Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Kein Kaffee, keine Kinder

  • Im Kino: „Einfach mal was Schönes“ (Deutschland 2022, Regie: Karoline Herfurth, 116 Minuten)


Von Michael Thumser

29. November – Karla im Pech: Sie kriegt einfach nicht, was sie sich wünscht. Dem von ihr moderierten Nachtradio hört kaum jemand zu, mit der Familienplanung – Hauptsache Nachwuchs, egal ob mit Partner oder ohne – will es nicht klappen, und sogar der Getränkeautomat verweigert ihr den Dienst: „Kein Kaffee, keine Kinder.“ Karla ist 38 und ahnt, dass die biologische Uhr kaum noch lauter ticken kann. Entsprechend verbissen fällt ihre Fahndung nach dem Mann fürs Leben oder den nächsten Lebensabschnitt aus: Einen „Harald mit Analproblem“ hat sie ausprobiert, einen „Querdenker“ sogar, und das erste, durchaus lustvolle Date mit einem schlammverkrusteten Extremhindernisläufer endet schlagartig, als mal eben seine Gattin anruft. Also „zu spät für Romantik“? Muss es die ganz große Liebe sein? Schon eine kleine würde vielleicht reichen.

     „Karla, gib alles!“, hat der survival runner an der Kletterwand ihr zugerufen – und damit, ohne es zu wissen und zu wollen, den dissonanten Grundton ihres Lebens angeschlagen. Karla ist für andere da und bleibt an Bord, auch wenn die anderen das sinkende Familienschiff verlassen. Tapfer erträgt sie den Dauersuff der geschiedenen Mama, hartnäckig versucht sie, zwischen ihren Schwestern zu vermitteln, der dauerdeprimierten Jule, einer verbitterten Ehefrau und Dreifachmutter, und der dauertränenseligen Johanna, einer IT-Expertin, die hohl wie ein It-Girl scheint. Karla gibt alles und kommt selbst zu kurz.

     Mithin hat „Einfach mal was Schönes“ das Zeug zur Tragikomödie. Gut so. Zwanghafte Aufgeschrecktheit, gesuchte Skurrilität, märchenhafte Final-Überzuckerung, von denen deutsche Durchschnittsklamotten im Gefolge US-amerikanischer Romantik-Komödien meistens aus der Kurve getragen werden – sie hat Karoline Herfurth ihrem Film erspart oder als ironisches Zitat und spöttische Zutat untergeschoben. Ihr zweiter Film in diesem Jahr: Anfang Februar – wenngleich gut zwei Jahre zuvor abgedreht – kam höchst erfolgreich das Ensemble- und Episodenstück „Wunderschön“ heraus (siehe ho-f/Film und Fernsehen 2022/8. März). Frauen, die ihr Leben erst eigentlich gewinnen, indem sie es selbstbestimmt bestreiten, hat die Künstlerin als ihr Thema ausgewählt, wofür sie erprobten Gestaltungsmustern treu bleibt. Auch für „Einfach mal was Schönes“ versammelte die Regisseurin, die zugleich als Hauptdarstellerin agiert, eine differenziert aufspielende Damenriege um sich.

Schöne Schreckschraube

Wieder schildert sie Frauen an unterschiedlichen sozialen Orten, in divergenten Gemütslagen, aus verschiedenen Altersklassen. Die Rolle der attraktiven, doch durch Alterung herabgestimmten Mutter, die in „Wunderschön“ Martina Gedeck oblag, hat jetzt Ulrike Kriener, nicht minder grandios als morsches Fundament einer explosiven Familienaufstellung: eine schöne, mithilfe von reichlich Kosmetik und Alkohol wohlkonservierte Schreckschraube, die sich durch Selbstmitleid und Unselbstständigkeit als arme Wurst offenbart – ein Klotz an Karlas Bein.

     Die anderen Klötze, ihre Schwestern, machen durch Nora Tschirners famose Freudlosigkeit und Milena Tscharntkes hyperventilierende Hysterie je eigene, lähmende Gewichte geltend: Inmitten einer solchen Sippschaft, „in der alles eskaliert“, droht Karla, die zunehmend Ratlose, vollends bewegungslos zu werden. Immerhin quert Krankenpfleger Ole ihren Weg: Aaron Altaras, der leider die Hälfte seines Texts vernuschelt, lässt sympathisch eine verhaltene Verliebtheit aufblühen. Vielleicht hilft er ihr auf die Sprünge: aus dem Teufelskreis heraus. Wäre er nur nicht zehn Jahre jünger als sie …

Den richtigen Knopf drücken

Auch das Prinzip des Episodischen, das in „Wunderschön“ die Form bestimmte, übernahm Karoline Herfurth in die neue Produktion, die indes, statt neuerlich mehreren parallelen Erzählsträngen, nun einem einheitlichen roten Faden folgt. Dass der in den ersten fünfzig Minuten durch Unschlüssigkeiten und Redundanzen in der Dramaturgie durchhängt, verhinderte die Regisseurin nicht. Was freilich wiederum dem Wesen ihrer Figur entspricht: Verächtlich wird Karla von den anderen bezichtigt, sie kriege ihr Leben „nicht auf die Kette“. Dabei sorgt gerade sie dafür, eine blutreiche Fehlgeburt der seitenspringenden Johanna zu verheimlichen, und opfert überhaupt jede Menge Mühen, damit die Bindung zu den anderen und zwischen ihnen nicht zerreißt.

