Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Der Mörder in jedem von uns

Im Studio zeigt das Theater Hof die zweite Produktion seines dreiteiligen Zyklus „Wider das Vergessen“: Als „Bruder Eichmann“, in Heinar Kipphardts Dokumentarspiel, offenbart der grandiose Ralf Hocke die Selbstverständlichkeit des absolut Bösen in einem Durchschnittsmenschen.

Ralf Hocke und Dominique Bals (rechts) vor der Videowand: Der Blutscherge als Artgenosse, Nahverwandter, Nebenmensch. (Fotos: H. Dietz Fotografie)


Von Michael Thumser

Hof, 3. Dezember – Der Mann hieß, wie man eben so heißt als Auswanderer in Argentinien: Ricardo Klement. Er stand in seinen Fünfzigern, war verheiratet, hatte vier Kinder und arbeitete anstellig in einer Fabrik des deutschen Unternehmens Daimler-Benz.

     Der Mann hieß vorher, wie man eben so hieß, damals in Deutschland: Adolf Eichmann. Er stand in seinen Dreißigern und versah für Hitlers nationalsozialistisches Regime das Amt eines Cheforganisators für die Eisenbahntransporte unzähliger Juden in die Gaskammern der Vernichtungslager.

     Die beiden sollen ein und derselbe sein? Und noch dazu unser „Bruder“? „Bruder Eichmann“? Nach der aufrüttelnden Auschwitz-Oper „Helena Citrónová“ dringt das Theater Hof in der zweiten Produktion seines dreiteiligen Zyklus „Wider das Vergessens“ mit der Frage in sein Publikum: Ist womöglich in der Brust eines und einer jeden von uns Platz für zwei Seelen – für den anpassungsbereiten, gesetzestreuen Spießer, und für den widerspruchslos funktionierenden Helfer beim Massenmord? Der Dokumentardramatiker Heinar Kipphardt mutet uns in seinem letzten Bühnenwerk aus seinem Todesjahr 1982 zu, Eichmann nicht einfach als gewissenlosen, abgeurteilten, 1962 in Israel gehenkten Blutschergen wahrzunehmen, sondern als Artgenossen, Nahverwandten, Nebenmenschen. Den Zuschauenden im Studio ging am Donnerstag die erschütternde Premiere sichtlich an die Nieren.

Tun, was alle tun: Anweisungen befolgen

Dabei sieht in Thomas Schindlers Inszenierung der Studiobühnen-Eichmann ganz anders aus als der echte. Wer von ihm Fotos kennt, hat ihn, ob in Uniform oder im Straßenanzug, als hageren Biedermann mit stets gequälter Physiognomie, schmalem Blick, verbissenen Lippen vor Augen. So könnte ihn in Hof der deutlich fülligere, notorisch leichtblütige Ralf Hocke nicht imitieren – und will es auch nicht: Keinen Klon aus dem Wachsfigurenkabinett einer weit zurückliegenden Vergangenheit stellt er uns vor, sondern vergegenwärtigt den „Bruder“ als Normalmenschen, der sich darauf hinausredet, in seiner Funktion eines „Angestellten“ nur „auf dem Dienstweg“ unterwegs gewesen zu sein, um zu tun, was alle tun: Anweisungen befolgen, Befehle ausführen. Nun werde ihm, sagt er, zu Unrecht vorgeworfen, dass er seinen Job mit Perfektionismus erledigt habe; und es drängt ihn, Auskunft aus seiner Sicht zu geben und seine Unbescholtenheit zu postulieren.

Die Psychiaterin (Julia Leinweber) im Gespräch mit Eichmann: Professionell empathisch, zunehmend fassungslos.

     Von ihr bleibt er überzeugt, bis sich die Henkersschlinge um seinen Hals zuziehen wird. In Gesprächen breitet er sein Leben aus: vor einem israelischen Polizeihauptmann (Dominique Bals, eisig unterkühlt, hinter versteinerten Gesichtszügen angewidert, ein einziges Mal ausbrechend in leidvollem Zorn); vor einer Psychiaterin (Julia Leinweber, professionell empathisch, freilich auch zunehmend fassungslos); und kurz mit seinem Verteidiger (Peter Kampschulte im nazibraunen Anzug), der die Zuständigkeit des Jerusalemer Gerichts bestreitet.

