Hochfranken-Feuilleton
Alles ist erlaubt, nur keine Langeweile.  (Voltaire)

Zwei Hände, die handeln

Haargenau über der Grenzlinie zwischen Selb und Aš haben Kulturorganisationen der Partnerstädte ein spektakuläres Kunstobjekt errichtet. Ebenso wie zwei große Stahlräder gehört es zum Projekt „Europa – ganz nah“.

Von Michael Thumser

Selb, Aš, 1. Dezember – „Werden wir uns je wieder die Hände schütteln?“, fragte schon im Mai das Jump-Radio des Mitteldeutschen Rundfunks und machte (sprachlich holprig) wenig Hoffnung: „Zu gefährlich ist es, dass der Sars-CoV-2-Erreger dabei übertragen wird.“ So schlägt das – zu Recht gebotene – social distancing anhaltend durch bis in so intime Lebensbereiche wie den Kontakt zu Freunden, Kollegen oder dem Arzt.

     Auch die zwei mächtigen Hände, die seit Kurzem auf der Straße zwischen Selb und Aš haargenau über dem deutsch-tschechischen Grenzverlauf schweben, scheinen zu begrüßendem Körperkontakt bereit und vermeiden ihn doch. Zwar passt das Bild so (auch) zu den gängigen Verhaltensmaßregeln im Zeichen der Pandemie, als wärs ein Appell: Fasst euch nicht an! Gleichwohl hängen die Hände nicht unmittelbar mit ihnen zusammen. Denn keinen Handschlag zwischen den Grenzanrainern, der Tschechischen und der Bundesrepublik, soll das Großobjekt symbolisieren; sondern es illustriert eine „Handreichung“: Hier wird nicht fest, schon gar nicht gewaltsam zugegriffen; sondern man nähert sich an, ähnlich der Art, in der auf Michelangelos berühmtem Schöpfungsfresko an der Decke der Sixtinischen Kapelle in Rom der Finger Gottvaters berührungslos dem Finger Adams entgegenkommt. Auch am Grenzübergang wird nicht genommen, sondern gegeben – überreicht, verbreitet, vermittelt … Zwei Hände, die handeln: Inspirierend an solcher Kunst wirkt, dass sie, dank expandierender Ästhetik und konzentrierter Ausdruckskraft, allen möglichen Deutungen offensteht. Nur positiv, das liegt fest, müssen die Deutungen sein.

Wuchtig, luftig, frei

Die „Handreichung“ entstand im Rahmen des bilateralen Kunstprojekts „Europa – ganz nah“, zu dem sich der Kunstverein Hochfranken Selb und „Knivova, Muzeum a Informacni centrum“, eine eigenständige Einrichtung der Partnerstadt Aš, zusammentaten. Als Schirmherren treten keine Geringeren als die Außenminister der Nachbarstaaten, Heiko Maas und Tomáš Petříček auf, als Projektleiter firmiert der umtriebige, als Grenzgänger erfahrene Hans-Joachim Goller. Von 1976 bis 1996 diente er Selb als Zweiter Bürgermeister und Kulturdezernent, initiierte dort den 1990 gegründeten Kunstverein und führte schon bei etlichen west-östlichen Aktionen die Feder. Der Verein bringt zehn Prozent der Projektkosten von insgesamt 180 000 Euro auf, fünf Prozent steuert die Oberfrankenstiftung bei; den Löwenanteil von 85 Prozent übernahm die Europäische Union.

     Drei mal drei mal drei Meter misst das würfelförmige Stahlgestell, in dem die Hände auf Abstand und doch dicht beieinander an Edelstahlseilen befestigt sind, wuchtig, luftig und frei. Eine Hand arbeitete Wolfgang Stefan aus Vielitz bei Selb aus einem einzigen massiven Holzklotz heraus, während die andere sein tschechischer Kollege Tomáš Dolejš aus etwa 150 Stahlblechplatten zusammenfügte. In Größe und Geste konform, machen die Hände aus ihrer Ungleichartigkeit keinen Hehl und ergeben trotzdem ein Paar. Sie an Ort und Stelle zu bringen, war indes kein leichtes Unterfangen: „Einen Hindernislauf“ nennt Goller die Zeit vom Antrag bei der deutsch-tschechischen Grenzkommission – die der Kunst zuliebe eine „Ausnahmegenehmigung der seltensten Art“ erteilte – bis zur kurzen Teilöffnung des Übergangs, der zur Zeit der Aufstellung coronabedingt geschlossen war.

