Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Aktuell

Plauen, Vogtlandtheater, Großes Haus
27. November
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Schon vor zwei Jahren begann das Theater Plauen-Zwickau, einen Ballettabend zu Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ zu produzieren. Dann kam unerwartet und massiv bremsend Corona dazwischen, als „fünfte Jahreszeit“. Das Vogtlandtheater zeigt die fesselnde Choreografie von Annett Göhre auf Annett Hungers Bühne als Beschreibung des Lebenszyklus mit dem Kreis als Grundform.


Weitere Produktionen des Theaters Hof:

Die Ensembles des Hauses holen gegenwärtig und in den kommenden Wochen Vorstellungen von Produktionen nach, die während der ersten Hochphase der Corona-Pandemie zwar geprobt wurden, aber nur selten oder gar nicht öffentlich gezeigt werden konnten. Über sie hat ho-f bereits (in der Regel nach Besuch der Generalproben) berichtet. Sie finden die Rezensionen auf den jeweiligen Unterseiten Schauspiel und Musiktheater, wenn Sie nach unten scrollen. Auf dem PC können sie auch mit der Tastenkombination strg+f die Suchfunktion aktivieren, ins Suchfenster das Hauptwort des Stücktitels eintragen und die Eingabetaste drücken.


Eckpunkt
Urmomente

Von Curiander

27. November   Vor sehr, sehr langer Zeit war es unseren vormenschlichen Ururahnen egal, ob sie Geräusche oder Töne erzeugten. Hauptsache, sie hörten was. Die ersten Laute, die ungeschliffen aus ihren Kehlen drangen, dienten nicht dem traulichen Gespräch, nicht dem Erzählen von Erlebnissen oder gar Mythen – es handelte sich, wie Paläoanthropologen herausfanden, um Signale des Alarms, die vor Gefahren warnten, und um Hinweise, etwa die Richtung betreffend, wo Wasser, Nahrung, ein sicherer Schlafplatz zu finden sei. Wenn dergleichen Mischwesen – schon nicht mehr Affen, noch lange keine Menschen – zu diesem Zweck nicht grunzten, knurrten, kreischten, so schlugen sie Gegenstände aneinander, Stein auf Stein, Holz auf Holz: Sie trommelten. Irgendwann wurden sie gewahr, dass derlei Lärm von Fall zu Fall als Wohllaut in ihre haarigen Ohren drang, und so mag in ihnen eine erste Ahnung gewachsen sein von den vielversprechenden Unterschieden zwischen bloßem Krach und feinerem Klang. Als älteste erhaltene Musikinstrumente nennt die Fachwissenschaft zwar Flöten: Eine trat 1995 in einer slowenischen Höhle zutage, wurde aus dem Oberschenkelknochen eines jungen Bären geschnitzt und soll 50.000 Jahre alt sein; eine andere, ursprünglich der Flügelknochen eines Gänsegeiers, entdeckten Tübinger Ur- und Frühgeschichtler 2008 nicht weit von Ulm und schätzten ihr Alter auf über 35.000 Jahre. Solche Artefakte aber entstanden bereits durch die geschickten Hände des homo sapiens. Das Trommeln indes war vermutlich schon Aberhunderttausende Jahre vor dessen erstem Auftreten, und noch vor einem einigermaßen melodiösen Gesang, die erste Art unserer Vorvorfahren, so etwas wie Musik zu erzeugen; gut möglich, dass sie Eingang in Rituale der Jagd fand, noch bevor sich spirituelle Kulte entfalteten; kaum zweifelhaft, dass sie in engem Zusammenhang mit dem Tanz entstand. Seither haben Schlagwerke immer mannigfaltigerer Art weltweit alle Epochen der Kulturentwicklung und Zivilisationsgeschichte begleitet. Mithin ist es wahrlich an der Zeit, dass zum ersten Mal überhaupt ein Schlaginstrument zum „Instrument des Jahres“ erhoben wird: Die Landesmusikräte in der Bundesrepublik vergaben am Donnerstag den Titel für 2022 an das Drumset, das, Trommeln und Becken vereinend, im Jazz, Rock und Pop unverzichtbar ist und in der einen oder anderen Form auch in der Neuen Musik der ‚klassischen‘ Sparte hier und da mitspielt. Mit der für 2021 gekürten Orgel hätten die Räte noch ein Spezialpublikum angesprochen, räumte Hermann Wilske, Präsident des Landesmusikrats Baden-Württemberg, ein. Nun stimmt Volkes Stimme und speziell die Jugend der Entscheidung womöglich freudiger zu: „Das Drumset“, sagt Wilske, „zählt deutschlandweit zu den fünf meistgespielten Instrumenten in den Musikschulen.“ Dass rhythmischer Trommelklang sowohl kleine Kinder magisch anzieht als auch alte Menschen aufhorchen lässt, mag an seiner Ähnlichkeit mit dem Herzschlag der Mutter liegen, den wir schon vor der Geburt pausenlos vernahmen und archaisch mit Geborgenheit assoziieren. Selbst die Herren Lennon, McCartney und Harrison führten die Gründung ihrer Band nicht eigentlich auf ihre Stimmen oder auf Gitarre, Bass und Keyboard zurück: „Als Ringo Starr bei uns erstmals an den Drums vorspielte“, erinnerte sich Paul McCartney, „stand fest: Dieser Moment ist der Beginn der Beatles.“ ■

Frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

Hof, Freiheitshalle, Großes Haus
23. November
- William Walton porträtiert den Clown als Ganoven, Benjamin Britten ängstigt sich vor dem Krieg, Ralph Vaughan Williams schildert London im Herbst: Die Hofer Symphoniker unter Dirigent Hermann Bäumer und die international renommierte Geigerin Carolin Widmann pflegen mit Engagement, Deutungs- und Schönheitssinn die hierzulande kaum einmal aufgeführte Musik Englands.


Theater Hof
Schauspiel
Endlose Aussicht
Prinz Friedrich von Homburg
Anna Viehmann
Schlafen Fische?

Der Sturm
Mutter Courage und ihre Kinder
Willkommen
Toulouse
Der Rest
Othello
Die Känguru-Chroniken
Florence Foster Jenkins
Kanzlist Krehler
Status quo
Goldszombies
Terezín

Musiktheater
Medea
Der Prozess
Chaplin (Ballett)
Der kleine Muck (Ballett)
Chicago
Wiener Blut
Hexen
The Cold Heart


Vogtlandtheater (Plauen):
Die vier fünf Jahreszeiten
Aus dem Nichts
Der zerbrochene Keug
RemIXed (Beethovens Neunte)
Woyzeck

Studiobühne Bayreuth:
Vater
Die Zukunft war früher auch besser
Das Liebeskonzil


Konzert
zuletzt
Hofer Symphoniker: Die Geigerin Carolin Widmann und Musik aus England
Hofer Symphoniker: Matthias und Tillmann Höfs mit Wolf Kerscheks „Vier Elementen“
Hofer Symphoniker: William Youn mit Mozarts „Jeunehomme“-Konzert
Kammerchor Hof: Antonín Dvořáks Messe opus 86
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Film und Fernsehen
zuletzt
55. Internationale Hofer Filmtage
James Bond 007: Keine Zeit zu sterben
Dune
The Father


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
La-Le-Lu in Helmbrechts
Lucy van Kuhl in Bad Steben


Anderes
zuletzt
Con gusto:
Dieter Richter über die Deutschen und die italienische Küche
Die Eroberung Amerikas:
Franzobel liest in Hof aus seinem neuen Roman
Es geht auch ohne Beethoven: Die „zehnte Symphonie“ aus dem Computer
Bücher & Musik: Kurzrezensionen
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Essay  
zuletzt
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik
Verständige Weiber
Zum Internationalen Frauentag
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Bald kommt das neue Buch

VERPESTETE BÜCHER - Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.

Die passende Serie in den Jahren der Corona-Pandemie: Zehn Teile und einen (dreiteiligen) Epilog umfasste unser Überblick über Romane und Erzählungen der deutschsprachigen und der Weltliteratur, in denen Seuchen eine Hauptrolle spielen. Bald werden alle Teile als Buch herauskommen, vermehrt um ein ausführliches, noch nicht veröffentlichtes Kapitel über den Roman „Der letzte Mensch“ der „Frankenstein“-Autorin Mary Shelley.

 

Weiterhin
im Buchhandel erhältlich

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


Als zweite, durchgesehene Ausgabe
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren  fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen.
Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.