     Immer ist Eichmann zweifach zugegen: einmal in Person des Schauspielers, zudem überlebensgroß auf einer Videowand. Unbarmherzig zwar nimmt die Kamera alle Mienen, jede Geste des Delinquenten unter die Lupe; leider aber lenken die zweidimensionalen Schwarz-Weiß-Bilder zugleich ab von der subtilen Plastizität des Spiels vor der Leinwand. Im Programmheft bekräftigt Ausstatterin Annette Mahlendorf, sie habe dadurch „die Spannung steigern“ wollen, denn „unser Stück ist eigentlich eine Verhörsituation, das ist erst mal untheatral, unspannend, da passiert nix“. Ein Irrtum: Gerade das Verhör, in dessen Verlauf verborgen Vergangenes nach und nach herausgefragt und „analytisch“ für die Bühnengegenwart bewusst gemacht wird, zählt zu den innersten Keimzellen des Theaters – schon des antiken – und zu seinen verlässlichen Urmodellen, wie in Heinrich von Kleists „Zerbrochenem Krug“, der in Hof am 20. Mai herauskommt.

„Vollkommen unpolitisch“

Wahr ist indes auch, dass die in Rede stehende Spannung in Kipphardts Fall nicht aus der Aufdeckung einer singulär monströsen Schuld erwächst – die steht zu Beginn des Stücks schon fest –, sondern aus den Drehungen und Wendungen, mit denen Eichmann sich um das Eingeständnis jener Schuld herumschlängelt. Immer habe er „normal und unauffällig gelebt“ und schon als Kind „Gehorsam“ als „etwas Unumstößliches“ erachtet; er sei „vollkommen unpolitisch“ und der SS nur beigetreten, um irgendwo „dazuzugehören“; keinesfalls sei er „das Monster, der Sadist und Antisemit“, zu dem ihn die Zeitungen „lügenhaft zusammenkolportiert“ hätten; die Konzentrationslager habe er für ein System der „Erziehung“ gehalten und sei im Rahmen seiner Dienstpflicht („Feindbekämpfung Juden“) auf der „rein sachlichen Seite“ tätig gewesen („Evakuierung, Berichterstattung, Fahrplangestaltung“); mit der „physischen Vernichtung der Juden“ habe er nie persönlich zu tun gehabt und „Vergasungsaktionen“ stets als „furchtbar“ empfunden: „Ich bin nicht robust genug, um nicht aus den Latschen zu kippen.“ Alles Lüge, wie ihm nachgewiesen wird; das Gespenstische daran: Er glaubt ganz fest daran.

     Das Gespenstische an Ralf Hocke: seine sozusagen widernatürliche Natürlichkeit. Als „Bruder“ Eichmann kommt er uns fast wie ein Stammtischbruder vor. Seinen oft erprobten ‚Typus‘ des liebenswert teddybärigen Gemütsmenschen stellt er bewusst steil gegen die verschleierte Wahrheit des massenmörderischen Bürokraten. Wie ein fügsamer Kleinbürger sitzt er manierlich auf der vorderen Kante seines Stuhls, mit eingelernter preußischer Pedanterie springt er auf, um strammzustehen. Von Sekunde zu Sekunde setzt er seine Worte neu und anders – und gewichtet klug die Pausen dazwischen –; nicht minder minuziös handhabt er die vielfach winzigen Regungen des Gesichts, die teils minimalen Modifikationen der Körperhaltung. Sobald Hockes Eichmann die Steifheit des eingeschüchterten Beschuldigten überwunden hat, erzählt er fast frisch von der Leber weg, als wäre das Entsetzliche das Selbstverständliche.

     Der Delinquent als Durchschnittstyp: Selten sah man diesen Schauspieler so facettenreich und reagibel, so doppelbödig und -gesichtig. Selten so unheimlich. Der Menschheitsverbrecher als einer unseresgleichen? Ricardo K. alias Adolf E.: der potenzielle Mordbruder im Geiste, das absolut Böse, das in jedem schläft? Wir sollten uns unser nicht zu sicher sein.

Informationen zur Produktion und zu den Terminen weiterer Aufführungen im Internet: hier lang.