     Europa – ganz nah? Barrieren könnten sich auch auf einem weiteren Gebiet des Projekts auftun. Denn so, wie der Kunstverein es umreißt, zielt es als Ganzes darauf ab, „zusammen mit Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern und Jugendlichen aus Selb und Aš neue grenzüberschreitende Netzwerke für die Zukunft aufzubauen“. Wie aber soll das gehen, wenn – wie Hans-Joachim Goller einräumt – auf tschechischer Seite nur mehr gelegentlich Deutsch gesprochen wird und in Deutschland kaum noch jemand die Ausdauer aufbringt, Tschechisch zu lernen? Hier baut der Organisator nicht zuletzt auf die jungen Leute: „Die lernen“, bestätigt er, „heutzutage auf beiden Seiten Englisch fast wie eine zweite Muttersprache.“

     Zum Dritten fügen sich zwei weitere Objekte ans Kunstprojekt an: zwei weitgehend baugleiche, in wichtigen Details allerdings unterschiedliche „Europa-Räder“. Eines, von Detlev Bertram geschaffen, wurde in Aš am Textilmuseum (Mikulášská 3) platziert, das andere, von Jan Samec , am Selber Schützengarten (Hohenberger Straße 33). Zusammen kennzeichneten sie „die Schwesterstädte als grenzüberschreitende Europastadt Selb-Aš“, interpretiert der Kunstverein. Dabei versinnbildliche das Rad „die Vitalität und Mobilität in Europa, die Dynamik des Miteinanders auf allen Ebenen. Die vielfarbigen Glasscheiben in den Rädern symbolisieren die unterschiedlichen Perspektiven“ auf den Kontinent. Die Gläser in Selb, marmoriert, sind den zwölf Monaten und Tierkreiszeichen zugeordnet, jene in der Nachbarstadt monochrom gestaltet. Keine Fenster: Zwar für Transparenz stehen die Scheiben, aber nicht simpel für Durchblick, sondern, wie es scheint, durchaus idealistisch für die Buntheit der Lebenshaltungen, für die Bandbreite der Zukunftsmöglichkeiten. Dabei erinnern sie zugleich an die Schaufelbretter oder -bleche in Mühlrädern. Vielleicht besagt das – sofern auch diese Kunstwerke offen sind für alle möglichen positiven Deutungen–: Es muss, um Europa weiter zu einen, noch reichlich geschaufelt, geschürft und ausgehoben werden. Doch solang das Rad sich dreht, erzeugt es Energie.



Lauernde Unsicherheiten

In Hof stellt Matthias Politycki seinen neuen Roman „Das kann uns keiner nehmen“ vor. Als kundiger Weltreisender, erfahrener Erzähler und sympathischer Plauderer erzählt er von Liebe und Freundschaft im Schatten des Kilimandscharo.


Von Michael Thumser

Hof, 28. Oktober – Zum „Spitzentitel“, erzählt Matthias Politycki in Hof, ernannte der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe seinen jüngsten Roman, als er ihn im März veröffentlichte. Wichtiger Teil der geplanten Werbekampagne für „Das kann uns keiner nehmen“ sollte eine ausführliche Lesereise sein. Doch sie wurde abgesagt, zwei Mal sogar, im Frühjahr zunächst, jetzt im Herbst wieder, und natürlich ist beide Male Corona schuld. Als „Weltreisenden“ zwar kennt Regine Kaiser von der zur Lesung einladenden Hofer „Buchgalerie“ den renommierten Autor; der aber weiß zum Glück erklärtermaßen auch kurze Trips zu schätzen: wie jenen, der den in Hamburg und München lebenden Autor am Mittwoch wieder nach Hof führte. Seine Mutter stammte von hier, eine Kusine lebt in der Stadt, in der er, kurz vorm Lockdown, die auf absehbare Zeit letzte Lesung schnell noch absolviert.

