Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Lieber TBC als Covid-19

Schon seit 35 Jahren gibt es das „Totale Bamberger Cabaret“. Aber seine Gags zünden heute noch wie ehedem – zumindest jene, die es bei einem „Best of“ dem Publikum in Kaiserhammer präsentierte. Hundert Besucherinnen und Besucher bogen sich vor Lachen.

Das "Totale Bamberger Cabaret" - besser bekannt als TBC - auf der Bühne des Kaiserhammerer Tanzsaals: Über zwanzig Programme in 35 Jahren. (Fotos: thu)


Von Michael Thumser

Kaiserhammer, 4. Oktober – In ihrer aktuellen Ausgabe fragt die Zeit: „Was gibts da zu lachen?“ Die als durch und durch seriös geschätzte Wochenzeitung spielt damit nicht etwa auf die gerade wenig vergnügliche Nachrichtenlage an, sondern erkundigt sich danach, aus welchen Gründen, aus welchen Lagern und von welcher Art während der Sitzungen des Berliner Bundesparlaments Spaßbekundungen protokollbedürftig auftreten. Unterschieden wird zwischen „Lachen“ und „Heiterkeit“, wobei die amüsable SPD die Riege anführt und die Linke, noch vor der AfD, sie ziemlich humorlos beschließt.

     Im „Kulturhammer“, am Samstag, stellte das „Totale Bamberger Cabaret“ die gegenteilige Frage: Woher kommen die auffallende Feindseligkeit und der zunehmend „rüde Ton“ im Bundestag? Zur Klärung nehmen sich Georg Koeniger, Florian Hoffmann und Michael A. Tomis die (nicht ganz glaubwürdigen) Mitschriften einer Debatte um die strittige „Bananenrückbiegeverordnung“ vor. Während die Herren mit verteilten Rollen den bürgerlichen Parteien Sitz und Stimme verleihen – für die zugewanderte Südfrucht müsse als Ausbildung hierzulande die „mittlere Reife reichen“ –, während Alexander Gauland dafür plädiert, „nur die braunen“ Bananen im Volk zu inkludieren, während Claudia Roth sich gendergerecht auch der „Bananinnen“ annimmt ... während all dies wild durcheinander verhandelt wird, fliegen den Diskutanten aus geifernden, keifenden, giftspritzenden Mündern Provokationen, Affronts und üble Nachreden der wüstesten, alles andere als freiheitlich-demokratischen Sorte um die zornroten Ohren.

Georg Koeniger, Florian Hoffmann (links): Gott auf der Baustelle Erde, vom rauschebärtigen Petrus fortwährend mit Dringlichem behelligt.

     Gelacht wird dennoch und gerade darum in Kaiserhammer bei Thierstein: schallend, ja brüllend gelacht von hundert Besucherinnen und Besuchern in dem nach der Corona-Flaute wieder ausverkauften Tanz- und Theatersaal des Gasthauses Egertal. Seit der dortigen Gründung des „Kulturhammers“ vor gut 26 Jahren steht der Verein in fruchtbarem Kontakt mit dem unterm Kürzel TBC bekannten, pathologisch witzigen Satiretrio, das noch länger besteht. Seit 35 Jahren macht es (in wechselnden Besetzungen) Spaß und Freude und hat zum halbwegs ‚runden‘ Geburtstag seine bislang über zwanzig Programme ausgeschlachtet: „Bevor wirs vergessen“ – so heißt die Show –, spielen sie noch einmal lauter Nummern, die so frisch, staubfrei und zeitgemäß zünden, als hätten die drei sie eigens für den Abend erdacht.

