Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

In Bayerns siebtem Himmel

Den Stoiber und den Söder, den „Kini“ und den altbairischen Dorf-Drahtzieher: Markus Krebs hat sie alle drauf. Mit grandiosen Imitationen macht der Kabarettist in Hof viel Freude.

Wolfgang Krebs als "Kini": Der Himmel über Bayern - "leer wie ein veganes Wirtshaus in Altötting". (Fotos: thu)


Von Michael Thumser

Hof, 29. November – „Sie merken, dass Sie nicht mehr im Amt sind, wenn Sie im Auto hinten einsteigen und vorne keiner losfährt.“ So sagt Edmund Stoiber, der seit fünfzehn Jahren nicht mehr „im Amt“ ist: 2007 hörte er auf, bayerischer Ministerpräsident zu sein. Aber in Wirklichkeit sagt so Wolfgang Krebs, der als geborener Parodist dafür sorgt, dass der gewesene Politiker auch im Jahr 2o22 nicht aufhört, seine kurios verhaspelten öffentlichen Reden zu schwingen. So gut kann ers, dass, als er 2011 in Kaufbeuren einen Kulturpreis erhielt, der einstige Regierungschef ihm die Laudatio hielt.

Als Edmund Stoiber: "Da liegt das Kamel im Nadelöhr."

     „Können Sie Bayern?“ überschrieb Krebs 2014 sein damaliges Solo. Im aktuellen Programm „Vergelts Gott!“ zeigt er, dass er sie nach wie vor alle „kann“, die vergangenen und gegenwärtigen Freistaats-Männer und, auf Bundesebene, die Staats-Frau Angela Merkel auch. Sogar den bayerischen Lieblings-„Kini“ hat er reanimierend im Repertoire: In Hof, wo Krebs am Freitag im Festsaal der Freiheitshalle für ausgelassene Freude sorgte, tritt er royal in blauem Herrscher-Outfit auf, mit Orden, Aschselschnur und roter Schärpe. Als König Ludwig, der 1886 in Krebs’ Starnberger Heimatregion das Leben ließ, geht er salbungsvoll der Frage nach, warum im bayerischen Himmel keine CSU-Politiker landen – wo sie doch vor der Hölle Schlange stehen.

     Von ein, zwei Handvoll scharfer Spitzen abgesehen, erweist sich der zweistündige Krebsgang satirisch als nicht sehr ergiebig. Aber die Imitation treibt der Kabarettist mit unermüdlicher Anpassungsfähigkeit auf grandiose Gipfel. Was an eigenen Pointen fehlt, ergänzt er mit altbairischer Gemütsmenschlichkeit durch Witze – wenn auch, zum Glück, weit genügsamer, als es sein Namensvetter, der Comedian Markus Krebs, als bekennender Ruhrpott-Proll tut –; warum auch nicht. Petrus, der auf den Himmel über Bayern aufpasst, mag der auch leer sein „wie ein veganes Wirtshaus in Altötting“, Petrus „steht auf schlechte Witze“. Und gute sind ja auch dabei.

Als Markus Söder: "An allem sind die andern schuld."

     Am besten gefällt dem Hofer Publikum der Edmund Stoiber: „Da liegt das Kamel im Nadelöhr.“ Für die Vorzugsrolle streift sich der verkleidungsfreudige Krebs wiederholt ein weißblaues Engelskleid mit goldenen Flügelchen über und legt sich täuschend echt den hohen, leicht gepressten Singsang-Tenor des berüchtigten Katastrophen-Rhetorikers zu. So zieht er stammelnd und stotternd, stockend und steckenbleibend über die Außenministerin „Bockbier“ und den „Reservekanister, äh Verkehrsminister“ Wissing her, über den Vizekanzler Habeck, „der immer so aussieht, als hätte jemand in seinem Gesicht geschlafen“, und über den Hofreiter, „der heute noch so ausschaut, wie die Grünen seit zwanzig Jahren nicht mehr wahrgenommen werden wollen“, über den Fußball und den Katholizismus. Da feiert sie Triumphe, die Lust an der heillos sich verfranzenden Suada, gemischt aus hoher Absurdität und logorrhoischer Geschwätzigkeit.

