roman zu machen. Familien gelten als finanzielle Aktiva: Als gut norddeutsche Pfeffersäcke, in denen die Leistungsethik des Protestantismus jeden Tropfen Blut sättigt, glauben die Buddenbrooks, ein erfülltes Sein lasse sich an dem ablesen, was man im Übermaß besitze. Heiraten beschließen und schließen sie, sofern Braut oder Bräutigam als ‚gute Partie‘ gilt und tadelfrei das Renommee der Sippe hebt. Die scheitert zwangsläufig an der gründerzeitlichen Epochenwende, die der überständigen Hochwohlgeborenheit den Garaus macht und nach der sich merkantile Integrität nicht mehr in barer Münze auszahlt. Den „Verfall einer Familie“ studiert Thomas Mann in dem Wälzer, der in der Gesamtausgabe 750 Seiten umfasst; umso bündiger, wie buchhalterisch, wählte er als Titel schlicht den Namen des Großbürger-Clans, dessen Spätblüte, Firmenpleite und Marginalisierung er so stilvoll wie anschaulich, nicht minder mokant als bewegend nachvollzieht. Ein wimmelndes Figurenpanorama, ein Zeitpanorama von enormer Spannweite: In über vierzig Sprachen übersetzt, fand das frühe Meisterwerk bis heute weltweit wohl über fünf Millionen Käufer. Damit war nicht gleich zu rechnen, denn der Absatz verlief zumindest anfangs schleppend. Bislang hatte Mann erst mit ein paar Novellen ein wenig Eindruck gemacht. Nun bot er das gewaltige Konvolut beschriebenen Papiers dem bedeutenden Verleger Samuel alias S. Fischer an. Wirklich hielt der viel vom Stoff und von dessen Gestalter. Indes: ein so unerfahrener Schriftsteller – und gleich eine Saga von solcher Weitschweifigkeit? Also schlug Fischer vor, die Hälfte zu streichen. Das komme nicht infrage, beschied ihn der Jungdichter selbstbewusst. Der Verleger gab nach und riskierte viel: Vor 120 Jahren, am 26. Februar 1901, erschien das Werk in zwei Bänden – die sich kaum verkaufen wollten. Schon glaubte Fischer seine Bedenken bestätigt, durfte sich dann aber doch, mit der nun einbändigen Zweitauflage, über einen Best- und Longseller freuen. Als die Nobel-Jury Thomas Mann den Literaturpreis für 1929 zusprach, galt die Ehrung übrigens nicht etwa dem seit fünf Jahren gefeierten „Zauberberg“, sondern ausdrücklich – und fast kränkend für den spätestens mit jenem chef-d'œuvre ausgewachsenen „Großschriftsteller“ – den „Buddenbrooks“. Der Dichter spürte Wehmut; und verwand sie: Der Preis, resümierte er, habe „wohl auf meinem Wege“ gelegen. Ein „außerordentlich deutsches Buch“ nannte er später sein Debüt und meinte stolz – und nicht zu Unrecht –, er habe, kaum 26-jährig, in ihm „schon alles gegeben“. ■


Alles höchst edel

Samstag, 20. Februar  Besucher hatten keinen Grund zu klagen. Noch bevor der Dichterfürst ihnen die Ehre seines leibhaftigen Auftritts erwies, ließ er sie wissen, dass sie willkommen seien. „Salve“ lasen sie auf der Schwelle, die zu Johann Wolfgang von Goethes Gemächern führte: Sei gegrüßt. Mit Zeitgenossen, die ihm  gebührend Achtung erwiesen, tauschte er sich gerne aus, befleißigte er sich doch in seinem Heim gern der „Verbreitung von Kunst und Wissenschaft“. Unter einen Kupferstich, der das Haus am Weimarer Frauenplan zeigt, reimte er: „Warum stehen sie davor? / Ist nicht Türe da und Tor? / Kämen sie getrost herein, / Würden wohl empfangen sein!“ Wirklich reißt der Strom der Neugierigen und Zudringlichen (auch wenn das Coronavirus ihn seit 2020 stark ausdünnt) nicht ab. Bis 2025 soll das auch so bleiben, dann nämlich feiert Weimar die 250. Wiederkehr des historischen Augenblicks, da der 26-jährige Goethe, noch kein Dichterfürst, gleichwohl schon eine Berühmtheit und als solche von Herzog Carl August herbeigewünscht, in der Stadt anlangte. Als er 1832 sein Leben in ihr beschloss, hatte er ein halbes Jahrhundert am Frauenplan gelebt. In den Westteil des Anwesens war er 1782 zunächst als Mieter eingezogen; 1794 vermachte der Duodez-Regent es ihm großzügig im Ganzen als Geschenk. Heute gehört es mitsamt vielen originalen Möbeln und Ausstattungsgegenständen sowie den üppigen Sammlungen zum Unesco-Welterbe. Nach dem Jubeljahr, von 2026 an, werde das Haus saniert, teilte dieser Tage die Klassik-Stiftung mit. An Eingriffen in die Bausubstanz hat es nie gefehlt. 1709 errichtete es ein fürstlicher Kammerkommissar und Strumpfverleger namens Georg Caspar Helmershausen als Großbürgerdomizil. Goethe ließ es gründlich umbauen, einerseits um sich private Ungestörtheit für seine gelehrten Ambitionen zu schaffen, wofür er die Räume des Hinterhauses, dazu seinen „Klostergarten“ vorsah; zum andern schuf er im vorderen, der Straße zugewandten Trakt Platz für angemessene Repräsentation. Dem ergebenen Adlatus und Gesprächs-Dokumentaristen Johann Peter Eckermann gefiels: Er fand beim ersten Aufenthalt „alles höchst edel und einfach, ohne glänzend zu sein“. Ein Urteil sicher ganz in Goethes Sinn: Prunken wollte er nicht; freilich, herzeigen, was er hatte – das tat er schon gern. Und er hatte viel: allein 26 000 Kunstobjekte, dazu eine gut sortierte Bibliothek von 6500 Bänden; 23 000 naturwissenschaftliche Präparate, davon 18 000 Mineralien, füllten einen Gartenpavillon an der Grundstücksgrenze. „Nicht leicht wird jemals so vieles und so Vielfaches interessantester Art bei einem einzigen Individuum zusammenkommen“, staunte und prahlte Goethe selbst. Derzeit unterbindet Sars-CoV-2 den Besuch des 1886/87 hier etablierten, nach Behebung der Weltkriegsschäden seit 1949 wiedereröffneten Goethe-Nationalmuseums; in fünf Jahren schließt es der Bauarbeiten wegen wiederum, dann für mindestens zwei Jahre. Dennoch lassen sich die achtzehn geistgesättigten, atmosphäredichten, biedermeierlich wohnlichen Räume der Ausstellung in aller Ruhe durchschreiten: Im Internet ist man „zu Gast bei Goethe in 360°“. Gleichsam auf seinen Spuren gleitet man via Maus wie auf leisen Filzpantoffeln durch die Schauräume und das Privatissimum. Es ist, als ob der Dichter online „Salve“ sagte. ■


Dienstag, 16. Februar  Bevor die Tänzerin sein Herz gewann, sorgte sie dafür, dass er Stielaugen bekam. Eine (wohl böswillige) Überlieferung besagt, dem König habe der erste Anblick ihres ansehnlichen Busens die Sprache verschlagen: „Natur oder Kunst?“ brachte er, zweifelnd, gerade noch heraus. Da soll die gelenkige Beauté behände ihr Bustier aufgeschnippelt haben, und Bayerns erster Ludwig durfte sich überzeugen: An Lola Montez war alles dran und alles echt. Auf den Wahrheitsgehalt der Anekdote geben Geschichtskenner nicht viel, so greifbar wie humoristisch aber umreißt sie die Grundsituation. Brav, nicht treu war Ludwig mit seiner Therese verheiratet, hatte hübsche Frauen die Menge verehrt und genossen und mit Porträts der attraktivsten eine erlesene „Schönheitengalerie“ arrangiert. Dann forderte Lola Montez den schon Sechzigjährigen noch einmal zu Eruptionen sowohl der Wollust wie seines Ehrgeizes als dilettierender Dichter heraus: Im Herbst 1846 trat ihm die Hochstaplerin, Herzensbrecherin und Hetäre erstmals entgegen, die vor zweihundert Jahren, am 17. Februar 1821, als Elizabeth Gilbert im nordwestirischen Grange zur Welt gekommen war. Als rassige Ballerina, mit iberischem Pseudonym und einem geradebrechten Spanisch auf den Lippen, verdrehte sie den Männern, namentlich solchen von Adel, Geld und Einfluss, die Köpfe. Der Ranghöchste unter ihnen, der König im Bayernland, belohnte ihre unermüdlichen Gunstbeweise mit sündteuren Geschenken, darunter einem Palais. Auf Zustimmung stieß er damit weder bei seinen Ministern noch bei seinem Volk. Empörung kochte hoch, als er die menschenverachtend mit der Reitpeitsche um sich schlagende, schon als Zigarrenraucherin anstößige Kurtisane zur Gräfin erhob. Dass das Bett, das sie für den König wärmte, zwischendurch auch andere Liebhaber durchquerten, pfiffen die Spatzen von den Dächern. Ludwig indes vertraute ihr: „Wenn der Schein auch trüget, / du bist getreu, und du bist immer wahr“, sang der poetische Potentat in blinder Liebesblödigkeit. Vor den Münchnern, die sie auf der Straße offen als Hure beschimpften, sich sogar zum Protest zusammenrotteten, beschützte Militär die „unaussprechliche Frau“ mit blankem Säbel. Die wohl beiderseits von Zuneigung getragene, freilich immer schmuddeliger anzusehende Affäre wuchs zur innenpolitischen Krise sich aus. Mit knirschenden Zähnen verfügte Ludwig schließlich Lolas Ausweisung aus dem Königreich; unter Mitnahme eines ihrer Lover und einer beträchtlichen Apanage verzog sie in die Schweiz. Dann kam, 1848, die Revolution. Gegen den Willen des von Machtschwund bedrohten Regenten stand Lola plötzlich unter Haftbefehl. Und überhaupt verlor Ludwig die Lust, zumindest am Regieren: Am 20. März trat er zurück. „Die Sylphide / mit den blauen / Augen hell und klar“ abenteuerte über den Atlantik, spielte am New Yorker Broadway auf der Bühne sich selbst, wurde fromm und erlag einen Monat vor ihrem vierzigsten Geburtstag ebendort einer Lungenentzündung. „Pfuy Teufel, Königshaus“, hieß es auf dem Höhepunkt des Skandals in einem Pamphlet, „bringst uns in Schand und Spott. / Helf uns der liebe Gott.“ Maximilian half, Ludwigs Sohn und Nachfolger auf dem Thron, als Persönlichkeit vergleichsweise blassgrau, aber verlässlicher bei Verstand als der Papa. Dem verdankt München immerhin viel noble Baukunst und eine der schönsten Klatschgeschichten aus der Welt gekrönter Häupter. ■


Tanz nach der Pfeife

Samstag, 13. Februar  Was uns Menschen vor der übrigen Fauna einzigartig mache – darüber gehen die Ansichten weit auseinander. Manche sagen, es sei der aufrechte Gang; die Komplexität unseres Gehirns; die Sprache; die Fähigkeit, Werkzeug zu gebrauchen … Aber sind wir denn allein damit? Raben etwa oder auch Delphine verblüffen uns durch ihre Intelligenz, auch mancher Nager, Affe, Hund läuft gern mal auf zwei Beinen, Wale kommunizieren sehr differenziert, Werkzeuge verwenden manche Vögel und Otter auch … Besonders macht uns wohl, dass wir von alledem so viel auf uns vereinen. Mit den Affen teilen wir den Vorzug, über einen Daumen zu verfügen. Indem wir ihn den übrigen vier Fingern gegenüberstellen, eröffnet sich unserer Hand ein reiches Repertoire an Möglichkeiten, fest oder fingerspitz, zärtlich oder mordend zuzugreifen. Oder Musik zu machen: Auf dem Klavier schlagen wir leicht acht, neun, zehn Töne miteinander an; oder wir bescheiden uns mit einem Flötenton. Das taten unsere jungsteinzeitlichen Vorfahren schon vor 50 000 Jahren. So alt ungefähr ist das älteste bekannte Blasinstrument; in Slowenien wurde es aus einem Bärenknochen geschnitzelt und gebohrt. Etwa zehntausend Jahre später entstand eine Flöte mit drei Löchern, die den vorgeschichtlichen Bewohnern des Geißenkösterles, eines Felsüberhangs bei Blaubeuren, das Spiel von Tonfolgen erlaubte. Vor  35 000 Jahren erklang eine Elfenbeinflöte im gleichfalls baden-württembergischen Lonetal. ‚Nur‘ etwa halb so alt, 18 000 Jahre nämlich, ist das gewundene Haus der Charonia lampas, einer Tritonschnecke aus dem Ozean, das nahe der winzigen Pyrenäengemeinde Marsoulas im südlichsten Südfrankreich auftauchte: Gefunden wurde es schon 1931 in einer Höhle voller prähistorischer Felsmalereien; doch jetzt erst zeigte sich, dass das gut dreißig Zentimeter lange, farbig dekorierte Kalkgehäuse geeignet, wenn nicht eigens dafür angefertigt worden ist, Töne preiszugeben. Angeblasen wurde es über die absichtsvoll entfernte Spitze; weitere Öffnungen erlaubten, die Tonhöhe zu variieren: Einem zurate gezogenen Hornisten gelangen ein C, ein Cis, ein D. Das Artefakt lässt ahnen, dass wir Menschen bereits nach der Pfeife tanzten, als unsere Kultur noch in sehr kleinen Kinderschuhen steckte. Selbst Tiere, denen wir ein gewisses Faible für Musik zuschreiben, besagte stimmsonore Wale und zwitscherndes Federvieh, heulende Wölfe oder rhythmisch ratschende Zikaden, benutzen dazu keine Extra-Utensilien, sondern sehen sich auf das verwiesen, was der eigene Körper ihnen zur Verfügung stellt. Sie also, die Musik – und mit ihr alle Kunst, die uns ausdrückt und von uns erzählt –, sondert uns Menschen tatsächlich von den Nachbarkreaturen ab. Rechtfertigt das indes den Dünkel, mit dem wir uns die Natur unterwerfen? Mark Twain, der notorische Spötter (und Verfasser des „Tom Sawyer“), wollte im Menschen nicht viel mehr erkennen als „das einzige Tier, das errötet und Grund dazu hat“. Wirklich sollten wir uns schämen eingedenk der unheilvollen Weise, mit der wir die geschundene Umwelt gleichsam nach unserer Pfeife tanzen lassen. Für Mutter Erde sind wir eher Fluch statt Segen, gleichwohl geben wir unsere Spezies gern als „Krone der Schöpfung“ aus. Zwar krönen wir unser Dasein als Geschöpfe mit Musik, trotzdem gebührt der angemaßte Ehrentitel uns nicht. Der Zelle steht er zu und allenfalls dem Ei. ■


Unheilige Jungfrau

Dienstag, 9. Februar  Eigentlich ist es Mord. Aber Liebe ist es auch. Zwischen Sex und Sehnsucht unterscheidet Salome nicht. Einem heiligen Mann huldigt die halbwüchsige Jungfrau – die kurz nach der Zeitenwende als Prinzessin am Hof des judäischen Königs Herodes Antipas im antiken Palästina ihr Leben vertändelt –, aber sie vergöttert den Warner auf ihre sehr eigene Weise: nicht in aller Andacht, sondern als Verführerin, mit ihrem Leib, nicht mit der Seele. Von dem Propheten abgewiesen und sogar verflucht, schlägt sie den einzigen Weg ein, der sie noch zu ihm führen kann: Sie bringt ihn ums Leben. Dann gehört er ihr ganz. Das Haupt lässt sie dem Eingekerkerten abschlagen und sich triefend auf einem Tablett bringen, um es zu liebkosen, während sie ihm unstillbar die Glut ihrer Leidenschaft bekennt. Die keuscheste Form der Hingabe – und wahrlich, die obszönste auch. „Ah! Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan“, jubelt sie in ihrer Lust. „Es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen. Hat es nach Blut geschmeckt? Nein! Doch es schmeckte vielleicht nach Liebe ... Sie sagen, dass die Liebe bitter schmecke.“ Theaterfreunde kennen die faszinierend schaudervolle Szene aus Richard Strauss’ Oper um Erregung, Erfüllung und Tod der Salome; 1905 kam der Einakter in Dresden heraus, in damals als unerhört wahrgenommenen neuen Tönen und dissonanten Harmonien, hundert Minuten lang. Die einst von der Zensur als skandalös verurteilten Zeilen des berühmten Schlussgesangs sind hierzulande unter Kennern in den Rang geflügelter Worte aufgestiegen, was auch der Poetin Hedwig Lachmann zu danken ist, deren Übersetzung des Stücks der Komponist zum Großteil und nur wenig abgewandelt seinem Musikdrama zugrunde legte. Das Original indes erblickt weit seltener das Scheinwerferlicht der Bühne. Von Oscar Wilde stammt es, der sich dabei auf die biblische Geschichte vom Martyrium des Täufers Johannes aus dem Neuen Testament bezog. Nicht in seinem Heimatidiom Englisch hatte der Ire es 1891 zuerst herausgebracht, sondern auf Französisch, jener „seltsamen Sprache“, die er liebte, „wie man ein Musikinstrument liebt, das man noch nie gespielt hat“. Vor 125 Jahren, am 11. Februar 1896, erlebte die „Salome“ am Pariser Théâtre de l'Œuvre ihre Uraufführung. Nicht nur die Sprache des Schauspiels, auch das Stück selbst liebte der Dichter: Angeblich achtete er es noch höher als seine vier wunderbar dahinparlierten Lustspiele, mit denen er, als luxusverliebter Dandy, Meister der ironischen Gesprächskunst und glanzvoller Tänzer auf den haarfeinen Seilen des paradoxen Aphorismus, später die viktorianische Gesellschaft hinriss und erheiterte. Sogar ein singulärer Stilartist wie er, Kenner alles Erlesenen, Teuren und Schönen, hat sich nicht oft zu solcher Delikatesse der Diktion, zu so schillernden Phantasmagorien der Symbole, Metaphern und ihrer Farben aufgeschwungen wie hier. Widersprüchlich in grausamer Zartheit und zugleich tödlicher Härte prallen Erkenntnis und Eros, Jochanaans erleuchteter Geist und der leuchtende Leib der unberührten femme farale aufeinander. Wilde stellte sich selbst vor die Wahl, welcher Seite er zuneigte: Den wahnsinnig-weiblichen Part der Salome zog er der moralisch überlegenen, doch dahingemetzelten Männlichkeit vor. Aus dem Jahr 1895 datiert ein Foto, das ihn in den Gewändern und mit den Preziosen der un–heiligen Jungfrau zeigt, niederkniend vor einer Schüssel mit dem Kopf des frommen Künders, nach dem der Künstler begehrlich Arme und Hände ausstreckt. ■