     Das passt. „Mein schnellstes Buch“ nennt er den Roman. Kaum vom Kilimandscharo an den heimischen Schreibtisch zurückgekehrt, habe er ihn „wie im Rausch geschrieben“. Denn er schrieb ihn sich von der Seele. In der Handlung stecken versteckt Elemente von eigenen existenziellen Erlebnissen: Erinnerungen an eine schwere Krankheit am Fuß von Afrikas höchstem Berg, an eine Nahtoderfahrung in Ruanda während einer „Bürgerkriegspause“, an eine lebensbestimmende Herzensangelegenheit.

Ein bleicher Zausel, der immer noch den Rocker geben will

Fiktiv ummantelte Politycki all das mit der Geschichte einer „Männerfreundschaft wider Willen“. Die Beteiligten charakterisiert er, unter anderem den Romanbeginn vorlesend, mit undramatisch sanfter, aber lebendig akzentuierender Stimme. Auch der Icherzähler ist Schriftsteller – wenn auch kein Selbstporträt Polityckis –, eine Schreibpause, vielleicht eine Schreibblockade hat ihn ausgebremst. Auf dem Kibo, dem höchsten Gipfel, will er mit dem Kilimandscharo eine „offene Rechnung“ begleichen. Allerdings kommt seiner depressiven Gedächtnishygiene ein wüster Althippie, „Unsympath und Prolet“ in die Quere, vorderhand ein dünner und bleicher „Zausel, der immer noch den Rocker geben" will. Aber bald spüren beide Männer, dass innere Not sie „zwangsweise“ zueinander und zur Tugend einer fast irrealen Verbundenheit führt: Hans, der „politisch korrekte“ Hamburger, lernt die „eigene Form von Humor“ zu schätzen, womit „der Tscharlie“ in lapidarer, laienphilosophisch zupackender Miesbacher Mundart jeden eisigen Vorbehalt wegtaut. Auf frisierten Motorrollern über die Insel Sansibar brausend, feiern sie ein paar Tage lang die schiere Lust am Leben. Das traurige Ziel des Ausflugs freilich ist ein Krankenhaus: Denn „dem Tscharlie“ bleibt nicht mehr viel Zeit für den weisen Unfug, mit dem allein er sein erlöschendes  Dasein zu meistern vermag.

     Als Erzähler des Buchs wie als leibhaftiger Rezitator in eigener Sache unterminiert Politycki lange kaum spürbar die vermeintliche Komödie, in der es doch „eigentlich darum geht, dass gestorben werden muss“. Denn in seinen flüssig formulierten Auslassungen über den Liebesschmerz und die abenteuernde Lebenssehnsucht des gedankenschweren Intellektuellen aus Norddeutschland und des „charmanten Rüpels“ mit dem bairischem Quer- und Betonkopf klingt zugleich und immer vernehmlicher ein Grundton der Krise mit.

     Dass Matthias Politycki währenddessen plastische Bilder der Fremde entwirft, ohne sie als Exotik auszustellen, ist ein vordringlicher Vorzug seines Schreibens, ganz wie er einem „Weltreisenden“ gebührt: Knapp, aber farbig, mit zuverlässigem Gespür für Atmosphären und die „lauernden Unsicherheiten“ in ihnen faltet er Landschaften unter „diesem riesigen afrikanischen Himmel“ auf und setzt darin erhellend Handys und Satellitenschüsseln gegen die Ärmlichkeit roher Holzhütten mit Dächern aus Plastikplanen; auch setzt er das „offene Draufloslachen“ ungemein offenherziger Menschen gegen ihre „große Verlorenheit danach“.

     Bei so viel spürbarer Empathie für Land und Leute verwundert es, dass sich der Icherzähler Hans (und mit ihm der Erzähler Politycki) zu umso zweifelhafteren Klischees hinreißen lässt. „Das ist Afrika!“, heißt es Mal um Mal verzückt. Indes: Nein, das ist eben nicht „Afrika“, sondern ‚nur‘ Tansania, eines seiner 55 Länder. Von dem Riesenkontinent, der ein Drittel der globalen Landmasse umfasst und dem kleinen Europa drei Mal Platz böte, spricht Politycki leitmotivisch wie vom aufatmend erreichten, überschaubaren Ziel einer Traumreise. Auch stilistische Marotten machen sich im Text störend bemerkbar, unter anderem (und vor allem) Inquit-Formeln, die ein schlichtes „Sagte er“ oder „Entgegnete sie“ gegen Tätigkeiten austauschen: „Drei der Zelte seien übrigens die unsern, setzte er das Glas wieder ab.“ In einer (in Hof nicht vorgelesenen) Passage auf Seite 191 prangt jene Unart als ausgewachsene Stilblüte: „‚Verdammte Scheiße‘, wollte ich mit der Faust auf den Teppich schlagen. Aber ich tat es nicht.“ Um dergleichen zu verhüten, ist der Lektor da.