     Das stärkste Glied der Kette ist sie selbst. Da kann sie sich, in einem Augenblick der Schwäche, von einem sanften Mann wie Ole schon mal helfen lassen: Am Automaten weiß er für sie den rechten Knopf zu drücken, damit der Kaffee fließt.



56. Internationale Hofer Filmtage
Anfänge, die am Ende stehen
„Der Zeuge“ (Deutschland 2021, Regie: Bernd Michael Lade, 93 Minuten)

Carl Schrade (Bernd Michael Lade, vorne rechts) vor den Angeklagten und ihrem Verteidiger (stehend): Absurde Schutzbehauptungen, Verharmlosungen und Bekenntnisse. (Fotos: Filmtage/Verleih)


Von Michael Thumser

30. Oktober – Bernd Michael Lade nimmt sich Zeit, und an Ehrgeiz mangelts ihm nicht. Seit fast vierzig Jahren zieht sich das ‚Werkverzeichnis‘ des bekannten Schauspielers immer unüberschaubarer in die Länge. Zwischendurch führte er selbst Regie, wenn auch nur drei Mal, immer mit etlichen Jahren Abstand und jedes Mal mit einer explizit unkonventionellen Art, eine Geschichte zu erzählen.

Bernd Michael Lade, Regisseur und Hauptdarsteller: "Ein Tanz der Folter"

     So eigenwillig will der Regisseur Lade sein, dass nicht leicht herauszufinden ist, was er in seinen Filmen will. In „Null Uhr 12“, seiner zweiten Eigenarbeit – mit der er 2001 beim Hofer Festival debütierte –, ließ er überbetont im Unklaren, ob der Anfang des Films in Wahrheit nicht das Ende der Geschichte ist; oder umgekehrt der Abschluss ein Beginn; oder beides zusammen der Mittelpunkt in einem Labyrinth. Vierzehn Jahre später dachte er sich mit „Das Geständnis“ in die Gemüter von Mordermittlern im letzten Jahr der DDR hinein, wo es Kriminalität offiziell nicht gab – neuerlich eine ausgefallene Idee, deren vorderhand originelle Umsetzung zunehmend unter der Last bemühter erzählerischer und visueller Vertracktheiten litt. Nicht, dass Lade, der gewiefte Darsteller und Hauptakteur auch seiner eigenen Filme, als Regisseur nichts könnte; nur will er zu viel, was das auch sei.

     Auch Carl Schrade, den Zeugen in „Der Zeuge“, spielt der 57-Jährige selbst. Für die Anklage eines von US-amerikanischen Militärjuristen anberaumten Kriegsverbrecherprozesses sagt er Ungeheuerliches aus, das er als Insasse mehrerer KZ in Hitlerdeutschland binnen elf Haftjahren qualvoll erlitten und nur mit knapper Not überlebt hat. Statt in der einschüchternden Erhabenheit eines Gerichtssaals platziert Lade die Verhandlung zwischen den schrundigen Mauern eines schäbigen Kellers oder einer abgenutzten Werkhalle. Dort nehmen die stummen Uniformierten auf der Richterbank die Schreckensberichte Schrades stählern-unbewegten Blickes entgegen, während eine Dolmetscherin unter den aufgezählten Entsetzlichkeiten, die sie zu übersetzen hat, weinend zusammenbricht.

Maria Simon als Dolmetscherein der US-Army: „Viele kleine Mördereien“

     Als „endloses Labyrinth“ schildert Schrade mit beherrschter Bitterkeit den „Tanz der Folter“, die Prügelexzesse und Torturen, bei denen die Gestapo- und SS-Wachleute ihren geilen Sadismus befriedigten, auch die „vielen kleinen Mördereien“, die sich die Schergen als Verdienste auf dem Konto ihrer Soldatenehre gutschrieben. Die Angeklagten identifiziert der Zeuge ohne zu zögern, indem er sie bei den Nummern nennt, die sie statt Namen tragen. Hingegen versuchen die Beschuldigten, sich als angeblich Unbeteiligte heraus- oder ihre Rollen im Terrorsystem kleinzureden. Bei manchem blitzt noch der alte Stolz auf, einer „Herrenrasse“ anzugehören, und einer rühmt unbelehrt das Grundkonzept des Konzentrationslagers, wo Gepeinigte „wie Tiere arbeiten“, ohne nennenswerte Kosten zu verursachen – betriebswirtschaftlich ein grandioses Geschäftsmodell.

     Wie ein Stück objektiven Dokumentartheaters, stilisiert bis zur Nüchternheit, legt Lades Kammerspiel im Keller schrecklichste Details der Naziherrschaft dar. Hierfür das Muster schuf die „Ermittlung“, das singuläre „Oratorium in elf Gesängen“, in dem der Dramatiker Peter Weiss 1965 die kaum erträgliche Quintessenz aus dem ersten Auschwitz-Prozess in Frankfurt/Main destillierte: ein Bühnentext, der den Leser, die Hörerin nicht einen peinigenden Moment lang aus der Aufmerksamkeit entlässt. Anders bei Lade: Jede Mitteilung Carl Schrades ebenso wie die absurden Schutzbehauptungen, Verharmlosungen und Bekenntnisse der Delinquenten werden sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch vorgetragen. Mag sein, der Regisseur wollte so dem forensischen Rahmen einen stärkeren Anschein von Authentizität verleihen. Als dramaturgischer Grundzug erweist die Manier indes schnell ihre Untauglichkeit: Fortwährend stockend und gehemmt, bleibt das Geschehen in seiner Grundidee stecken und lähmt sich bis zum Überdruss des Betrachtenden selbst, als sollte der Film durch solche Langsamkeit und Gravität so recht zu tieferer Bedeutung finden.