Ein Kraftkerl

Samstag, 6. Februar   Eine Leuchte ist er nicht. Er hat keine Atmosphäre, keine Farben, und was wir für sein romantisches Schimmern halten, hat sich der Mond von unserem Zentralgestirn geklaut. Anders als manche seiner Kollegen im Sonnensystem steht er nicht unter dem faszinierenden Verdacht, er könne einfache Lebensformen beherbergen, erst recht hat er keine so schmucken Ringe wie Saturn, auch kein Auge wie der Jupiter und überhaupt wenig, womit sich prunken lässt. Größe schon gar nicht: Fünfzig Mal würde er in unsere Erde passen. Aber eins hat der Mond: Schmackes. Etwa 400 000 Kilometer ist er  entfernt und vermag uns doch täglich das Schauspiel von Ebbe und Flut zu bieten, indem er kreisend und kraft seiner Gravitation Abermilliarden Tonnen von Meerwasser hin und her bewegt. Dass der kleine Kraftkerl sich aus sicherer Entfernung auch noch anders Geltung bei uns verschafft, vermuten wir Menschen, seit es uns gibt (also schon immer). Weil der Mond seine „Phasen“ regelmäßig wechselnd durchläuft, nahmen unsere vorzeitlichen Vorfahren ihn als mythisches Sinnbild für Werden, Vergehen und Erneuerung, auch als Symbol für das Regelmaß der Zeit. Immerhin heißt unser Wort Monat nach ihm. Irgendwann freilich verzichteten wir, zu Positivisten gewandelt, darauf, ihm Übernatürliches zuzutrauen, und hielten uns lieber an Statistiken. Die lehrten uns, dass es entgegen dem Volksglauben bei Vollmond nicht mehr Verkehrsunfälle, zwischenmenschliche Konflikte und Geburten gibt und auch nicht mehr Warzen verschwinden oder Operationen misslingen als sonst. Aber der Schlaf als solcher? Da scheint Differenzierung nötig, wie ein Aufsatz in den Science Advances nahelegt. Ein Forscherteam berichtet in dem angesehenen US-amerikanischen Wissenschaftsjournal von einer Studie, an der Angehörige eines indigenen Stammes in Argentinien - die einen ohne, die anderen mit Zugang zu elektrischer Beleuchtung - sowie Probandinnen und Probanden aus der modernen Großstadt Seattle teilnahmen. Das Ergebnis: Eine „Modulation des Schlaftimings durch Mondphasen“, wiewohl vielfach um- oder bestritten, lässt sich durchaus nachweisen. In den Nächten kurz vor Vollmond schlafen wir später und kürzer. Denn bis zur Industrialisierung nutzten unsere Vorfahren das Licht des Mondes zu Fischfang, Jagd und gemeinschaftlichen Aktivitäten. Weil dies sich so verhält, seit unsere Spezies sich entwicklungsgeschichtlich zu entfalten begann, hat sich das Verhaltensmuster offenbar in unser Erbgut eingebrannt. Woran wir Menschen allerdings während halber Ewigkeiten nicht im Traum zu denken wagten, nämlich den treuen Erdgefährten leibhaftig zu besuchen, das wurde 1969 Wirklichkeit und solls demnächst aufs Neue werden. Thomas H. Zurbuchen, Wissenschaftsdirektor der NASA, gibt die Parole aus: Die USA wollen wieder „zum Mond und dann zum Mars“, und zwar „so schnell wie möglich, mit internationalen Partnern“. Donald Trump, als er noch Präsident war, versprach, es solle 2024 unbedingt auch erstmals eine Frau mit auf die Reise gehen. Dass es im Dezember, kurz vor seiner Abwahl, den Chinesen gelang, von ihrer Sonde „Chang’e 5“ aus eine Flagge ihres Landes auf dem Erdtrabanten zu hissen, wird ihn mächtig gewurmt haben. Bis dato standen dort nur sechs Sternenbannerchen herum, von keiner Bö bewegt. Der Mond ist stark genug, beide Hinterlassenschaften stoisch zu ertragen. ■


Weste mit Flecken

Dienstag, 2. Februar  Dieser Mann hat Bedeutung für Millionen, nur wissen die meisten kaum von ihm. Schweizer war er, wurde aber, am Donnerstag vor 125 Jahren, im kaiserlich-königlichen Wien geboren und starb, mit gerade mal 42, in der Nähe des italienischen Genua. Ein braver Bürger wollte Friedrich Glauser sein und kam doch unheilbar vom Morphium nicht los, das ihn gesellschaftlich ins Abseits stellte. Seinen Namen trägt heute einer der bedeutendsten Preise für Kriminalliteratur; selbst aber siegte er, 1934, vier Jahre vor seinem Tod, lediglich beim Kurzgeschichtenwettbewerb einer Zeitung. Danach erst kamen, binnen Kurzem und in der Mehrzahl nach seinem Tod, seine eigenen einschlägigen Romane in Buchform heraus; und verschwanden wieder vom Markt. Unzählige Menschen begannen, Krimis zu lesen und zu lieben, aber Glausers Geschichten um den kant- und kauzigen Wachtmeister Studer bekam man bis in die Achtzigerjahre allenfalls antiquarisch vor Augen. Unstet, beschwerlich, demütigend oft verlief das Leben des Schriftstellers, der bereits als Siebzehnjähriger eine Serie von Selbstmordversuchen begann. Deshalb und wegen Handgreiflichkeiten mit einem Lehrer flog er aus einem Wiener Gymnasium. Zwanzigjährig nahm er in Zürich ein wüstes Bohèmedasein auf, das weit mehr Geld verschlang, als er besaß. Weil sich sein Verhalten den allgemeinen Normen und der väterlichen Erziehung nicht beugte, ließ der Papa den „liederlichen und ausschweifenden“ Filius entmündigen, der die Mutter bereits als Vierjähriger verloren hatte. Mit Entzugskliniken und Gefängniszellen schloss er etwa ab seinem 25. Jahr Bekanntschaft. Die französische Fremdenlegion entließ ihn nach zwei Jahren, einer Malaria-Erkrankung und eines Schadens am Herzen wegen. Gleichwohl legte die Soldatenzeit mittelbar den Grundstein für seine Laufbahn als Erzähler: Unter Kriegern in Südmarokko spielt sein erster Roman „Gourrama“, den er erst sieben Jahre nach dem Abschied von der Söldnerarmee abschloss. Seinen Nachruhm aber verdankt er der Reihenfigur des Jakob Studer, den er nicht als souveränen Verbrechensbekämpfer mit weißer Weste ausgestaltete; vielmehr fristet der alternde, nie höher als zum Wachtmeister beförderte Beamte selbst eine eher randständige Existenz, hatte er doch einst bei irgendeinem dunklen Geldgeschäft die Finger im Spiel. Mithin steht er den halbweltlichen Milieus und menschlichen Niederungen, in die er sich in fünf Büchern begibt, näher, als so manche literarischen Kollegen aus anderen Federn der Zeit es tun, die durch Furcht- und Tadellosigkeit unweigerlich ans Ziel gelangen; mit einem sympathischen Schnösel wie dem Hercule Poirot der Agatha Christie zum Beispiel verbindet ihn wenig, immerhin die Intuition. Mit Studer modellierte Glauser musterhaft einen der Urtypen des deutschsprachigen Krimi-Kriminalisten. Als für den Autor ein Durchbruch und privates Glück endlich greifbar schienen – er hatte das Herz einer Frau gewonnen –, wich er, ob gewollt oder nicht, in den Tod aus: Am Abend vor der Hochzeit erlitt er, wahrscheinlich nach Einnahme einer Überdosis Schlaftabletten, einen Gehirnschlag, brach sich beim Niederstürzen den Schädel und fiel ins Koma, aus dem er nicht wieder erwachte. Indem die Nachwelt einen Preis nach ihm benannte – den „Glauser“ verleiht seit 1987 die Autorengemeinschaft „Syndikat“, 2013 erhielt ihn der Hofer Roland Spranger für „Kriegsgebiete“ –, ehrte sie ihn postum höher, als ein Preis es zu Lebzeiten vermocht hätte. ■


Die Stadt Z

Samstag, 30. Januar  Es gab eine Zeit, und so lange ist sie nicht her, da war Abenteuer noch kein freizeitlicher Trendsport für Adrenalinjunkies auf der Suche nach dem nächsten „ultimativen Kick“, sondern eine existenzielle Entscheidung von Männern und Frauen, die es wissen wollten: nämlich was sie, als Winzlinge, mit dem gewaltigen Ball im All, der Erde, anfangen könnten. Das war die Zeit, als es noch „weiße Flecken“ in den Atlanten gab, Symbole für Weltgegenden, die kein sogenannter zivilisierter Mensch betreten, geschweige denn inspiziert hatte und die darum auf den Karten als Leerräume ohne grafische Signaturen aufschienen. Mag sein, dass es damals einfacher war, ein veritables Wagstück zu erleben; oft aber war es mit Risiken für Leib und Leben verbunden, so wie heute der verwegene Absprung im wingsuit, einem „Flügelanzug“, aus einem Flugzeug oder das draufgängerische free climbing eine tausend Meter hohe Steilwand hinauf. Viele Entdecker, die Fernweh, Forscherehrgeiz und Abenteurermut in sich vereinten, fanden, wo sie nach Exotik, Kostbarkeiten, Bodenschätzen suchten, den Tod. So auch Percy Fawcett: Der britische Artillerieoffizier, seiner Heimat und des Militärdienstes überdrüssig, machte sich von 1906 an sieben Mal nach Südamerika zum Amazonas auf, dem größten Fluss der Welt. Ursprünglich machte er sich für die Royal Geographic Society auf den Weg, um die umstrittene Grenzlinie zwischen Brasilien und Bolivien festzulegen und die noch kaum sondierte Region des Mato Grosso zu kartografieren, einen der letzten der besagten weißen Flecken. Dann aber verlagerte sich Fawcetts Eifer: In Rio de Janeiro war er auf Notizen von Glücksrittern aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gestoßen; die wollten, so las er, bei ihren Raubzügen im Regenwald auf breite Straßen und mächtige Plätze, verlassene Luxushäuser aus Stein und den leeren, aber weitläufigen Regierungssitz eines Herrschers gestoßen sein. Fawcett war elektrisiert: eine vergessene Hochkultur – im Dschungel, der doch als unbesiedelbar galt? Die Aufzeichnungen schienen zu bestätigen, was ihm auf seinen Expeditionen wiederholt Eingeborene zugeraunt hatten. „Z“ nannte er die Stadt, die er wahrscheinlich nie gesehen hat und die es vielleicht gar nicht gibt. Denn bis heute fehlt jede Spur von ihr. Als Spinner tat man Fawcetts Visionen in der Heimat ab, dennoch ging er während mehrerer Jahre allen Hinweisen nach – und ging verloren. Seit dem Sommer 1925 gibt es keine Nachrichten mehr von ihm und seinem Sohn; manches spricht dafür, dass Indigene sie ermordeten. Für den sympathisch-unbesiegbaren Kinohelden, den Harrison Ford zwischen 1981 und 2008 in der „Indiana Jones“-Tetralogie verkörperte, diente Fawcett als Urbild; freilich hatte er mit der burschikosen Brachial-Archäologie des fiktiven Leinwand-Weltenbummlers nichts zu tun. Nicht zuletzt wegen seines ungewissen Schicksals wurde „Die versunkene Stadt Z“ zum Mythos, den Journalisten und Kinoregisseure am Leben hielten. Nach einem Buch des US-Autors David Grann drehte dessen Landsmann James Gray 2016 den Film gleichen Namens, den das Kulturfernsehen Arte am Sonntag um 20.15 Uhr als deutsche TV-Premiere ausstrahlt. Längst finden sich im Atlas keine weißen Flecken mehr, dafür gibt es sie in unendlicher Vielzahl auf dem gerade mal zu fünf Prozent erkundeten Meeresboden – und im All. Was es heißt, dort ein Abenteuer zu wagen, beschreibt das Fernsehen ebenfalls am Wochenende: am Samstag um 20.15 auf Vox in Damien Chazelles „Aufbruch zum Mond“. ■


Dicke Köpfe

Dienstag, 26. Januar   Schade, dass er den Satz nicht wirklich gesagt hat. Dabei klingt er so schön: so unumwunden todesmutig, charaktervoll konsequent. Kein Wunder, dass er sich als beispielhaft trutzige Redewendung und wohl populärstes Wort Martin Luthers schon ein halbes Jahrtausend lang im üppigen Zitatenschatz der Nation hält. Er verlange, insistierte der mit dem Feuertod bedrohte Reformator, dass seine in Predigten und Drucksachen geäußerte Kritik an der katholischen Lehre und dem Papsttum nur aufgrund biblischer Aussagen widerlegt werde; denn in christlichen Glaubensfragen erkenne er allein die Heilige Schrift als Autorität an. „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen“, hätten, so die Überlieferung, seine Schlussworte schicksalsergeben gelautet. „Hier“ – das hieß: in Worms. Dorthin hatte der 21-jährige deutsche, wenn auch des Deutschen kaum mächtige Kaiser Karl V. den Unruhe stiftenden, nun allerdings eingeschüchterten Gottesmann beordern lassen, nicht etwa, um über dessen umstürzlerische Ansichten zu debattieren; vollständigen Widerruf vielmehr forderten der Monarch und seine Berater. Dass es dazu nicht kann, haben nicht zuletzt die unzähligen Veranstaltungen des „Lutherjahrs“ vor vier Jahren allüberall wiedererzählt. Was Luther seinem gestrengen, streng katholischen Herrn an diesem 17. April 1521 wortwörtlich entgegnete, ist dennoch nur wenigen geläufig: „Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“ Auch in dieser Form: ein starkes Stück, solche Weigerung - Bekenntnis eines unbeugsamen Dickkopfs. Eingedenk des qualvollen Endes, das Jan Hus 1415 auf dem Konstanzer Scheiterhaufen erlitten hatte, ging Luther ein enormes Risiko ein, war doch, wie ihm, einst auch dem böhmischen Theologen freies Geleit zugesagt gewesen. Anders als Hus durfte Luther – mit von Steinlasten befreitem Herzen („Ich bin hindurch!“) – den Ort der Befragung wieder verlassen. Über den Weiterungen, die jene Begebenheiten weltgeschichtlich zeitigten, wird leicht vergessen, dass der Glaubensstreit – so sehr er dem Kaiser wie dem unbotmäßigen Gottesknecht auf den Nägeln brannte – keineswegs allein auf der Agenda des Wormser Reichstags stand. Die Zusammenkunft, die am Mittwoch vor 500 Jahren (und drei Wochen nach der Aachener Kaiserkrönung Karls) im Bürgerhof eröffnet wurde, befasste sich dringlich auch mit der Ordnung des „Heiligen Römischen“ Gemeinwesens: mit dem „Reichsregiment“ (einem ständischen Regierungsorgan), dem Reichskammergericht als oberster Justizbehörde, mit dem „Landfrieden“, also den Beschränkungen von Fehdewesen und Selbstjustiz, mit der Aufteilung von Militärausgaben. Gleichwohl blieb das Thema Luther gravierend. Dickköpfig, nämlich unbelehrbar und unnachgiebig wie der „Ketzer“, zeigten sich auch die versammelten hohen Herrschaften: Unterm Datum des 8. Mai verhängten sie mit dem „Wormser Edikt“ die Reichsacht über ihn, verboten die Publikation seiner Schriften und sogar deren Lektüre. Da freilich hatte der Religionsrebell, als Junker Jörg hinter den sicheren Mauern der Wartburg verborgen, längst die wirkmächtigste, grundstürzendste seiner Schriften in Angriff genommen: die Übersetzung der Bibel in deutsche Sätze, die jeder im Lande verstand. ■


Busen im Dunst

Samstag, 23. Januar  Bis heute verwalten die Vereinigten Staaten, ihrer florierenden Porno-Branche ungeachtet, das Erbe puritanischer Keuschheit mit absurder Zimperlichkeit. Als 2004 in Houston während der Halbzeitpause des über alle TV-Kanäle übertragenen super bowl Janet Jackson und Justin Timberlake ein Duett sangen, riss der Sänger (vereinbarungsgemäß) der Sängerin einen Teil ihres Kleids vom Leib, wodurch er (angeblich unbeabsichtigt) eine von Jacksons Brüsten mitsamt Piercing freilegte, nur für einen Moment. Der aber versetzte die Nation in Aufruhr. Auf breiter Front riefen Gut- und Wutbürgerinnen „im Namen aller US-Bürger“ nach „maximaler Bestrafung“ wegen der Zurschaustellung „expliziter sexueller Handlungen“. Sie fürchteten bleibende seelische Schäden für ihre fernsehenden Kinder, die offenbar zum letzten Mal bei der Entnahme mütterlicher Milch einen weiblichen Busen erblickt hatten und es wohl bis zur Hochzeitsnacht nicht wieder tun sollten. Unterm frivolen Namen nipplegate ging das Ereignis in die Geschichte des Fernsehens ein, das freilich schon 2004 weit erotischere Situationen weit „expliziter“ zur besten Sendezeit zeigte. Auf der Kinoleinwand sind vergleichbare Anstößigkeiten bedeutend älter, wofür hierzulande ein „Skandalfilm“ mit bezeichnendem Titel steht. Siebzig Jahre liegt es jetzt zurück, dass sich Hildegard Knef als „Die Sünderin“ dem gut- und wutbürgerlichen Publikum zum Fraß vorgeworfen sah: In dem von Willi Forst inszenierten Herzschmerz-Stück lässt die Schauspielerin und Chansonnette für ein paar Augenblicke ihre entblößte Oberweite wie durch einen Dunst hindurch sehen – was in deutschen Lichtspielhäusern bis dato nicht nur nicht üblich war, sondern als Ungeheuerlichkeit für Aufregung sorgen musste. Zum „Skandal“ indes reichte die aufblitzende Nacktheit allein dann doch nicht. Was den Film bei und nach seiner Uraufführung im Januar 1951 in Frankfurt zum Eklat – und zur Sensation – werden ließ, war der Umstand, dass er gleichzeitig mit noch vier weiteren Zumutungen aufwartete: Knef spielte eine gefallene Unschuld, die sich als Dirne verdingt, zwar einem Maler zuliebe dem Gunstgewerbe den Rücken kehrt, sich aber neuerlich verkauft, als ihrem Retter das Geld für eine Tumoroperation fehlt; nachdem der Eingriff missraten ist, hilft sie dem Erblindeten, auf seinen Wunsch hin, mit Schlaftabletten beim Sterben; und nimmt sich schließlich selbst das Leben. Prostitution und freie Liebe, aktive Sterbehilfe und Suizid, alles mit einverständiger Nachsicht dargestellt: Da rüsteten Geistliche mit Stinkbomben hoch, Kirchenvertreter quittierten ihre Mitarbeit bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), Polizei unter Waffen setzte in Regensburg energisch ein Vorführungsverbot der  Obrigkeit durch … Zwar kam kritischen Betrachtern das Melodram schon damals reichlich kitschig vor; doch warb das mediale und politische Spektakel darum herum so schlagkräftig dafür, wie sichs die Produktionsfirmen Deutsche Styria und Junge Film-Union nur wünschen konnten: Vier Millionen Deutsche wollten sich unbedingt selbst einen Eindruck von der Monstrosität verschaffen – die Kinokassen klingelten nicht, sie schepperten. Der Karriere der seinerzeit 25-jährigen Aktrice tat das wirtschaftswunderliche nipplegate bleibenden Schaden nicht an. Heute bringt das Schnülzchen nicht mal mehr Fünfzehnjährige aus der Ruhe, und die FSK macht keine Bedenken mehr geltend, wenn Kids ab zwölf es noch vor der Hochzeitsnacht sehen. ■