     Den hinderte Politycki hingegen an anderer Stelle wohlweislich daran, einzugreifen. Umstritten war, wie er erzählt, eine Passage, worin Afrikaner die Flüchtlingspolitik Deutschlands und Europas beurteilen – verurteilen nämlich, wofür sie Gründe geltend machen. „Erzähl die Wahrheit“, hatten die tansanischen Gefährten von Politycki und seinem Roman gefordert; wirklich geht es ihm um nichts anderes. So authentische Stimmen fängt ein „Weltreisender“ erst ein, wenn er ein Land ergründet, indem er aufrichtig mit den Leuten spricht. „Reisen“, sagt Politycki, aus eigener Erfahrung  klug, beginnt, wo Urlaub aufhört.




Optimismus unterm
Schwert des Damokles

Bei der Vorstellung des Spielplans für die Saison 2021/22 erinnert das Theater Hof daran, wie lange und wie eifrig es das Genre Musical schon pflegt, und kündigt eine weitere Uraufführung an. Ivo Hentschel kehrt als neuer Chefdirigent zurück. 


Von Michael Thumser

Hof, 16. Oktober – Mag sein, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, wie man so sagt. Im Theater Hof lebt sie erst mal kräftig auf, und das gleich doppelt. Denn dass Techniker, Inszenierungsteams und Ensembles am 30. Oktober, zur Premiere von „Wiener Blut“, endlich mit dem Publikum in die so gut wie fertige, gleichwohl von Stadt und Generalunternehmer umkämpfte Schaustelle einziehen werden – davon gehen Intendant Reinhardt Friese, Oberbürgermeisterin Eva Döhla und Kulturamtsleiter Peter Nürmberger derzeit aus. Garantieren freilich könnten sie nichts, räumen sie ein. Noch baumelt ein Schwert des Damokles über ihnen.

     Zum andern hofft Friese, spätestens ab Herbst 2021 wieder „mit großem Besteck“ ans Werk gehen zu können, also mit Chor, Ballettcompagnie und Symphonikern in voller Stärke. Optimistisch schaute er am Freitag im Foyer des Theaters in die Zukunft, als er der Presse kurz nach Beginn der laufenden Spielzeit bereits den Spielplan der kommenden vorstellte. Er hat Grund, sich mutig zu zeigen: Trotz Corona bleibe das Publikum treu. „Abonnements wurden kaum gekündigt, und momentan können wir gar nicht genug Vorstellungen anbieten, um die immense Nachfrage, auch nach Gastspielen außerhalb Hofs, zu befriedigen.“

     Wer ein Theater besucht, tuts nicht zuletzt, weil er sich als soziales Wesen unter seinesgleichen tummeln will. Indes weiß auch Friese vom „Rückzug vieler Menschen ins Private, in Blasen und Echokammern“ – ein bedenklicher Zug der Zeit. Sein Programm für 2021/22, „Künstler, Killer, Könige“ betitelt, will ergründen, wie Menschen miteinander umgehen, und an sie appellieren, „sich zu versammeln“, auch im Hofer Haus, nach der Pandemie, unter möglichst normalen Umständen. Dann wird nachgeholt, was auf die lange Bank geschoben werden musste, so die Strauß-Operette „Die Fledermaus“, Mel Brooks’ und Thomas Meehans Musical „The Producers“ und, als große Oper, „Lucia di Lammermoor“.

     Auf Letztere verweist Friese, weil Gaetano Donizettis populäres Werk eine der bedeutsamen musikdramatischen Frauengestalten der nächsten Saison enthält. Weitere derart schicksalsschwangere Damen bietet das (dann technisch auf den neusten Stand gebrachte) Große Haus mit Luigi Cherubinis „Medea“ auf – und mit „Helena Citrónová“; die erst im vergangenen Januar uraufgeführte Oper des Thailänders Somtow Sucharitkul erzählt die wahre Geschichte einer verbotenen Liebe in Auschwitz und wird in Hof zum zweiten Mal überhaupt produziert.