     Wahr und schlimm genug ist die Geschichte auch ohne den zweifelhaften Kniff: als wahre Geschichte. Von Carl Schrade selbst stammt die Vorlage „Elf Jahre“, in der sich der 1896 geborene, 1974 gestorbene Zürcher Kaufmann und Handelsvertreter seine nicht zu bewältigenden Erlebnisse von der traumatisierten Seele schrieb. Nicht über einen Helden ist in dem Erinnerungsbuch zu lesen, vielmehr über einen vorbestraften Dieb und knasterfahrenen Kleinkriminellen, den die Unrechtsjustiz als „Berufsverbrecher“ brandmarkte und, abgeurteilt und im Lager weggesperrt, dem Tod preisgab. Freilich war der Umstand, dass Schrade nicht als unschuldiges Opfer, sondern als Ganove einsaß, beileibe kein Grund, ihm in vier KZ  jedes Bürger-, Menschen- und Lebensrecht abzuerkennen.

     Jene biografischen Hintergründe deutet Lade erst in den letzten Minuten seines Films an. Der könnte von hier aus neues, ein erweitertes Interesse wecken, gewinnt doch der Zeuge nun, über seine Gegenwart als funktionierende Informationsquelle hinaus, plötzlich eine persönliche Vergangenheit hinzu, die farbige Geschichte eines Menschen mit seinen Fehlern und in seiner Fehlbarkeit. Doch Lade macht hier Schluss. Dabei wäre, wo der Film abrupt endet, erst eigentlich ein Anfang.

Das Festival im Internet: hier lang.


56. Internationale Hofer Filmtage
Die Stille nach dem Schuss
„Generation Tochter“ (Deutschland 2022, Regie: Marielle Sjømo Samstad, 106 Minuten)

Alida Stricker, Linda Sixt (rechts): Die ersten Raubzüge noch vor der ersten Zigarette, dem ersten Rausch, dem ersten Sex. (Fotos: Verleih/Filmtage)


Von Michael Thumser

29. Oktober – Der Film damals hieß „Die innere Sicherheit“. Gedreht hatte ihn Christian Petzold, der ihn im Jahr 2000 zum 34. Festival mitbrachte und sechs Jahre später den Filmpreis der Stadt Hof erhielt. Erzählt wird darin die ungewöhnliche Geschichte eines Paares ehemaliger Linksterroristen, das vor fünfzehn Jahren eine Tochter bekam und sich mit ihr seither im Untergrund durchschlägt.

     Der neue Film heißt „Generation Tochter“, so wie das Kollektiv, das ihn produzierte. Dessen meist weibliche Mitglieder waren noch Kinder, als „Die innere Sicherheit“ ins Kino kam. Dass in dem Thriller der Frauen „Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen rein zufällig“ seien, versichern sie im Vorspann. Sind es die Ähnlichkeiten mit Petzolds Drama auch? Die lassen sich zwar nicht ignorieren, doch fallen auch die Unterschiede auf. Und „eine schöne und spannende Geschichte“, die Marielle Sjømo Samstad in einem Interview ankündigte, ist ihr Langfilm-Debüt auf jeden Fall.

Clara hat sich in Aleyna (Bayan Layla, links) verknallt: Eine unmögliche Beziehung und ein Ausweg.

     Eine explizit feministische Geschichte, bekräftigt die dazugehörige Website: Weil Frauen hinter wie vor der Kamera auch hierzulande „strukturell unterrepräsentiert“ seien, käme in diesem Film „auf vier starke, komplexe weibliche Hauptrollen ein männlicher Protagonist“. Und auch der spielt, sei hinzugefügt, über weite Strecken nur unsichtbar mit: als Schreckgestalt in den panischen Köpfen der Frauen.

     Während vieler gehetzter Jahre auf der Flucht ist der einstigen RAF-Terroristin Dagmar ihre Gesundheit abhandengekommen, nicht jedoch ihr Hass auf das „faschistische System“. Auch an ihrer rauen, doppelten Liebe hält sie unbeirrt fest. Die eine gehört Samira, die Dagmars Überzeugungen längst nicht mehr teilt, wenn sie auch weiter loyal zu ihr hält; mit ihrer zweiten Liebe sucht Dagmar ihre Tochter Clara heim, die sie wie eine Wölfin zu beschützen sucht und die gleichzeitig mehr und mehr ihre Sicherheit gefährdet. Denn mit sechzehn Jahren durchschaut das Mädchen allmählich, wie ihre unbehauste Existenz „an tausend Orten“, im Verborgenen und voller Heimlichkeiten, jeder „Normalität“ hohnspricht. Vollends gerät das Leben der Frauen aus den Fugen, als ein korrupter „Bulle“ vom Bundeskriminalamt das Trio aufstöbert und zu einer Serie von Überfällen nötigt. Den nun noch dichteren Kontrollen und barscheren Kommandos der Mutter entwischt Clara in einen Club, wo sie sich Hals über Kopf in Aleyna verknallt; die aber, ohne dass Clara es ahnt, ist die Tochter eines gerade eben ausgeraubten Ladenbesitzers.