Zum Oberfranken hat es nicht gereicht

„Der Söder“, ätzt Stoiber in sich selbst verliebt, „ist nur Mittelfranke, zum Oberfranken hat ers nicht gebracht.“ An Großmannssucht aber ist der Nürnberger seinem ministerpräsidialen Vorgänger sogar noch überlegen. Stimmfarbe und Mimik, Körperhaltung und -sprache, Frisur und Sakko, das exolabiale Waffel-L und die aufgeweichten Konsonanten – mit allem kann Krebs dienen, auch mit dem Hauptwesenszug Söders: sich selbst in den siebten bayerischen Himmel zu loben, indem er alle Schuld auf alle anderen schiebt. Etwas weniger vorlaut lässt er den Freie-Wähler-Chef Aiwanger auftreten, als dessen „Morkenzeichen“ er erst dessen großzügigen Verzicht seines „Diolekts“ auf einen Teil der üblichen Vokale zelebriert, dann die Abneigung gegen „Soschl Media“: stammt doch der „Gschaftl-Hubert“ noch aus einer Zeit, in der man als Landwirt seinem Kontrahenten „den Schittschtorm mit dem Traktor direkt vor die Haustür gefohren“ hat.

     Wolfgang Krebs „kann“ sie alle, weil er sie nicht einfach „macht“, geschweige denn nachäfft. Er steigert sich vielmehr hinein in die Gestalten, plagiiert sie nachgerade. Die Urbilder schießt er nicht hinterhältig ab wie ein Heckenschütze, auch lästert er nicht als Frontalankläger über sie, sondern spielt mit ihrer Art zu denken und zu reden. Weil Krebs sich das Wesen seiner Opfer wie seine Kostüme anzieht, wird jedes durch sich selbst entlarvt.

Als Schorsch Heberl: Ein Großbrand wie eine Lightshow.

     Angst im Dunkeln kennt er dabei nicht. Ganz tief hinein in die freistaatlich-kohlrabenschwarze Gemeindepolitik wagt er sich mit der (erfundenen) Rolle des Heberl Schorsch. Als an allen Strippen ziehender Allrounder weiß er, wie mans anstellt, dass in seinem Kaff hinter den sieben Bergen die richtige Partei gewählt wird: „In den Kabinen sind die Schnürl an den Kugelschreibern so kurz, dass du nur Liste 1 ankreuzen kannst“. Dem Großbrand beim Feuerwehrball schaut er begeistert wie einer Lightshow zu, und „für einen guten Zweck“ nimmt er einen Festschmaus mit Dunkelbockbier, vier Knödeln, Sauerkraut und zwei Enzian auf sich, selbst wenn sich danach sein Gedärm anfühlt, „als ob man eine Kokosnuss durch einen Gartenschlauch schiebt“.

     Deftiges Dorfleben – aber in aller Friedhofsruhe: „A halbe Stund hat koaner gmerkt“, dass sich Heberls Neffe um des lieben Klimas willen auf der Durchfahrtsstraße festgeklebt hatte. Auch der Stoiber Edmund würde gern die Umwelt schützen, wenn man seinem krebsschen Klon trauen darf. Allerdings – künftig immer mit dem Fahrrad zur Arbeit? „Es versperrt zu viel Platz im Kofferraum.“ Dem „Kini“, mag der auch betont naturnah im Starnberger See versunken sein, kam dergleichen eh nie in den Sinn.



Die Zukunft bleibt draußen

Wenn Kabarettist Martin Zingsheim auf die Zeitläufte blickt, muss er sich wundern: „Normal ist das nicht“. In Helmbrechts stellt er den trivialen Seltsamkeiten des heutigen Alltags seine „Träume“ von einem schrägen Morgen entgegen und resümiert: „Wir haben alle einen an der Klatsche.“

Martin Zingsheim mit dem geigenden Gitarrero Martin Weber bei den Kulturwelten im Textilmuseum: Höherer Unsinn und Tiefenscherzerei. (Fotos: thu [1], PR/Plakat)


Von Michael Thumser

Helmbrechts, 22. November – Irgendwas kann da nicht stimmen: Deutsch und jung genug ist dieser Mann, um sich für Fußball zu interessieren, aber den aus Katar mag er nicht gucken. Er ist bekennender Kölner, aber mit Karneval hat er nichts am Hut. „Normal ist das nicht“ – weswegen der 38-jährige Humorist gleich ein komplettes Soloprogramm so überschrieb. In Helmbrechts half er damit die diesjährigen Kulturwelten furios abzuschließen: Gleich zwei Mal trat er auf, am Samstagabend und am Sonntagvormittag, binnen weniger als 24 Stunden. Schon das ist nicht normal.