Vollmundig im Abgang

Arme Millennials: Sechs blauäugige Mittdreißiger plaudern sich durch einen Smalltalk-Abend, bis plötzlich eine menschliche Tragödie ihre privilegierte Welt zerspaltet. Das Theater Hof zeigt Maja Zades „Abgrund“, ein mittelmäßiges Stück, aber mit einem hinreißenden Ensemble.

"Harmloses, das zum Horror wird": (von links) Oliver Hildebrandt und Carolin Waltsgott, Alrun Herbing und Julia Leinweber, Jörn Bregenzer und Dominique Bals. (Fotos: H. Dietz Fotografie)


Von Michael Thumser

Hof, 15. November – Der Titel, „Abgrund“, klebt auf dem Stück wie ein Plakat. Wie ein Alarm warnt er die Theaterbesucher, noch bevor sie ihre Plätze einnehmen, dass sie mit dem Blick in Entsetzliches, mit einem Untergang, dem Sturz in eine Hölle gar zu rechnen haben. „Abgrund“ von Maja Zade beginnt als „etwas Harmloses“, das – so heißt es im Stücktext – „zum Horror wird“. Harmlos sind die sechs noch ziemlich jungen, ganz gewöhnlichen Menschen, die sich zum entspannten Abendessen treffen. Den Horror löst der kleine Sohn des Gastgeberpaars aus, als er sein halbjähriges Brüderchen aus dem Fenster wirft. Die Eltern, schreckensstarr, verstummen. Ihre Gäste, aufgewühlt, plappern weiter. Nur das Wort „tot“ kommt ihnen nicht über die Lippen: Lieber schlagen sie sich die Hände vor die Münder.

     Ein Zeitgeistspiegel will „Abgrund“ sein und führt im Theater Hof, wo am Samstag Premiere war, zumindest zu hinreißender, angemessen reich beklatschter Schauspielerei. Denn das Ensemble ist besser als das Stück. Vor dreieinhalb Jahren kam Maja Zades zweite Bühnenarbeit, mit viel technischem Effektaufwand, an der Berliner Schaubühne heraus. In Hof wählte Jasmin Sarah Zamani, als hierorts bestens eingeführte Regisseurin, verfremdend-stilisierend einen umso reduzierteren Ansatz: Vor, auf und unter einem riesigen, begehbaren, in Wechselfarben leuchtenden „Damoklesfenster“-Kreuz agiert und schwadroniert ein Sextett von Alltagszeitgenossen, die Ausstatterin Aylin Kaip durch das allen gleiche Outfit – himmelblau mit Schäfchenwölkchen – uniformiert hat: eine vertraute Runde hipper, „bildungsbürgerlich“ blauäugiger Mittelständler Mitte dreißig.

Der erste Schritt zum Spießertum

Sie erzählen einander von teuren Wohnwelt-Accessoires aus dem „KaDeWe“ und loben, weil und wie mans so macht, den Wein: „wenig Tannin“, „vollmundig im Abgang“. Sie fragen sich, ob eine „offene Beziehung“ immer im „Rumvögeln“ münden und eine Hochzeit notwendig zum ersten „Schritt ins Spießertum“ werden müsse. Sie erörtern die Gefahren bei der „Adoption von Risikokindern“ und ob ein Hund nicht angenehmer sei als eigener Nachwuchs ... Da liegt, bei allem zugestandenen satirischen Freiraum, das Manko des Textes: So, suggeriert er, sind sie nun mal, die mid-thirties, unterirdisch oberflächlich wie diese „Blase“ saturierter Hohl- und Flachköpfe. In Wahrheit lassen sich Gegenbeispiele beliebig anführen. Was die Autorin zweckpessimistisch behauptet, diffamiert die Millennials pauschalisierend unbedenklich als Generation gedankenloser Pappnasen.

Sechs im Pulk: Woke bis in die Knochen.