     Eine „schöne“ Geschichte? Einmal zeigt sie zwei Generation in einer luftklaren, kühlen Außenszene: Deutschland im Herbst. Auf einem Feld lässt sich die Tochter von der Mutter im Umgang mit einer Pistole unterweisen. Um Gegner unschädlich zu machen, rät Dagmar, müsse Clara auf die Beine feuern. Am Ende freilich geht ein Schuss mitten ins Herz. Den Thriller haben die in Berlin lebende, vor dreißig Jahren in Norwegen geborene Regisseurin und ihre Gefährtinnen zwar nicht neu erfunden. Aber ein ausgewachsenes, sehenswertes Genre-Exemplar aus atmosphärisch ungefälligen, farblich betont unpolierten Bildern gelang Marielle Sjømo Samstad durchaus. Das Repertoire konventioneller Handlungselemente eignete sie sich ambitioniert durch eigene eindrückliche Nuancen an, um über Ausweglosigkeit nachzudenken, über unentrinnbare und unmögliche Beziehungen, über Dominanzen, die sich umkehren.

Marielle Sjømo Samstad, Regisseurin: "Frauen sind hinter wie vor der Kamera strukturell unterrepräsentiert“

     „In herkömmlichen Actionfilmen“, meinte die Regisseurin in besagtem Interview, „findet man oft starke Frauen, aber selten haben sie einen emotionalen Aspekt, der sie zu glaubwürdigen oder ‚echten‘ Charakteren werden lässt.“ Figuren solcher, der ‚echten‘ Art machen sich in „Generation Tochter“ wirkungsvoll geltend. Linda Sixt, die sich als Dagmar die letzten Lebensenergien aus den ruinierten Lungen hustet, schnürt mit steinhartem Gesicht die halbwüchsige Clara immer enger ein und erlebt, wie die sich gegen die Fesseln sträubt, nicht anders als sie sich selber einst gegen die Restriktionen des „Systems“ wehrte. Umso mehr öffnet die bürgerlich gewordene, reif-resignierte Samira (Jillian Anthony) ihr weites, warmes Herz für Clara. Das Mädchen selbst indes, mit Alida Stricker perfekt besetzt und von ihr großartig aus Fügsamkeit und Renitenz, grimmiger Abenteuerlust und Wirklichkeitssinn gemischt, muss erst noch ganz erwachsen werden, auf zweifelhafte Weise: Halb Kind, halb junge Frau, absolviert sie vor der ersten Zigarette, dem ersten Rausch, dem ersten Sex ihre ersten Schwerverbrechen. Die geradlinige Sinnlichkeit und verständnisinnige Vernunft Aleynas (Bayan Layla) kann Clara einen Weg ins Freie weisen; freilich wird sie ihn allein gehen müssen.

     Übrigens kam ein knappes Jahr vor Christian Petzolds „Innerer Sicherheit“ auch Volker Schlöndorff mit einem Drama um RAF-Aussteiger heraus: „Die Stille nach dem Schuss“. Am Ende von „Generation Tochter“ hört man die auch. Sie ist bedrückend.

■ Weitere Vorstellungen: Samstag, Central 5, 22.45 Uhr, Sonntag, Regina, 20.30 Uhr
■ Das Festival im Internet: hier lang.



56. Internationale Hofer Filmtage

Wie man seine Ehre verliert
„Sharaf“ (Deutschland, Tunesien u.a. 2021, Regie: Samir Nasr, 94 Minuten)

Achmed el Munirawi (rechts) als Sharaf: Halb arglos, halb widerstrebend vom Gefängnisdirektor als Spitzel angeworben. (Fotos: Filmtage/Verleih)


Von Michael Thumser

28. Oktober – „Sharaf“ ist ein deutscher Film und zugleich ein sehr exotischer. Samir Nasr, sein Regisseur, kam zwar in der Bundesrepublik zur Welt und studierte auch hier, aber in Libyen und Ägypten ist er aufgewachsen. Irgendwo in Nordafrika spielt „Sharaf“, aber man kann der Handlung hierzulande ungehindert folgen, dank der deutschen Untertitel. Die freilich stoßen selten so wie hier an ihre Grenzen: Denn in der Originalfassung wird in sieben unterschiedlichen arabischen Dialekten gesprochen – eine Nuancierung, die dem deutschen native speaker  verborgen bleiben muss und doch ganz zweifellos bedeutsam ist: Denn als „panarabisches Projekt“ hat der Regisseur, wie er in Hof berichtet – die bewegende, so deprimierende wie erhellende Geschichte konzipiert und nach zehn hindernisreichen Jahren 2021 endlich vollenden können.

Regisseur Samir Nasr verfilmte einen Roman von Sonallah Ibrahim: "Panarabisches Projekt"

     In die Fremde führt sie nicht nur ihres fernen Schauplatzes wegen. Überdies ereignet sie sich in der engen Gegenwelt eines elenden Gefängnisses, wo Menschen – in diesem Fall Männer – ihre „Ehre“ bewahren oder verlieren: ihre Anständig- und Rechtschaffenheit, den begründeten Anspruch auf Wertschätzung.