Theater Hof goes Broadway

Mit einem Seitenblick und –hieb auf ungenannt bleibende, aber erkennbar benachbarte Theaterunternehmen erinnert der Intendant daran, wie lang und eifrig gerade sein Haus das Genre Musical schon pflegt: „Kein deutschsprachiges Theater tut dafür so viel wie wir.“ Geradezu auf einem „Hochfranken-Broadway“ sei man mit den vergangenen vier Ur- und zwei deutschen Erstaufführungen unterwegs. 2022 steht eine weitere Weltpremiere an: Für „Jack the Ripper“ mit der Musik von Frank Nimsgern schrieb Friese selbst das Textbuch. Statt „blutrünstigen Splatters“ verspricht er „soziale Hintergründe“. Mit Astor Piazzollas Tango-„Operita“ „María de Buenos Aires“ und einem Studio-Abend sind die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts wieder mit im Spiel, sofern sie dürfen, wie sie wollen.

     Zum Thema Musik stellt das Theater einen Neuzugang vor: einen Herrn, der schon mal da war. Ivo Hentschel, 2013/14 hierorts erster Kapellmeister, kehrt 2021 als Chefdirigent zurück. In Cottbus, Berlin, Schwerin tat er sich zwischenzeitlich um, wie er berichtet; nun freut er sich auf Hof, weil die hier breit aufgestellte Musiksparte „in Sachen Oper, Operette und Musical gleichbleibend lebendig ist, ohne Rangunterschiede gelten zu lassen“.

     Mit Uraufführungen lockt gleichfalls das Hofer Schauspiel. Ein Auftragswerk kommt von keinem Geringeren als Franzobel alias Franz Stefan Griebl, einem der zurzeit prominentesten Autoren Österreichs. Er greift den Hofer Hexenprozess gegen Anna Viehmann und ihre Hinrichtung im Jahr 1665 auf – ein Verweis auch auf digitale Hexenjagden heutzutage, wie Reinhardt Friese anmerkt. Zudem tut sich das Theater zum vierten Mal mit dem fleißigen Hofer Schriftsteller Roland Spranger zusammen: Von ehrgeizigen Frauen in der weitgehend patriarchalischen neurechten Szene soll die Produktion handeln. Klassisches kommt von William Shakespeare („Richard der Dritte“) und für Kinder hinzu (Otfried Preußlers immergrüner „Räuber Hotzenplotz“) – und, nach „Penthesilea“ und „Käthchchen“, neuerlich von Heinrich von Kleist: Man wagt sich an den „Prinzen Friedrich von Homburg“, ein Drama, das, weil unübertroffen poetisch, aber auch schlachtenlärmend preußisch-national, nicht oft gegeben wird. „Wiederentdecken“ wollen die Schauspielerinnen und Schauspieler Tennessee Williams („Die Nacht des Leguans“), Albert Camus („Caligula“) und Heiner Müller mit seiner „Hamletmaschine“ von 1977.

     Für Zuschauerinnen und Zuhörer heißt all das: Sie können was erleben – mit einem Spielplan, der wohl, wie Oberbürgermeisterin Eva Döhla lobt, „alle Begeisterungsgruppen“ anspricht. Wirklich darf es in Zeiten wie diesen aufseiten der Theaterleute wie des Publikums an Zuversicht und Enthusiasmus weniger fehlen denn je. Döhla: „Wir brauchen Unerschütterlichkeit.“




Ein Salat von Engelsbeinen

Dieter Richter ist mit „Fontane in Italien“ unterwegs. Der Vortrag des in Hof geborenen Literaturwissenschaftlers lässt keinen Zweifel daran: Dem „Mann des Nordens“ war sein Preußen lieber.

Von Michael Thumser

Hof, 14. Oktober – Ein Mann des Südens ist einem „Mann des Nordens“ auf der Spur, als der in den Süden reist. Kompliziert? Gar nicht, wenn Dieter Richter davon erzählt: von Theodor Fontane, der sich bekennend im Norden – in Berlin und der Mark Brandenburg, auch in England oder Schottland – deutlich wohler fühlte als in Italien. Gleichwohl verfügte sich der „große Reisende und große Reiseschriftsteller“ 1874 (und noch einmal 1875) dorthin, pflichtschuldig beinah.