Schlüsselfragen

Dienstag, 19. Januar  Ja, so warns, die Krieger des Mittelalters, zumindest wenn es nach Karl Valentin geht. Der sang in einer seiner deftigen Strophen wie folgt: „Ging ein Ritter mal auf Reisen, / legt’ er seine Frau in Eisen. / Doch der Knappe Friederich, / hatte einen Dieterich.“ Mit Versen wie diesen benannte der bayerische Volkskomiker auf seine Weise die Angemessenheit eines ausgelebten Eros als eine der Schlüsselfragen menschlichen Lebens und Zusammenlebens. Die Zeilen deuten an, wie beträchtlich sich für einen abenteuernden Eroberer der amouröse Anreiz erhöht, sobald es gilt, vor dem Eintreffen bei der Geliebten Hürden, Hinder- und Hemmnisse zu überwinden. Für sie wählte Valentin das besagte und besungene „Eisen“ nur als eines von vielen möglichen Beispielen. Damit gemeint ist der Keuschheitsgürtel um den Schoß der mediävalen  Strohwitwe, der zwar nicht den Zugang zu ihr selbst, wohl aber den zu fleischlichen Freuden mit ihr unterbindet. In Gebrauch ist dergleichen längst nicht mehr und bestenfalls noch in Kuriositätenmuseen zu belächeln. Gleichwohl ergeben sich gelegentlich Gelegenheiten, in aller Öffentlichkeit mit historischen Verriegelungsvorrichtungen ähnlich intimer Provenienz bekannt zu werden. So berichtete vor wenigen Tagen die Nachrichtenagentur AFP, das britische Auktionshaus Sotheby’s habe den Schlüssel versteigert, der einst mitten ins Schlafzimmer Napoleon Bonapartes führte. Zwar öffnete er nicht das Gemach, das der Kaiser und notorische Kriegsführer in seiner Pariser Residenz benutzte, wohl aber das an seinem letzten Aufenthaltsort, dem Longwood House auf der Vulkaninsel St. Helena; dorthin hatten die Briten den Entthronten 1815 auf seine letzte Reise und in die unwiderrufliche Verbannung geschickt. Mickrige dreizehn Zentimeter misst das vermeintlich gleichgültige Stück Altmetall, das Sotheby’s dennoch für etwa 15 000 Euro auslobte – und um das sich elf Kunden ritterlich eine Bieterschlacht boten. Der sie für sich entschied, zahlt nun 92 000 Euro dafür. Nur scheinbar eine horrende Summe; andere Nachrichten aus der Versteigerungsbranche pflegen noch ganz andere Beträge zu vermelden. So brachte das Pariser Unternehmen Artcurial vor wenigen Tagen das Original des Comic-Covers unter den Hammer, das der belgische „Tim und Struppi“-Autor und -Zeichner Hergé für den Band „Der blaue Lotos“ schuf: 3,2 Millionen Euro brachte es ein. Für ein „Batman“-Heft, das 1940 für zehn Cent über die Zeitschriftenladentheke ging, löhnte ein Unbekannter jetzt gar 1,8 Millionen Euro. Und selbst dies lässt sich toppen: zum Beispiel durch das Skelett eines „Stan“ genannten, vier Meter hohen und zwölf Meter langen Tyrannosaurus Rex, das einem Käufer im vergangenen Oktober den Rekordbetrag von etwa 27 Millionen Euro wert war. Trotz der Unscheinbarkeit, die gegen des Kaisers vergleichsweise superkurzen Kemenatenschlüssel zu sprechen scheint, erkennt David MacDonald, Antiken-Experte bei Sotheby‘s, „etwas sehr Mächtiges“ darin: einen stummen Zeugen vom Rand der Weltgeschichte. Amouröses zwar trug sich in Napoleons südatlantischer Nickerkammer wohl nicht zu; fest steht indes, dass der Usurpator in ihr endgültig entschlief. So versinnbildlicht jener sündteure „Dieterich“, dass die beiden Schlüssel-Momente jeder Existenz, Eros und Thanatos, Liebe und Tod, höchstems dreizehn Zentimeter voneinander entfernt sind. ■




Eckpunkte-Archiv 2020


Geschenkte Töne

Donnerstag, 24. Dezember   Meist findet ein Geburtstagsständchen in privatem Rahmen statt. Gatte und Kinderschar singen es daheim aufgekratzt für die Mama, Freundinnen und Freunde hingebungsvoll einem oder einer aus ihrem Kreis im Nebenzimmer eines Lokals. Bei Personen des öffentlichen Lebens hingegen ziehen derlei klingende Präsente mitunter das Interesse der Allgemeinheit auf sich, wenn nicht gar das eines globalen Publikums. So wars am 19. Mai 1962 in New York, als Marilyn Monroe im Madison Square Garden John F. Kennedy singend zum Fünfundvierzigsten gratulierte. „Happy Birthday, Mister President“, hauchte sie mehr brünstig als inbrünstig ins Mikrofon und die Fernsehkameras, schenkte ihm gleichsam sich selbst – und trat einen unvergessenen Skandal los. Ein knappes Jahrhundert zuvor hatte auch Cosima von Bülow Anstoß erregt, Tochter Franz Liszts und Ehefrau eines der berühmtesten Dirigenten der Zeit. 1867 verließ sie den Gemahl und lebte fortan mit Richard Wagner zusammen, einem der berühmtesten Komponisten aller Zeiten. Eine Tochter hatte sie ihm schon zwei Jahre zuvor geboren und war erneut von ihm schwanger. Über all das wurde, natürlich, in höheren Kreisen weidlich geklatscht; aber zu Aufruhr, Paukenschlag, Spektakel reichte es nicht. Ein knappes halbes Jahr nach der Hochzeit des unorthodoxen Paars, am 1. Weihnachtsfeiertag 1870 und also vor genau 150 Jahren, verehrte der dichtende Tonsetzer seiner frisch Angetrauten ein orchestrales „Idyll mit Fidi-Vogelgesang und Orange-Sonnenaufgang“ und intonierte es mit Musikern aus Zürich auf der Treppe des Hauses, das die beiden im schweizerischen Tribschen bewohnten. Die so putzig betitelte Liebesgabe war kein leicht verspätetes Weihnachtsgeschenk, sondern ein leicht verspäteter „symphonischer Geburtstagsgruß“ – an Heiligabend war Cosima 33 Jahre alt geworden. Zwar setzte Wagner sein 19-minütiges Werk kokett als „Gelegenheitskomposition“ herab, doch ging es widerstandslos ins Repertoire und in die Musikgeschichte ein. „Siegfried-Idyll“ nannte mans bald, weil der Komponist darin Motive aus seiner dritten „Ring“-Oper, „Siegfried“, wohltuend ins Kammermusikalische übertragen hatte. Was Cosima am Leib trug, als sie die tönende Huldigung des Gatten gerührt entgegennahm, verschweigt die Historie. Hingegen ist weltbekannt, wie sinnenverwirrend das glitzernde Jean-Louis-Kleid aus beinah transparenter Seide wirkte, in das Marilyn Monroe (ohne ‚was drunter‘) sich hatte einnähen lassen, um vor aller Welt als vorgeblich heimliche Geliebte des Präsidenten ihren Ruf als Sexsymbol zu vollenden: So eng wie ihre Haut lag der Stoff ihrem Körper an und hatte auch etwa deren „Nude“-Farbe. Als die Robe 2016 in Los Angeles versteigert wurde, war sie einem Museum umgerechnet 4,5 Millionen Euro wert. Glück brachte Monroes begehrlicher Glückwunsch allerdings weder dem Staatsmann noch der „Sexbombe“: Kein Vierteljahr später starb sie, vermutlich von eigener Hand, im Jahr darauf wurde Kennedy ermordet. Abergläubische Deuter jener Umstände wundern sich darüber vielleicht nicht: Sein Geburtstag fiel nicht auf den 19., sondern erst auf den 29. Mai – und bekanntlich gelten verfrühte Gratulationen als Quell des Unheils. Hingegen war und ist dem „Siegfried-Idyll“ seit jeher Glück beschieden: Wagner selbst führte das intime Präsent – entgegen Cosimas Einspruch – oft und erfolgreich öffentlich auf. Seither gilt es vielen Klassik- (und nicht nur Wagner-) Fans als eines der schönsten Orchesterstücke der vergangenen 150 Jahre. ■


Blick nach innen

Dienstag, 22. Dezember   Lässt sich nicht gerade dieses Bild, auch wenn es nicht als Kunst entstand, wie ein Stillleben deuten, zwar als eines der makabren, aber doch folgenreichen Art? Warum nicht. Auf dem Bild  einer besonderen Art Lichtbild aus der medizinischen Wissenschaft - sehen wir: eine entfleischte Hand, über deren viertem Finger ein Ring geschoben ist; fast im Zentrum des Hochformats prangt rund und schwarz ein Fleck; darüber liegt leicht gespreizt ein Zirkel quer. Was kann uns das sagen? Nach dem Symbolgehalt befragt, öffnet das Bild Welten. Namentlich die Hand gibt uns Zeichen, wortwörtlich und im übertragenen Sinn: Eine Hand handelt; sie spendet und überreicht, nimmt aber auch weg; wir drücken uns mit ihrer Hilfe aus, wenn wir, wie oft, ‚mit den Händen reden‘; wir geben einander die Hand in aller Freundschaft oder reichen sie dem Partner, der Partnerin zum Bund; mit ihr winken wir einem und weisen eine andere zurück; wir erheben sie zum Schwur oder ballen sie, im Zorn, zur Faust … Dass es sich in unserem Fall um eine Knochenhand handelt, verweist uns, wie überhaupt ein Gerippe und ein „Knochenmann“, auf unsere Vergänglichkeit, aber auch darauf, dass es unter dem Weichen und Verweslichen noch Haltbares und Haltendes, Tragendes und Stützendes gibt. Im Ring erkennen wir den Kreis und also etwas Unendliches, vielleicht Göttliches wieder; dass es sich um einen Schmuckring handelt, lässt uns mit der Würde oder Eitelkeit des Trägers rechnen. Den Kreis runden wir mit dem Zirkel, wie er ebenso in Albrecht Dürers berühmtem Kupferstich „Melancholia“ von 1514 als Hinweis auf exakte Wissenschaft und Klugheit, aber auch auf Schwermut erscheint. Und die schwarze Scheibe lässt sich als Münze identifizieren, einerseits als Ding von Wert, andererseits als irdischer Tand im Gegensatz zum Besitz, den wir hoffentlich im Himmel haben; Wohlergehen und Segen kann sie signalisieren, desgleichen Pfennigfuchserei oder Verschwendung. In dem Mosaik aus zunächst disparaten Chiffren ahnen wir ein Gesamtbild von vielsagender Hintergründigkeit. Freilich mag, wie sich all das zusammenreimt, jeder für sich selbst ergründen. Denn das Sinn-Bild ist in Wirklichkeit gar keins. 1896 von Conrad Röntgen erzeugt, gibt es eine rechte Hand von innen wieder – die seiner Frau Anna, die der Würzburger Physikprofessor am Dienstag vor 125 Jahren mit den von ihm kurz vorher aufgespürten „X-Strahlen“ zum ersten Mal durchleuchtet hatte. Für die medizinische Diagnostik markiert jener 22. Dezember 1895 eine Epochenwende: Durch Haut und Weichteile hindurch schauten Ärzte fortan auf bislang unsichtbare Knochenbrüche, Fremdkörper und sogar Tuberkuloseherde. Begeistert verlieh die Welt der Wissenschaft den Strahlen schon bald den Namen ihres Entdeckers. 1901, bei der Vergabe der (gleichfalls 1895 begründeten) ersten Nobelpreise, erhielt der Forscher die Auszeichnung für Physik. Was an bildgebenden Verfahren folgte – etwa Ultraschallgeräte, CT oder MRT –, sind letztlich Variationen zu Conrad Röntgens großem Thema: dem Blick in unser Inneres. Der bleibt uns ohne hochtechnische Hilfsmittel verwehrt so wie gegenwärtig schon der äußerliche Anblick unserer Zeitgenossen: Des Winters wegen stecken unsere Hände oft in Handschuhen, und vor Covid-19 schützen wir uns und andere mit einer Maske vorm Gesicht. ■


Nuschlt nisch so!

Dienstag, 19. Dezember  „Barbara saß nah am Abhang / sprach gar sangbar, zaghaft langsam.“ Was ist das denn? Ein kindlicher Abzählvers? Ein Dada-Gedicht? Wer meint, die Zeilen ergäben keinen Sinn, irrt immerhin zum Teil: Sinn mag nicht in ihnen liegen; doch sie erfüllen einen guten Zweck. Ersonnen hat diese Sprechübung und viele andere, ebenso kuriose der Musikpädagoge Julius Hey. Vor etwa 120 Jahren brachte er in drei Bänden einen gründlichen „Deutschen Gesangsunterricht“ heraus; dann zog er noch die Konsequenz aus dem Umstand, dass zum Kunstgesang neben einer ausgebildeten Stimme in gleichem Maß eine manierliche Aussprache gehört. Bestätigt hatte ihn darin die Erfahrung mit etlichen seiner Schüler, die sich trotz stimmlicher Begabung singend nicht verständlich machen konnten: Sie artikulierten schlicht zu schlampig. Also fügte Hey seinem sehr erfolgreichen Großwerk einen „Sprachlichen Teil“ als Anhang an. Paradoxerweise überholte der das chef-d'œuvre, indem er als „Der kleine Hey“ bis heute Standards in der Sprecherziehung setzt. Ein fast humoristischer Titel, und warum auch nicht: „Mannhaft kam alsdann am Waldrand / Abraham a Sancta Clara.“ Darüber darf gelacht werden; Gesangs- und Schauspielausbildung sollte ja Spaß machen. Hingegen könnte einem das Lachen vor dem Fernseher, zum Beispiel beim „Tatort“ oder dem „Polizeiruf 110“, vergehen: „Nuschelt nicht!“, möchte man als Besitzer eines guten Durchschnittsgehörs den Darstellerinnen und Darstellern zurufen, wenn sie ihre Wortwechsel als übereiltes Kauderwelsch nur so hinschludern. Schauspielkünstlerische Leichtgewichte wie Til Schweiger, einer der Unverständlichsten, lassen sich ignorieren; warum aber machts ein ausdrucksstarker Könner wie Wotan Wilke Möhring ohne Not genauso schlecht? Oder ein Charakterkerl wie Moritz Bleibtreu? Seine Mutter, die 2009 leider zu früh verstorbene Monica Bleibtreu, hatte das Sprechen noch zunftgemäß erlernt: Ihr lag geradezu auf der Zunge, wie man einen Satz angemessen anfängt, sinnvoll akzentuiert, interessant beschließt, wie Wortenden abfängt, Spannung aufbaut und hält, wie man die Tugend der Deutlichkeit pflegt, auch ohne künstelnd Silben und Laute zu exekutieren, und auch dann, wenn scheinbar nur von Beiläufigem die Rede geht. Stattdessen wird heutzutage von einigen Damen und weitaus mehr Herren genuschelt, gemauschelt und gebrummelt, bis von den Wörtern nur mehr zerkaute Reste bleiben. Befragungen ergaben, dass über zwei Drittel der Zuschauenden das Gerede aus dem Fernseher „häufig oder sogar sehr häufig“ schlecht verstehen. Darum zog der Westdeutsche Rundfunk inzwischen Experten des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen in Erlangen zurate. Zusammen mit ihnen experimentierte das WDR-Fernsehen während der vergangenen Wochen mit dem zusätzlichen Audiokanal „Klare Sprache“, der sich in empfangsfähigen Haushalten via Fernbedienung über das Tonmenü des TV-Geräts auswählen lässt. Eine andere Möglichkeit wäre, brabbelnden, schnoddernden und lallenden Akteuren und Aktricen körperliche Vorbilder zu empfehlen: etwa die „klar sprechenden“ Ensembles vergangener deutschsprachiger Kinoproduktionen oder ältere Semester aus diesen Tagen wie Monica Bleibtreus makellos formulierende Kollegin Senta Berger. Oder sie nehmen sich – coronabedingt haben sie ja Zeit – einfach mal wieder ihren „Kleinen Hey“ vor. ■


Beethoven? Beuys!