     Sharaf ist ein schmaler Titelheld, der zum Helden nicht taugt. Immerhin aber hat der junge Mann seine „Ehre“ verteidigt: Als ein Ausländer zudringlich werden wollte, tötete er ihn. In Haft wartet er fortan vergeblich auf einen Anwalt und womöglich auf die Todesstrafe. Und er erlebt die gleiche zerbrochene, verzerrte Wirklichkeit, die draußen herrscht: Auch in den verwahrlosten Zellen, zwischen den schäbigen Mauern und Gittern teilt sich die Gesellschaft in Privilegierte und Habenichtse.

     Sogenannte „Königliche“ verfügen über Mittel und Möglichkeiten, Wächter und Kapos zu bestechen und sich von außen erträglich mit allem Notwendigen versorgen zu lassen; hingegen müssen die besitzlosen „Staatlichen“ den Vorzugshäftlingen dienen und den Knastfraß verdauen. Vom Direktor lässt sich Sharaf halb arglos, halb widerstrebend als Spitzel anwerben. Immer genauer, doch stets passiv durchschaut er das Räderwerk der Korruption, der Ungerechtig- und Unvorhersehbarkeiten und gibt Stück um Stück seine Hoffnungen und Herzenswünsche auf. Seine Mannes-„Ehre“ auch: Für einen zwölffachen Serienmörder, der ihn beschützt und ihm Avancen macht, rasiert er sich schließlich die Beine …

     Ein Film wie aus einem Gulag; und trotzdem einer (fast) ohne Schmerzensschreie und Verzweiflungsgesten: Die Dramaturgie einer desperaten Ruhe legte Regisseur Nasr den Episoden zugrunde. Den Stoff verdankt er einem Roman des renommierten ägyptischen Autors Sonallah Ibrahim. Darin spiegeln sich die verlorenen Illusionen der nach dem „arabischen Frühling“ neuerlich um ihre Freiheitssehnsucht betrogenen Menschen in Nordafrika und dem Nahen Osten. In Samir Nasrs reduzierter, gleichwohl bildstarker Verdichtung bleiben die Reflexe empörender Unterdrückung erhalten, zeichenhaft übersetzt aber in die menschliche und zwischenmenschliche Labilität des Protagonisten.

     Ihn stellt Achmed el Munirawi als einen reinen Toren dar, still, zerbrechlich und gehorsam. Doch die Blauäugigkeit des hoffnungsvollen Sohns aus gutem Haus verwandelt sich zum trüben Blick in eine graue, nicht enden wollende Stagnation. Sharaf erlebt, wie der absurde Fluchtversuch eines Wunderheilers und frommen Fantasten scheitert, er hört, wie ein unschuldig verurteilter Intellektueller, brüllend aus der Zelle seiner Einzelhaft heraus, den Mitgefangenen ihr ehrloses Phlegma vorwirft, das alle Schmach erduldet, er ahnt tatenlos, dass ein anderer junger Häftling seine Rolle als Spitzel übernehmen wird. Die Schergen lachen. Der Aufstand bleibt aus.

■ Weitere Vorstellung: Samstag, Central 5, 12.15 Uhr
■ Das Festival im Internet: hier lang.


56. Internationale Hofer Filmtage
Hass ist das, was zählt
„Das Recht der Stärkeren“ (Deutschland 2022, Buch und Regie: Sebastian Peterson, 98 Minuten)

Einpeitscherin Helene (Jenny Löffler) bringt ihre bierselige Nazi-Truppe auf Vordermann. (Foto: Filmtage/Verleih)


Von Michael Thumser

27. Oktober – Vor fünf Jahren kam die AfD in den Bundestag. Vor fünf Jahren begann Sebastian Peterson, erschrocken über das fortan auch parlamentarische Erstarken der Neuen Rechten,  mit den Recherchen für „Das Recht der Stärkeren“. Das Ergebnis, das gab er bei der Uraufführung in Hof zu, ist „kein erfreulicher Film“. Was nicht an ihm liegt. Es ist das Thema, was angst und bang macht.

     Mit einer Explosion beginnt und endet die Geschichte: Beide Male geht dieselbe Bombe hoch, dazwischen bewegt sich die Handlung als Erinnerung gleichsam im Kreis. Erzählt wird sie von Jana, die den Sprengsatz, ohne es zu ahnen, im Auto vor ein Kino fährt, wo Medien und Menschentrauben die Galapremiere eines israelischen Films erwarten. Zur Attentäterin wird Jana, ohne es zu wollen, zum Opfer wird sie selbst. Freilich, zu den Tätern zählt sie auch. Gerade volljährig geworden, lässt sie sich von einem Tag in den nächsten treiben, ohne Plan und Ziel, aufgerieben von ihrem Zorn auf alles und alle: auf den alleinerziehenden Vater, den ihre Wut überfordert; auf die Leiterinnen und Leiter der Behindertenwerkstatt, wo sie die Zeit totschlägt, indem sie in sozialen Netzwerken unter falschem Namen fremde Posts manipuliert; die ganze lächerliche Menschheit straft sie mit Verachtung. Jana schreit, stänkert, schlägert: eine Soziopathin? Sie sagt: „Ich bin einfach so.“

     Fern jeder politischen Überzeugung trudelt sie, über den Zufallsumweg eines „Heimatabends“ mit ausländerfeindlichem Wirtshaus-Agitator, im Bierkeller eines neonazistischen „Freundeskreises“ ein. Bei den alkoholseligen Dumpfbacken und deren charismatischer Einpeitscherin hofft Jana Gefährten ihresgleichen zu finden. Als Gastredner schwört ein greiser Hitler-Schwärmer die triste, aber Terror-affine Truppe auf das „Recht der Stärkeren“ ein. Auch Jana findet, nur noch der „Hass auf diese Welt“ sei „das, was zählt“. Freilich braucht, wer solche Freunde hat, bald keine Feinde mehr.