     Auf diese Schablone lässt die Hofer Produktion sich nur zum Teil ein. Genauer konzentrierte sich Jasmin Sarah Zamani auf die dauernde Angst gutmütiger Leute, „was Falsches zu sagen“. Woke bis in die Knochen geben sich die sechs und korrigieren auch schon mal einander („‚Flüchtlinge‘ ist politisch unkorrekt, es heißt ‚Geflüchtete‘“). Im Grund aber – das zeigt sich den Theatergästen schon ein paar Minuten, nachdem sie ihre Plätze eingenommen haben – möchte da ein Halbdutzend weder besonders charmanter noch abschreckender Menschen nicht mehr als sich einen netten Abend machen. Wer kennt sie gut genug, um ihnen Lust und Begabung zum tiefen Diskurs über wichtige Themen abzusprechen? Heute aber nehmen sie sich die Freiheit zum Smalltalk heraus, zur leichten Konversation, die das Programmheft allerdings ausführlich erörternd als bloße „Selbstdarstellung“ von Schwätzern drakonisch verdammt. Schon wahr, sie werfen sich auch mal in „Pose“, und es kommt vor, dass ihr Gerede im Abgang allzu vollmundig tönt. Aber eigentlich wollen sie nur, was jeder gern tut: Sie wollen nur plaudern.

     Alrun Herbing und Dominique Bals, Julia Leinweber und Jörn Bregenzer, Carolin Waltsgott und Oliver Hildebrandt geben mit passgenauer Geschlossenheit und jeweils leichten Tönungen individualisierender Charakterfarbe ein gutbürgerliches Pärchen, das sich dauerverliebt dauernd anfasst, daneben ein weiteres, das seine Coolness durch große Mützen, große Brillen und große Lautstärke bekundet, dazu ein spleeniges Single-Mädchen und den „einzigen Schwulen“ der Runde. Bewundernswert flink und reaktionsschnell, da überkandidelt, dort unterbelichtet klatschen, quasseln und parlieren sie sich von einer Nebensache zur nächsten Lästerei, durch „Genderklischees“ und „leckere“ Suppenrezepte („Lavendel und Meersalz“). Gern pflegt die Regisseurin die dosierte Extravaganz, das grelle Plakat, als Tugend ihres ironischen Stils: Hier führt sie das Sextett, oder Paare oder Gruppen daraus, in knalligen Chören oder überhöhten Choreografien oder abseitigem Rauchereck-Getuschel zusammen. Immer spürbar aber sind sie Freunde: Sie mögen einander und könnten demnächst auf ein wirklich wichtiges Thema stoßen, das sie ernsthaft bewegt.

Kindlicher Kindsmörder

Dann aber, gleich jetzt, bewegt, nein: verwüstet die Runde urplötzlich der Höllensturz, der Todessturz des Babys, Schockwelle eines Weltbebens, das sie alle in den „Abgrund“ stürzt. Ist ihnen zur Last zu legen, dass ihnen dies Äußerste unvorbereitet widerfährt? In den ersten Minuten der Fassungslosigkeit stellen sich ihnen die existenziellen Fragen – welchen Trost den verwaisten Eltern spenden, wie umgehen mit dem „kindlichen Kindsmörder“ (in der Premiere: Bela Püttner)? –; da aber sind ihnen die schönen Worte, erst recht die Antworten schon schlagartig ausgegangen.

     Dumm nur, dass ebenso dem Stück die Luft ausgeht. Den anfangs so prallen, nun zusehends erschlaffenden Text vermag auch das wunderbare Hofer Ensemble nicht zu reanimieren. Zwar, unterm bezwingend starken Bühnen-Bildsymbol des „Damoklesfensters“ bricht die Mutter zusammen; der Vater geht in die Irre, indem er ziellos im Kreis läuft; die anderen vier reden fort und fort, Gleichgültiges, Unsinniges meist („Vielleicht hat er gedacht, er fliegt“). Aber ist ihnen das vorzuwerfen, wie die Autorin es offenbar tut? Wer fände ‚richtige‘ Worte beim Anblick derart unaussprechlichen Leids? Am Tod eines Kindes kann auch der beste Wille nur scheitern. Die Empathie, die Maja Zade ihren Figuren abspricht – fehlt sie ihr selbst?

Informationen zur Produktion und zu den Terminen der weiteren Aufführungen: hier lang.


Beim Häuten der Zwiebel

Wer Henrik Ibsens ausuferndes Lese- und Stationendrama „Peer Gynt“ für unaufführbar hält, sieht sich im Theater Hof nun widerlegt: Das Premierenpublikum überschüttet Lydia Bunks sehr lange, indes kurzweilige Inszenierung und namentlich den überwältigenden Oliver Hildebrandt in der Titelrolle mit Beifallsstürmen.