     Wobei es „Humorist“ nicht oder viel zu pauschal trifft. Flott und flexibel irgendwo zwischen Kabarett und Comedy zirkuliert, was die Plaudertasche, im vollen Saal des Textilmuseums unablässig laut belacht, an Zeitsatire, Familiengeschichten und gelegentlichen infantilen Albereien singend und sagend auf den Weg seines Wortreichtums bringt. Auch darf man seinen Auftritt kein Solo nennen: Immer wenn er sich als (übrigens promovierter) Musiker am E-Piano auslebt, hat er links und rechts den geigenden Gitarrero Martin Weber und, am Schlagzeug, Claus Schulte an seinen Seiten, beide sichtlich belustigt von Zingsheims höherem Unsinn und seiner Tiefenscherzerei, obwohl sie zu dritt schon seit gut einem Jahr mit dem Programm durch die Lande touren.

FFP2 gegen Borkenkäfer

Was sich ebendort, in der Republik, ereignet, muss man nicht für „normal“ halten. Deutsch und jung genug ist Martin Zingsheim, um Anstoß zu nehmen an einer „Kanzlerin“ wie Olaf Scholz oder an einsamen Spaziergängern, die im Wald FFP2-Maske tragen („Schützt auch vor Borkenkäfern“), oder an einem gebratenen Puter „mit veganer Füllung“. Und er ist Manns genug, das Gendern zwar nicht zu verweigern, sich aber über Auswüchse zu mokieren: „Wollte man heute einen Film wie ‚Blondinen bevorzugt‘ drehen, kriegte man nicht mal mehr den Titel durch.“

          Der Mann Zingsheim: ein „weißer, mitteleuropäischer, nicht-jüdischer Unbehinderter mit Job und heterosexueller Ehefrau“. Das ist normal. Trotzdem fült er sich einerseits privilegiert wie „in der Poleposition“, andererseits scheint ihm nicht recht wohl dabei. Wohl darum kommt er betont unauffällig wie ein Mainstream-Zeitgenosse daher. Zum Publikum redet er in einer geschärften Umgangssprache wie irgendein gutgelaunter heller Kopf, neben dem man als Zuschauer zufällig bei einem Fußballspiel der Kreisliga zu stehen kommt.

     Allerdings sind da noch sein Blitzwitz, die kurzen, frappanten Extempores, die unvermittelten Wucherungen geschliffener Rhetorik, die stacheligen Spitzfindigkeiten, mit denen er – der eine Plaudertasche, jedoch kein Plappermaul ist – die Gäste im Saal Mal um Mal verdutzt-verzögert lachen lässt. Etwa wenn er behauptet: „Ich hatte Long Covid schon dreizehn Jahre bevor es Corona gab“; oder dass die ganze Pandemie schlechterdings ein Fake sei. Da vertauscht das übertölpelte Publikum für eine Sekunde sein Amüsement mit Misstrauen – bis Zingsheim erläuternd nachlegt. Die Täuschung, so klärt er auf, gehe auf drei Damen zurück, eine Virologin, eine Ärztin und eine Toilettenfrau: „Sie haben Corona erfunden, um es endlich hinzukriegen, dass die Männer sich die Hände waschen.“ Man sieht: Verschwörungsschwurbeleien „können auch Freude machen“ – sofern man sie sich selbst ausdenkt.

Lieber Lesch als Lindner

Wenn heute ein mikroskopischer Keim die Weltgesellschaft niederzuzwingen vermag – was erst wird morgen kommen? Angesichts real existierenden Plunders wie autonomer Autos und Schrittzähler in Handys – „Wir haben alle einen an der Klatsche“ – weiß Zingsheim: „Die Zukunft steht vor der Tür. Aber ich mach nicht auf.“ War also früher alles besser? „Da hatten wir Martin Luther King, heute haben wir Kardinal Woelki.“ Natürlich „hatte“ der Kabarettist, Jahrgang 1984, den schon 1968 schmählich ermordeten Menschenrechtler nicht. Aber „einen Traum“, wie der große Prediger, hat auch er, sogar mehrere Träume, zum Beispiel den von einer Republik, in der man „Harald Lesch und nicht Christian Lindner zum Tempolimit befragt“. Freilich, normal wär das schon längst nicht mehr.

     Normal wärs, endlich statt der „falschen Helden“ die richtigen zu benennen: die Nachtdienst-Pflegerinnen im Hospiz, die Lehrer, die neben Scharen verwöhnter Wohlstandskids auch noch deren „engagierte Mütter“ im Helikopter-Modus ertragen. Ihnen widmet Zingsheim ein Spottlied als wunderbar üble Nachrede im spektakulären Falco-Punk-Stakkato wie bei „Rock me, Amadeus“. Überhaupt liegt ihm die Parodie, wenngleich er nur sparsam Gebrauch von ihr macht: Mit Reinhard-Mey-Timbre intoniert er ein Chanson über den „Lieblingssatz der Deutschen“: „Da kann ich nicht drüber lachen“ (die Deutschen im Saal lachen sehr); und das schwarzkehlige Gegröle à la Rammstein hat er ebenso drauf wie den Schunkel-Schmonzes „Kölscher“ Karnevalslieder. Kann aber sein, dass die Jecken am Rhein seine Version wenig prickelnd finden.

