Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Als gäbs kein Morgen

Zwei Musicals an einem Wochenende im Theater Hof – ein doppelter Triumph zum Saisonstart: Nach der drastischen Uraufführung von „Jack the Ripper“ durchlebt im intimen Studio ein junges Paar „Die letzten fünf Jahre“ seiner Beziehung – in einem Kammer-Songspiel mit gegenläufiger Chronologie.

Lauter Monologe - und ein Duett, nur ein einziges: Cathy und Jamie (Carolin Waltsgott, Benjamin Muth) im Hochzeitsglück, einen gemeinsamen Song lang. (Fotos: H. Dietz Fotografie [2], Theater Hof [1])


Von Michael Thumser

Hof, 24. September – Am Ende stehen zwei Abschiedsbilder gleichzeitig nebeneinander, und doch liegt ein halbes Jahrzehnt zwischen ihnen. Verliebt und lachend schaut, auf der einen Seite der Spielfläche, Cathy ihrem neuen Freund Jamie nach und kanns schon kaum erwarten, bis er morgen wiederkommt. Auf der anderen Seite lässt Jamie, traurig und entschlossen, für Cathy einen letzten Brief, dazu den Ehering zurück; er kommt nicht wieder.

     „Die letzten fünf Jahre“ sind schnell vorbei in Jason Robert Browns Kammermusical. Kurz und gut geht es über die Bühne des Studios seit dem doppelten Premierenwochende, mit dem das Theater Hof die neue Spielzeit zwei Mal triumphal eröffnete. Kaum lassen sich zwei Produktionen unterschiedlicher denken: zunächst im Großen Haus „Jack the Ripper“ um die berühmtesten Schlitzermorde der Kriminalhistorie, figurenreich, vehement, effektgeladen (die Rezension dazu folgt im Anschluss auf dieser Seite); schon tags darauf nebenan, auf der eher fürs Intime vorgesehenen Spielstätte, eine kleine herzschmerzliche Geschichte für zwei. Schwer ist der eine Stoff so wenig wie der andere und die Großproduktion dem nur knapp anderthalbstündigen Kammerspiel vielleicht im Schwung voraus, nicht aber im Belang.

Carolin Waltsgott: "Nur ein Teil von ihm."

Die bittersüße Lovestory hat dem „Ripper“-Krimi, schon durch ihr aus geschmackvoller Popmusik einfallsreich gewebtes Klanggewand, eine subtile Note zwischenmenschlicher Nähe und emotionaler Unverfälschtheit voraus. Wo bei Reinhardt Frieses und Frank Nimsgerns Altengland-Event Band und Orchester die Affekte in pastosen Farben wie auf eine Großleinwand spachteln, trägt im Studio ein sensibles Ensemble von Saiteninstrumentalisten (eine Violinistin und zwei Cellisten der Symphoniker, Oliver Schmidt und Uwe Fiedler an Gitarre und Bass, am Klavier von Philip Tillotson geleitet) mal pastellene, mal intensive, dabei stets wohlgemischte Kolorationen wie auf Miniaturen auf.

Auf lauter Monologe. Nur einmal finden Cathy und Jamie zum Duett zusammen: Genau in der Mitte des Stücks feiern sie Hochzeit, bei der ihre Verbundenheit und Hoffnung für eine kurze Weile keine Grenzen kennt. Von Anfang an weiß das Premierenpublikum – das nach der Uraufführung am Vorabend auch diese Hofer Erstaufführung stehend feiert –, dass die beiden ‚sich kriegen‘. Es weiß aber auch sogleich: Sie werden auseinandergehen. Denn ihren gemeinsamen Weg erzählt der Komponist Brown als sein eigener Texter in gegenläufiger Chronologie – und macht so wieder zwei einzelne Geschichten daraus: Die von Jamie verläuft vom ersten Moment des Verknalltseins an bis zu seinem heimlichen Abgang, die von Cathy schlägt, von der Trennung bis zur Liebe auf den ersten Blick, die umgekehrte Richtung ein.

In den Schlingen des Telefons

Derart gelenkt, gingen Regisseur Florian Lühnsdorf und Bühnenbildnerin Aylin Kaip daran, eine einleuchtende Situation des Gegenübers für das Paar zu ersinnen. Sie ansehnlich umzusetzen, wollte indes nicht recht glücken. Den Partnern wies Kaipt je ein weiß leuchtendes Podest zu; nur aus dem Programmheft ist zu erfahren, dass die Plattformen den Hörer eines weiland Festnetzfernsprechers, mittig in zwei Hälften zerbrochen, vorstellen sollen. Ins Unförmige vergrößert schlingt sich denn auch die dazugehörige Endlosspirale eines obsoleten Telefonkabels um den Schauplatz herum und dreht gar einen Looping über ihm. Angerufen wird allerdings zeitgemäß: per Smartphone.