Peer im Reich der Trolle: Oliver Hildebrandt, Dominique Bals (in der Gruppe sitzend) (Fotos: H. Dietz Fotografie)


Von Michael Thumser

Hof, 11. Oktober – Wenn einer gern Geschichten erfindet: Ist er dann ein Sprücheklopfer? Ein „Lügenmaul“ gar? Ist er ein Dichter? Wenn Oliver Hildebrandt im Theater Hof den Peer Gynt spielt, dann ist er alle in einem: Schwindler und Poet, Heuchler und Hellseher, Windbeutel und Visionär, Betrüger und Fabulant, Aufschneider und Abenteurer. Wenn Hildebrandt der Mutter Peers, der guten alten Aase (Anja Stange), seine verwegene, indes nie stattgefundene Gebirgsjagd auf einen Rentierbock in allen Farben und Fährlichkeiten schildert, so schwindelt er ihr im Grund nichts vor – er spielt es, als ob es wahr wäre. Seine Dramatik reißt die atemlos Lauschende mit ihm auf die Grate empor, seine Pantomime stellt ihr, was nicht sichtbar ist, fast greifbar dar. Für Täuschung darf man seine Geschichte allenfalls zur Hälfte halten; zur andern ist sie eine physische Entfaltung der Fantasie mit der Kraft der Imagination. Sie ist: Theater.

     Sie verlangt von Hildebrandt, fast zweieinhalb Spielstunden lang unablässig auf der Bühne zu agieren. Nach der stark beklatschten Premiere am Freitag in Hof überschüttete ihn das (überschaubare) Publikum denn auch mit Bravos. Neuerlich sieht sich der Schauspieler, der sich während seiner Jahre am Haus künstlerisch imponierend entwickelte, von einer monströsen Partie herausgefordert, aber er spielt den Peer Gynt des Norwegers Ibsen bewundernswert anders, als er etwa in der vergangenen Spielzeit den Prinzen Friedrich von Homburg des Preußen Heinrich von Kleist spielte. Nicht die Neuauflage eines Draufgängers kehrt er der Einfachheit halber heraus, sondern unterzog sich der Knochenarbeit, eine neue Figur und sich in ihr in allen Einzelheiten zu erfinden.

Der Junge, der nicht erwachsen werden will

Diesmal brilliert er als eine Art verdorbener Peter Pan, als Junge, der nicht erwachsen werden will und kann und darum allen Versuchungen erliegt, die das unbegreifliche Dasein, die unüberschaubare Welt ihm in den Weg stellen; vor allem der Versuchung, „sich selbst genug“ zu sein statt mühsam erst „er selbst“ zu werden. Sein Weg führt „außen herum“ um alle moralischen Widerstände und mitmenschlichen Bewährungsproben; kein Weg, der zugleich ‚das Ziel‘ Peers wäre. Regisseurin Lydia Bunk, selbst fantasiebegabt und einfallsreich, mutig und konsequent, lässt den Protagonisten wie eine Personifikation der Unreife einen Weg im Kreis, in Schleifen gehen.

Oliver Hildebrandt, Alrun Herbing als Solvejg: Erlösung durch 'das Weib', "rein und klar, zart und leicht".

     Weil Peer („Ich werde nochmal was wirklich Großes“) in Bunks langer, indes fast immer kurzweiliger Inszenierung ein Kind bleibt, reicht es, dass in ihr sein Ich all die Nagelproben, all das Scheitern nicht real, sondern ,nur‘ in einem Als-ob erlebt und erleidet, in seinem Innern, als Serie toller Phantasmagorien. Auf zwanghaft modernisierende Mätzchen vollständig verzichtend, verlieh die Regisseurin der Produktion eine eigene Stimmigkeit, eine des epochenlosen Mythos und Mysterienspiels, des archetypischen Märchens und der folkloristischen Sage, eine der Sehnsuchtsträume und Angsträume, der trügerischen Hoffnung. So wird die Aufführung dem Original des Texts gerecht, in dem seinerseits – und vor der Zeit modern – ein machtvolles Stück surrealistischen, symbolistischen, absurden Theaters steckt. 155 Jahre ist Ibsens Stationendrama alt, doch jetzt in Hof, auf wundersame Weise, gar nicht aus der Zeit gefallen.