Als Grundlage der Rezension diente der Auftritt vom 19. November.


Richling bestraft das Leben
Vor vollem Haus gastiert der berühmte Kabarettist mit einem Jahresrückblick vor der Zeit. Es war ja auch schon viel los. Von der Krisenparade zwischen Corona und Ukrainekrieg lässt sich das Publikum der Helmbrechtser Kulturwelten den Spaß nicht verderben.

Mathias Richling im Helmbrechtser Bürgersaal: Ein "Mensch zwischen den Zeilen". (Foto: Ralf Standke)


Von Michael Thumser

Helmbrechts, 31. Oktober – Mathias Richling hält auf Disziplin. Wer am gestrigen Sonntag den Auftritt des Kabarettisten bei den Helmbrechtser Kulturwelten verfolgen wollte, musste sich einem Regelwerk beugen, das den Vertretern der Medien rechtzeitig zuvor per E-Mail zugestellt worden war. Eine Hausordnung, sozusagen: Punkt für Punkt verbietet sie Publikum und Presse strikt das Fotografieren während der Aufführung und lässt es auch vorher nur nach Absprache zu; wer auf eine Pause wartet, hofft vergebens; wer zu spät kommt, den bestraft das Leben: Richling hat angeordnet, die Türen zum Bürgersaal um 19.30 Uhr undurchdringlich zu verschließen.

     Sehr freundlich klingt das nicht. Im Grunde aber ist der berühmte Satiriker (auf der Bühne) gar nicht so. Stimmt schon, Richling straft das Leben: mit Verachtung; über Zeitläufte und -genossen zieht er schonungslos her. Doch er tut es mit der Kameraderie eines aufgeregt plappernden Schuljungen. Sein Programm „#2022“ gibt nicht bloß vor, ein Jahresrückblick zu sein, es ist auch einer; mag sein, einer vor der Zeit – bis Silvester sinds noch neun Wochen –, aber in den vergangenen zehn Monaten ist wahrlich schon genug passiert. Um das Sammelsurium herausfordernder Krisen und die Horde überforderter Krisenmanager in anderthalb Stunden zu vermanschen, ist Richling der Richtige: ein ergiebig gefüllter Faktenspeicher und zugleich hibbeliger Schnellsprecher, ein Könner des rasant-exakten Timings und der astrein abgehaspelten Tirade, ein Clown, dem nichts heilig ist, und ein kluger Kopf, dem nichts und niemand entgeht beim zappelnden Zappen durch die jüngste Zeitgeschichte.

Ein Ampelbaum in allen Farben

Die hinterließ auch im theatralen Bühnenbild (von Günter Verdin) ihre Spuren: Eine wie nach einem Verkehrsunfall abgeknickte Verkehrsampel dient dem Satiriker gelegentlich als Sitzgelegenheit, während aus einem üppigen Ampelbaum am Rand die Farben aller politischen Parteien strahlen. Derart umleuchtet fährt Richling den tagesaktuell meistgenannten Staatsmännern, -frauen und sonstigen Repräsentanten an die Kehle, aber nicht allein den amtierenden. Im Gegenteil. Den Olaf Scholz, skandalerprobten Berliner Ampel-Chef, führt er vor oder den wohlfeil predigenden Frank-Walter Steinmeier, denn das Parodieren kann der Lästerer nun mal nicht lassen. Manchmal missglückt es: Die  eine oder andere Palaver-Suada hängt bis zur Pointe durch.

     Häufiger aber blitzen Sternminuten der Promi-Imitation auf. Grandios hat Richling den als Lichtgestalt „von Deutschland missbrauchten“, jetzt in England borniert begriffsstutzig einsitzenden Boris Becker drauf, desgleichen den zwangsfrenetisch lärmenden Startenor Rolando Villazon. Extra ätzend äfft er den selbstgerechten Zynismus Gerhard Schröders nach, den Altkanzler und „Angestellten“ des russischen Kriegsherrn: „Ich bin nicht korrupt, aber käuflich“, lässt er ihn sagen, „und ich bin nicht billig, aber Putin kann sich mich leisten.“

     Sowas sitzt. Kürzere Nadelstiche, indes nicht minder zersetzende, treffen andere abgetakelte oder jüngst aufgestiegene Polit-Protagonisten: In einem einzigen Atemzug befehdet er die Herren Laschet (den „Lachsack für Trauerfeiern“) und Lauterbach (mit seinen „mittlerweile vier eigenen Fernsehtalkshows“) und zerkleinert Frau Baerbock als Kollateralschaden gleich mit: „Eine Spielfigur der Grünen, man hätte auch Lara Croft oder Pippi Langstrumpf nehmen können.“ Bei aller Atem- und Ruhelosigkeit, bald über die Bühne tigernd, bald trippelnd hinter ihr verschwindend, hält Richling doch Disziplin: An seinem anderthalbstündigen Rhetorikstrang hängt jede kühne Krudität wohlplatziert mit allen anderen zusammen.