Jana geht in die Luft, in jeder übertragenen Bedeutung und ganz konkret gleich zu Beginn. Am Ende wieder. Die lange Rückblende dazwischen fügt sich samt und sonders aus den Handy-Filmen ihres Videoblogs zusammen. In einem sagt sie einer Psychologin, es mache ihr „Spaß, im Netz eine andere zu sein“. Aber wer ist sie selbst? Und wo steht sie in ihrer schwarz-weißen, vor allem schwarzen Welt, wenn zwischen ganz gut und ganz böse alle Zwischenstufen zu fehlen scheinen? Jana, ein Schrei- und Quälgeist, der vor Einsamkeit schreien könnte und sich aus Orientierungslosigkeit zu Tode quält, ist in ihren ungebrochen subjektiven Posts alles zugleich: einziges Thema und Hauptdarstellerin, Regisseurin und Kommentatorin der Blase, die sie für die Welt hält und die sich von Clip zu Clip immer unentrinnbarer um sie zusammenzieht.

Irina Usova als Jana auf dem Filmplakat: "Es macht Spaß, im Netz eine andere zu sein."

     Mit dem Handy – zumeist am Stick befestigt – hat der Autor und Regisseur, der zugleich als Kameramann fungierte, Janas Geschichte gedreht: als die – auch visuell – stürzenden und sich überstürzenden, das Leben von den Füßen auf den Kopf stellenden Bekenntnisse einer Irritierten und Verwirrten, Verirrten und Irrenden. So konnte Peterson, zum einen, das durch crowdfunding finanzierte Budget extrem niedrig halten. Zum andern (und vor allem) erreichten er und seine famose Protagonistin Irina Usova auf diese Weise eine pausenlose, immer beklemmendere Unmittelbarkeit von selten so erreichter Hautnähe. Sie macht die nicht immer „erfreulichen“ Schauspielleistungen und die Naivität so mancher Episode nicht unsichtbar, jedoch zur Nebensache.

     Alles andere als das sind die eingefügten Originalaufnahmen von AfD-Demos, Gauland-Propaganda und schwarz-weiß-roten Aufmärschen autonomer Nationalisten. „Im Netz, bei Google und Youtube, stößt man schnell auf Extremes“, erzählt Peterson in Hof über seine Recherchen, „und wird dann immer zum Nächstschlimmeren weitergeleitet.“ Schon vor bald 150 Jahren hat die österreichische Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach das angemaßte „Recht des Stärkeren“ als „das größte Unrecht“ angeprangert. Dass es beides ist – Grenzüberschreitung und Verbrechen –, führt Wladimir Putin zurzeit in der Ukraine vor.

■ Weitere Vorstellung: Samstag, Central 4, 12.30 Uhr
■ Das Festival im Internet: hier lang.


56. Internationale Hofer Filmtage
Die Wahrheit ist flexibel

Zur Eröffnung: „Olaf Jagger“ (Deutschland 2022, Buch und Regie: Heike Fink, 95 Minuten)

Schubert alias Jagger, nach Ähnlichkeiten suchend: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? (Fotos: PR/Verleih)


Von Michael Thumser

26. Oktober – Man kann sich seine Eltern nicht aussuchen. Aber versuchen darf mans mal. Denn womöglich passt einem ja der Name nicht, den „Mutti“ und „Vati“ einem mitgegeben haben. Schubert, zum Beispiel, kann hierzulande jeder und Olaf will vielleicht nicht jeder heißen. Olaf Schubert nennt sich bekanntlich einer der erfolgreichsten Comedians im Lande, der in Wahrheit seit seiner Geburt 1967 in Plauen, Hofs einst deutsch-demokratischer Partner- und Nachbarstadt, Michael Haubold heißt und seinen an sich unspektakulären Künstlernamen zur anerkannten Marke entwickelte. Mit seinem Markenzeichen, der verhaspelten Vollmundigkeit des großspurigen Allesdurchschauers und Welterklärers, behauptet er von sich, nach dem Papst der „zweitwichtigste Bewahrer der Wahrheit“ zu sein. Seine Regisseurin Heike Fink wiederum hat am Dienstag, zum Start der 56. Hofer Filmtage, in einem Rundfunkinterview eingeräumt, sie gehe „elastisch mit der Wahrheit um“.