Dienstag, 15. Dezember   Kunst machen ist schwer genug, Kunst organisieren, jetzt, in Seuchenzeiten, fast unmöglich. Dass das Beethovenjahr 2020 zum Flop missriet, hat ho-f vor wenigen Tagen ausführlich reflektiert. Nun hoffen wir zusammen mit Veranstaltern und Instituten darauf, dass im kommenden Jahr zumindest Grundzüge einer neuen Normalität einkehren. Ein Dürrenmattjahr könnten wir feiern, zu Ehren des Schweizer Autors zum hundertsten Geburtstag am 5. Januar; ein Baudelairejahr auch, weil der geheimnisvolle französische Dichter am 9. April vor zweihundert Jahren zur Welt kam. Unter den internationalen Schriftstellern empfehlen sich, gleichfalls 200. Geburtage halber, ferner Dostojewski (am 11. November) und Flaubert (am 12. Dezember). Wie wärs mit einem Magellanjahr (500. Todestag) oder, wenn mans für nötig hält, einem Napoleonjahr (200. Todestag am 5. Mai)? Wohlbegründet steht uns ein Sophie-Scholl-Jahr bevor (hundertster Geburtstag am 9. Mai) … Auch um den hundertsten Geburtstag von Joseph Beuys sollte die Kulturwelt sich kümmern. Und wirklich wird längst eifrig geplant, und zwar so, als wären wir alle unkaputtbar gesund, geimpft oder sonst wie gefeit. Wer wollte es den Kuratorinnen und Kuratoren verübeln, dass sie reihenweise mit den Hufen scharren? Immerhin handelt es sich bei Beuys um einen der prominentesten unserer Künstler aus dem zwanzigsten Jahrhundert und um einen der radikalsten. Kunst und Gesellschaft, Schöpfertum und Wissenschaft, Natur und Zivilisation dachte er auf sehr eigene und produktive Art zusammen. In Krefeld, wo er am 12. Mai 1921 zur Welt kam, bereiten sich die Kunstmuseen an mehreren Schauplätzen auf Präsentationen vor, deren erste – „Kunst = Mensch“ – am 28. März eröffnet werden soll. So viel Hoffnung tut uns gut, zumal im zweiten „harten“ lockdown, von wir nicht ahnen können, wie lang er währen wird. Begründeter ist sie vielleicht mit Blick auf eine weitere Schau, „Beuys & Duchamp, Künstler der Zukunft“, mit vorgesehenem Starttag erst am 8. Oktober. Bis dahin haben wir das Schlimmste vielleicht tatsächlich hinter uns. In greller Neon-Buntheit eines blühenden Optimismus öffnet sich die Website https://beuys2021.de/ vor den geblendeten Augen des Internetsurfers: Sie führt zusammen, was dem Land Nordrhein-Westfalen von Aachen über Düsseldorf bis Wuppertal zu „100 Jahren Joseph Beuys“ und zu seinen Lieblingsmaterialien Fett und Filz so alles einfällt. „was haben unser denken, unser fühlen und wollen mit plastik zu tun?“, erkundigt sich die Seite, psychedelisch die Farben wechselnd, in früher mal moderner Kleinschreibung. „ist kunst die einzige revolutionäre kraft? ist zukunft eine kategorie der kunst? sind das überhaupt die richtigen fragen?“ Und war, mag manch von uns hinzufügen, der vielberufene Visionär der Richtige, sie zu beantworten? Viele Kenner ließen und lassen sich mitreißen von seiner Vorstellung, dass „jeder Mensch ein Künstler“ und jeder Bereich des Daseins ein Ort der Kunst sei. Anderen waren fünf Kilo Butter an einer Wand schlichtweg zu wenig künstlerisch; sie nannten den Seher einen Scharlatan. ■


Stimmt das denn?

Samstag, 12. Dezember   Schlag nach bei Shakespeare! Der englische Ausnahmepoet überliefert zum Beispiel, dass Iulius Caesar vor allem den Dicken vertraute: „Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein, mit glatten Köpfen und die nachts gut schlafen.“ Aber stimmt das denn? Sprach der römische Imperator, an dessen realer Existenz die Historiker nicht zweifeln, den bewussten Satz vor gut zweitausend Jahren wirklich, und mit diesen Worten? Darauf kommts nicht an: Denn nicht als Promi der Weltgeschichte betritt er bei Shakespeare das Theater, sondern als literarische Figur, Geschöpf der Dichtung; und ihr ist so gut wie alles erlaubt. Gleichwohl reiben sich, seit es Dichtkunst gibt, die Geister an der Frage auf: Was ist Kunst, was Trugbild? Dem griechischen Denker Platon waren vor 2400 Jahren die Dichter nicht geheuer, machen sie doch, wie er meinte, als Geschichtenerfinder die Lüge zur Methode. Aus ähnlichen Gründen fühlt sich auch Oliver Dowden zurzeit nicht wohl: Anstoß nimmt der britische Kulturminister an der Erfolgsserie „The Crown“, weil Netflix die jüngere Geschichte des britischen Königshauses darin arg authentisch nacherzählt. Das freilich geschehe in einem „Drama“, hält der Streamingdienst dagegen und verweist auf sein dramaturgisches Recht, bei der Bearbeitung des Stoffs dies und das hinzuzufügen oder wegzulassen. Doch gerade deshalb fürchtet der Minister, „dass eine Generation von Zuschauern, die diese Ereignisse nicht erlebt hat, Fiktion mit Tatsachen verwechseln könnte“. Allerdings heißt so zu denken, die Illusionen der Kunst als arglistige Täuschung zu diskreditieren und dichterische Erfindung der heimtückischen Fälschung zu verdächtigen – das Fingierte mit dem Fiktiven zu verwechseln. Dabei stammen beide Fremdwörter vom selben lateinischen Verbum ab: Fingere heißt auf Deutsch etwas herausbilden, erdichten. Und wann übte Dichtung nicht die Tugend der Verdichtung, als zusammengefasster Inhalt in einer komprimierten Form? Sofern es dem Künstler darum zu tun ist, mit der Wirklichkeit nach- und neuschaffend umzugehen, ist Kunst etwas bewusst Gestaltetes: subjektive Schöpfung. Was die Dichter für Wahrheit halten, machen sie dem inneren Auge als Literatur, dem äußeren als Theater oder Film ersichtlich, als anschauliche Fantasie, auch schon mal als visionäre Unvorstellbarkeit. So kann Dichtung Erfahrungen aufzeichnen, Erlebnisse bewältigen, Überzeugungen untermauern, Unsagbares aussprechen. Folglich steht sie nicht der Lüge nah, sondern dem Spiel: Wie Kinder erproben die Künstler Möglichkeiten des Daseins; indem sie sich an Fiktionen versuchen, erforschen sie, was in Wirklichkeit die Wahrheit sein könnte. Jemand, der lügt, beschädigt den andern in seiner Würde. Die Künste hingegen – ob Bildnerei, Musik oder Dichtung – ergänzen das Gegenüber und bereichern es im günstigen Fall. Walter Kempowski stellte seinem Bestseller „Tadellöser & Wolf“ und den weiteren fünf Romanen über seine Familiengeschichte den Hinweis voran: „Alles frei erfunden“. Natürlich war es das ganz und gar nicht; sogar viele reale Namen behielt der Autor bei. Trotzdem entstand das Prosaepos als Konstrukt seiner Einbildungskraft. Auf deren Recht bestand vielleicht kein deutscher Dichter radikaler als Friedrich Schiller, als er 1801, in seinem Drama um Jeanne d’Arc, der spätmittelalterlichen „Jungfrau von Orleans“ statt des historischen Endes auf dem Scheiterhaufen den Schlachtentod einer gepanzerten Heroin zugedachte. Mit derart einschneidenden Manipulationen der Tatsachen, um nicht von Verdrehung zu reden, ist bei „The Crown“ nicht zu rechnen. Im Gegenteil: Den Royals missfällt die Serie, weil sie zu sehr ‚stimmt‘. ■


Findet das Rätsel!

Dienstag, 8. Dezember   Das Alte Testament der Bibel berichtet von einem Rätsel der ungewöhnlichen Art: Denn nicht allein nach seiner Lösung gilt es zu suchen; das Rätsel selbst ist verschwunden. Die dazu passende Geschichte findet sich im Buch Daniel, dessen Titelheld, ein kluger hebräischer Edelmann, nach der Zerstörung Jerusalems im sechsten vorchristlichen Jahrhundert nach Babylon verschleppt worden ist und dort am Hof Nebukadnezars II. Dienst tut. Eines Tages träumt der König Wichtiges – nur entfällt ihm erwachend, was es war. Also trägt er den Weisen seines Landes auf, den Traum auszulegen und zuvor dessen Inhalt zu ermitteln. Keinem gelingt es, schon bangen die Gelehrten um ihr Leben – da gibt Gott seinem Getreuen Daniel die Antwort ein: Der Monarch schaute schlafend das Monument eines Menschen, fest gefügt aus Gold, Silber und Bronze, doch stand es auf Füßen aus Eisen und Ton; die zerschlägt ein heranrollender Stein, das Standbild stürzt, so wie alle bisherigen Weltreiche, die es symbolisiert, gestürzt sind – zermalmt vom auf ewig anbrechenden Reich des Gottes Israels. Gut 2500 Jahre nach der genialen Traumdeutung, vor wenigen Tagen erst, ging Tauchern, die in der Geltinger Buch an Deutschlands nordöstlichstem Ostseestrand nach verloren umhergeisternden Fischernetzen fahndeten, ein anderes, aber gleichfalls großes Mysterium ins Netz: eine Apparatur mit dem passenden Namen „Enigma“, nach dem altgriechischen Wort für Rätsel. Mit Hilfe des sagenumwobenen Wunderkastens verschlüsselte die nationalsozialistische Marine während des „totalen“ U-Boot-Kriegs ihre Funksprüche, die bei den alliierten Feinden lange für schlicht unknackbar galten. Schon 1918 hatte Arthur Scherbius das erste Modell ausgetüftelt. Während des Weltkriegs dann sollen 30 000, vielleicht sogar 200 000 Chiffriergeräte hergestellt worden sein;  – gleichwohl haben sich nur ein paar wenige Exemplare des etwa zehn Kilogramm schweren „Rätsels“ erhalten. Verständlich darum die große Freude, als jetzt eines aus dem Ozean buchstäblich auftauchte. Den zerdrückten, zackenbewehrten Rostklumpen hielten die Finder zunächst für eine verrottete Schreibmaschine – in Wahrheit handelt es sich um einen Schatz: Vor fünf Jahren erstand ein Sammler in London ein Exemplar für 210 000 Euro. Ein Faszinosum ists eh: Um hinter die Geheimnisse des vertrackten Tasten- und Räderwerks zu kommen, richtete die britische Armee  nördlich von London, in Bletchley Park, ein ausgewachsenes Forschungszentrum ein, das der geniale Alan Turing leitete. Als einer der großen Ideengeber des Computerzeitalters führte er es denn auch zum Erfolg, dank seiner „Turing-Bomben“, unablässig ratternder Riesenrechenautomaten im Format von etwa fünf mal zwei Metern. In Morten Tyldums viel gesehenem Film „The Imitation Game“ von 2014 spielt Benedict Cumberbatch das spröde Superhirn, das 1954, noch nicht 42-jährig, starb, wohl von eigener Hand. Wie unter den Maschinen kommen auch in der Musik harte Nüsse vor, die erst gefunden werden müssen, um geknackt zu werden: So behauptete Turings komponierender Landsmann Edward Elgar stets, er habe in seinen orchestralen „Enigma-Variationen“, denen er 1899 den Durchbruch verdankte, zusätzlich zum Hauptthema ein weiteres, okkultes Motiv versteckt und Mal um Mal verändert. Seither rätseln die Musikexperten. Für die Lösung (falls es eine gibt) bräuchte es wohl einen Turing der Töne. ■


Wissend sprechen

Samstag, 5. Dezember  Nur wenn wir Wissen in jedem Fall für das glatte Gegenteil von Dummheit halten, ist Wissen in jedem Fall gut. Aber gibt es ‚schlechtes‘ Wissen? Mit überlegenem Feinsinn unterschied Elias Canetti das eine vom andern: „Gefährlich scheint mir das stumme Wissen, denn es wird immer stummer und schließlich geheim und muss sich dann dafür, dass es geheim ist, rächen. Das Wissen, das sich anderen mitteilt, ist das gute Wissen, wohl sucht es Beachtung, aber es wendet sich gegen niemanden. Man schreibt ihm die Eigenschaften des Lichtes zu, und man ehrt es, indem man es als Aufklärung bezeichnet.“ Was das sei, Aufklärung, hat uns Immanuel Kant beigebracht: nämlich der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Von solcher Erleuchtung sollten sich so wenige Zeitgenossen wie möglich ausgenommen fühlen. Erst recht steht es uns nicht zu, jemanden für „unmündig“ – also für unreif und unwissend – zu halten, nur weil ihm wegen widriger Umstände in seinem Bildungsgang der Umgang mit Texten und also der Erwerb von von Wissen - von Informationen - schwerfällt. Die wenigsten, denen es so geht, „verschuldeten“ ihr Manko selbst. Für sie – und ebenso für jene, die Deutsch als Fremdsprache gebrauchen – setzte sich in den 2010er-Jahren die „Einfache Sprache“ durch. Ihren Vorgaben gemäß sendet zum Beispiel der Deutschlandfunk seit 2016 einmal pro Woche einen Nachrichtenüberblick: in kurzen Wortgefügen, ohne verschachtelte Nebensätze, ohne Fremdwörter, Metaphern, Sprichwörter, mit Erklärung schwieriger oder neuer Begriffe … Ausdrücklich ersetzen Eindeutigkeit und Schlichtheit den gepflegten Stil. Das soll ihn indes nicht abschaffen: Natürlich dürfen sie weiter an ihm hängen und ihn pflegen, die Dichter, Publizistinnen, Feuilletonisten und all die anderen sprachschöpferischen Arbeiterinnen und Arbeiter des Worts statt der Faust. Stil ist die Kalligrafie unseres Verstandes; viele von uns, der Schreiber dieser Zeilen eingeschlossen, haben nicht viel anderes gelernt. Aber wir müssen die Grenzen kennen, die wir uns nur zur Hälfte selber setzen. Die andere Hälfte diktieren uns die Leserinnen und Hörer unserer Texte. Denn die lehnen ein Wissen ab, das sich ausspricht, ohne sich einer möglichst großen Zahl unserer Nächsten mitteilen zu wollen. Das ist schlechtes Wissen, Herrschaftswissen, in das sich eine selbst ernannte Elite einschließt, um unter sich zu bleiben. Es ist sogar böses Wissen, weil es alle, die ‚nicht folgen können‘, vorsätzlich ausschließt, buchstäblich kaltlächelnd: gleichgültig und höhnisch. So mancher Expertenjargon – etwa der Juristen oder Mediziner, der Philosophen und anderer Geisteswissenschaftler – käme spielend mit der Hälfte der geschraubten Fachbegriffe aus und verlöre kaum an Gültigkeit, wenn er sich auch mal erzählend statt abstrakt äußern wollte. Freilich darf andererseits niemand verlangen, auf Wunsch von allem alles zu erfahren. Das Recht auf besondere Tiefe der Erkenntnis bleibt den Koryphäen, Forschern, Geistesgrößen unbenommen. Gerade ihnen aber schrieb Ludwig Wittgenstein (ein großer Denker, wenn auch keiner der leicht verständlichen) seinen berühmtesten Satz ins Stammbuch: „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“


Im Tunnel

Dienstag, 1. Dezember  „Niemand ist eine Insel“, no man is an island: So meditierte an der Wende des sechzehnten zum siebzehnten Jahrhunderts der fromme Poet John Donne und meinte damit die Menschen, von denen jede und jeder „ein Teil des Kontinents“ ist, ein Stück vom Ganzen. Donnes britische Heimat, jenseits des Ärmelkanals, ist freilich eine Insel und durch den fatalen Brexit ohne Not auch politisch wieder eine. Zwar misst der 563 Kilometer lange Kanal dort, wo er die Küsten am weitesten voneinander trennt, in der Breite 248 Kilometer; nur 34 Kilometer aber sinds an seiner schmalsten Stelle zwischen Calais in Frankreich (wo er La Manche heißt) und Dover in Südengland (wo sie ihn schlicht Channel nennen). Zumindest die geografische Isolation Großbritanniens lässt sich, wenn schon nicht beseitigen, so doch überwinden; wenn schon nicht überbrücken, so doch untertunneln. Damit begannen im Dezember 1987 britische Arbeiter, ein Dreivierteljahr später folgten französische Kollegen. Während sieben Jahren beteiligten sich 15 000 Bauarbeiter an der Wühlerei in bis zu vierzig Metern unter der Wasserstraße, um einen Schienenweg zu legen. Am Dienstag vor dreißig Jahren, um 12.12 Uhr, fiel die letzte dünne Gesteinswand, die Frankreich und England noch trennte. Damit hatte ein Projekt ein Ziel erreicht, das keineswegs erst einem Gedankenspiel des zwanzigsten Jahrhunderts entsprang. Schon zweihundert Jahre zuvor hatten Ingenieure an Möglichkeiten für einen solchen Tiefbau getüftelt; 27 Pläne, so heißt es, hätten im Lauf der Zeit vorgelegen – jeder scheiterte an der britischen Seite: Dort wollte man eine Insel bleiben, in  gründlichem Widerspruch zu John Donne ausdrücklich abgelöst vom Rest des Kontinents. Gott selbst habe wohlweislich eine Festung aus Sturm um Britannien errichtet, da sollten Menschen besser kein solches Loch graben, predigte Henry Palmerston, der zwischen 1855 und 1865 zwei Mal in London als Premierminister amtierte. In Deutschland spann Bernhard Kellermann vor über hundert Jahren ganz ähnliche Pläne ins Überdimensionale weiter. Nicht auf die Grabungsvorhaben der Vergangenheit bezog er sich, sondern vergrößerte sie in seinem Science-Fiction-Roman „Der Tunnel“ ins Überdimensionale. 1913 erschien das – noch heute lesenswerte – Buch, das seines schlagartigen Sensationserfolgs wegen als der erste Bestseller eines deutschsprachigen Autors im vergangenen Jahrhundert gelten darf. Kellermann, 1879 in Fürth geboren und 1951 bei Potsdam gestorben, berichtet darin, wie ein visionärer Stahlfabrikant den Bau einer subozeanischen Verbindung zwischen Spanien, also Europa, und den Vereinigten Staaten, also Amerika, durchsetzt. Weil er begeisterungsfähige Politiker, potente Geldgeber und dienstbare Medien um sich zu sammeln weiß, vermag er endlich ein 180 000 Mann starkes Arbeiterheer ans Werk zu schicken. Das Projekt gelingt – freilich erst nach gut einem Vierteljahrhundert, unter horrenden Blutopfern und von der fortschreitenden Schiffs- und Luftfahrttechnik irgendwann uneinholbar abgehängt. Fünftausend statt fünfzig Kilometer unter Wasser sind selbst für gegenwärtige Techniker und Methoden ein bisschen zu viel. Heutzutage bewältigt ein modernes Verkehrsflugzeug die 6200 Kilometer von Frankfurt nach New York am Himmel in weniger als neun Stunden. Die Eisenbahn im kellermannschen Tunnel braucht einen Tag und eine Nacht.


