Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Eckpunkte-Archiv 2022/23

Zeichen und Wunder

24. September   Das Wort Geheimnis hat einen magischen Klang, der das Interesse anstachelt, zur Neugier verführt, mit Wunderbarem rechnen lässt. Die Sache selbst freilich, das Insgeheime, Verdeckte und Verschlossene, kann einem auch gehörig schaden. Zwar sind brisante Inhalte, die im Internet von einem Server zum andern wechseln, verschlüsselt unterwegs, sodass Unbefugte sie nicht auslesen und missbrauchen können. Im Gegenzug indes entwickeln Online-Schurken raffinierte ransomware, Schadprogramme, mit der sie die Daten eines gekaperten Rechners unkenntlich machen, um sie erst gegen Zahlung eines Lösegelds wieder freizugeben. Zweifellos ein Akt hoher krimineller Energie; faszinierend aber ist sie schon, die Möglichkeit, eine Schrift, mit der wir unsere Ideen und Informationen aufbewahren und mitteilen, zur Geheimschrift zu verfremden, mit der sich nur mehr eine verschworene Gemeinschaft Auserwählter über Klammheimliches, Konspiratives, Kryptisches verständigt. Kryptografie heißt denn auch die Kunst, solche Zeichensysteme zu erschaffen oder ins Allgemeinverständliche zurückzuführen. Der US-amerikanische Dichter Edgar Allan Poe behauptete 1839 öffentlich, er sei in der Lage, alle monoalphabetischen Geheim- oder (wie er es nannte) „Hieroglyphenschriften“ zu knacken, alle also, „bei denen anstelle von Buchstaben des Alphabets jede Art von Zeichen willkürlich verwendet wird“. Vier Jahre später führte in Poes Erzählung „Der Goldkäfer“ der fiktive Meisterkryptologe Legrand seine Methode der – eher simplen – Häufigkeitsanalyse beispielhaft am Code auf einer Schatzkarte vor. Seit etwa sechstausend Jahren kennt die Menschheit Schriften; nicht viel weniger alt sind Dokumente aus dem alten Ägypten, auf denen Priester religiöses Geheimwissen verschlüsselten. Dabei galt das um 2700 vor Christus entstandene, für dreitausend Jahre unveränderte Schriftsystem des Reichs am Nil selbst als schier unlösbares Geheimnis – bis zum 27. September 1822. Am kommenden Dienstag vor zweihundert Jahren wurde publik, was Experten sofort für ein Wunder hielten: Der erst 31-jährige französische Sprachforscher Jean-François Champollion teilte der Académie française mit, ihm sei die Entzifferung der vermeintlichen Bilderschrift gelungen. Die gar keine ist, wie er als Erster durchschaut hatte, sondern (mit seinen Worten) „ein komplexes System, bildhaft, symbolisch und fonetisch zugleich, und zwar in ein und demselben Text, ein und demselben Satz, sogar in ein und demselben Wort“. Hatte er doch die alten Siglen als Symbole teils für komplette Nomen und Verben, teils für  einzelne Laute, teils als stumme Signale erkannt. Aufklären konnte er das uralte Rätsel, weil 1799 während Napoleons Ägyptenfeldzug ein Offiziere nahe der Hafenstadt Rosetta, dem heutigen Rashid, eine Basaltplatte mit dreierlei Aufschreibungen gefunden hatte: sowohl in Hieroglyphen als auch in einer Art ägyptischer Schreibschrift, zudem in griechischen Lettern. Bereits 1814 ahnte der Brite Thomas Young, es könne sich beim Inhalt des (196 vor Christus gemeißelten) pierre de Rosette um immer dasselbe königliche Dekret handeln. Darauf aufbauend, gelangen Champollion, der mit erst zwanzig schon Professor für Ägyptologie in Grenoble gewesen war, in jahrelanger Knobelarbeit schließlich die entscheidenden Aufschlüsse. An den computergenerierten Codes von heute hätten sich allerdings auch er und Young, Poe und dessen Superhirn Legrand die Zähne ausgebissen.  ■