Olaf Schubert, davon handelt beider Film „Olaf Jagger“, mag nicht länger Olaf Schubert heißen. Denn seit er beim Stöbern in „Vatis“ vermülltem Keller auf alte Tonbänder stieß, nährt er in sich einen fantastischen Verdacht: „Mutti“, vor der Wende Moderatorin des DDR-Jugendradios DT 64, hat 1965 bei einem offiziell erlaubten Westbesuch in Münster das erste Deutschland-Konzert der Rolling Stones besucht, ist dabei deren Frontmann Mick Jagger auch inoffiziell nähergekommen und war einen one-night stand lang mit ihm innigst vereint. Olaf, das leuchtet Schubert spätestens bei der Lektüre von „Muttis“ Stasi-Akte blitzartig ein, muss dann wohl der Sohn des Weltstars sein. Vom Ruhm, denkt er sich, fällt auch für ihn was ab, zudem gilt es, „finanzielle Interessen“ durchzusetzen. Da heißt es: „Keine Zeit verlieren!“

Voll der Rocker

Ein Fake, versteht sich, ist das alles und der Film eine mockumentary. Als mock, unecht, gibt sich die Handlung von Anfang an fröhlich zu erkennen; als documentary, Dokumentarfilm, kommt sie gleichwohl gekonnt daher. Kein Wunder, sammelt doch Heike Fink seit 2003 als Autorin und Regisseurin Erfahrungen in dem zunehmend populären Genre und versteht ihr Handwerk. Hajo Schomerus desgleichen: Der erzählt bei der Hofer Festival-Eröffnung (zu der per Video auch der Comedian zugeschaltet ist) gleichsam noch immer atemlos, er habe mit seiner Kamera dem hibbeligen Humoristen „immer hinterherrennen“ müssen. Der fortwährenden Verfolgungsjagd zwischen Ost-Berlin und Westfalen, den USA und Frankreich verdanken die Bilder ihre scheinauthentisch schicke Wackelei.

Olaf in Frankreich: Lösen sich seine Blütenträume in nichts auf?

Sie zeigen unter anderem auch, wie Olaf Schubert selbst Musik macht: Am Schlagzeug reagiert er seine Ungeduld als fiebriger Familienforscher ab. „Ich war voll der Rocker“, sagt er, „eine Rampensau“ – klar, dass das nicht an „Vatis“, sondern Mick Jaggers Genen liegt. In den gutgelaunten Nonsens sind reichlich Auskünfte von Zeitzeugen und Zeitgenossen eingefügt: Einstige Kämpen der Ostrockszene und Museumsleiter, eine WDR-Redakteurin und eine Familienanwältin, zwei coole Freundinnen, die vor bald sechzig Jahren Groupies waren, sogar ein Sexualtherapeuth – sie alle geben wahrheitsgemäß Erinnerungen und Informationen preis, um irgendwann unmerklich einzuschwenken in die immer absurder erfundene Fiktion. Improvisatorisches Geschick zeigen sie dabei und obendrein Freude an der Spielerei.

Viel mehr als das ist „Olaf Jagger“ nicht, und auch nicht so „flexibel“ wie die Wahrheit. Allmählich erstarrt die hübsche Idee, ausgebreitet in Episoden und Stationen ohne rechte Spannungskurve, und zieht sich gegen Ende in die Länge. Ein satirisches, mithin ein etwas belangvolleres Spiel auf dem drahtseildünnen Grat zwischen Tatsache und Täuschung, Räuberpistole und Realität mag die Regisseurin dem Publikum des ZDF (das den Film koproduzierte) und des Kinos (wo er im 6. April anlaufen soll) nicht zumuten; verwunderlich in einer Epoche von fake news, globalen Verschwörungs-Schwurbeleien und digitalem Lug und Trug. Ein paar komödiantische Andeutungen in dieser Rinchtung hätten dem vergnüglichen, aber rhythmusfreien Spaß gutgetan. Wer freilich den Abspann abwartet, dem wird dann doch noch eine Pointe zuteil, die für Olaf Jagger womöglich alles gut macht und ihm die Einreichung einer Vaterschaftsklage erspart.

■ Weitere Vorstellung: Donnerstag, Scala 3, 22.15 Uhr; Samstag, Scala 3, 17.45 Uhr
■ Das Festival im Internet: hier lang.



Vor Wunderknaben wird gewarnt

  • Im Kino: „Tausend Zeilen“ (Deutschland 2022, Regie: Michael Herbig, 93 Minuten)


Von Michael Thumser

4. Oktober – Die „Hitler-Tagebücher“ waren vorgestern. Gestern war der Fälschungsskandal, den der um die Welt rasende Reporter Claas Relotius auslöste und der also auch schon wieder sechs lange Jahre zurückliegt. Zur Erinnerung: Ende 2018 flog der gebürtige Hamburger, Jahrgang 1985 und seit seinem 27. Lebensjahr Empfänger von – am Ende neunzehn – bedeutenden nationalen und internationalen Branchenpreisen, als das Schlimmste auf, was jemand in seinem Beruf sein kann: als Lügner. In etlichen Zeitungen und Zeitschriften – von der Financial Times Deutschland bis zur Zeit – und hauptsächlich im Spiegel hatte er Reportagen, Interviews, Porträts veröffentlicht, die hinten oder vorn nicht stimmten oder der Wahrheit überhaupt in nichts entsprachen. 