Der Looping, der erst getauschte, schließlich zurückgelassene Ring: Beides spielt auf die Dynamik der Kreisform und die Ziellosigkeit des Kreislaufs an, was der raffiniert gewagten Dramaturgie des Stücks entspricht mit ihrer Gegenläufigkeit sowohl der erzählten Zeiten wie auch der Gefühle. Die Zeit bleibt auf Wunderweise stehen, als gäbs kein Gestern des Zusammenkommens, kein Morgen des Auseinandergehens, sondern nur einen einzigen pulsierenden Moment voller umlaufender Empfindungen und von unbestimmter Dauer. In ihm streben die Gefühle aufeinander zu und laufen trotzdem aneinander vorbei.

Benjamin Muth als Jamie: "Es geht ein bisschen schnell."

Beiden Darstellern – Carolin Waltsgott wie Benjamin Muth, gleichrangig in ihrer charakterzeichnenden Präsenz, von sympathischer Natürlichkeit und sonniger Frische die eine wie der andere – nimmt man ihre unerfahren-mutige Jugendlichkeit sogleich ab. Gerade mal 23 Lenze zählt Jamie, der Student, als schon sein erster Roman zum Riesenhit gerät, worüber er selbst am meisten staunt. Cathy, die „Göttin“, die er „immer gesucht“ hat, soll seine Muse sein, aber  in der Partnerschaft alle Freiheiten behalten, um ihrerseits, auf der Musicalbühne, der „Star“ zu werden, als den sie sich träumt.

Furios jubelt Waltsgott in einer frenetischen Shownummer Cathys Leidenschaft für den Geliebten und ihren loyalen Stolz auf seine wuchernde Begabung heraus. Mit notorisch komödiantischem Hochtalent spielt die Künstlerin selbstironisch die heillose Verzweiflung aus, mit der Cathy jedes Vorsingen verbockt. Die fast kindliche, dabei ausgebuffte Aktrice – eine „Powerfrau“ wie jene, die Jamie in seiner Cathy schätzt – weiß vor Lebensgeist zu platzen, aber auch, wenig später, alle Anspannungen zurückzunehmen ganz in ihr Inneres, wo sie freilich stetig spürbar bleiben.

Ein „gutes Team“ will Cathy mit Jamie bilden, sieht aber endlich ein, gerade noch als „ein Teil von ihm“ zu gelten. Er hingegen, statt für sie „einfach da zu sein“, gefällt sich zunehmend narzisstisch darin, als „strahlender Hochkaräter“ des Buchmarkts im „Mittelpunkt jeder Party“ von den schönen Töchtern anderer Mütter umflattert zu werden. Durchaus warme Zuneigung lässt Benjamin Muth in der Rolle spüren, ehrliche Einsicht, wohlmeinende Geduld; doch er verhehlt auch nicht, wie unausweichlich das Tempo des Erfolgs („Es geht ein bisschen schnell“) den noch unausgereiften Bestsellerautor zu euphorischer Selbstüberschätzung verführt. Unter all seiner Einfühlung lässt Muth schleichend Eitelkeit gedeihen, endlich Dünkel blitzen. Nicht nur als Schriftsteller, auch körperlich scheint Jamie zu wachsen, bis er sich auf dem Tisch seines Podiums wie sein eigenes Monument aufrichtet.

Anders als Carolin Waltsgott, die auch durch ihre Stimme überwältigt, vermag Benjamin Muth nicht mit gesanglichen Genüssen aufzuwarten. Trotzdem berührt sein letztes Liebeslied: weil es schon einer andern gilt.

Informationen über die Produktion und weitere Aufführungen im Internet: hier lang.

Schatten aus der Hölle

Der ungeheure Inszenierungsaufwand hat sich gelohnt: Stehend beklatscht das Uraufführungspublikum das Musical „Jack the Ripper“, mit dem das Theater Hof die neue Spielzeit mitreißend eröffnet.

