Hochfranken-Feuilleton
Alles ist erlaubt, nur keine Langeweile.  (Voltaire)
Aktuelles

NEU   Samstag, 27. Februar

Wer liest sie noch, die „Heilige Schrift“? Wer kann und mag die antiquierten Texte begreifen? Seit Kurzem wendet sich die neue Basis-Bibel gedruckt und digital vor allem an junge Leute. Mit ihren übersichtlichen  Sätzen und zahllosen Erläuterungen wurde sie speziell für die „Generation Smartphone“ formuliert. Die Tradition ehrenwerter Übersetzungen setzt sie in modern-einfacher Sprache fort.


Freitag, 26. Februar, 19.30 Uhr,
bis Sonntag, 28. Februar, 19.30 Uhr
Theater Hof, Livestream

Durch die Verlängerung des Corona-Lockdowns stehen dem Theater Hof bis zum Spielzeitende nicht mehr genug Termine zur Verfügung, um geprobte Produktionen in der Schaustelle zu zeigen. Darum lädt das Haus zu Livestreams von drei Aufführungen ein. Den Anfang macht via Internet Georg Kaisers kaum je gespielte Tragikomödie Kanzlist Krehler (Rezension im ho-f: hier lang).  Im März soll William Shakespeares „Othello“ folgen (Inszenierung: Reinhardt Friese), im Juli Philip Glass’ Kafka-Oper „Der Prozess“ (Regie: Lothar Krause).



Eckpunkt
Der Mars, tönend
Von Curiander

Samstag, 27. Februar   Synästhesie ist nicht zwar ein schwieriges Wort, aber eine feine Sache. Der Begriff benennt die Wahrnehmung, die uns widerfährt, wenn wir einen Sinnesreiz aufnehmen, ein Reizwort aufschnappen und unwillkürlich entlegene Eindrücke anderer Sinne sich sogleich mit einstellen. Zum Beispiel berichtete eine liebe Freundin dem Schreiber dieser Zeilen, für sie seien bestimmte Zahlen fest mit bestimmten Farben verbunden. Oder das Aroma eines in Tee gestippten Sandtörtchens: Das überströmte Marcel Prousts Gedächtnis schlagartig mit den vergessen geglaubten Lichtern und Couleurs, Geräuschen und Gerüchen seiner Kindheit auf dem Lande. In den alten Griechen indes finden wir alle unsere Meister: Als musisches Kulturvolk stellten sie ihre gesamte Kosmologie unter ein synästhetisches Konzept. Sie malten sich aus, im Mittelpunkt des Universums ruhe die Erde, um die alle Körper des Himmels gleichmäßig kreisten, und zwar befestigt auf acht hohlen, konzentrischen, durchsichtigen Kugeln; indem jede dieser „Sphären“ sich bewege, erzeuge sie einen ihr eigenen Klang, und weil alle acht ineinander unterschiedlich rotierten, ergebe sich eine harmonische „Sphärenmusik“. Nun aber sind Geräusch, Klang, Tonkunst an die Luft gebunden, die den Schall transportiert, und kommen also im luftleeren Weltraum nicht vor. Umso größer das Interesse an Lauten, die dennoch aus dem Kosmos zu uns dringen. Anders als die antiken Hellenen wissen wir, dass die fünf Planeten, die wir mit bloßem Auge erkennen, dass also Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn nicht auf ein und derselben Kugel, mithin nicht in derselben Entfernung unseren Erdball umlaufen. Darum bläht sich stolz die Astronomen-Brust, wenn es gelingt, eine Sonde auf der Venus landen zu lassen; oder gar auf dem – noch weiter entfernten – Mars. Dieser Tage hat der US-Rover „Perseverance“ ihn erreicht. Bis dahin war er fünfhundert Millionen Kilometer weit und ein gutes halbes Jahr lang unterwegs. Das Warten lohnte sich, auch akustisch: Der Mars gibt Laut, erstmals für uns hörbar. Denn das Mikrofon des Fahrzeugs fing Töne ein: Der höhere von ihnen verdankte sich zwar der bordeigenen Maschinerie; einen dumpferen aber erzeugte der planeteneigene Wind, der mit 180 Stundenkilometern den Landeplatz, einen Krater namens Jerezo, durchbrauste. Recht dünn ist die Gashülle rund um den Mars. Wir Erdlinge genießen das Glück vergleichsweise dicker Luft, die den Schall weit nuancierter überträgt. Sofern Euterpe, die Muse der Musik, die Künstlerinnen und Künstler küsste, waren sie gleichwohl um transatmosphärische Klänge niemals verlegen: Den Mond besingen wir volkstümlich, aber nie so ergreifend wie in dem Lied, das ihm Antonín Dvořák in seiner Oper „Rusalka“ widmete. Zwar wissen wir nicht, „wie viel Sternlein stehen“, doch der französische Frühimpressionist Henri Duparc führt uns in einer wunderbaren Tondichtung „Aux étoiles“, zu den Sternen. Gustav Holst, in seinen „Planeten“, lässt den Merkur erst mal links liegen, um seine berühmte Orchestersuite martialisch gleich mit dem Mars anheben zu lassen, dem „Bringer des Kriegs“. 1914, als der Erste Weltkrieg entbrannte, hatte der Brite mit der Komposition begonnen, 1918 wurde sie uraufgeführt – im selben Jahr, in dem der Däne Rued Langgaard ein Großwerk für ein geradezu universales Instrumentarium abschloss, Orchesterkunst von einer kosmischen Weite des Klangraums, voll außerweltlicher Ruhe und solarer Explosionen. Der Titel: „Sphärenmusik“. ■

Frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.