     Hildebrandts Peer – kein weiterer Preußen-Prinz; aber „König“ will er schon werden, „Kaiser“ gar: „der Kaiser der Welt“. Kronen trägt er wiederholt – aus Stroh, aus Draht –, im grandios schwarzen Schlussbild senkt sich eine Krone sogar riesenhaft auf ihn herab, die ihn „nach oben“ zieht (wohin, lässt die Regisseurin reizvoll offen). „Was ich kann, kann sonst keiner“, behauptet Peer, und Hildebrandt darf es hier auch von sich behaupten. In Peers Hochgebirgsheimat, vor einer bekletterbaren hohen, rohen Holzfassade, gibt der Künstler den abgerissenen armen Bauernsohn, der seiner Mutter, statt Strenge, nachgiebige Liebe abtrotzt. Er gibt den Womanizer, der Bräute und kesse Mädels flachlegt und dann sitzen lässt. Er gibt das „versoffene Schwein“ mit dem benebelten Kopf tief in der Senkgrube. Er gibt den Eindringling im Reich der Trolle, über deren Leiber halb eklig, halb wie Zuckerschaum grüne Wülste, Wölbungen und Würste wuchern und deren König (Dominique Bals) ihm Angebote macht, die er nicht annehmen kann.

Napoleon im Cäsarenwahn

In einem nordafrikanischen Bankettsaal gibt er dröhnend einen brachialkolonialistischen Waffenschieber wie einen Napoleon im Cäsarenwahn, vor dem sich Speichellecker buchstäblich zum Affen machen (und den Julia Leinweber als orientalische Beauté famos mit einem orientalischen Verführungslied stimuliert). Er gibt, in antiseptisch reiner Leere, den Insassen einer psychiatrischen Klinik, in der, seit „die Vernunft aus der Haut gefahren ist“, die Irren das Regiment führen und Jörn Bregenzer eine Teppichrolle reanimiert. Hildebrandt gibt den „Verdammten“ auf der Flucht vor seinen Verhängnissen, die ihn als allegorische Wesen heimsuchen, als Großer Krummer und Knopfgießer (Igor Schwab), als „magerer“ Tod im knallroten Lackmantel. Auf oft fast unbebauter Bühne (Szenerie und Kostüme: Christoph Gehre) ist dies ein Theater aus vielen, vielen starken Bildern.

Peer Gynt in der Schwärze des Schlussbilds: "Weltall? Abgrund? Himmel?"

     Beim Häuten einer Zwiebel erkennt Peer endlich, dass er, wie das Gemüse, „keinen Kern“ hat. „Beim Häuten der Zwiebel“ betitelte Günter Grass 2006 ein Erinnerungsbuch, als er endlich wagte, seine unselige, freilich jugendlich arg- (und folgen-)lose Mitgliedschaft in der Waffen-SS öffentlich zuzugeben; es war der „Ausreden genug“. Ähnlich durchschaut Peer seinen „dummen Stolz“, seine vielen Gründe zur „Scham“: „Die Last blieb“, heißt es bei Grass, „und niemand konnte sie erleichtern.“ Für Peer hingegen bietet sich Erleichterung an, Erlösung gar, wie bei Richard Wagner durch ‚das Weib‘; nur fragt sich, ob dieser defekte Peter Pan irgendwann Reife genug besitzt, sie anzunehmen. „Keinen Kern“: Heißt das „kein Herz“? Beistand, Besänftigung, Entschuldigung warten in Gestalt der sanften Solvejg auf ihn, Solvejgs Leben lang, unverdient, nämlich einfach aus Liebe: Von Schneeflocken überrieselt, trippelt Alrun Herbing in schneeweißem Kimono feenhaft wie eine Eis-Heilige in sein Leben, „rein und klar, zart und leicht“, eine Ehrfurcht gebietende Konstante in der Karriere eines Volatilen.

     Eine fragwürdige Karriere. Solvejg versteht, dass Peer zwar auszog, Kaiser zu werden, jedoch das Fürchten lernte. Weiß tritt sie zu ihm im Schlussbild, das nach Schönem und Schlimmem zugleich aussieht, denn es fragt sich, was das Schwarz bedeutet: „Weltall? Abgrund? Himmel?“ Theater ist dies alles in einem. Zum Theater aber gehören, wie zum Peer des Henrik Ibsen und des Oliver Hildebrandt, Täuschung und Ideal, Flause und Zukunftsmusik, kuriose Kopfgeburt und glitzerndes Hirngespinst. Auch das Pathos. Allemal die Magie.