     Umso lieber hält Dieter Richter, Germanist und erklärter Mann des Südens, sich dort auf. 1938 in Hof geboren, als Professor jahrzehntelang im Norden, in Bremen, lehrend, ist er als Kulturwissenschaftler, Völkerkundler und genießender Mensch zur Hälfte im „Süden“ zu Hause, einer Himmelsrichtung, deren Historie er 2009 in einem erfolgreichen, preisgekrönten Sachbuch nachvollzog. Die Stadt Amalfi verlieh dem Gelehrten die Ehrenbürgerwürde, der Staat Italien einen hohen Orden. Wer sollte dem preußischen „Mann des Nordens“ dorthin kenntnisreicher folgen?

     Richter spürt ihm, vor vierzig konzentrierten Zuhörerinnen und Zuhörern im vollbesetzten Saal der Hofer Münch-Ferber-Villa, in einem Vortrag nach, der einmal mehr die Vorzüge dieses notorisch fesselnden Experten ausbreitet: unerschöpfliches Wissen und unprätentiöses Auftreten, lebendige Rhetorik und verständliche Darstellung. Einer, der gründlich Bescheid weiß: Nicht nur, dass er, um sein Buch „Fontane in Italien“ zu schreiben, noch einmal alle Romane und Erzählungen des poetischen Realisten und realistischen Poeten durchlas, wie er einfließen lässt; er stöberte auch in den Briefen und Tagebuchaufzeichnungen sowohl des Schriftstellers wie seiner Frau Emilie.

     An ihrer Seite brach der 54-jährige Gemahl am 30. September 1874 in Berlin auf, um in der Eisenbahn, der für den späteren Romancier „großartigsten Erfindung unserer Tage“, über Verona und Venedig, Florenz, Rom und Neapel in die noch ziemlich frischgebackene Reichshauptstadt zurückzukehren. Genau fünfzig Tage waren die beiden fort, addiert Dieter Richter vor, ein Resümee des „großen Reisenden“ zitierend: „Trouble und Hetzjagd“, alles in allem, und immer zu wenig Zeit für die am Baedeker orientierten Besichtigungen von Fiesole, den Albaner Bergen, Capri … Den Fontanes erging es nicht anders, als es Touristen heute ergeht. Immerhin: „Was zu leisten war, war geleistet.“

Toscana, Venedig, der Lido  - „eigentlich langweilig“

Den Charakter des Preußen und des Erzählers Fontane erkennt Dieter Richter auch im „großen Reisenden“ wieder. Mit ihm sei ein „Skeptiker“ unterwegs gewesen, einer, der nur der subjektiven Anschauung, dem eigenen Urteil vertraut und dem beflissenen Enthusiasmus eines gedruckten Reiseführers gerne widerspricht. Denn er will sich prinzipiell „nicht faszinieren lassen“, weder von den Hügeln der Toscana oder der Fahrt zum Lido von Venedig, die Fontane „eigentlich langweilig“ findet, noch von Bildkunst, die man gefälligst für Meisterwerke zu halten hat. Fontane verweigert sich: „Ziemlich kalt“ lassen ihn vielbestaunte Gemälde etwa Tizians, Rafaels und anderer Zelebritäten, in denen er schon mal, „flott zusammengeschmiert“, einen „Salat von Engelsbeinen“ gewahrt.

     Als „Mann des Nordens“ an „Askese“ gewöhnt, unterzieht er sich mitsamt der Gattin der klassischen Bildungsreise wie einer „Arbeit“. Und die erledigt er nach eigenem Gutdünken: „Es kommt nicht auf die Masse des zu Schauenden an“, notiert er – und dürfte es heutigen Massentouristen so in die Stammbücher schreiben –, „wichtig ist: Das Auge darf nicht trübe sein.“ Geschärft ist Fontanes ganz unverschleierter Blick beinah ausschließlich fürs Historische: Dort, wo Landschaft als Erinnerungsort taugt, sieht seine Wahrnehmung sich angestachelt, am Trasimenischen See zum Beispiel, vernichtete doch Hannibal dort 217 vor Christus eine römische Armee. Dergleichen inspiriert den auch als Militärhistoriker namhaften Fontane weit mehr als ein ergreifendes Naturpanorama.

