Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Ein Fremdling überall

Christopher Park und Johannes Wildner, der eine als Klaviersolist, der andere als Dirigent vom Publikum gefeiert, eröffnen die neue Konzertsaison der Hofer
Symphoniker mit einem hochromantischen Programm. Leitmotiv ist das Wandern: „des Müllers Lust“, des Einsamen Leid.

Christopher Park vor den Symphonikern: Weniger exponierter Konzertsolist als Erster unter Gleichen. (Fotos: Andreas Rau)


Von Michael Thumser

Hof, 27. September – Angeblich taten es die Müller mit Vorliebe; das weiß jeder Freund deutschen Liedguts: „Das Wandern ist des Müllers Lust“, behauptet ausdrücklich Franz Schubert in seinem Zyklus „Die schöne Müllerin“. Auch Stromer und sympathische Tagediebe waren, gerade im Zeitalter der Romantik, nicht abgeneigt, etwa Joseph von Eichendorffs „Taugenichts“, der singend und geigend wohlgemut und weiträumig durch die Lande streift. Als in Hof, am Freitag im Festsaal beim Start der Symphoniker in die neue Hofer Konzertsaison, Dirigent Johannes Wildner den Auftakt für Schuberts „Wanderer-Fantasie“ gab, da klang auch das nicht nach bedrücktem Abschiednehmen eines einsam Insichgekehrten, sondern kurzangebunden wie die Aufforderung zu einem schmissigen Tanz. So hat der Komponist sich das wohl vorgestellt: gut gelaunt, unternehmungslustig. Con fuoco, feurig, überschrieb er den Beginn.

     Der Komponist? Die Komponisten. Schubert hat 1822 sein Großwerk – in der notorisch ‚positiven‘ Grundtonart C-Dur – dem Soloklavier zugedacht. Für unspielbar hielt er es selbst, anders als Franz Liszt: Der ließ sich von der Klangfülle des Originals sogar anregen, eine Fassung mit Orchester herzustellen. Auch Christopher Park hat das berüchtigt knifflige Werk, in beiden Versionen, virtuos in den Fingern. Wenngleich ihm hier ein Lauf ein wenig fahrig, dort ein weich-leiser Akkord etwas brüchig gerät – das Publikum feiert ihn zu Recht für die enorme Leichtigkeit seines insgesamt eminent emotionalen Spiels, das wohl die Gewichtig-, nicht aber die Schwierigkeit des Stücks gelten lässt. In dessen durchkomponierter Großform reihen sich unterscheidbar vier divergierende Abschnitte aneinander, wobei Park wohlweislich der Versuchung widersteht, sich in ihnen so zu exponieren, als hätte er es sozusagen mit Franz Schuberts ungeschriebenem Klavierkonzert zu tun. Wohlweislich fügt er sich lieber als Erster unter Gleichen in den symphonischen Prozess ein, den Dirigent Wildner und das Orchester plastisch entfalten.

„Des Fremdlings Abendlied“

Gesammelt und gespannt, eilig begeistert brechen erst das Orchester und gleich danach Christopher Park auf zu ihrem Ausflug ins Freie. Später, im Presto des Scherzo-Teils, entfesseln sie „Müllers Lust“ herausfahrend und meißeln im Final-Allegro das Fugenthema wie in Feldgestein – ein Fußmarsch auf festen Sohlen. Auch schon mal auf allzu festen: Dumpf schollerts aus dem Inneren des Flügels, wenn Park gewaltsam aufs Pedal stampft, statt schonungsvoll mit ihm zu füßeln. Was nicht bedeutet, dass ihm nicht auch die melancholische Meditation läge: Im Adagio, der ausführlichsten und gedanklich zentralen Etappe der Fantasie, zieht er sich ganz ins Innere des nun gottverlassenen, menschenscheuen „Wanderers“ zurück. Ihm hatte Schubert schon 1816 in einem gleichnamigen Lied eine Stimme verliehen, Verse vertonend, die Georg Philipp Schmidt von Lübeck 1808 als „Des Fremdlings Abendlied“ erstmals veröffentlichte. Nicht als leichtsinniger Tourist ist darin der Grenzgänger unterwegs, auch nicht als geduldeter Gast, sondern als Ungekannter: „ein Fremdling überall“.

Johannes Wildner im Festsaal der Freiheitshalle: Naturnah, nicht naturschwärmerisch.