Informationen zur Produktion und zu den Terminen der weiteren Aufführungen: hier lang.



Das Leben ist Geschmackssache

Auf seiner Kleinen Bühne zeigt das Vogtland-Theater die erste Produktion der neuen Sparte „JUPZ!“ (Junges Theater Plauen-Zwickau) – und wagt mit „Frühlings Erwachen!“ gleich eine ganze Menge. Nuran David Calis hat Frank Wedekinds „Kindertragödie“ mit den Nöten und dem Jargon der Kids von heute „übermalt“. Können die es verstehen?

Rebellion, auch schon mal unter Freunden: (von links) Yasmin Dengg, Carlotta Aenne Bauer, Marcel Frank, Philipp Rosenthal (Fotos: André Leschner)


Von Michael Thumser

Plauen, 8. Oktober – Dieses Theater findet zwar im Saale statt, aber im Freien auch. Es findet statt halb auf der Kleinen Bühne des Plauener Hauses und halb auf einer Videowand über ihr (Ausstattung: Mayan Tuulia Frank). Darauf sieht man zum Beispiel die je zwei Spielerinnen und Spieler wie Urmenschen durch wild wuchernde Natur schreiten. Oder sie rücken, unschuldig nackt alle vier, hinter einer großen Flügeltür im (arg kühlen) Außenbereich unter einer heißen Dusche zusammen.

     Dieses Theater besteht zu einem Teil aus „Frühlings Erwachen“, Frank Wedekinds berühmter „Kindertragödie“, in der ein fatales Geschehen seinen überschaubar zwangsläufigen Fortgang nimmt. Zum andern Teil hat es sich, vor fünfzehn Jahren, Nuran David Calis ausgedacht. Der jetzt 46-jährige Autor, Theater- und Filmregisseur „überschrieb“ oder „übermalte“ die 1891 gedruckte, erst 1906 uraufgeführte, Skandal machende Vorlage gemäß der Devise „Live fast, die young“ (Lebe schnell, stirb jung). Die Ängste und Sorgen der „Kinder“ von einst transferierte er in die Gegenwart der Kids von heute; die an keine Epoche gebundenen Pubertätsnöte, -träume und -enttäuschungen nahm er beim Wort, indem er sie in den Jargon des Tages übersetzte. Dabei blieben die Fragen, die sich schon Wedekinds Protagonistinnen und Protagonisten stellten, ungefähr dieselben: Wofür muss ich mich „schämen“, und muss ichs überhaupt? Bin ich „zu jung für die Liebe“, und wie geht die? „Wo siehst du uns in dreißig Jahren“, und gibt es uns dann noch?

Tabubrüche

Dieses Theater, jetzt in Plauen, will mit Wedekind, dessen einst provozierende Tabubrüche sich vor heutigen Augen vergleichsweise artig, zuchtvoll und gezügelt zutragen, nicht mehr als nötig zu tun haben. Viele junge Leute der von Regisseur Brian Völkner angesprochenen Alterskategorie „12+“ kennen das gut 130 Jahre alte Schauspiel höchstwahrscheinlich nicht und könnten wohl auch noch nicht viel damit anfangen. Vor ihnen entfesselt die Inszenierung einen unablässig rasenden Radau, der das Verständnis auch der neuen Fassung nicht eben fördert. Noch vor Spielbeginn, zu hämmernden Beats (Musik: Jörg Piesendel und Lenz Liebetrau), jagen sich schon die Protagonistinnen und Protagonisten von einem Eck des – bis auf einen großen roten Pfeil am Boden – leeren Schauplatzes zum andern oder albern handgreiflich miteinander herum oder fläzen auf dem Boden, als ob sie chillten, und kommen freilich auch dabei nicht zur Ruhe. Von der ersten Szene an erheben sich die vier Stimmen rufend und brüllend, kreischend oder zeternd und sammeln sich auch schon mal krakeelend zum Agitprop-Sprechchor: „Ich hasse die Schule.“

     Aus den Körpern der Akteure befreit sich überreizt ein hibbeliger bis explodierender Bewegungsdrang, wie er allerdings bei der ‚heutigen Jugend‘, obwohl sie sich darin wiedererkennen soll, zum Glück nicht gang und gäbe ist, sondern eher unter Ritalin-resistenten ADHS-Kindern nervenzerrend auftritt. Als Vierzehn-, Fünfzehnjährige sind die Figuren zu denken. Da liegen alle im Ensemble zwangsläufig zwangsläufig drüber, weswegen sie vielleicht in Sachen Jugendlust, -lärm und -leid des Guten ein bisschen zu viel tun.