Auf den Straßen von Whitechapel droht die Stimmung zu kippen, verängstigt rottet sich der Mob zusammen: Szene mit (vorn) Thilo Andersson und Kathy Savannah Krause. (Fotos [3]: H. Dietz Fotografie)


Von Michael Thumser

Hof, 20. September – In Samuel Becketts „Warten auf Godot“ wird zwei Akte lang auf Godot gewartet, der bis zum Schluss nicht kommt. In „Jack the Ripper“, seit der vom Publikum mit stehenden Ovationen gefeierten Uraufführung am Samstag, ists am Theater Hof ähnlich: Der legendäre Serienmörder, der dem Musical den Titel gibt, tritt niemals auf. Oder, um genau bei der Wahrheit zu bleiben: Als Phantom, als schwarze Silhouette eines hochgewachsenen, eleganten Mannes der besseren Gesellschaft mit Cape und Zylinder, geht er zwar im milchweißen Londoner Nebel um und schlitzt Frauenhälse auf; aber er gibt sich nicht als Figur zu erkennen, er spielt, zumindest buchstäblich verstanden, keine Rolle. Der dramaturgische Kunstgriff ist nur einer der mancherlei Reize für Ohr, Auge und Verstand, und nicht der geringste des Stücks.

Elegant mit Cape, Zylinder - und Dolch: Die Bestie geht um.

     Als Ideengeber, Buchautor und Regisseur hat Intendant Reinhardt Friese die effekt- und geräuschvolle Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Musiker Frank Nimsgern erneuert, die sie schon in der Spielzeit 2016/17 bei „Der Ring“ zusammenschweißte. Für ihr aktuelles, nicht minder aufsehenerregendes Projekt wählten sie indes nicht ganz so pompöse Mittel: Statt neuerlich einen überzeitlichen, übermenschlichen Mythos als wummerndes Spektakel plakativ krachen zu lassen, wenden sie sich mit melodramatischem Interesse fürs Zwischenmenschliche, Verständnis für historisches Kolorit und Ansätzen vertiefender Psychologie einer Schandtat aus der Geschichte des wirklichen Englands zu: den (mindestens) fünf Frauenmorden eines unbekannten Halsab- und -durchschneiders in Whitechapel, einem berüchtigten Elendsviertel der Hauptstadt. Dass die legendären Bluttaten bis heute unaufgeklärt blieben, ist nur einer der gruseligen Reize, und nicht der geringste des Stücks.

     Denn auch an Attraktionen – Buntheit und Verve, Gedöns und Getrubel – fehlt es nicht, und ein willkommenes Befeuerungsmittel geben sie ab für eine Handlung, die der Autor und Regisseur Friese weniger über einen Spannungsbogen fortschreiten lässt denn episodisch als dynamisches Stimmungsbild entwirft – als kräftig ausgemaltes, heftig befülltes Genrebild (Kostüme: Annette Mahlendorf). Dessen durchaus mit Unterhaltlichkeiten gesättigte, mit einfallsreichen Schauwerten – wie einem Untotentanz schädelknochiger Zombies – kurzweilig aufwartende Atmosphäre untermischte er wohlweislich mit einer dauernd spürbaren Stimmung der bangen Beklommenheit, des unberechenbaren Risikos. Das grobe Pflaster von Whitechapel ist auch in Hof ein dünnes Eis.

Im Londoner Nebel

Umso behutsamer betritt es Dominique Bals als Kriminalinspektor Abberline. Genau bei der „Wahrheit“ will er bleiben, als er sich traurig, aber beherzt an die Spurensuche im Armenviertel macht. Das bevölkern von Not getriebene Gauner und Prostituierte, die sich oft des schieren Hungers halber verkaufen. Zwei Spielstunden lang stochert der Kriminalist vergeblich im Nebel, der Mal um Mal suppig über Herbert Buckmillers bei der Premiere gleich zu Beginn beklatschte Bühne wallt, wölkt und wabert, ohne das Geheimnis der Täterschaft preiszugeben (und der ebenso jenes für sich behält, warum wiederholt ohne Not auf Englisch gesungen wird). Die Szenerie entrückt die Betrachtenden, eben wie ein Genrebild aus dem neunzehnten Jahrhundert, auf das grobe Pflaster eines feuchtkühlen, düster-kargen, schmuck- und vegetationslosen Straßenzugs, aus dessen Hausfassaden sich von Fall zu Fall unterschiedliche Innenräume ausfahren lassen, eine wüste Kneipe etwa, oder, gleich daneben, ein Polizeibüro. Whitechapel: Ein „Drecksloch“ nennt es ein als „reaktionärer Knochen“ schnell durchschauter Sergeant (Dan Lucas) und lästert gleichgültig, hier sterbe „niemand, der es nicht verdient“.

Herzbewegte Augenblicke: Inspektor Abberline und das Straßenmädchen Mary Jane (Dominique Bals, Kerry Jean).