Körperpflege ohne Duschen

Trotzdem geht alles kreuz und quer vergnüglich durcheinander. Sogar die allseits verordneten „Sparmaßnahmen“ und die Gebote der „Sprachmoralisten“ gründen auf einem gemeinsamen Nenner: dem Gendern als „innerer Körperpflege, wenn uns das Duschen schon verwehrt wird“. Oder straffreier Drogenkonsum und tierische Lebensmittel: Cannabis sollte legalisiert werden, „damit wir uns den Hunger wegkauen, wenn Fleisch und Milch immer teurer werden“.

Wie in der Satire üblich, agiert Richling, im proppenvollen Bürgersaal schallend belacht, als mal kluger, mal neunmalkluger Entlarver. Er treibt Spott und übertreibt ihn oft. Seine Lieblingsfeinde – also auch Christian Lindner und Elon Musk – zerlegt er mit schärfster Analyse, die er mit ebensolcher Ironie verbrämt. Spüren aber lässt sich dabei, dass wohl auch er in einer Zeit, da Regeln nicht mehr gelten, aller Disziplin zum Trotz zu den „Menschen zwischen den Zeilen“ zählt: zu den ratlosen, die sich zwischen einer Horrornachricht und der nächsten verpeilt nach Orientierung sehnen. Das von Inflations- und Klima-, Seuchen- und anderweitigen Krisen heimgesuchte Leben rät er in kleinen Dosen, als „Tagesereignis“, zu genießen. Eine Sängerin der Unverwüstlichkeit wie Zarah Leander – „Davon geht die Welt nicht unter“ – käme ihm gelegen, denn er bekennt: „Wir brauchen Hoffnung.“ Darauf, dass die Welt noch eine Weile hält.

■ Nächste Veranstaltungen der Kulturwelten: 5. November, Textilmuseum (Münchberger Straße 17), 19.30 Uhr, New Shapes Quartett; 17. November, Bürgersaal (Luitpoldstraße 21), 19.30 Uhr, Max Mutzke und Marialy Pacheco.
■ Weitere Informationen im Internet: hier lang.



Die Liebe, eine Sollbruchstelle

Der Vollpfosten als Philosoph, der Trottel als Poet? Der grandiose österreichische Kabarettist Stefan Waghubinger erleuchtet auf einem dunklen Dachboden in Bad Steben das Publikum des Forums Naila. Einen Idioten spielt er und ist doch alles andere als das.

Der Kabarettist im kleinen Saal des Bad Stebener Kurhauses: Analytiker mit der Aura des Analphabeten. (Fotos: thu)


Von Michael Thumser

Bad Steben, 20. Oktober –Sitzt hier ein Narr vor uns? Oder hält uns ein Denker zum Narren? Wer – und wenn ja, was – ist das überhaupt? Wer: Als Stefan stellt er sich vor (den Nachnamen, Waghubinger, verschweigt er). Und was: ein armer Hund, ein Loser höchstwahrscheinlich, ein Trottel jedenfalls.

     Ein liebenswerter Trottel, das schon. Auf dem Dachboden, der auf dem Podium im kleinen Saal des Bad Stebener Kurhauses chaotisch inszeniert ist, findet er sich ein, um noch rechtzeitig Erinnerungen an die Kindheit zu bergen. Denn aus seinem Zuhause muss er raus: In Scherben liegt die Ehe, und weil er selbst nur ungern Entscheidungen trifft, ließ er die Ex bestimmen, wer aus der Wohnung ausziehen soll. Bis ein Freund verspätet anrückt, um im Transporter seine Siebensachen abzuholen, bleibt Stefan Zeit, viel von sich, ein bisschen von Gott und jede Menge von der Welt zu erzählen: In der Sprache des Simpels finden Stück für Stück die belustigend bitteren Bekenntnisse eines Blindgängers zusammen. Stefan lacht töricht darüber. Wie ein Kind.