Zwei Revolutionen

Samstag, 28. November   Wer darauf zurückschaut, wie Staaten unterm Siegel des Kommunismus wuchsen und vergingen, der staunt leicht über zweierlei: Zum einen mag man kaum glauben, dass starke Regungen mitmenschlicher Empathie zu den Ursprüngen jener sozialen Heilslehre gehören, die sich nur zu oft in unmenschlichen Totalitarismus verkehrte; zum andern befremdet der Umstand, dass ausgerechnet einer ihrer wichtigsten Begründer der Unterart des homo oeconomicus zugehörte, die sie erbittert bekämpfte: dem Fabrikherrn. Wie Öl und Feuer verhalten sich Kapitalismus und Kommunismus zueinander, propagiert doch Letzterer den Übergang der Produktionsmittel in den Gemeinbesitz der Staatsbürger, desgleichen eine zentrale Lenkung von Wirtschaft und Gesellschaft. Dazu, so die Theorie, komme es unausweichlich, weil das Proletariat den Klassenkampf gegen die ausbeuterische Bourgeoisie für sich entscheiden werde. An jenen Grundsätzen hielt Friedrich Engels, der am Samstag vor zweihundert Jahren in Wuppertal-Barmen als Spross einer gutsituierten Fabrikantenfamilie zu Welt kam, auch fest, als er zum Prokuristen, sogar Teilhaber des elterlichen Wirtschaftsunternehmens aufstieg. Freilich schadete der großbürgerliche Wohlstand seiner Hellsicht nicht. Unvoreingenommen kritisch beobachtete er seine Gegenwart und entwarf besten Willens die Vision einer gerechteren Gesellschaft, mochte die auch nicht anders als gewaltsam zu haben sein. Als gelernter Kaufmann und studierter Philosoph publizierte er seit seinen frühen Zwanzigerjahren eifrig. Mit gerade mal 24 zeichnete er die „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“ so plausibel auf, dass die Studie das Weiterdenken seines Freundes Karl Marx maßgeblich bestimmte. Während seiner Mitarbeit in einer Dependance des väterlichen Textilbetriebs im britischen Manchester ergründete Engels akribisch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“. Sein spürbares Entsetzen über die heillose Verelendung breiter Massen dokumentierte er 1825 in einem Buch dieses Titels, das den Wirtschaftsbossen der aufkeimenden Industriellen Revolution vorwarf, sie bereicherten sich wider alle Vernunft auf Kosten von Millionen entrechteter, in erbärmlichsten Verhältnissen vegetierender, sich zu Tode schuftender Lohnarbeiter. Das mit tiefem Mitgefühl „konstatierte englische Elend“ missverstand er nicht als insularen Sonderfall, sondern erkannte es allseits, auch in seiner deutschen Heimat als Auswuchs der unersättlichen Profitgier, die unter der besitzenden Klasse grassierte. Gemeinsam mit Engels schuf Marx im „Vormärz“ des Revolutionsjahrs 1848 mit dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ eine Art Geburtsurkunde der ins Werk zu setzenden Weltrevolution. Indes folgten die „Proletarier aller Länder“ dem Appell der Autoren, sich zu „vereinigen“, in weitaus geringerem Maß als von ihnen erhofft. Für letztlich gescheitert mag man die beiden heute halten. Wer allerdings nach dem globalen Wendejahr 1989 und dem Pyrrhussieg des Kapitalismus an das „Ende der Geschichte“ – nämlich den Untergang des Totalitarismus und den Triumph der liberalen Demokratie – glaubt, so wie der US-Politologe Francis Fukuyama es 1992 tat, der liegt kaum weniger daneben.


2 x 3 macht 4

Dienstag, 24. November   „Wir machen uns die Welt, / widdewiddewie sie uns gefällt ...“ So könnte es aus den Kehlen der selbst ernannten „Querdenker“ tönen, wenn sie, zusammengeschweißt durch faktenvergessenen Realitätsverlust, ohne Mundschutz, aber mit Tuchfühlung zu Hunderten oder Tausenden durch die Straßen deutscher Städte ziehen. Gewiss kennen die meisten von ihnen das Lied aus den Filmen um die kesse Pippi Langstrumpf, die heute selbst allerdings wohl keine „Querdenkerin“ wäre. Denn als etwas ganz anderes lernt man sie kennen in ihren Abenteuern, deren erstes am Donnerstag vor 75 Jahren im schwedischen Verlag Rabén & Sjögren als Buch erschien, als Querkopf nämlich, was geradezu das Gegenteil zum Dumm-, Hohl- oder Holzkopf ist. Der lässt sich fremdbestimmen, nimmt in seinem Echoraum jedes X für ein U, wenns nur weit genug hergeholt und fabulös genug daherspintisiert wird, und weist alle Gegenargumente Andersmeinender zornrot zurück. Demgegenüber gebärdet sich der Eigensinn eines Querkopfs, ganz so wie Pippi, unverkrampft, neugierig, kreativ. Astrid Lindgren, die literarische Mutter des Satansbratens, schuf für sie aus Motiven des Märchens und der Wirklichkeit eine eigenen Welt, „widdewiddewie“ sie ihr gefällt. Dort ist nicht alles schwarz vor Verschwörungsängsten; um Pippi schillert es nur so vor lauter Wundern, Wunschbildern und kuriosen Konklusionen, so „kunterbunt“ wie ihre Villa. Trotzdem behält sie die Füße auf dem Boden und den Kopf frei. Ein homo sapiens ganz singulärer Art: durchaus ein Mensch (der wörtlichen Übersetzung gemäß) mit Verstand und Vernunft, gleichwohl Optimistin um jeden Preis; denn immer rechnet sie mit dem Besten, mag sie auch mit Zahlen weniger gut rechnen: „Zwei mal drei macht vier, / widdewiddewitt, / und drei macht neune“, singt sie ungeniert. Aber dass sie immerhin bis drei zählen kann, reicht, um eigenverantwortlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Insofern erweist sie, das Kind, sich auch jenen „quer“, nämlich verquer denkenden Erwachsenen überlegen, die kürzlich in Pulks und zumeist unbedeckten Gesichts durch die Berliner Karl-Marx-Allee zogen um gegen die „Einschränkungen der Versammlungsfreiheit“ zu protestieren; auf kein totalitäres „Ermächtigungsgesetz“, sondern auf den Versuch, die Corona-Folgen einzuschränken, geht die Einschränkung besagten Grundrechts zurück. Trotzdem tanzte vor den zweitausend Marschierern eine junge Frau mit anarchisch abstehenden Pippi-Zöpfen an der roten Perücke und Langstrumpf am Bein und dirigierte die zu skandierenden Parole „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“. Astrid Lindgren, die 2002 fast hundertjährig in Stockholm starb, hätte sich „wahrscheinlich im Grabe umgedreht“, zeterte mit vollem Recht der Tagesspiegel. Im Winter 1941, mit 34 Jahren, erfand sie die aufmüpfige Göre mit der kolossalen Körperkraft und dem pompösen Selbstbewusstsein, um ihrer Tochter Karin die Zeit zu vertreiben, die mit einer Lungenentzündung das Bett hütete. Die Bücher, die aus den mehr oder weniger improvisierten Geschichten hervorgingen, wurden mittlerweile in siebzig Sprachen weltweit siebzig Millionen Mal verkauft. Wer heuer, unterm Unstern der Pandemie statt unterm Stern von Bethlehem, als seriös informierter Verstandes- und Vernunftmensch ein isoliertes Weihnachten zu Hause akzeptiert, der kann dort an Heiligabend, statt mit irregeleiteten Querdenkern und Querschlägern, Kontakt mit Pippi Langstrumpf pflegen: Im Zweiten Deutschen Fernsehen hat sie sich für 11.55 Uhr angesagt, mittels Mattscheibe verlässlich auf gebotener Distanz, wenn auch ohne Mundschutz vor der großen Klappe.


Mai im November

Samstag, 21. November   Wie in den meisten Fällen damals ging es um Religion. Und wie so oft, bis heute, kam schlechtes Wetter guten Absichten in die Quere. Im England des siebzehnten Jahrhunderts wollte weder der König noch die Kirche die Puritaner auf der Insel dulden; hielten die sich doch für „Heilige“ und „Reine“, jedenfalls für reiner als die Anhänger der staatlich anerkannten, weil von oben verordneten anglikanischen Reformkirche, die sie von katholischen Altlasten ausgehöhlt glaubten. Als fundamentalistische Calvinisten waren sie überzeugt von der Prädestination, unterwarfen sich ausschließlich den Geboten der Bibel, verabscheuten klerikalen Prunk und persönlichen Protz und hielten auf strengste Sittlichkeit. Etliche von ihnen, dazu Handelsleute und abenteuernde Glücksritter, insgesamt 102 Passagiere, stachen am 16. September 1620, weit später als ursprünglich geplant, an Bord eines etwa dreißig Meter langen Seglers von Plymouth aus in See, um nicht zurückzukehren. Auf der von gut dreißig Besatzungsmitgliedern gesteuerten Mayflower – der „Blume im Mai“ – langten die „Pilgerväter“ mit Frauen und Kindern nach 66 unruhigen Tagen, fünf Todesfällen, zwei Kindsgeburten und reichlich erlittener Seekrankheit an der Ostküste Nordamerikas an; allerdings nicht dort, wohin sie sich wünschten. Als Ziel hatten sie Virginia ins Auge gefasst, seit 1607 die erste dauerhaft bewohnte Siedlung Englands in der „Neuen Welt“, wo sie sich am florierenden Tabakanbau zu beteiligen hofften. Doch widriger Wetterbedingungen wegen mussten sie umsteuern: Weiter nördlich, bei Cape Cod (auf Deutsch: Kap Kabeljau) gingen sie am Samstag vor vierhundert Jahren an Land, dort, wo später der US-Staat Massachusetts entstehen sollte. Beim heutigen Provincetown wollten sie zumindest den Winter abwarten; einen Monat später siedelten sie, der besseren Aussichten auf gedeihliche Landwirtschaft wegen, in die Kolonie über, die wie der englische Startpunkt ihrer Reise Plymouth hieß. Zehn Tage bevor sie von Bord gegangen waren, hatten sie, um Streitereien zu schlichten, untereinander einen Vertrag ausgehandelt: Im Mayflower Compact treten sie zwar als weiterhin „treue Untertanen“ ihres „gefürchteten souveränen Herrn, König James“ in London, auf; zugleich aber manifestiert sich in dem Dokument erstmals auf amerikanischem Boden der Wille einer Aussiedlergemeinschaft, sich als „zivile Körperschaft“ selbst zu verwalten, sich dafür gerechte und für alle gleiche Gesetze zu geben und als Einzelner Entscheidungen der Gemeinde auch dann anzuerkennen, wenn sie der eigenen Meinung zuwiderlaufen. Verfassungskundlern gilt die Übereinkunft als früher Bau-, wenn nicht als ein Grund- und Eckstein für die gut 150 Jahre später ausgefertigte „einstimmige Erklärung der [ersten] dreizehn Vereinigten Staaten“, ihre Souveränität betreffend. Auf die Puritaner von damals reichen die Stammbäume vieler Familien der wohlhabenden amerikanischen Oberschicht zurück. Bis heute feiern US-Bürger aller Bekenntnisse mit dem gebratenen Truthahn zu Thanksgiving – immer am vierten Donnerstag im November und heuer am 26. – das erste Erntedankfest der pilgrim fathers nach. Weit kürzer überdauerte der originale Dreimaster ihrer Überfahrt. Bereits 1624 nannte ihn ein Gutachten einen „Trümmerhaufen“. Doch existiert von der legendären Galeone ein Nachbau, der 1955 und 1956 originalgetreu auf einer englischen Werft entstand. Um jetzt für das Jubiläum fit zu sein, musste sich jene Mayflower II einer Rundumreparatur unterziehen: Auch an ihrem noch nicht siebzigjährigen Holz hatte schon der Zahn der Zeit in Gestalt gefräßiger Käfer genagt. ■


Barfuß nach China

Dienstag, 17. November   Bayreuth, Festspielhaus, letzter Schultag vor den Sommerferien 2010, Tag der Zeugnisvergabe. Auf der Bühne, von Musik umtost, saust und springt der Pumuckl durch eine Klassenzimmer-Szenerie und darf auf gute Noten nicht hoffen. Dem Herrn Mime, seinem verzweifelnden Lehrer, macht der umtriebige Rabauke mit dem roten Wichtel-Wuschelkopf das Leben zur Hölle: Er will partout nicht lernen und schmeißt obendrein noch das Inventar durcheinander. Zum guten Schluss erreicht er das Klassenziel trotzdem: In Richard Wagners musikdramatischem „Ring“-Vierteiler heißt der Pumuckl Siegfried, bezwingt einen Bären, tötet einen Drachen, gewinnt eine Frau und wird in ihren fülligen Armen zum Mann. Dass der Sänger Lance Ryan in Hans Castorfs Inszenierung aussah wie der rotzfreche und wieselflinke Zwerg aus der populären TV-Serie und der Fantasiewerkstatt der vielseitigen Ellis Kaut, gehörte zu den Gags der insgesamt unorthodoxen Werkdeutung. Mit 94 Jahren starb die Autorin im September vor fünf Jahren; da war aus ihrem Pumuckl längst eine profitable Marke geworden. Am Dienstag vor hundert Jahren kam Kaut in Stuttgart zur Welt. Schauspielerin wollte sie erst werden und studierte dann Bildhauerei. Berühmt- und Beliebtheit aber erlangte sie schreibend, was sie früh auch für Kinder tat. 1962 erfand sie den komischen Kobold, mit dessen Namen ihr eigener stets in einem Atemzug genannt wird. Als Hörspiel-Hauptfigur trat der Pumuckl aus den Studios des Bayerischen Rundfunks (für den Ellis Kaut auch Schulfunk-Beiträge verfasste) in die Kinderzimmer des Freistaats und der Republik. Inzwischen hat er sich, ob in Büchern oder Hörbüchern, Fernseh-, Kinofilmen oder Musicals, durchs In- und Ausland bis nach China gekaspert, wohlgemerkt barfuß. Allein ist er dabei nicht: Seit er nicht mehr als Klabautermann zur See fährt, haust er beim Münchner Schreinermeister Eder, der unfreiwillig das Privileg besitzt, das liebenswürdig quecksilbrige, aber nicht ganz harmlose Wesen aus der Zwischenwelt als Einziger sehen zu können. Wo gehobelt wird, da fallen Späne: Spannungen bleiben nicht aus – eine Zwangsgemeinschaft, könnt man irrig annehmen. Eine Symbiose ists in Wahrheit. Die beiden mögen sich, so oft sie einander auch mit Lärm oder List oder aus Liebe auf die Nerven gehen. Auf der Felsenbühne der Wunsiedler Luisenburg verwandelte 2011 der wunderbar unaufhaltsame Ferdinand Schmidt-Modrow – artgerecht unter feuerroter Struwwelperücke, mit gelbem Hemd, grünen Hosen und übergroßen Füßen – den Klabautermann in einen durchtrainierten Kletterkünstler. Am Rand der Premiere berichtete eine Lehrerin damals, die Kinder aus den ersten und zweiten Klassen ihrer Grundschule hätten zuvor mit den prominenten Namen aus Ellis Kauts Geschichten nichts anfangen können. Kaum mag mans glauben, verschwand der Feuerkopf doch nie aus den Buchhandlungen oder vom Bildschirm. Dorthin soll er nun zurück (ob via Fernsehen oder Streaming-Dienst, steht noch dahin): 2022 wird eine neue Serie ausgestrahlt, dreizehn Folgen gehen im kommenden Jahr in Produktion – und das ist nur die erste Staffel.