     Abberline aber, der ortskundige Inspektor, „weiß viel über vieles“. Er weiß, dass keiner und keine hier im Slum freiwillig Furcht und Schrecken, Gewalt und Ausgeliefertsein auf sich nimmt. Er weiß auch im Elend jeden auf der „Suche nach dem Glück“, wie aussichtsslos sie auch bleiben mag. Er weiß, dass die tumbe Menge alles verdächtigt oder verachtet, „was anders ist“, dass der Pegida-artig zum Aufstand sich zusammenrottende Mob („Das Volk sind wir“) nur allzu schnell Verschwörungsschwurbeleien auf den Leim geht und jedem harmlosen Außenseiter das Schlimmste zutraut: einem bemitleidenswert entstellten „Elefantenmenschen“ nicht anders als dem Juden Aaron (einmal grandios maskiert, das andermal furios schmetternd: Andrea Matthias Pagani). Abberline weigert sich, einen vermeintlich „Schuldigen, der ins Weltbild passt“, aus dem bowler hat zu zaubern. So empfiehlt es ihm sein politisch erfahrener Chef, in dessen kühl kalkulierenden Opportunismus Volker Ringe einen Zug von schwer zu wiederlegender Weisheit mischt – charakterlich die vielleicht differenzierteste Figur der Aufführung. Der Inspektor aber, „mit seiner Schwäche für gestrandete Existenzen“, bleibt lieber fest bei der Wahrheit – und fahndet weiter nach dem Unauffindbaren.

Im Auge des Orkans

Denn freilich ahnt er, dass ihr bitterer Kern die Vergeblichkeit ist. In der tiefen Resignation des Ermittlers deckt Dominique Bals dessen weiche Aufrichtigkeit und sehnsüchtige Einsamkeit auf. Mit sanfter Sprech- und Gesangsstimme, mit der ruhigen Milde des Empfindsamen, Empfindlichen und Empfänglichen gibt seine irrationale Liebe zum klugen Straßenmädchen Mary Jane den Fokus des Spiels ab. Gemeinsam mit der umso agileren, stimmstarken und -wendigen Kerry Jean als farbiger, mithin „exotischer Schönheit von der Straße“ verharrt Bals ein paar herzbewegte Augenblicke lang gleichsam im stillen Auge des Orkans. Den entfesseln umso dringlicher Barbara Busers bald leichtlebige, bald aggressive Choreografien und die aus Pop und Rock, Schlagersentiment und (als aparte Überraschung) A-cappella-Dreigesang synkretistisch kombinierte Musik Frank Nimsgerns, der auch die Liveband mit den Herren Eicke, Kramp und Götz anführt sowie die über Lautsprecher eingespielten Orchesteraufnahmen produzierte.

Volles Haus: (von links) der Hofer Kulturamtsleiter Peter Nürmberger, Oberbürgermeisterin Eva Döhla sowie Cora Bethke und Oliver Geipel, die Intendantin und der Geschäftsführer der Hofer Symphoniker, mit Reinhardt Friese und Florian Lühnsdorf, dem Intendanten und dem kaufmännisch-technischen Geschäftsführer des Theaters. (Foto: Theater Hof)

     „Da draußen muss er sein“, der „Held“ ihres Glücks, singt Mary Jane voll Inbrunst und absurder Hoffnung. In Wahrheit treibt „da draußen“ eine Bestie ihr Unwesen. Dennoch geht das Leben fast zwanghaft weiter, mit Druck und Schub – am stimulierendsten bei der glamourösen Bordellière Lady Queen (Aino Laos) und ihren Glitzergirls. Unerwartet hebt sich unter ihren Füßen der Boden der Vorbühne empor, und sichtbar wird, mondän ausstaffiert mit reichlich rotem Plüsch, ein unterirdisches, weil geheimes, aber gut besuchtes Schwulen-Etablissement, in dem auch ein royaler Gast seine verbotenen Begierden zu befriedigen pflegt: Jannik Harneit, hochgewachsen und elegant, unverkennbar ein Mann der besseren Gesellschaft, der sich in Cape und Zylinder hüllt …

     Falls ein Verdacht auf ihn, die königliche Hoheit, fällt, kann ihn der nicht treffen. Solange das „Weltbild“ über die „Wahrheit“ triumphiert, kann nicht sein, was nicht sein darf. So unaufhörlich wie Queen Victoria übers Commonwealth regiert im „Drecksloch“ die „Angst“ – eines der Wörter, die in Whitechapel am häufigsten fallen.

Informationen über die Produktion und weitere Aufführungen im Internet: hier lang.