     Wie Erwachsene lachen die Zuschauerinnen und Zuschauer. Denn Stefan Waghubingers intensiv vergnügliches Kabarett ist keine Kinderbelustigung und er selber alles andere als ein Doofkopf. Dass er, der Österreicher, das seinen Landsleuten eigene „Jammern und Nörgeln“ mit „deutscher Gründlichkeit“ betreibe, behauptete er irgendwann einmal von sich. In Wahrheit nörgelt er wenig und jammert gar nicht. Er berichtet aus einem Leben, das wie die Welt im Ganzen zum Scheitern verurteilt scheint, aber er spricht ohne Pessimismus davon, sondern gelassen und aufgeräumt und also ganz anders, als es der Schlamperei auf seinem Dachboden entspräche.

Partnerwahl im Swingerclub

Das Leben hat diesem Stefan allerlei Ernüchterndes angetan, gleichwohl wirkt er zufrieden. Von der Menschheit erwartet er sich nichts, was „Sinn macht“, aber er macht sich nichts draus. Indem Waghubinger, scharfsinnig hinter schalem Geschau, die Tugend des Unterstatements auf die Spitze treibt, kann sich sein Stefan auf dem Speicher als Analytiker mit der Aura des Analphabeten entfalten, als Dialektiker mit dem Mienenspiel des Idioten. Vor uns sitzt: die Flasche als Philosoph. Und weil er dabei das ganz eigene, wundersamen Tiefsinn offenbarende Idiom eines weisen Weichlings findet: der Vollpfosten als Poet.

Stefan Waghubinger: "Als Bild sieht die Wirklichkeit meist schöner aus."

   Was „Pech“ ist, hat der fiktive Stefan des realen Waghubinger schon vor dem Ehe-Aus erfahren. Pech ist zum Beispiel, wenn man im darkroom eines Swingerclubs an den eigenen Partner gerät. Solche „Sollbruchstellen“ – Umstände, an denen Wichtiges berechnet schlapp macht – findet er überall, etwa an seinem Handykabel: Das geht just an dem Tag verloren, an dem die Garantie abläuft. Oft, sagt er, wisse er „vorher, was passiert, aber dann kommt es anders“. Viel Sicherheit also findet er nicht im Leben, wie seine zerbrochene Ehe erweist („Ich rede nicht gern schlecht über meine Frau, aber wer soll es sonst tun?“): Die „Sollbruchstelle“ war hier „die Liebe“. Und gerade für die gilt nun mal: „Die Erkenntnis, dass es zu spät ist, kommt meistens nicht rechtzeitig.“

     Zum Glück spricht Waghubinger – Pausen, stumme Schafsblicke und glucksende Lacher einschiebend – gemächlich genug, um das Publikum überrascht bis erschrocken und allemal bestens amüsiert in die absurden Abgründe seiner vermeintlichen Plattitüden blicken zu lassen. Da will einer nur plaudern und scheint baren Unsinn zu schwätzen, unterliegt dabei aber unentrinnbar dem Zwang zu höherer Einsicht. Ein Einfaltspinsel voller Einfälle: Zwar erklärt er uns seine einfache Welt, indem er auf dem (Dach-)Boden bleibt („Früher sagten die Mütter zum Kind: Iss schön auf, sonst wird morgen das Wetter schlecht. So einfach war Klimaschutz damals“). Aber den Blick des Visionärs, im kratzig gestrickten „Raumschiff Enterprise“-Outfit des Knaben weit in die Tiefen des Menschseins wie in die Weiten des Weltraums gerichtet, den scheut er nicht. Dumm nur, dass ihm „die Sterne den Blick auf die Unendlichkeit verstellen“.

Was ist schon richtig?

Auch er will, über die Zeit hinaus, „Spuren hinterlassen“; dumm nur, dass dauernd einer hinter ihm „alles wegputzt“. Dass seine Welt ungemütlich aussieht wie der Dachboden, auf dem er es sich gemütlich macht – er grinst, lächelt, parliert es weg. Immerhin gehören zu seiner Welt so interessante Phänomene wie: Eichhörnchen mit Nuss-Allergie; ein zwei Meter fünfzig hoher Bonsai; Boxershorts mit seinem Gesicht darauf; Schrödingers Katze, seit Jahren verschollen (und vermutlich dort, wo sie hingehört: in einer Schachtel) … In seiner Welt findet sich Waghubingers Stefan ganz gut zurecht, in der unseren, der richtigen, weniger. Dort zwar, im Internet, hat er findig die Vorlage für einen Versöhnungsbrief an seine Ex gegoogelt, ihn aber leider, allzu gründlich abkupfernd, folgsam mit „Max Mustermann“ unterzeichnet: das world wide web – noch so eine Sollbruchstelle. Damit einen das „Pech“ verfolgt, muss man keinen darkroom aufsuchen.