Eine Zarte wird zur Zicke: Martha unterwirft Moritz (Carlotta Aenne Bauer, Philipp Rosenthal)

     Differenzierend haben sie sich in ihren Rollen fast gleichgewichtig aufeinander eingespielt und entlassen den Zuschauer in keinem Augenblick aus der Aufmerksamkeit. Mit Yasmin Dengg ist nicht gut Kirschen essen: Ohrenbetäubend entfesselt ihre Wendla die schrillste Stimmwucht während der wüsten achtzig Spielminuten und richtet ihre vor Wut schmalen Augen voller Misstrauen gegen die vermeintlich „vorausschauende Kraft“ ihrer helikopternden Mutter und überhaupt der unbelehrbar oder hilflos autoritären Elterngeneration. Martha sticht bei Carlotta Aenne Bauer nicht durch geringere Dringlichkeit von ihr ab, wohl aber durch Zartheit und Verletzlichkeit. Daheim wird sie geschlagen, „mit allem“, vom Kochlöffel bis zur Gürtelschnalle. Während Melchior (Marcel Frank als schlaues Riesenbaby „mit schönem Kopf“) Wendla schwängert – ausdrücklich nicht aus Liebe, weswegen er Küsse verweigert –, trägt Martha ihre verheimlichte Zuneigung beklommen dem ungeduldigen Moritz hinterher: Der fiebrige Philipp Rosenthal, mit „seelenvollem Blick“, zeigt ihn zum Abenteurer geboren, beherrscht, nein: besessen von einem unbändig fröhlichen Drang zu ominösen Goldminen in „Amerika“.

Raus und rein, Tür auf und zu

Die zehnköpfige Besetzung, die der Autor für seine Stück-„Übermalung“ von 2007 vorsieht, reduzierte Regisseur Völkner auf jene vier, was der dröhnenden Dichte des präzis durchchoreografierten Spiels mit seinem beständigen Raus und Rein, Tür-auf und Tür-zu keinen Abbruch tut. Zusätzlich lässt er, wie in Filmen lachhaft üblich, als „special guest“ den neuen Intendanten des Theaters Plauen Zwickau auftreten: Als rosaroter Panther darf Dirk Löschner aus einer Kristallschale Kondome ans junge Publikum verteilen und geistert am Ende, von Leichentuchfetzen umflattert, tapsend als Zombi durchs Bild. (Warum auch immer.)

     Das Ende: Es ereilt, tödlich, den gefrusteten Moritz. Als angeblichem Schulversager wird ihm die erträumte Reise nach „Amerika“ doch noch gestrichen. „Das Leben ist Geschmackssache“, bilanziert er lebensmüde, „und mir schmeckts nicht.“ Die Tragödie eines Kindes. Mit ihr umzugehen, fällt den Überlebenden sichtlich schwer. Mit bebenden Gesichtern versteinern Wendla und Melchior an einem Klavier, an dem die Kinderhände der versonnenen Carlotta Aenne Bauer ein paar Takte Händel anschlagen, nachdem sie, auf Englisch (warum auch immer), eine Geschichte von Karotten und den Vitaminen unter deren Schale erzählt hat (warum auch immer). Die Kids im Auditorium verstehen, wie es scheint, kaum ein Wort, so wenig wie sie das „Erwachen“ des Frühlings bei Frank Wedekind verstanden hätten.

     Verstehen sie dieses „übermalte“ Theater? Immerhin wird ihnen die Moral von der Geschicht in einfacher Sprache eingehämmert: „Vertraut dem Leben“, „vertraut der Liebe“. Dann verstehen sie auch den großen roten Pfeil, der auf dem Bühnenboden zu einer Flügeltür zeigt und die Richtung weist: fort, hinaus, ins Freie. „Glück auf den Weg, lasst euch nicht aufhalten“.

■ Als Grundlage der Rezension diente die Aufführung vom 4. Oktober.
■ Informationen zur Produktion und zu den Terminen der weiteren Aufführungen: hier lang.