Kalte Fälle

Samstag, 14. November   Opfer tot, Akte zu? So leicht machen es sich die Sicherheitsbehörden hierzulande nicht. Hinter den Schuldigen an Mord und Totschlag sind sie mit akribischer Sorgfalt her und mit einer Geduld, die nicht selten Jahre durchhält. Selbst Spuren von mikroskopischer Größe, Bruchstücke von Erbmaterial, Fragmente von Finger-, Fuß- und Zahnabdrücken, Miniquäntchen von Giften und verdächtigen Substanzen entgehen ihnen nicht. Nur fünf Prozent der – als solche erkannten – Tötungsdelikten in Deutschland bleiben trotz ehrgeizigster Anstrengungen und zeitgemäßer Hilfsmittel unaufgeklärt. Das ist nicht viel, doch es reicht: Als Cold cases, „kalte Fälle“, nehmen sich – wie die Fans einschlägiger Serien im Fernsehen und bei Streaming-Diensten sehr gut wissen – spezielle Ermittler immer wieder ihrer an, mit Verfahrensweisen, die es, als die Tat vor vielleicht zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren geschah, nicht gab. Nicht selten indes liegen spannende Freveltaten viel weiter zurück. Um sie kümmert sich eine kriminologische Spielart der Archäologie: Ihre geschichts- und altertumskundigen Experten treffen sich auf halbem Weg mit Vertretern und Vorgehensweisen der modernen Verbrechensforschung. Ein Loch im Schädel, heute entdeckt, sieht wie ein Loch im Schädel aus, ganz gleich, ob es vor fünfhundert, zwei- oder zwanzigtausend Jahren eine Keule oder vor zwei Tagen das Projektil einer Pistole schlug. Letztlich geht es den Spezialisten beider Fakultäten stets und gleichermaßen um eine Rekonstruktion, wie es gewesen sein könnte: um das aus Fakten und Schlussfolgerungen komponierte Bild eines Geschehens, hinter dem immer auch menschliche Geschichten stehen und das, bei ausreichender Tragweite und hinlänglicher Prominenz der Beteiligten, zu einem Stück Geschichte wurde. Zu den berühmtesten Mordopfern aller Zeiten gehört Julius Cäsar, als Täter stehen Cassius, Brutus und ihre Mitverschwörer fest. Wer aber hat, während der so exzentrische wie skrupellose Nero das kaiserliche Rom regierte, den großen Brand der imperialen Metropole entfacht? (Nero jedenfalls wars nicht.) Oder „wer hat Ötzi umgebracht?“, fragt das ZDF, das am Sonntag von viertel neun bis Mitternacht, in fünf Doku-Serienfolgen am Stück, den „Tatort Antike“ betritt. Zeitlich reicht das dabei aufgeschlagene Straftatregister bis in die Steinzeit zurück, wo es einen Neandertaler erfasst, der nach der nordirakischen Fundstätte seiner Höhle „Shanidar 3“ heißt: Unzweifelhaft starb der Hominide gewaltsam an den Folgen eines Stichs in seine Brust – „womöglich der älteste bekannte Mordfall der Geschichte“, munkelt der Sender in einer Ankündigung. Zur Spurensuche versammeln sich Angehörige von lauter Berufen, an die weder zu „Shanidars“ noch zu Neros Zeiten schon zu denken war: forensische Biologen und Biochemiker, Profiler, psychiatrische Sachverständige, Tier- und Pflanzenforscher im Dienst der Rechtspflege ... Ihre Ergebnisse können belegen, dass die Menschen aus vermeintlich endlos ferner Vergangenheit vielfach aus ganz ähnlichen Antrieben agierten, reagierten, überreagierten wie die Zeitgenossen der Gegenwart. Zu sehen ist auch, wie eine weitere Spielart der Altertumskunde sich bewährt, die experimentelle Archäologie: Ihre Adepten bauen uralte Fahrzeuge, Gebrauchsgegenstände, sogar ganze Burgen mit den Mitteln von damals nach. Waffen auch: Was damals schon beim Töten half, taugt heute noch dazu. ■



Fremde Zungen

Dienstag, 10. November   Wir Menschen sind lernende Wesen, von Geburt an und vielleicht schon davor. Unter den mancherlei possierlichen Mythen rund um die Unschuld der Kindheit ist auch jener ein Unsinn, dass der Säugling die Muttersprache mit der Muttermilch einsauge. Neu, im denkbar umfassendsten Sinn, war für uns als Neugeborene alles, dem wir im Licht der Welt, kaum dass wirs erblickten, begegnet sind, sogar das Gesicht unserer Mama, nicht ihre Stimme, wohl aber ihre Sprache. Fremdsprache war sie und wollte in zähem Ringen, zusätzlich zu allem andern, gelernt werden. Trotzdem sprechen über vierzig Prozent von uns neben der Sprache des Landes eine weitere mehr oder weniger fließend, dreizehn Prozent sogar zwei, drei Prozent drei. Die Polyglotten – wörtlich übersetzt, die „Vielzüngigen“ – sind gar mit fünf oder mehr Sprachen wohlvertraut, machen indes kaum ein Prozent von uns aus. Übertrumpft sehen wir alle uns von dem italienischen Kardinal Giuseppe Mezzofanti: 1774 in Bologna in einfachsten Verhältnissen geboren, soll er schon mit fünfzehn ein ausstudierter Philosoph gewesen und später, durch geradezu süchtiges Bemühen, in Schrift und Rede von sage und schreibe 38 Sprachen sattelfest geworden sein; mit noch dreißig weiteren ging er außerdem um, wenn auch weniger virtuos. Wie hätte das klerikale Superhirn auf die vierzig Prozent von uns Zeitgenossen geblickt, die nicht einmal in einer einzigen fremden Zunge zu parlieren verstehen? Für jene, denen es nicht völlig an Grundkenntnissen und schon gar nicht an gutem Willen gebricht, gibt es – neben tauglichen Online-Übersetzern – das gute alte fremdsprachliche Wörterbuch, das dort aushilft, wo der passende Begriff fehlt. Am Mittwoch vor 125 Jahren starb mit Gustav Langenscheidt ein Pionier dieses besonderen lexikalischen Genres. Allerdings setzte er seinen pädagogischen Ehrgeiz – zusammen mit Charles Toussaint – zunächst in einem praktikablen System für französischen Sprachunterricht in Briefform, zum Selbststudium, um; nicht zuletzt eine Lautschrift erfand er dafür. 1856 gründete der gelernte Kaufmann einen Verlag, zwölf Jahre später seine eigene Druckerei. Heute hat das renommierte Haus Wörterbücher, Bildwörterbücher, Sprachkurse und -führer für fast vierzig europäische, amerikanische, afrikanische und asiatische Idiome im Sortiment. Übrigens war Langenscheidt selbst durchaus kein Genie: Als sich der achtzehnjährige Gustav 1850 auf große Wanderschaft durch die deutschsprachigen Lande, Frankreich, England, Belgien und Italien begab, radebrechte er gerade mal ein bisschen Französisch. Mithin blieb ihm, wie er schrieb, das „peinliche Gefühl“ nicht fremd, „unter Mensch nicht Mensch sein und seine Gedanken austauschen zu können“. Ganz in seinem Sinn will der Langenscheidt-Verlag – wie es auf seiner Website heißt – „Vermittler zwischen Menschen und Kulturen“ sein; das dürfen alle Unternehmen seiner Art für sich in Anspruch nehmen. An das Sprachwunder Mezzofanti, das eine ganze Welt aus Wörtern in sich trug, reicht zwar kein normaler Sterblicher heran. Doch schon ein paar Brocken einer fremden Sprache, erst recht Wörterbücher verlocken uns dazu, wenigstens auf kleinen Strecken hinter dem Horizont der heimischen Vokabeln unterwegs zu sein.



Wir sind gewarnt

Samstag, 7. November   Nichts reizt unsere Neugier stärker als das Abträgliche. Jetzt dürfen sich auch die Nutzer des Streaming-Portals Netflix darüber freuen, dass ihnen empfohlen wird, unter Umständen nicht so genau hinzuschauen, denn jetzt werden sies erst recht wissen wollen. Stellen wir uns vor: ein x-beliebiger Abend; wir hatten reichlich zu tun; schon lockt leise das Bett. Erst aber sehnen Körper und Kopf sich nach leicht verdaulicher Kost. Unserem Kopf kann das Fernsehen sie spenden. Auswahl besteht durchaus: Kochshows, Krimis wahlweise aus britischen, schwedischen, dänischen Serien oder „Tatort“- und „Polizeiruf 110“-Folgen, von denen meist zwei oder drei gleichzeitig laufen, ferner Frauentausch, gesuchte und gefundene Superstars, Liebeslustanbahnungen, Genuscheltes aus dem „Big Brother“-Bunker, Chaos in der Messie-Wohnung, Dokumentationen über Hitlerhimmlergoebbels … Besser nichts davon? Dann vielleicht eine gehörige Portion krachender Action aus dem Unterhaltungskino. Spätestens nach 22 Uhr müssen vor einschlägigen Genrestreifen die Sender auf eventuell „entwicklungsbeeinträchtigende Programminhalte“ hinweisen, so wie das der Staatsvertrag zum „Jugendmedienschutz“ löblich verlangt: Die folgende Sendung, teilen uns Schrifttafeln und freundliche Stimmen dann mit, sei „für Zuschauer unter sechzehn Jahren nicht geeignet“. Na hoffentlich, denken wir zufrieden. Haben wir uns etwa auf die Kinderstunde eingelassen? Wir erwarten, dass es einigermaßen zur Sache geht, Adrenalinreste in unserem Blut noch einmal aufschäumen und ein paar niedere Instinkte angesprochen werden. Und wir erinnern uns: Kam uns als Kindern und Halbwüchsigen nicht oft genug die gespannte Lust auf TV-Spätprogramme für Erwachsene an? Als wir dann selber Töchter oder Söhne und die ihre eigenen Fernseher hatten – kontrollierten wir da regelmäßig, welchem harten Stoff sie sich womöglich dann und wann gierig hingaben? Hätten wir ihnen davon abgeraten, sie hätten lächelnd abgewinkt. Selten hindern uns Warnungen daran, etwas mitzubekommen, das nicht für uns bestimmt ist. Nun also leitet Netflix drei Folgen aus der vierten Staffel seiner Serie „The Crown“ – über die Regierungszeit von Englands ewiger Königin Elizabeth II. – mit einer alarmierenden Mahnung ein: Szenen rund um die an bulimischer Magersucht erkrankte Herzens-Prinzessin Diana seien so ungeschönt inszeniert, dass sie empfindliche Gemüter verstören könnten. Solch ein Tipp scheint berechtigt, nur hätte er weit früher kommen sollen und an anderen Orten: überall dort, wo meschuggene Modemacher, schwachsinnige Schönheits-Gurus und ignorante Influencerinnen jenes absurde Frauenbild propagieren, das Figuren über Kleidergröße 36 bereits als curvy, kurvig, denunziert: als zu dick. Ein Vorwurf, der gerade für unfertige Menschen „unter sechzehn Jahren nicht geeignet“ ist. Auch an Ana Carolina Reston oder Luisel und Eliana Ramos erinnern wir uns dunkel, an ausgezehrte Models, die vor zehn und dreizehn Jahren buchstäblich Hungers starben, was die Welt der Couture und des Konsums allerdings nur kurz aufschreckte. Wo auch immer Mädchen und junge Frauen abschüssige Wege in die Dürre einschlagen, müssen wir als Eltern und Gesellschaft ihnen begreiflich machen, dass kein Karriereprogramm „entwicklungsbeeinträchtigender“ wirkt als der Entschluss, die Nahrungsaufnahme einzustellen. ■


Sissi ohne Süße

Dienstag, 3. November   Sie war schön. Ihr Leben wars nicht. Dass neben ihr auch anderen Frauen Attraktivität, Charisma und Eleganz gegeben waren, ließ Elisabeth, Kaiserin von Österreich, uneitel gelten. „Ich lege mir ein Schönheiten-Album an und sammle nun Fotografien, nur weibliche“, ließ sie 1862 von Venedig aus Ludwig Viktor, den jüngsten Bruder des Kaisers, wissen, den sie deshalb bat, in Foto-Ateliers nach „hübschen Gesichtern“ zu fahnden und ihr die Lichtbilder zuzuschicken; ähnliche Bittbriefe gingen nach Berlin, Paris und London, St. Petersburg und Konstantinopel. Die drei kostbar ausgestatteten Sammelbände mit abgelichteten Beautés gehören zu einem Konvolut von insgesamt achtzehn Alben, in denen Elisabeth Fotos aus ihrem Privatbesitz zusammentrug. Das Museum Ludwig in Köln verwahrt sie – und zeigte sie jetzt eine Woche lang öffentlich in einer Schau, die am Montag, der neuerlichen Anti-Corona-Maßnahmen wegen, gleich wieder schließen musste. Bis zum 24. Februar ist die Ausstellung anberaumt; vielleicht endet der Lockdown ja so rechtzeitig, dass noch Zeit für Besuche bleibt. Denn mit einer einzigartigen Kollektion bekommt man es offenbar zu tun: mit nicht weniger als zweitausend Abzügen im Format neun mal sechs Zentimeter, die bedeutende Werke der Kunst festhalten, vor allem aber Porträts hochwohlgeborener Verwandter und von Berühmtheiten der Zeit. An ihnen – „kreativen Collagen, Ideenräumen für soziale Gefüge, Medien der Selbstreflexion“ – habe die Kaiserin ihre eigene Selbstinszenierung orientiert, teilt das Museum mit. Über sich reflektiert hat Elisabeth ihr zunehmend eigenwillig-selbstbewusstes Leben lang: Vor allem mit der eigenen Person und Rolle war sie beschäftigt. Denn was einigermaßen als Liebesbund begonnen hatte, die Ehe der Sechzehnjährigen mit dem Cousin und  Regenten Franz Joseph, ging bald durch Distanz und Depression verloren. Als noch fast kindliche Braut aus Bayern am Wiener Hof eisig empfangen, entfloh sie immer öfter, immer konsequenter, psychisch und physisch: in die Magersucht, rastlos auf endlosen Reisewegen und zu Aufenthalten in der Ferne. Indem sie Sympathien für die Unabhängigkeitsbewegung in Ungarn hegte, entfremdete sie sich dem Gatten erst recht. Unter dem Freitod ihres tragischen Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, 1889 in Meyerling brach sie fast zusammen (wie Franz Joseph auch). Nachdem der Sechzigjährigen 1898 am Genfer See der Italiener Luigi Lucheni eine Feile in die dürftige Brust gestoßen hatte, nahm der Kaiser die Botschaft ihres Todes resigniert entgegen: „Mir bleibt auch nichts erspart.“ Von all dem berichten die drei „Sissi“-Filme nichts, in denen Ernst Marischka als Regisseur und Autor 1955 bis 1957 die wahre Biografie operettensüß als herzige Liebesgeschichte vergoldete und die historische Gestalt zur Leinwandlegende verklärte. Romy Schneider hat sie gespielt: Auch sie war schön; auch ihr Leben wars am Ende nicht; auch sie musste den Tod eines Sohnes beklagen. 1982 starb sie in Paris, nur 43 Jahre alt, an Herzversagen, als wärs am selben Überdruss, der die Kaiserin mehr als ein halbes Leben lang begleitet hatte. Auf zahllosen Fotos blieb und bleibt die Schauspielerin nach ihrem Tod lebendig. Indes finden sich unter den zweitausend Lichtbildern in Elisabeths Alben gerade mal fünf von ihr selbst. ■


Leben schauen

Samstag, 31.Oktober  Was davon bis heute übrigblieb, hat eine Vorführdauer von gerade mal sechs, höchstens sechzehn Sekunden: neun Kürzestfilmchen aus einer Zeit, als es das Kino noch nicht gab. Produziert hatte sie federführend Max Skladanowsky zusammen mit seinem Bruder Emil: Szenen aus der artistisch-tänzerischen Varieté-Halbwelt Berlins, durch eine Kamera mit Handkurbel eingefangen auf sechs Meter langen Streifen mit jeweils maximal 192 Einzelaufnahmen. Mühsam schnippelten die Brüder die Fotos auseinander, um sie, immer abwechselnd, zu zwei neuen Streifen zusammenzukleben. Indem sie schließlich mittels zweier Projektoren eine Leinwand bestrahlten, ergab sich ein weitgehend flimmerfreies Gesamtbild: Knappe Szenen wiederholten sich in Dauerschleife, aber wohlgemerkt bewegt. Das war neu, eine Revolution sogar. Bei der ersten öffentlichen Vorführung, am Sonntag vor 125 Jahren im Berliner Unterhaltungs-Etablissement „Wintergarten“, schlug eine der Geburtsstunden des Kinos. „Bioskop“ nannten die Skladanowskys ihre Erfindung, die es der griechisch-lateinischen Wortbedeutung zufolge erlaubte, künstliches „Leben zu schauen“. Zu sehen war beispielsweise eine Kinderschar beim „Italienischen Bauerntanz“, der Ringkampf zweier Athleten und ein Mr Delaware beim Boxkampf mit einem Känguru. Zum Schluss verbeugten sich die Brüder vor den Zuschauern, natürlich wiederum von der Leinwand herab. Zum ersten Mal hatten Bilder laufen gelernt: Nach der fünfzehnminütigen Uraufführung der „beweglichen Bilder in Lebensgröße“ wandte sich der 32-jährige Max siegestrunken leibhaftig an „mein über alles geliebtes Publikum“: „Ich frage Sie: Haben Sie eine Weltsensation bekommen?“ Oh ja, meinten die 1500 zahlenden Gäste, durchaus: Sie staunten und jubelten. Das Selbstbewusstsein blieb dem Pionier jahrzehntelang erhalten, auch als die Geschichte des Kinos längst an ihm vorbei, wenn nicht über ihn hinweggerast war. Nur sechzehn Monate später, am 31. März 1897 in Stettin, versammelte er letztmalig ein „geliebtes Publikum“ um sich und seine Maschinen; immerhin aber hatte er unbestreitbar den Wettlauf um die erste Darbietung „Lebender Bilder“ aus Licht gewonnen. Als er nur wenige Wochen nach diesem Triumph in Paris überrundet wurde, war er selbst anwesend: Am 28. Dezember 1895 verfolgte er im „Grand Café“ der französischen Hauptstadt die erste Präsentation des Kinematografen, mit dem die Brüder Louis Jean und Auguste Lumière einem zahlenden Publikum elf Filme vorführten, jeder etwa eine Minute lang. 33 Francs flossen dafür in ihre Kasse; kurze Zeit später, als sie ihr Programm täglich zwanzig Mal zeigten, hatte sich die Tageseinnahme auf stolze 2500 Franc erhöht. Übrigens griffen die Lumières schon gleich in dieser allerersten Phase von der Wirklichkeit aus ins Fantastische über, experimentierten also mit Möglichkeiten, wie sie seither kein anderes Medium so unerschöpflich bietet wie die bewegte Lichtbildnerei: Erst zeigten die Filmemacher eine Steinwand beim Einsturz, dann dieselbe Bildfolge rückwärts – der Eindruck entstand, als baute sich die Mauer von selbst wieder auf. Trotzdem: „Was Wagner für die Musik war, bin ich für den Film“, schrieb Max Skladanowsky noch 1934, fast vierzig Jahre nach seinem Glückstag (und fünf Jahre vor seinem Tod), auf eine Postkarte, die er aus der Festspielstadt Bayreuth verschickte. Da freilich hatte sich das anfängliche Schausteller-Spektakel längst zur Filmkunst, das Demimonde-Varieté zum glitzernden Kinopalast, die Beine schmeißende Aktrice oder der Fäuste schwingende Kraftmeier zum Star ausgewachsen – ganz ohne Skladanowskys Zutun. Ein Stern auf dem Berliner „Boulevard der Stars“ ehrt ihn dennoch, sehr zu Recht. ■