Sechs Farben

17. September   Die berühmten „Quadrate“ des russischen Malers Kasimir Malewitsch sind das Gegenteil zum Teletext: das „Schwarze Quadrat“ von 1915, erst recht das zwei Jahre jüngere „Weiße Quadrat auf weißem Grund“. Unumwunden verraten die Titel solcher radikal gegenstandslosen Konzeptionen das Wenige, was auf ihnen zu erblicken (und das Viele, das in sie hineinzuinterpretieren) ist. Der Künstler selbst nannte sie „die nackte[n] Ikone[n] meiner Zeit“. Hundert Jahre später sah der Wiener Kurier darin den „absoluten Nullpunkt“ der Kunst erreicht, was nicht abschätzig gemeint war. Aktuell erlaubt eine eigentümlich verwandte Kunstdarbietung noch ein paar Tage lang, Malewitschs die Moderne prägenden Schöpfungen sehr zeitgemäß zu deuten: als ein aufs Riesenformat von knapp achtzig mal achtzig Zentimetern vergrößertes Pixel. „Teletext ist Kunst“: So selbstbewusst heißt seit Monatsanfang eine im medialen Raum des Bildschirms gezeigte Schau, für deren Präsentation sich ARD Text und ORF Teletext sowie die Künstlerkollektive FixC und TeleNFT zusammengeschlossen haben. Noch bis zum kommenden Mittwoch wollen, angeführt von dem Deutschen Max Haarich und Gleb Divov aus Litauen als Kuratoren, fünfzehn Künstlerinnen und Künstler vornehmlich aus Deutschland nachweisen, dass sich auch innerhalb des extrem beschränkten televisionären Teletext-Rasters veritable Bildkunst komponieren lässt: aus nur 78 mal 69 Pixeln in nur sechs Farben zuzüglich Schwarz und Weiß. Auf insgesamt 67 Arbeiten lässt sich Abstraktes und Gegenständliches, Ironisches und Irritierendes mal staunend, mal kopfschüttelnd betrachten. Unüberschaubar das potenzielle Publikum: Allein in Deutschland nutzen täglich zehn Millionen Menschen den mehr als vierzig Jahre alten, technisch fast unveränderten, mithin angeblich aus der Zeit gefallenen Service der Öffentlich-Rechtlichen. Sogar erwerben kann man die Exponate – als NFT. Eine künstlerische Online-Datei nennt man so, die zwar von jedermann eingesehen und downgeloadet werden kann, aber dank eines Zertifikats dem Käufer als Eigentum eindeutig zugewiesen ist. Zahllose kleine Glieder, planmäßig so angeordnet, dass sie für Auge und Sinn eine bildhafte oder grafische Einheit ergeben: Die Idee ist fast so alt wie die Kunst. In Mosaiken bleibt sie Jahrtausende hindurch erhalten, im Pointillismus des fin de siècle, etwa bei Georges Seurat, avancierte sie zur malerischen Methode, als Puzzle hilft sie dem Müßigen, die Zeit totzuschlagen, über die Stickrahmen der Mütter und Großmütter fand sie als Kreuzstich Eingang in die häusliche Handarbeit – und ist so auch wieder in der Teletext-Ausstellung, durch ein Werk von Mario Klingemann alias Quasimondo vertreten. Zum unentbehrlichen Informationsträger und Kommunikationsmittel in der Logistik brachte es der quadratische, schwarz-weiß gepixelte und darum elektronisch blitzschnell lesbare QR-Code. Einen solchen offeriert in der digitalen Schau der Kölner Bloom Jr. all jenen, die nicht nur die vom Teletext bereitgestellten vier, sondern sämtliche Versionen seines Opus „8Monroe“ besichtigen wollen. All diese Darstellungen, aus Kleinstelementen planvoll zusammengesetzt, bestätigen die Erkenntnis des Aristoteles, es sei das Ganze stets mehr als bloß die Summe seiner Einzelteile. Nur für Malewitschs „Quadrate“ scheint dies nicht zu gelten: In ihnen fallen Teil und Ganzes in eins. ■