     So verwundert es nicht, dass er, mit Nationalstolz dem neuen deutschen, preußisch geführten, gegen Frankreich siegreichen Kaiserreich verbunden, „die Spree und die Müggelberge“ in Berlins Südosten dem schimmernden Golf von Neapel, dem qualmenden Vesuv vorzieht. Vor solchem Süden, das steht für Fontane fest, muss sich sein Norden nicht verstecken. Was ihn nicht hinderte, in seinem bedeutenden erzählerischen Schaffen, das nach der Rückkehr aus Arkadien den Anfang nahm, immer wieder auf die italienischen Reiseerfahrungen anzuspielen. Vier Belege nennt Dieter Richter, und jedesmal handelt sichs um eine Hochzeitsreise: die der tragischen Effi Briest und die der Ehefrau des Offiziers Schach von Wutenow, die erst als Witwe des Selbstmörders Rom besucht, dann die der sich emanzipierenden Melanie von Straaten aus „L’Adultera“ an der Seite ihres Geliebten – und schließlich die Hochzeitsreise des jungen Woldemar von Stechlin mit seiner Armgard, „die einzig gelungene“ unter den genannten. In jenem letzten und – nicht nur für den Vortragenden – schönsten Fontane-Roman ahnen die Eheleute eine magische Verbindung zwischen dem aufregend rauchenden Vesuv und dem weit weniger unruhigen, gleichwohl erregbaren Stechlinsee in der brandenburgischen Heimat – für Richter „ein wunderbares Bild für die globale Vernetzung der Welt“.




Unwillkürlich komponiert

Der Lido liegt in Hof: Moritz Holfelder zeigt in der Freiheitshalle Momentaufnahmen von den Rändern der Filmfestspiele in Venedig und dem „Strand des Kinos“.


Von Michael Thumser

Hof, 24. September – Krise ist, wenn die unvorstellbare Ausnahme zur goldenen Regel wird. Stell dir vor, es gibt Kultur, und nur ein paar Leute gehen hin: So ließe sich in diesen Monaten ein Aperçu von Carl Sandburg (das nicht von Brecht stammt) abwandelnd. Aus der wunderlichen ‚Vorstellung‘ wurde Wirklichkeit, weil Corona-Viren unsichtbar umherschwirren. Zwar gewöhnten wir uns an die Masken vor den Mündern; nun aber startet die Kultur in eine Wintersaison, während der Schauhallen, Musentempel, Kunstkneipen höchstens zur Hälfte von Besuchern bevölkert sein dürfen. Wo Menschen die Räume nicht selten bis zum letzten Platz füllten, bleiben derzeit Plätze aus Sicherheitsgründen mit Absicht frei, um notwendige Distanz zu schaffen. Das gabs noch nie, befremdet stark, und ob die Gäste sich daran gewöhnen werden, steht in den Sternen. In denen über Hof und denen überm Lido.

     Denn auch die dortige 77. Auflage der Filmfestspiele von Venedig habe heuer unumgänglich zur „Ausnahme“ werden müssen, teilte Katja Nicodemus am Freitag im großen Foyer der Freiheitshalle mit: Über Absperrungen vor den Kinopalästen und über unbesetzte Sitzreihen in ihnen berichtet die Zeit-Feuilletonistin – viel eingehender aber, und mit sympathisch privater Anschaulichkeit, darüber, wie es bei der Mostra und darum herum bis 2019 zuging. Beinah poetisch vergleicht sie das Weltfestival mit Hof, dessen Filmtage sie von wiederholten Besuchen gleichfalls kennt und wo sie nun als eloquente Rednerin hilft, eine Ausstellung mit Fotografien ihres bayerischen Kollegen Moritz Holfelder zu eröffnen. An der Saale fand Nicodemus eine ähnlich beiläufige Beschaulichkeit vor wie zwischen der „sonnendurchfluteten Vergänglichkeit“ der Lagunen-Bauten; dies „achselzuckende Eigenleben“ behalten beide Plätze als Regel bei, mag die Kinoprominenz, indem sie sich ein paar Tage lang scharenweise die Klinken in die Hand gibt, auch hier wie dort den Ausnahmezustand inszenieren.