Kurios im Kopf

Donnerstag, 29. Oktober   Dem Schreiber dieser Zeilen hat sein Vater, ein gescheiter Mann, nicht viel über seine Kriegszeit beim Militär erzählt, ein paar Mal aber die folgende Anekdote. Ein Ausbilder aus der Berliner Gegend, als scharfer Schinder gefürchtet, habe ihm, dem Rekruten, die Frage ins Gesicht geschrien: „Wat, telljent wolln Se sein? Intelljent sin Se!“ Auch zu aktuellen Ereignissen mitten im Coronozän scheint jene paradoxe Wortverdrehung zu passen. Zum Beispiel auf die „Fetischparty“, zu der sich vor fünf Tagen sechshundert Feiernde in Berlin-Mitte auf viel zu engem Raum zusammenfanden; im Tagesspiegel zog die Polizei später in ungerührtem Sicherheitskraftdeutsch Bilanz: „Erkennbar ist, dass die Akzeptanz zum Tragen des Mund-Nasen-Schutzes sichtbar abnimmt.“ Oder tags darauf, jenseits des Atlantiks – da gab US-Präsident Donald Trump bekannt, wie sich die Masse der Pandemie-Opfer in seinem Land schnell und stark verkleinern ließe: „Wenn wir halb so viel testen würden, wäre ihre Zahl halb so hoch.“ Derlei Verhaltensweisen und Verlautbarungen können wohl nicht einmal mehr Restmengen von „Telljenz“ entsprungen sein. Weit eher handelt es sich um Manifestationen jener „Intelljenz“, die der weiland Wehrmachtsschleifer monierte. Zugegeben, der Gesundheit des „gesunden Menschenverstands“ war noch nie so recht zu trauen, und erst recht seit Ausbruch der Seuche wähnen sich Überängstliche immer bedrängender von kurios verqueren Köpfen umzingelt. Das mag auf Einbildung beruhen; doch regt all das bewusstseinstrübe Treiben und Getwittere dazu an, grundsätzlich darüber nachzudenken, was Intelligenz eigentlich sei und wo man sie findet. Umschreiben lässt sie sich als die Gabe, Verstand und Vernunft, Erfahrung und Empathie, Kenntnisse und Kreativität ausgewogen dafür einzusetzen, Veränderungen zu verstehen und planvoll-zweckgemäß auf sie zu reagieren. Die meisten Alltagsleute und Durchschnittsbürger verfügen über mehr oder weniger davon. Stets aber haben im Lauf der Geschichte die Menschen die Ignoranz ihrer je eigenen Epoche für die schlimmste seit Adam und Eva gehalten. Freilich darf auch das gegenwärtige Zeitalter, trotz Digitalisierung a tempo, Nanotechnik und Marsmissionen, nicht uneingeschränkt beanspruchen, für erleuchtet zu gelten. Zwar wollen US-amerikanische Forscher ermittelt haben, dass sich der Intelligenzquotient der Menschen seit hundert Jahren von einer Generation zur nächsten stetig erhöhe; allerdings erhöht sich die Glaubwürdigkeit dieser Behauptung nicht in gleichem Maß, wenn man die zurzeit sprunghafte Vermehrung von Flat-Earth- und Chemtrail-Freaks beobachtet, von QAnon- und Deep-State-Glaubensgemeinschaften, von Aluhüten, Jüdische-Weltverschwörungs-Rassisten und weiteren keineswegs nur harmlosen Spinnern. Mit mehr als einer dieser Gruppen sympathisiert der Staatschef der Vereinigten Staaten übrigens unverhohlen. Wenn in vier, sechs oder acht Monaten Impfstoffe gegen Covid-19 hoffentlich gefunden sein und in der Breite eingesetzt werden, wäre die Zeit gekommen, mit einem ähnlichen Aufwand an „Telljenz“ respektive Intelligenz nach einem zerebralen Immunserum zu forschen, dass die vielen im Ausnahmezustand ex- oder implodierenden Gehirne einigermaßen kuriert. Indes sind solche unerfüllbar frommen Wünsche nicht weniger uralt als die Klagen über das Grassieren der Unwissenheit. Schon vor fast neunzig Jahren ließ der Komödienschreiber Curt Goetz einen Arzt auf offener Bühne resignieren: „Die Mikrobe der menschlichen Dummheit ist unausrottbar.“ ■


Kaputt, geklaut

Dienstag, 27. Oktober   Kriminalität und Kunst kommen vor allem bei drei Gelegenheiten zusammen. Zum einen durch Fälscher: Fachleuten zufolge sind vier von zehn Gemälden, fünf von zehn Grafiken auf dem Markt nach- oder neu gemacht. Zum zweiten bietet sich Kunst geradezu an, gestohlen zu werden: Das begann bei weitem nicht erst 1911 mit dem legendären Kidnapping von Leonardos „Mona Lisa“ aus dem Pariser Louvre, und es endete nicht mit dem Raubzug durchs Grüne Gewölbe, bei dem Unbekannte am 25. November vergangenen Jahrs die Gold- und Edelstein-Geschmeide Dresdens dezimierten. Drittens schlagen Vandalen zu: Dazu kann man unfreiwillig werden, wie das  Reinigungsfachkräften widerfährt, die immer mal wieder irgendwo auf der Welt Kunstwerke, die nicht leicht als solche zu erkennen sind, aus Gründen der Sauberkeit entsorgen; schlimmer noch, und außerdem vorsätzlich, ziehen fanatische Bilderstürmer und entfesselte Krieger gegen Kostbarkeiten zu Felde, auch ignorante Tyrannen oder schonungslose Attentäter. Von großen Kulturdenkmälern, so von Palmyra, bleiben danach nur Trümmer und Ruinen. Deutlich kleiner, zugegeben, sehen die Wunden aus, die am 3. Oktober ein oder mehrere Täter auf fast siebzig Artefakten der Berliner Museumsinsel hinterließen. Nicht mit Äxten, Hämmern, Messern schlugen sie zu, ‚nur‘ eine Art Öl verspritzten sie auf Skulpturen und Sarkophagen aus Stein und Holz. Wie es scheint, wiegen die Schäden nicht allzu schwer; Restauratoren bemühen sich, die Flecken zu entfernen. Gleichwohl wird seit gut drei Wochen ermittelt, wegen „gemeinschädlicher Sachbeschädigung“. Auf zweierlei weist der Begriff hin: darauf, dass die in Museen gesammelten Kulturgüter eine Art Gesellschaftsbesitz sind; und dass ihre Verschandelung oder Zerstörung einen jeden ärmer macht, nicht viel anders, als zerträte einer ein lieb- und wertgeschätztes Erbstück. Wie hoch oder gering Wert und Schaden sind, bedeutet dabei wenig; es geht ums Prinzip, denn wer Zeugnisse der Geschichte ruiniert, beraubt das kollektive Gedächtnis um Unwiederbringliches. Von den Kuratoren wird schon seit Langem und nun erst recht verlangt, die Exponate ihrer Häuser sorgsamer zu schützen. Gewiss lässt sich da, gerade auch in den weltberühmten Schatzhäusern der Bundeshauptstadt, einiges verbessern. Mit Gewissheit vermeidbar indes sind Gewalt- und Wahnsinnsakte nie. Dem Einbrecher als solchem ist letztlich nichts zu schwer – buchstäblich nicht: Das bewies die ausgebuffte Bande, die im März 2017 bei einer Nacht- und Nebelaktion im Berliner Bode-Museum die kanadische Schaumünze Big Maple Leaf, das „Große Ahornblatt“, an sich brachte und mit einer Sackkarre ins Nirgendwo verschleppte. Über einen halben Meter maß die detailliert gearbeitete – und wahrscheinlich längst eingeschmolzene – Scheibe im Durchmesser, bestand aus purem Gold und wog deswegen hundert Kilogramm, was sie etwa fünf Millionen Euro wert sein ließ. Weitaus schwerer wird es Dieben edler Kunst und edler Metalle werden, die es vielleicht einmal auf eine 2012 in der australischen Prägestätte Pirth Mint hergestellte, achtzig Zentimeter große Münze aus zwölf Zentimeter dickem Gold abgesehen haben könnten: Zwar bekommen sie es mit einem Materialwert von dreißig Millionen Euro zu tun, aber auch mit einer Last von einer Tonne. ■



Wir im Netz

Samstag, 24. Oktober   Mitunter begreifen wir Erwachsenen auch Kompliziertes, sofern man es uns nur wie einem Kind erklärt. Zum Beispiel, was das eigentlich ist: das Internet. Es ist „ein großes Netz von Computern auf der ganzen Welt. Etwa vier und eine halbe Milliarde Menschen nutzen es. Das Internet ist um das Jahr 1970 entstanden. Damals gab es nur wenige Computer. Sie waren sehr teuer und sollten nicht unbenutzt bleiben. Darum hat man sie über das Telefonnetz verbunden …“ So lesen wir im Online-„Klexikon“, einer Art Wikipedia für kleine Leute, und fühlen uns auch als Große gar nicht so schlecht unterrichtet dabei. Behörden freilich lieben es, uns Erklärungen in ganz anderer Tonart um die gespitzten Ohren zu schlagen. Heute vor 25 Jahren definierte der Federal Networking Council der Vereinigten Staaten den Begriff und die Sache erstmals offiziell, und zwar so: Das Internet sei das „globale Informationssystem, das (erstens) durch einen weltweit eindeutigen Adressraum auf der Grundlage des Internetprotokolls (IP) oder seiner nachfolgenden Erweiterungen/Folgen logisch miteinander verbunden ist; (zweitens) in der Lage ist, die Kommunikation unter Verwendung der TCP/IP-Suite (TCP/ IP) oder seiner nachfolgenden Erweiterungen/Folgen und/oder anderer IP-kompatibler Protokolle zu unterstützen; und (drittens) entweder öffentlich oder privat hochrangige Dienste, die auf der hier beschriebenen Kommunikations- und zugehörigen Infrastruktur basieren, bereitstellt, nutzt oder zugänglich macht“. Da staunen wir, dass etwas, von dem so verklausuliert gesprochen werden muss, für jeden und jede täglich auf schnurgeradem Weg erreichbar ist. Auch ohne IT-Know-how dürfen wir das Internet großartig finden: Unserer Epoche der Informationen, ihrer Verarbeitung und Verbreitung bescherte es einen Paradigmenwechsel, wie es allenfalls der Buchdruck vor sechshundert Jahren vermochte. Wie alles hat es Vor- und Nachteile: Anonym und schnell, obendrein vielfach gratis gelangen wir an aktuelle Nachrichten aus aller Herren Ländern und können mit entferntesten Mitmenschen ohne Zeitverzug kommunizieren; nur müssen wir uns dabei, wie im analogen Leben auch, vor digitalen Einbrechern (Hackern) und vor üblen Keimen (Viren) schützen, haben die seriösen Quellen aus einer Vielzahl zweifelhafter herauszusortieren und sollten bereit sein, mal mehr, mal weniger intime Details über unser Leben preiszugeben. Sowohl Sammel- als auch Fanggerät ist das world wibe web, so wie jedes Netz. Das ist eine sehr alte Erfindung der Menschheit und für sie seit jeher so wichtig, dass es unter unseren Vorvorfahren schon vor etwa zwölftausend Jahren aufkam. Seinem Gebrauch liegt ein klares Täter-Opfer-Verhältnis zugrunde: Der Fischer, der mit seiner Hilfe Beute macht, freut sich, weil es ihn und die Seinen ernährt; für sein Lebensmittel, den Fisch, bedeutet es das Gegenteil, den Tod. Ähnlich verhält es sich mit den sozialen Netzwerken: Manche Nutzer fischen damit Namen und Daten ab, um Schaden anzurichten; andere erfahren in einer noch nie dagewesenen globalen Gemeinschaft eine neue Form von Aufgeschlossen- und Geborgenheit. Wollen die  „sozialen Netze“ ihren Namen verdienen, sollten wir in ihnen nicht gefangen, sondern aufgefangen sein.



Tanz mit der Welt

Donnerstag, 22. Oktober   Zehn Jahre war der kleine Mario aus Finsterwalde alt, als er von seiner Mutter erstaunt den Vorschlag vernahm, er solle sich um Aufnahme in einer renommierten Tanzhochschule bemühen. Dabei hatte Mario keine Ahnung davon, was man beim Ballett so macht. Doch Mama half ihm auf die Sprünge: „So was Ähnliches wie Charlie Chaplin.“ Dem hatte Mario oft zugeschaut, den fand er klasse. Längst ist aus dem kleinen Mario ein Herr Schröder geworden und aus dem Eleven der Chefchoreograf der Leipziger Oper. Wahrscheinlich ist er als Tänzer dem 1889 gebürtigen Briten Charles Spencer Chaplin, dem wohl populärsten Komiker des US-Kinos, überlegen. Indes erweist eine ikonisch gewordene Filmsequenz, wie subtil und zugleich spöttisch auch der Kinoregisseur und -produzent, -autor und –komponist sich zu bewegen verstand: Da sieht man Chaplin als Anton Hynkel und eigentlich als Adolf Hitler, jedenfalls als „Großen Diktator“, wie er zu Wagnermusik mit einem großen Globus walzt, springt und schwingt, pendelt und zirkuliert, mit einem bemalten Luftballon, der ihm schließlich, im Moment höchster Verzückung, zwischen den Händen zerplatzt. Das hätte Mario Schröder, als Profi, wohl kaum närrischer hinbekommen. Die Ähnlichkeit der Figur Hynkel und des Schauspielers Chaplin mit dem wirklichen Tyrannen und Weltenbrandstifter ist so witzig wie verwirrend, was nicht nur, aber nicht zuletzt an beider Zahnbürstenbärtchen über der Oberlippe liegt. Das Prioritätsrecht daran reklamierte der Spaßmacher für sich: In Zeitungsannoncen beharrte er darauf, der fast auf den Tag gleichaltrige „Führer“ des „Dritten Reichs“ habe ihm den Schnauzer abgeschaut. Dass es sich beim ersten Tonfilm des Künstlers um keine Posse handle, begriffen die Kritiker sofort, die dieser Tage vor achtzig Jahren der Uraufführung beiwohnten. In der New York Times stand tags darauf zu lesen, man habe es mit einem „von Grund auf tragischen – oder im klassischen Sinn tragikomischen – Werk“ zu tun. Ein Welterfolg, für den sein Schöpfer sich später genierte: 1964 beteuerte Chaplin in der „Geschichte meines Lebens“, er hätte die Finger von dem Stoff gelassen, hätte er während der Produktion schon von den Gräueln in den deutschen Konzentrationslagern gewusst. Gleichwohl bestand zur Scham kein Anlass: Als kraftvolle Stellungnahme gegen Totalitarismus und Cäsarenwahn überzeugt der Film bis heute. Auch dass Chaplin mit der Hitler-Persiflage, wie überhaupt mit seinem Schaffen, prima verdient hat, beschädigt sein Andenken nicht. Als er 1977 starb, soll er über ein Vermögen von 415 Millionen Dollar – nach heutigem Wert – verfügt haben. Hierbei war ihm der angeblich „Größte Feldherr aller Zeiten“ allerdings voraus: Hitler habe, heißt es in manchen Quellen, unter Umgehung der deutschen Steuer auf Schweizer Banken den Wert von viereinhalb Milliarden Euro gehortet; allein für seinen Berghof in den Alpen soll er ein Milliärdchen aufgewendet haben. Die Gage eines Leipziger Ballettdirektors erlaubt dergleichen nicht.



Wie im Kino

Dienstag, 20. Oktober.  Vor 25 Jahren schon war im Kinosaal zu sehen, was im Kinosaal passieren kann, wenn ein spreader hustet. Ziemlich am Anfang des Seuchenthrillers „Outbreak“ besucht in einer US-Kleinstadt ein fiebernder Mann ein Filmtheater, in dem sich Flüssigkeitströpfchen aus seinen Lungen, tricktechnisch überdeutlich zu sehen, im ganzen Saal verbreiten; wenig später nimmt eine Seuche ihren Lauf durchs Kaff, grässlich und tödlich wie Ebola. Was Wolfgang Petersen 1995 als weit hergeholte Dystopie vorzuführen schien, kennen und erleiden zurzeit Kinobetreiber und Festspiele, auch die heute beginnenden Internationalen Hofer Filmtage als existenzbedrohende Wirklichkeit. Bereits kurz nachdem das Corona-Virus seinen pandemischen Zug um die Welt begonnen hatte, konstatierte ein junger Medienwissenschaftler verwundert, wie „überrumpelt“ die Welt darauf reagiere: Nicht grundlos fragt Denis Newiak in seinem Buch „Alles schon mal dagewesen“ danach, „was wir aus Pandemie-Filmen für die Corona-Krise lernen können“. Hatten nicht schon vor Jahren, gar Jahrzehnten Steven Soderbergh in „Contagion“ oder Marc Forster in „World War Z“ einschlägige Szenarien mit Viren durchgespielt? Oder Steven Spielbergs „Jurassic Park“ oder „Independence Day“ von Roland Emmerich: War die Vorstellung einer Bedrohung durch feindliche Lebensformen dort weniger realistisch, nur weil statt unsichtbarer Keime fressgierige Dinosaurier und eroberungswütige Aliens weithin sichtbar die Menschheit auszulöschen trachteten? Denis Newiak war sich von jeher sicher, „dass das Thema irgendwann präsent und relevant wird“, und „fand an der Krise am erschreckendsten, wie überrascht alle waren, vor allem die Politik, etwa in den USA". Dabei kann der angehende Wissenschaftler auf erfahrene Experten verweisen, die „schon lange davor warnen“. Nun aber liegt das Kind im Brunnen, und die Betreiber von Lichtspielhäusern und Festivals müssen sehen, wie sie klarkommen. Nur knapp entging die Berlinale dem Unheil. Als das bedeutendste deutsche Filmfest am 1. März endete, resümierte Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek: „Ich denke, dass wir ein Riesenglück hatten.“ Auf dasselbe hofft Hof, das home of films, für die folgenden Tage. Immerhin wissen sich Thorsten Schaumann und sein Team angesichts der zweiten Krankheitswelle vorbereitet: Ihr „duales Modell“ führt die Beiträge an Ort und Stelle vor, in vorschriftsmäßig ausgerüsteten Sälen des Central- und des Scala-Kinos, zudem in der Bürgergesellschaft und im Festsaal der Freiheitshalle; zugleich gibts alle Filme auch on demand im Internet. Wem dabei das geliebte Live-Flair samt Gedränge, Plauderei und Bratwurstbude abgeht, darf sich damit trösten, dass Novitäten auf dem Laptop-Bildschirm immer noch besser sind als gar kein Festival. Brandaktuell übrigens empfiehlt „HoF“ auf seiner Website das erst- und hoffentlich einmalige" Corona Short Film Festival: Das versammelt kurze Arbeiten,
die von Regisseurinnen und Regisseuren während ihrer Covid-19-Isolation produziert wurden. Zugänglich sind sie, versteht sich, komplett online, als wärs in Quarantäne: in der Klausur des stillen Kämmerleins.