     Erst einmal schweigt nun das Orchester, der Interpret allein intoniert mit Grabesschwere und gramvoller Langsamkeit die todtraurige Weise („Ich wandle still, bin wenig froh“). Das lyrische Ich überlässt sich seinem Weltschmerz und sagt sich selber: „Dort wo du nicht bist, dort ist das Glück.“ Als dann die Instrumente wieder dazutreten, sucht und findet das Klavier verständnisvolle Reisebegleiter in Solocello und -horn. Momente wunderschöner Niedergeschlagenheit, zugleich geheimnisvoll und schattenhaft, fast schaurig: eine bemerkenswerte Mischung. Noch einmal meliert sie Park: In Franz Liszts zugegebener Transkription des schubertschen „Erlkönigs“ gewinnt er aus ihr in packender Hast den Fiebertraum eines todgeweihten Kindes in einer von Nacht- und Sturmgespenstern durchspukten Natur.

     Kann es, nach solcher Leiderfahrung, das „hoffnungsgrüne“, das gelobte und „geliebte Land“ noch geben, nach dem der Fremdling sich in von Lübecks Versen sehnt? „Immer fragt der Seufzer: Wo?“ Johannes Wildner antwortet: In Anton Bruckners vierter Symphonie. Der Komponist selbst nannte sie „die Romantische“; gleichsam naturnah, freilich nicht naturschwärmerisch stellt sie der Dirigent dar und macht jeden ihrer berückenden Reize bewusst. Seine Tempi wählt er, zumal gleich zu Beginn, verhalten. Umso zeremoniöser geraten, über zart-vagem Streicher-Flimmern, die vierfältigen, fürs Werk insgesamt leitmotivischen Rufe der Hörner, die in allen vier Sätzen eine zentrale Rolle spielen. Zwar können sie nicht immer so, wie sie gern wollen: Mancher herausgehobene Ton wackelt. Für den Wohllaut vieler ihrer Aktionen aber haben sie sich trotzdem die Extra-Bravos beim überhaupt immensen Schlussapplaus verdient.

Pathos und Poesie

Leichtherzig, dann wuchtig blüht die Musik im Kopfsatz auf – und erweist sich in ihrem pathetisch-poetischen Gestus wie in ihren ausufernd differenzierten Klangmassen schnell als übergroß für den arg begrenzten und niedrigen Festsaal. Der Dirigent aber, der das unnachgiebig, dabei durchweg flexibel, kontraststark, ja konfliktbereit musizierende Orchester ohne Partitur anleitet, macht gleichwohl das Beste daraus: etwas wirklich Gutes. Unprätentiös und nach außen hin sachlich hält er die Zügel in der Hand, auch in Momenten exaltierter Hochdramatik ohne eine sichtbare Spur von zweifelnder Unruhe des Gemüts. Im Auf und Ab der bald pulsierenden, bald breit wogenden An- und Entspannungen geht ihm der Zusammenhalt der Form so wenig verloren wie die Übereinstimmung zwischen den Instrumentengruppen. Gemütvolles Melos tritt bei Wildner in sein Recht, langt allerdings immer irgendwann am bedrohlichen Rand eines Abgrunds oder am Fuß einer schroff blockierenden Mauer an. Ominös reist eine Generalpause das Geschehen klaffend auf, nur schmal von zweifelhaftem Paukengrummeln überbrückt. Dann wieder predigen die Choräle der Bläser feierlich eine Heilsbotschaft

     Auf die tragische Ruhe des Trauermarschs zu Beginn des zweiten Satzes entgegnen die Bratschen mit salbungsvollen Andachtsworten. Aus der Schmerzenstiefe jenes Andantes reißen die Symphoniker das Publikum mit der aufgeräumten Jagmotivik des Scherzos heraus. Wie ein Verhängnis wiederum ballen sie das Finale zusammen und laden es in mitreißendem Ereignisreichtum widerstreitend mit Affekten aller Art auf, die sie während der aufgewühlten Ent- und Verwicklungen durchdiskutieren und, während der Schlusswendungen, zum Einklang bringen. Eine Apotheose; aber keine gutgläubige Verherrlichung von Gottes freier Natur, blauem Himmel, durchsonnter Welt. Es ist, als ließe der Dirigent immer mal wieder den Wanderer Franz Schuberts, den Fremdling des Gedichts durch die Klangvorhänge linsen, Brecht zitierend: „Glotzt nicht so romantisch!“

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