     Aber ist unsere Welt, so wenig „richtig“, wie sie ist, überhaupt die „richtige“? Oder hat uns alle, wie Waghubingers sinnierenden Stefan, die Wirklichkeit schon längst vor sich her in entrückte Kabuffs, Abstellräume, Besenkammern des Daseins getrieben? Aus dem darkroom seiner Welt erleuchtet Stefan Waghubinger die unsere. Selten ist ein Weiser so klug wie solch ein Narr in seinen lichten Momenten.

■ Alle Veranstaltungen des Forum Nailas und weitere Informationen im Internet: hier lang.
■ Stefan Waghubinger im Internet: hier lang.



Lieber TBC als Covid-19

Schon seit 35 Jahren gibt es das „Totale Bamberger Cabaret“. Aber seine Gags zünden heute noch wie ehedem – zumindest jene, die es bei einem „Best of“ dem Publikum in Kaiserhammer präsentierte. Hundert Besucherinnen und Besucher bogen sich vor Lachen.

Das "Totale Bamberger Cabaret" - besser bekannt als TBC - auf der Bühne des Kaiserhammerer Tanzsaals: Über zwanzig Programme in 35 Jahren. (Fotos: thu)


Von Michael Thumser

Kaiserhammer, 4. Oktober – In ihrer aktuellen Ausgabe fragt die Zeit: „Was gibts da zu lachen?“ Die als durch und durch seriös geschätzte Wochenzeitung spielt damit nicht etwa auf die gerade wenig vergnügliche Nachrichtenlage an, sondern erkundigt sich danach, aus welchen Gründen, aus welchen Lagern und von welcher Art während der Sitzungen des Berliner Bundesparlaments Spaßbekundungen protokollbedürftig auftreten. Unterschieden wird zwischen „Lachen“ und „Heiterkeit“, wobei die amüsable SPD die Riege anführt und die Linke, noch vor der AfD, sie ziemlich humorlos beschließt.

     Im „Kulturhammer“, am Samstag, stellte das „Totale Bamberger Cabaret“ die gegenteilige Frage: Woher kommen die auffallende Feindseligkeit und der zunehmend „rüde Ton“ im Bundestag? Zur Klärung nehmen sich Georg Koeniger, Florian Hoffmann und Michael A. Tomis die (nicht ganz glaubwürdigen) Mitschriften einer Debatte um die strittige „Bananenrückbiegeverordnung“ vor. Während die Herren mit verteilten Rollen den bürgerlichen Parteien Sitz und Stimme verleihen – für die zugewanderte Südfrucht müsse als Ausbildung hierzulande die „mittlere Reife reichen“ –, während Alexander Gauland dafür plädiert, „nur die braunen“ Bananen im Volk zu inkludieren, während Claudia Roth sich gendergerecht auch der „Bananinnen“ annimmt ... während all dies wild durcheinander verhandelt wird, fliegen den Diskutanten aus geifernden, keifenden, giftspritzenden Mündern Provokationen, Affronts und üble Nachreden der wüstesten, alles andere als freiheitlich-demokratischen Sorte um die zornroten Ohren.

Georg Koeniger, Florian Hoffmann (links): Gott auf der Baustelle Erde, vom rauschebärtigen Petrus fortwährend mit Dringlichem behelligt.

     Gelacht wird dennoch und gerade darum in Kaiserhammer bei Thierstein: schallend, ja brüllend gelacht von hundert Besucherinnen und Besuchern in dem nach der Corona-Flaute wieder ausverkauften Tanz- und Theatersaal des Gasthauses Egertal. Seit der dortigen Gründung des „Kulturhammers“ vor gut 26 Jahren steht der Verein in fruchtbarem Kontakt mit dem unterm Kürzel TBC bekannten, pathologisch witzigen Satiretrio, das noch länger besteht. Seit 35 Jahren macht es (in wechselnden Besetzungen) Spaß und Freude und hat zum halbwegs ‚runden‘ Geburtstag seine bislang über zwanzig Programme ausgeschlachtet: „Bevor wirs vergessen“ – so heißt die Show –, spielen sie noch einmal lauter Nummern, die so frisch, staubfrei und zeitgemäß zünden, als hätten die drei sie eigens für den Abend erdacht.