     Als Wunderknabe hatte er sich feiern lassen und war von seinen Führungsredakteuren nur allzu gern und werbewirksam als solcher gefeiert worden: als junge, ja sympathisch jungenhafte Lichtgestalt am zwielichtigen Himmel eines brisant aktuellen, global investigativen, theatralisch aufdeckenden Journalismus von der vordersten Front. Dann stellte sich plötzlich, wenngleich nicht völlig überraschend heraus: Der Finder der heißesten Storys ever war oft genug ihr Erfinder gewesen; in anderen Fällen hatte er selbstherrlich, -sicher und -verliebt hinzufabuliert, was an knalligen-knackigen Details gerade fehlte; oder weggelassen, was seinen Absichten zuwiderlief.

     Zur Erinnerung an diese jüngste erdbebende Spiegel-Affäre hat Michael „Bully“ Herbig sie wendig und teils virtuos ins Unterhaltungsfilmformat gegossen. Oder eigentlich nicht die Fakten um den Faktenfälscher selbst, sondern das 2019 erschienene Buch „Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno, dem immer skeptischeren Kollegen des immer erfolgverwöhnteren Fantasten. Moreno hat Relotius seine Schandtaten schließlich nachgewiesen; allerdings tat ers wohl so, dass er sich seither selbst ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt sieht wie der Betrüger. Auch wars Herbig bei seiner einigermaßen freien Leinwandadaption nicht (nur) um Erinnerung zu tun; er ging ans Werk, weil ihm, dem Komiker und Komödienspezialisten („Der Schuh des Manitu“, „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“), die vielen Implikationen des Närrischen, Zynischen, lachhaft Hochnotpeinlichen in dem Stoff nicht entgingen. Der barg eine Sprengkraft, kaum geringer als jene in des „Führers“ angeblichen, 1983 aufgetauchten Privatnotizen, aus denen Helmut Dietl den Kinoplot für sein satirisches Meisterwerk „Schtonk!“ destillierte – unverwüstlich, unvergesslich.

Schwindelerregende Schwindeleien

So wie Relotius die Wirklichkeit manipulierte und korrigierte, so etwa tun es Michael Herbig und sein Drehbuchautor Hermann Florin in „Tausend Zeilen“ auch: freilich nicht um zu lügen, sondern um eine mitreißende, so lustige wie die lustvolle Empörung schürende Fiktion über einen Meister der Fiktionen zu erfinden. Bei ihnen heißt der schwindelerregend schwindelnde Lügenbeutel Bogenius, aus Moreno wurde Romero. Letzterer darf bei Elyas M’Barek dauerhektisch im ungepflegten Proletarierlook als fortwährend zurückgesetzter, böswillig missverstandener Retter des Realitätsbezugs am Ende Recht und den Kopf oben behalten, den ihn seine Vorwürfe gegen das Hätschelkind der Chronik- (alias Spiegel-)Redaktion fast gekostet hätten. Zu Hause wird er von Frau (hübsch) und Töchtern (süß) innig geliebt und liebt innig zurück, nur ist er kaum zu Hause und gedanklich noch seltener bei den Seinen; was in eine kurze, indes leicht entschärfte Familienkrise führt. 

Weit größer die existenzielle Gefahr, die ihm in der Chronik-Zwingburg droht. „Europas größtes Nachrichtenmagazin“: ein Haifischbecken. Anfeuernd aufs Wasser schlagen dort schmierige, narzisstische, opportunistische Ressort- und Redaktionsleiter (Michael Maertens, Jörg Hartmann). Wie auf einen kakerlakigen Störenfried schauen sie auf Romero herunter, von dem sie sich, halb unbelehrbar, halb aus Bequemlichkeit, den Glauben an ihren spießerhaft blässlichen, aber adretten, vor allem auflagesteigernden Star (Jonas Nay) nicht nehmen lassen wollen. So erinnern sie an die vergleichbar betriebsblinden, 1992 in Dietls „Schtonk!“ von den Herren Benrath und Lause, Mühe und Juhnke mit noch mehr sarkastischer Ironie verkörperten Führungskräfte der „HHpress“, soll heißen: des Sterns.

Alles, was der Chef verlangt

Immer auf der Jagd nach dem nächsten Scoop und endlich erwischt und überführt, macht Begonius geltend, nur getan zu haben, was seitens der Chefetage von ihm „verlangt“ war: „langweilige Fakten in eine spannende Dramaturgie“ zu bringen. Darin ist ihm Regisseur Herbig, mit nicht eben langweiligen Tatsachen, gelehrig gefolgt. Filmisch originell, durch Dichte und Tempo fesselnd, erfinderisch in der Handlungsführung (nur nicht am Schluss) und von Torsten Breuers Kamera vielfältig, auch überraschend illuminiert, weisen die „Tausend Zeilen“ dreierlei nach. Zum einen: Vor Wunderknaben sei gewarnt, in jedem Fall. Zum andern: „Geschichten zu erfinden, ist“, wie Romero alias M’Barek zugibt, „was Wunderbares; es hat nur nichts im Journalismus zu suchen.“ 

Und schließlich: Claas Relotius, der Medien-Scharlatan und abenteuernde Münchhausen einer hier mehr, da weniger seriösen Presse – er ist ersichtlich mit Fantasie gesegnet, einer blühend immergrünen, schrankenlosen, und erzählen kann er, bestechend gut. Welche Gaben für einen Autor! Es hätte was werden können aus ihm: alles Mögliche; allemal mehr als ein schaumschlagender Schreiberling; sogar ein großer Journalist.