Statt Presssack Fleischtomaten

Sie sind dabei so, wie sie immer waren. Laut sind sie, umtriebig und ungebärdig, das hat man nicht vergessen; sie ziehen sich gern um und merkwürdig an, sie sparen nicht an ihrer Energie, wohl aber an Szenerie und Requisiten. Mindestens so weit reicht ihre schauspielerische Begabung, dass ihnen die Kunst der Satire – Verzeichnung, Übertreibung, Spott, Persiflage – niemals lächerlich oder abgeschmackt gerät. Auch zu singen wagen sie mit Eifer, mag ihnen Gesang auch nicht eigentlich gegeben sein, zum Beispiel als Metzger in blutbeschmierten Schürzen: „Für mich solls roten Presssack regnen“ – denn der Diätarzt erlaubt ihnen günstigstenfalls „Fleischtomaten“. Die Texte haben sie trefflich zugeschnitten, ausgefeilt, der Gegenwart angepasst. Ganz textsicher indes sind sie auf der Bühne nicht immer, was die Heiterkeit noch steigert, zumal sie einander hämisch soufflieren und selber lachen müssen. Im Zeit-Artikel fragt der Abgeordnete Timon Gremmels ja auch: „Wenn die eigene Mimik die ganze Zeit die Weltlage spiegelt – wie soll man das aushalten?“

Florian Hoffmann als Youtube-Influencer: Der neueste heiße Scheiß heißt Brief.

Noch ihre Kalauer verzeiht man ihnen, und nicht nur das: Nach dem einen ersehnt man schon den nächsten. Dann etwa, wenn Michael A. Tomis, in wohlbeleibter Ungerührtheit, und der gallig-sarkastische Florian Hoffmann über den erschrocken buckelnden Georg Koeniger herfallen: Als „Bumsi“, als fränkische „Bundesbehörde für maximale Sicherheit“, treiben die beiden ihrem Opfer das aus Paderborn importierte Skatspiel aus, um ihm stattdessen den regionaltypischen Schafkopf aufzuerlegen. Zwischen „haddn“ und „waachn“ Ps und Bs, Ts und Ds erweist sich währenddessen, dass zumindest sprachlich der „Frankenschnellweg“ ein „highway to hell“ sein kann. Letzteren muss Gott persönlich nehmen, will er – Koeniger, mit Schutzhelm – auf der Baustelle Erde rechtzeitig mit seinem arg in Verzug geratenen Schöpfungsplan fertig werden. Notgedrungen hat er obendrein, während der rauschebärtige Petrus ihn fortwährend mit Dringlichem behelligt, am Telefon den unzufriedenen Zulieferer Lucifer mit schmieriger Scheißfreundlichkeit abzufertigen („Wo drückt der Pferdefuß?“) und durch einen „Obstkorb mit Paradiesäpfeln“ bei Laune zu halten.

Mit deutscher Härte

In solchen Episoden mag Koeniger darstellerisch als der Wendigste aus den dreien herausragen. Aber auch die beiden anderen wissen die Bühne solistisch zu füllen. Tomis, grandioser Parodist, bestreitet ganz allein eine „ZDF-Hitparade“: als selbstverliebt salbadernder Dieter Thomas Heck; als Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg im Duett beim „Knallroten Gummiboot; mit „Neuer Deutscher Härte“ im gutturalen Höllenbass als Rammstein im Bandformat: „Pack die Badehose ein“. Hoffmann – schwarze Bomberjacke, rote Basecap – mutiert zum hibbeligen Youtube-Influencer, um seinen staunenden Followern ein atemberaubend neues Gadget der Kommunikationstechnik anzudienen – den Brief: „Paper funktioniert völlig ohne Akku“, „im Stift sind schon alle Buchstaben drin“, und mit dem Postboten tritt einem geradezu futuristisch der erste „Datenträger auf zwei Beinen“ entgegen.

     Wenn er, sagt Timon Gremmels in der Zeit, bei Afd-Reden laut lache, dann sei das „stets ein Lachen aus Verzweiflung“. Von der unbändigen, johlenden Lustigkeit des Kaiserhammerer Publikums lässt sich das nicht sagen. Aber auch hier trifft zu: Über Satire wird immer ‚trotzdem‘ gelacht. Und im Kulturhammer jetzt erst recht.

■ Die nächsten Veranstaltungen im Kulturhammer (Thierstein-Kaiserhammer, Schulweg 2): 14. Oktober, 20 Uhr, Kasita Kanto, Liedermacher; 28. Oktober, 21 (!) Uhr, Garage Rock mit der Rolling Chocolate Band; 4. November, 20 Uhr, Weltmusik mit Jodelfisch; 12. November, 20 Uhr, World Jazz mit Hotel Bossa Nova.
■ Der Kulturhammer im Internet: hier lang.