Statt Presssack Fleischtomaten

Sie sind dabei so, wie sie immer waren. Laut sind sie, umtriebig und ungebärdig, das hat man nicht vergessen; sie ziehen sich gern um und merkwürdig an, sie sparen nicht an ihrer Energie, wohl aber an Szenerie und Requisiten. Mindestens so weit reicht ihre schauspielerische Begabung, dass ihnen die Kunst der Satire – Verzeichnung, Übertreibung, Spott, Persiflage – niemals lächerlich oder abgeschmackt gerät. Auch zu singen wagen sie mit Eifer, mag ihnen Gesang auch nicht eigentlich gegeben sein, zum Beispiel als Metzger in blutbeschmierten Schürzen: „Für mich solls roten Presssack regnen“ – denn der Diätarzt erlaubt ihnen günstigstenfalls „Fleischtomaten“. Die Texte haben sie trefflich zugeschnitten, ausgefeilt, der Gegenwart angepasst. Ganz textsicher indes sind sie auf der Bühne nicht immer, was die Heiterkeit noch steigert, zumal sie einander hämisch soufflieren und selber lachen müssen. Im Zeit-Artikel fragt der Abgeordnete Timon Gremmels ja auch: „Wenn die eigene Mimik die ganze Zeit die Weltlage spiegelt – wie soll man das aushalten?“

Florian Hoffmann als Youtube-Influencer: Der neueste heiße Scheiß heißt Brief.

Noch ihre Kalauer verzeiht man ihnen, und nicht nur das: Nach dem einen ersehnt man schon den nächsten. Dann etwa, wenn Michael A. Tomis, in wohlbeleibter Ungerührtheit, und der gallig-sarkastische Florian Hoffmann über den erschrocken buckelnden Georg Koeniger herfallen: Als „Bumsi“, als fränkische „Bundesbehörde für maximale Sicherheit“, treiben die beiden ihrem Opfer das aus Paderborn importierte Skatspiel aus, um ihm stattdessen den regionaltypischen Schafkopf aufzuerlegen. Zwischen „haddn“ und „waachn“ Ps und Bs, Ts und Ds erweist sich währenddessen, dass zumindest sprachlich der „Frankenschnellweg“ ein „highway to hell“ sein kann. Letzteren muss Gott persönlich nehmen, will er – Koeniger, mit Schutzhelm – auf der Baustelle Erde rechtzeitig mit seinem arg in Verzug geratenen Schöpfungsplan fertig werden. Notgedrungen hat er obendrein, während der rauschebärtige Petrus ihn fortwährend mit Dringlichem behelligt, am Telefon den unzufriedenen Zulieferer Lucifer mit schmieriger Scheißfreundlichkeit abzufertigen („Wo drückt der Pferdefuß?“) und durch einen „Obstkorb mit Paradiesäpfeln“ bei Laune zu halten.

Mit deutscher Härte

In solchen Episoden mag Koeniger darstellerisch als der Wendigste aus den dreien herausragen. Aber auch die beiden anderen wissen die Bühne solistisch zu füllen. Tomis, grandioser Parodist, bestreitet ganz allein eine „ZDF-Hitparade“: als selbstverliebt salbadernder Dieter Thomas Heck; als Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg im Duett beim „Knallroten Gummiboot; mit „Neuer Deutscher Härte“ im gutturalen Höllenbass als Rammstein im Bandformat: „Pack die Badehose ein“. Hoffmann – schwarze Bomberjacke, rote Basecap – mutiert zum hibbeligen Youtube-Influencer, um seinen staunenden Followern ein atemberaubend neues Gadget der Kommunikationstechnik anzudienen – den Brief: „Paper funktioniert völlig ohne Akku“, „im Stift sind schon alle Buchstaben drin“, und mit dem Postboten tritt einem geradezu futuristisch der erste „Datenträger auf zwei Beinen“ entgegen.

     Wenn er, sagt Timon Gremmels in der Zeit, bei Afd-Reden laut lache, dann sei das „stets ein Lachen aus Verzweiflung“. Von der unbändigen, johlenden Lustigkeit des Kaiserhammerer Publikums lässt sich das nicht sagen. Aber auch hier trifft zu: Über Satire wird immer ‚trotzdem‘ gelacht. Und im Kulturhammer jetzt erst recht.

■ Die nächsten Veranstaltungen im Kulturhammer (Thierstein-Kaiserhammer, Schulweg 2): 14. Oktober, 20 Uhr, Kasita Kanto, Liedermacher; 28. Oktober, 21 (!) Uhr, Garage Rock mit der Rolling Chocolate Band; 4. November, 20 Uhr, Weltmusik mit Jodelfisch; 12. November, 20 Uhr, World Jazz mit Hotel Bossa Nova.
■ Der Kulturhammer im Internet: hier lang.