Unvorstellbar

Samstag, 17. Oktober.   Lang ists her, dass unsere Durchschnittsbildung darauf hoffen durfte, einigermaßen zu durchschauen, für welch imposante Leistungen die naturwissenschaftlichen Nobelpreise verliehen werden. Mittlerweile drangen die Gelehrten so tief in die Fein- und Tiefenstrukturen von Organismus, Materie und Weltall vor, dass sie Einzelheiten ihrer Arbeit der breiten Bevölkerung nicht mehr begreiflich machen können. So geben etwa Koryphäen aus der theoretischen und der Quantenphysik gern zu, selbst sie vemöchten, was sie mathematisch errechneten, sich mit Sinnen und Verstand nicht vorzustellen. Jahrhundertelang hat neuzeitliche Wissenschaft die Welt entzaubert, indem sie unseren Vorvätern und -müttern zahllose Rätsel aufschloss, die auf ewig für unlösbar galten. Wir, heute, stehen kopfschüttelnd vor Entdeckungen, von denen uns die meisten bestenfalls dann zu berühren vermögen, wenn wir uns einfach fraglos auf sie einlassen. Welcher Normalbürger sieht sich ehrlich in der Lage, präzis nachzuvollziehen, auf welche Weise Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna, denen kürzlich der Nobelpreis für Chemie zugesprochen wurde, die Crispr-Cas-Genschere an der DNS ansetzen, um ins Erbgut einzuschneiden? Die Kunde, dass jene  Option zur Realität gehört, muss reichen, uns Bewunderung abzugewinnen oder uns das Fürchten zu lehren. Im Makrokosmos ergeht es uns nicht anders. Als an Heiligabend 1968 die US-Astronauten der Apollo-8 aus der Mondumlaufbahn das erste im All aufgenommene Farbfoto unseres blauen Planeten ‚hinunter‘-schickten, schufen sie eine überwältigend fassliche Ikone unseres kosmischen Zuhauses – eine fast greifbare Kugel von schwebend-umschleierter Schönheit vor unendlicher Schwärze. Umso unnahbarer hingegen, schier ins Unendliche entrückt, bildete 1990 die Raumsonde Voyager 1 die Erde ab, als pale blue dot, als „blassblauen Punkt“ von Sandkorngröße, aufgenommen aus sechs Milliarden Kilometern Entfernung; eine Distanz, die unsere Imaginationskraft buchstäblich um Längen übersteigt. Erst recht tun dies die 55 Millionen Lichtjahre (also 55 mal 9,46 Billionen Kilometer), die das erste fotografierte Schwarze Loch von uns trennt; im April vergangenen Jahres machte die Aufnahme Furore. Es hat die Masse von 6,6 Milliarden Sonnen – wer ahnt nur leise, welch ungeheuren Gravitationskräfte in ihm wirken. Und erst dieser Tage sorgten Berichte über ein „kosmisches Spinnennetz“, dreihundert Mal größer als unsere Milchstraße, für Aufsehen. In seiner Mitte hält wiederum ein Schwarzes Loch Fäden von außerordentlich verdichteten Gasen fest; dort, wo sie sich kreuzen, bindet das Gewebe mindestens sechs, vermutlich weit mehr Galaxien an sich. Was die Astronomen davon beobachten, vermittelt ihnen den Zustand von vor etwa dreizehn Milliarden Jahren – so lange brauchte das Licht von dort zu uns. Wie wollten unsere Gehirne solche Dimensionen erfassen, wenn ihnen schon die kosmischen Ereignisse in ihrer Ungeheuerlichkeit nicht klar werden, die ihnen zugrunde liegen? Vielleicht sollten wir es wieder mehr mit dem Erz-Philosophen Immanuel Kant halten: Mag sein, dass wir dem „moralischen Gesetz“ in uns nicht mehr ganz so blind wie er vertrauen dürfen; doch sein Staunen über den „gestirnten Himmel“ über uns, das empfiehlt uns die Astronomie in jedem Jahr aufs Neue.



Hand-Schuh

Dienstag, 13. Oktober.  Politiker müssen fest auf dem Boden der Tatsachen stehen, wofür sie, ebenso wie robuste Schenkel, auch Füße von ausdauernder Stabilität brauchen. Weil Letztere zu den besonders empfindlichen Stellen des Körpers zählen, tun Stadtväter und -mütter wie Staatsmänner und Regierungschefinnen gut daran, sich mit strapazierfähigem Schuhwerk zu versorgen. Bequem darfs gleichwohl sein, wie Joschka Fischer es unvergesslich vorexerzierte: Als der spätere Bundesaußenminister 1985 erst mal das hessische Umweltressort übernahm, legte er den Amtseid im Landtag zu Wiesbaden in High-Top-Sneakern von Nike ab, in weißen, versteht sich, damit die Turnschuhe auf den damals noch meist grauen Pressefotos auch zuverlässig zur Geltung kämen. Ein „Symbol der Grünen als Lifestyle-Partei junger, cooler, urbaner Menschen“ sah dieser Tage die Neue Zürcher Zeitung erinnernd in Fischers damaliger Trendkluft – was Gedanken an andere Fußbekleidung, die Geschichte schrieb, nahelegt. So machte heute vor sechzig Jahren Nikita Chruschtschow, seinerzeit Staatschef der Sowjetunion, bei der fünfzehnten Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York nicht allein als Redner von sich reden, sondern mehr noch, weil er während einer Schimpftirade zornentbrannt den rechten Schuh vom Fuß riss. Bis hierher darf die ostwestkonfliktgeladene Episode historisch als einigermaßen verbürgt gelten; immerhin zeigt das einzige Foto des Vorfalls den Schuh auf Chruschtschows Tisch liegen. Darüber aber, was danach geschah, gehen die Aussagen auseinander. Augenzeugen gaben an, der Politiker habe mit dem Schuh in der Hand von seinem Platz aus in Richtung eines Abgesandten gestikuliert, der ihn in Rage gebracht hatte. Die New York Times hingegen notierte: „Er stand auf und schwang den Schuh drohend in Richtung der philippinischen Delegation. Anschließend hämmerte er mit seinem Schuh auf den Tisch.“ Wie dem wirklich war, spielt kaum mehr eine Rolle: So und nicht anders brannte sich die Szene mit unauslöschlicher Eindeutigkeit ins kollektive Gedächtnis eint, denn weithin galt der KPdSU-Chef und Ministerratsvorsitzende aus Moskau als unbeherrschter Rüpel. Auch anderweitig fallen einschlägige Lederwaren bis in die hohe Politik hinein ins Gewicht. Vor allem in islamischen Ländern drücken Politiker ihren Unwillen aus, indem sie mit Schuhen vor ihren Gegnern herumhantieren oder den Widersacher gar damit bewerfen. Am spektakulärsten geschah dies am 14. Dezember 2008 in Washington, als ein Journalist aus dem Irak zwei Treter nach Präsident George W. Bush schleuderte. Ähnliches widerfuhr, zum Beispiel, 2011 dem früheren ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak – und im Jahr darauf seitens wutschnaubender Demonstranten Christian Wulff, obwohl der als deutscher Bundespräsident doch eher eine aggressionshemmende Bravheit ausstrahlte. Derzeit regiert in den USA ein Rabauke an der Grenze zum Kontrollverlust, hierin seinem Sowjetkollegen aus den Fünfzigern und Sechzigern vergleichbar. Ungehemmt feuert er mit Galle, Gift und fake news rund um sich. Ein Handy flog ihm schon einmal entgegen, Schuhe bislang nicht. ■



Feurio!

Samstag, 10. OktoberEs brennt. „Feurio“ heißt ein beliebtes Programm, das jenen von uns, die sich noch nicht von den Streaming-Diensten haben übermannen lassen, erlaubt, Audio-CDs am heimischen Computer zu brennen. „Feurio!“ riefen einst die Wächter von den Türmen einer Stadt, wenn sie unsere Altvorderen vor einem Brand warnen wollten, den sie im Gedränge der meist schmalen Straßen und meist hölzernen Häuser entdeckt hatten. Zwischen Dienstag und Mittwoch – dies nur als Beispiel – hätten sie in Blaufelden (Kreis Schwäbisch-Hall) und in Güglingen (Kreis Heilbronn) solcherart rufen müssen, desgleichen in Saulheim (Kreis Alzey-Worms) und in Auhagen (Landkreis Schaumburg), in Chemnitz und Berlin … Die Medien beobachtend, könnte man meinen, unser Land brenne an allen Ecken und Enden. Unser Planet brennt. Nicht nur, dass er, der Erderwärmung wegen, auf kleiner Flamme vor sich hin kokelt: Als der heißeste September seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen geht der soeben vergangene in die immer traurigere Geschichte des Weltklimas ein. Jüngst zogen in den Vereinigten Staaten ein amtierender Präsident und ein Anwärter aufs Amt mit heißen Köpfen, glühendem Hass und feuriger Rhetorik wie mit Flammenwerfern gegeneinander los. Offen schlagen Flammen – um vom Regenwald des Amazonas gar nicht erst zu reden – aus den Wäldern Griechenlands und Kaliforniens, erst recht aus den Konfliktgebieten im Jemen, in Afghanistan und Syrien, im Südsudan, um nur ein paar zu nennen. „Es brennt“ sogar in der Kunsthalle des eher wohltemperierten Nürnberg: Unter dem brenzligen Titel zeigt Marcel Odenbach bis zum 10. Januar Bildkunst über eine Welt, in der es uns ganz schön heiß werden kann. Kopierend und collagierend fertigte der 67-jährige gebürtige Kölner Arbeiten aus Hunderten kleiner Einzelbilder, die der – Corona-gemäß distanzierte – Betrachter wie Mosaiken als einheitliche und doch gebrochene, beunruhigende Ganzheiten wahrnimmt. Auf ihre Art veranschaulichen sie Autoritarismus, Rassismus und Kolonialismus, Ideologien und Ungerechtigkeiten – Themen, die uns allen täglich auf den Nägeln brennen sollten. Zum Optimismus verführt die Schau uns nicht. In der Geschichte der Kunst, fast von ihren Anfängen an, tritt uns Feuer oft, allerdings nicht immer verheerend bis zum Weltenbrand entgegen, sondern auch heimeliger als Wärmespender in kalter Wüstennacht, erleuchtend oder heilig gar als Feuerzunge des Geistes, überhaupt als Urfunke der Kultur, wenn Prometheus den Menschen das Feuer bringt – oder, als göttlicher Dornbusch, der, von Mose ehrfürchtig bestaunt, brennt, ohne zu verbrennen. In unserer Alltagswirklichkeit macht Feuer uns leicht bang, kann doch schon eine kleine Kerzenflamme binnen Sekunden außer Kontrolle geraten. So wie wir Menschen selbst, wenn wir erst mal Feuer fangen, ob aus Liebe oder Zorn. Die Wut im Bauch, zumal im weiblichen, verzehrt und verheert wie eine Feuersbrunst. Dann möchte ‚man‘ am liebsten „Feurio!“ rufen, denn nicht umsonst klingt der feuerwehrmännliche Warnruf an „Furie“ an.



Nicht genug Leben

Donnerstag, 8. Oktober.   Mommsen und Heyse, Hauptmann und Mann (Thomas), Hesse und Böll, Canetti und Grass, Nelly Sachs, Jelinek und Herta Müller, zuletzt Peter Handke ... – die Liste der deutschsprachigen Dichterinnen und Dichter, die zwischen 1902 und 2019 mit dem Nobelpreis geehrt wurden, sieht so kurz nicht aus und wiegt ziemlich schwer. Vor fünfzig Jahren durfte sich in die Reihe der größten Autorinnen und Autoren einer einreihen, der zwar Russe war, aber Deutschland als existenzielle Durchgangsstation erlebte: Am 8. Oktober 1970 erfuhr die literarische Welt, dass Alexander Solschenizyn die Ehre widerfahren würde. Kam sie ihm gelegen? Jedenfalls vermied ers, zur Verleihung am 10. Dezember nach Stockholm zu reisen, konnte er doch nicht fest damit rechnen, wieder in die UdSSR eingelassen zu werden. Denn der Schriftsteller, wiewohl einer der meistbeachteten seiner Zeit, war daheim nicht eben wohl gelitten. Als Kritiker Josef Stalins hatte er von 1945 bis 1956 Lagerhaft und Deportation erduldet, wovon sein literarisches Debüt von 1962, der Roman „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“, beklemmend Auskunft gibt. Weit detaillierter dokumentierte Solschenizyn das brutale sowjetische Straflager- und Verbannungssystem im „Archipel GULAG“, dessen drei dicke Bände zwischen 1973 und 1976 erschienen. Von der Niedertracht der Täter berichten sie und von der oft beeindruckenden inneren Größe vieler Opfer, denen „nicht genug Leben" vergönnt war, um selbst von all dem zu erzählen. Dass der Dissident längst eine internationale Berühmtheit war, kümmerte Moskau wenig: 1974 setzten die Behörden Solschenizyn neuerlich fest, um ihn sodann in die Bundesrepublik abzuschieben. Dort fand er (wie sechs Jahre nach ihm Lew Kopelew) ein erstes Asyl im Haus Heinrich Bölls, des Preisträgers von 1972. Später lebte Solschenizyn in den USA, bevor er 1994 in ein anderes Russland zurückkehrte. Hier nahm er zwischen den Stühlen Platz: Denn sowohl seiner Heimat wie dem Westen warf er den Niedergang ihrer Wertvorstellungen vor. Indes hinderte ihn das nicht, mit Wladimir Putin zu sympathisieren und von ihm 2007, ein Jahr, bevor er 89-jährig starb, den Staatspreis der Russischen Föderation entgegenzunehmen. Viele seiner langjährigen Gefolgsleute hatte er da bereits mit den antisemitischen Tönen brüskiert, die er in einem Spätwerk über die Juden in der russischen Geschichte anschlug. Am heutigen Donnerstag nun soll bekannt werden, wer von 197 Nominierten heuer den Preis bekommt. Dass ein deutscher, österreichischer oder Schweizer Name wie Donnerhall durch die Welt brausen wird, gilt als wenig wahrscheinlich. Experten meinen gar, ganz Europa habe diesmal keine Chance.



Licht im Dunkeln

Montag, 5 Oktober.   Die Blinden sehen unterschiedlich. Die mit Sehrest erkennen noch einigermaßen Konturen, Helligkeit und Farben. Jene, die buchstäblich ohne Augenlicht zur Welt kamen, gewahren buchstäblich nichts, auch nicht Schwarz. Denn weil sie niemals Farben, Hell und Dunkel zu unterscheiden lernten, bildete ihre Wahrnehmung, anders als die der Sehenden, Kategorien dafür von vornherein nicht aus. Freilich wird niemand, der bei Verstand ist, einem blinden oder sehbehinderten Menschen das Licht im Innern absprechen, und ebenso wenig das Verlangen, sich erleuchten zu lassen, sein Licht auf den Scheffel statt darunter zu stellen und sich und seine Welt ins rechte Licht zu rücken. Letzteres tun Gerald Pirner und drei weitere „Blinde Fotograf*innen“ in einer Ausstellung in Berlin, die seit Samstag (und bis zum 17. Januar) im „Freiraum für Fotografie“ in der Waldemarstraße 17 zu besichtigen ist. Pirner liebte, bevor er sein Augenlicht verlor, Kino und Malerei, wie er in Interviews berichtete. Seine Porträts entstehen durch extrem lange Belichtung in Räumen, schwarz wie die Nacht, in denen er mittels Taschenlampen immer nur ein wenig Licht ins Dunkel bringt, als ob er mit dem künstlichen Schein „malte“; lightpainting heißt die Technik denn auch. Mit wachsendem Nachdruck beharren Blinde darauf, voll in die helle, kolorierte Welt integriert zu werden. Längst zum Fernsehalltag gehört die „Audiodeskription“, die zwischen den Dialogen in knappen Worten beschreibt, was der Bildschirm gerade zeigt. Ähnliche Unterstützung, wenn nicht gar spezielle Aufführungsvarianten bieten etliche Theater an. Übrigens präsentierte das Jugendensemble des Theaters Hof schon vor zwölf Jahren eine Produktion, die vom Sehen handelte, indem sie vom Gegenteil erzählte: von blinden Studenten, die das Stigma tragen, anders als andere zu sein, und doch auf Normalität bestehen. Blinde sind keine Schwarzseher: Die meisten von ihnen, so betont der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin auf seiner Website, dürfen als Optimisten gelten. Sie sichten, beim Blick in die Zukunft, Licht am Ende des Tunnels. ■



Rechts oben

Donnerstag, 1. Oktober, 00.01 Uhr.  Rechts oben – da sind wir. Beim Blick auf eine Landkarte, die Bayern zeigt, am besten mitsamt den angrenzenden Gebieten, findet sich Hochfranken eben dort, im Nordosten, und hat das sächsische Vogtland und die nördliche Oberpfalz erfreulich nah bei sich. Bis 1989 machte die Republik hier einen Punkt: Nichts ging mehr. Zumindest gings nicht weiter Richtung Osten. Seither aber hat sich unsere Ecke in Sachen Kultur gehörig gemausert. Eine damit derart reich gesegnete ländliche Region findet sich irgendwo im Lande nicht so leicht noch einmal. Zum Eckpunkt ist Hochfranken geworden, und deshalb heißt auch diese Kolumne so, die auf unserer Website zwei bis drei Mal wöchentlich erscheinen soll. Darum auch schaut das dazugehörige Signet – das dem Hochfranken-Feuilleton (ho-f) überhaupt als Markenzeichen dient – so aus: Eine Art Punkt stellt es dar, gebildet aus konzentrischen Kreisen, die unvollständig bleiben, weil sie sich rechts oben (wo sonst?) im Winkel einer Ecke treffen. Ein sinniges Symbol für den Stellenwert, den Künstlerinnen und Künstler, Kreative, Intellektuelle und Veranstaltende am Ort beanspruchen dürfen. Mit ‚Provinz‘ hat jener Ort nichts zu tun; die hat ihren Platz zwischen den Ohren, findet mithin in Köpfen statt, was in Hamburg wie in Hof, in Berlin wie in Bad Steben, in München wie in Münchberg gelegentlich passiert. Auf der Landkarte heißen Gegenden wie die unsere Peripherie, was nicht mehr besagt, als dass wir abseits von den Metropolen, in Außenbezirken neben den Ballungsräumen gelernt haben, ganz gut zu leben und zu schaffen und schöpferisch zu sein. Auf das Kulturleben in und um die Städte Hof und Wunsiedel mit ihren Landkreisen, zwischen Naila und Waldsassen, Bayreuth und Plauen will ho-f fortan ernst nehmend, wenn auch nicht bierernst den kritisch interessierten Blick richten. Denn selbst in Krisen- und Seuchenzeiten wie augenblicklich im Coronozän wollen Kreativität und Inspiration in Nordostbayern und dem angrenzenden Südsachsen einfach keine Ruhe geben. Wirklich, wir stecken mittendrin, so rechts oben, im Zentrum der Republik. Irgendwo ist andernorts.