     Den Lido schätzt die Kritikerin als „Sehnsuchtsort“, als einen „Ort der Bilder auch jenseits der Kinoleinwand“. Gerade da, mal mehr, mal weniger abseits vom roten Teppich, hat sich Moritz Holfelder im vorvergangenen Spätsommer aufgehalten, um als Fotograf tätig zu werden: am „Strand des Kinos“. Strand ist, wo das Meer aufhört und das Land noch nicht anfängt und andersherum; keine Grenze, sondern ein Bereich dazwischen. Hier trieb sich Holfelder mit offener Neugier, deshalb ohne festes Ziel herum. Keine gesucht hohe, elaborierte Lichtbildkunst brachte er mit, sondern fast ausschließlich attraktive Beispiele für die rasche Reaktion dokumentierender Reportage-Fotografie. Nicht mit jeweils zahllosen Aufnahmen versuchte er sich an seinen Motiven; er hielt drauf: auf Menschen, Gebäude und Räume, Wasser und Wolken, Bauzäune und Bagger …

Spannung und Nonchalance

Auf Menschen vor allem. Um die Beine einer überschlanken Beauté plustert sich das schneeweiße Gewölk eines Galakleids; in lächelnder Runde spielen ältere Männer Karten, halbnackt, mit dicken Brüsten; emsig treffen Straßenarbeiter und Reinigungskräfte letzte Vorbereitungen; unbeteiligt streckt sich ein junger Schläfer im Sand aus. An einer Wand des Hofer Festsaal-Foyers reihen sich Bilder vom Schauen aneinander: Leute, die durch ihre Gleitsicht- oder Virtual-Reality-Brillen blicken oder auf ihr Smartphon glotzen oder von einer Balustrade hinunter oder über Zäune hinweg linsen oder auf die Kinoleinwand starren; dazu Poser, die sich zur Schau stellen; massenhaft Pressefotografen, die aus einem Pulk heraus einen Star ablichten. Zu Themengruppen stellt die Ausstellung Momentaufnahmen zusammen, die als Schnappschüsse von zufällig aufgestöberten Sujets durchgingen, wirkten nicht die besten unter ihnen trotzdem wie unwillkürlich komponiert.

     Auf Kalenderblatt-Format beschränkt sich das meiste. Doch auch schöne Großformate sind zu sehen: „Wasser und Meer“ mit der ungeordneten Aufgeregtheit brandender Wellen; und, gleich daneben, „Hinter den Kulissen der Mostra“ mit den umso strengeren Lineaturen von luftigen Premierenfeier-Aufbauten und raumgreifenden Schatten am Strand. Viel Leichtigkeit und Spontaneität atmet die Atmosphäre der Bilder, zwischen denen sich ein Rhythmus aus erwartungsvoller Spannung und Nonchalance ergibt. Auf fünf von ihnen wird hintergründig zwar Großes und Gravierendes, die Kinowelt Bewegendes erwartet; gleichwohl drücken die Gesichter jüngerer und älterer Damen und Herren oder die klassizistische Fassade eines Palazzos die Haltung unbelasteter Gelassenheit aus. Es kommt, wies kommt, könnte die Serie heißen. „Ankunft“ heißt sie. 

     Abschied hingegen will auf einigen vermeintlich schwarz-weißen Aufnahmen die Farbe nehmen: Zwischen Grautönen gibt sie sich erst beim zweiten, genauen Hinsehen zu erkennen. Mit der Kultur in der Region soll es sich von jetzt an umgekehrt verhalten – wenn es nach dem Leiter des Hofer Kulturamts geht. Peter Nürmberger hat genug von den grauen Monaten (fast) ohne Theater, Konzerte, Ausstellungen. „Seit März“ war all das, wie er sagt, „einfach beiseite gewischt“. Das soll – und muss – endlich „Vergangenheit“ sein. Recht hat er. Erst die Allgegenwart von Kunst und Künsten, egal wie leicht, wie schwer, bringt Farbe ins öffentliche und ins private Leben, ob an der Lagune oder an der Saale. Das muss, trotz zwingender Ausnahmen, die Regel sein und bleiben. 

 Bis zum 27. November, Montag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr, und nach Vereinbarung. Eintritt frei.
Zur Veranstaltung im Netz: hier lang.