Rückblick

Samstag, 20. Februar
Hof, Theater, Kulturkantine

Das Theater trotzt dem Lockdown, indem es  unverdrossen künftige Premieren vorbereitet. Jetzt war ho-f zur Generalprobe musikalisch-literarischer Kleinkunst geladen. Von Oliver Schmidt mit der Gitarre begleitet, trug Schauspieler Marco Stickel tierisch satirische Episoden aus Marc-Uwe Klings Känguru-Chroniken vor. Leon Mahlendorf hatte die künstlerische Leitung.


Dienstag, 16. Februar
Heute ist Faschingsdienstag. Aber viel Karneval ist nicht. Den Jecken, wenn auch nicht den Narren kommt Corona in die Quere. Darum begab sich ho-f auf eine Reise durch die verkehrte Welt. Im abschließenden zweiten Teil geht die verrückte Fahrt weiter, kommt an Hofzwergen und -narren, Ozeanfahrern und Rittern von trauriger Gestalt vorbei und endlich bei einem Humanisten an, der die Torheit rühmt.


Samstag, 13. Februar
Seit  einem Jahr lehrt uns das Coronavirus, auf vieles zu verzichten. Besonders hart trifft es den Einzelhandel, die Gastronomie ... und jetzt die Karnevalisten. An wuselndes Jeckentreiben und Kinderfasching, Rosenmontagsumzüge und Prunksitzungen ist nicht zu denken. Narren - und Närrinnen - aber gabs schon immer, ganz unabhängig von der „fünften Jahreszeit“.Wir stellen vier und mehr Spielarten vor. (Teil 1)


Dienstag, 9. Februar
Seit hundert Jahren gibt es Rundfunk in Deutschland. Vor 75 Jahren ging im Westen Berlins der RIAS (zunächst als DIAS) auf Sendung, mit dem Auftrag, Richtung Osten für westliche Werte zu werben. Mit der 1949 in Hof eingeweihten zweiten Sende-Anlage erreichte der Sender auch den Süden der DDR. Über seine Geschichte und die des Runfunks überhaupt informieren anschauliche Ausstellungen im Netz.


Samstag, 6. Februar
Wer lang hat, kann lang hängen lassen - so wie  Leonardo da Vinci Haupthaar, Bart und Wimpern auf einer berühmten Rötelzeichnung aus dem Jahr 1512, die vielleicht ihn selbst zeigt. So stellen sich viele, nicht nur Kinder, den lieben Gott vor. Teil zwei unserer Umschau im Heute und Gestern der Gesichtsbehaarung erweist zum Schluss:  Die Geschichte des Bartes ist immer auch die Geschichte der Rasur.


Dienstag, 2. Februar
Corona und echte Kerle: Das passt schlecht zusammen. Der Bart ist so manches, natürliche Vermummung des Mannes, Ausweis von Männlichkeit und Führungskraft, Kennzeichen des Hipsters ... Mit den FFP-2-Masken, die uns vor dem Covid-19-Virus schützen sollen, verträgt er sich indes schlecht. Ein paar Blicke auf das Haar zwischen Stirn und Hals heute und gestern. (Teil 1)


Samstag, 30. Januar
Das weitgehend ins Wasser gefallene Beethovenjahr 2020 hat ernüchternd gezeigt, wie die Coronakrise langwierig gefasste Pläne für Jubiläumsfeierlichkeiten umstößt. Unter den Gedenktagen, die dem Virus bisher ganu oder beinah zum Opfer fielen, waren auch die 250. Geburtstage des Dichters Friedrich Hölderlin und des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Beider „Jahre“ gehen in die Verlängerung.


Dienstag, 26. Januar
Von der Bedarfs- zur Nobelgastronomie: Unlängst haben Archäologen aus den Ruinen Pompejis die staunenswert erhaltenen Überreste eines antiken Fast-Food-Lokals ausgegraben. Davon gab es bis zur Zerstörung der Stadt durch den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 gut und gern hundert. Die weit vornehmere Geschichte des Restaurants reicht hingegen nur bis ins achtzehnte Jahrhundert zurück.


Samstag, 23. Januar
Mit der Liedsängerin Marlis Petersen begeben wir uns auf „Welt“-Reisen, verweisen auf Aspekte der Regie wagnerscher Musikdramen, lassen uns von einem jungem Klavierduo zu einer „Schubertiade“ einladen, vertiefen uns in die Lyrik der Hoferin Ingrid Haushofer und wollen wissen, was das überhaupt sei: das „Schöne“ - all das in einem Überblick über neu veröffentlichte Bücher und Musik.



Dienstag, 19. Januar
Serie „Verpestete Bücher“, Teil 6
Erst weisen vage Anzeichen darauf hin, dann wächst die Gewissheit: In der Lagunenstadt grassiert die Cholera. Inmitten des Unheils wird einem zuchtvoll-strengen Dichter zur eigenen Überraschung sein letztes Liebeserlebnis zuteil, ein homoerotisches.
Der Tod in Venedig, die Meisternovelle des 36-jährigen Thomas Mann von 1912, enthält viel Autobiografisches.


Sanstag, 19. Dezember
Das ehrgeizige Onlineprojekt Hof Kunst & Kultur führt vor, wie die Kreativen der städtischen Off-Szene mit ihren jeweils besonderen Mitteln und Gaben „Gesellschaft gestalten“.
Zum Kern ihrer Arbeit gehört das Bekenntnis zu den Freiheiten in einer lebendigen Demokratie. Immer am Freitag erzählt eine Künstlerin oder ein Künstler im Internet von sich.


Samstag, 12. Dezember
Was wurde eigentlich aus dem Beethovenjahr? Am Donnerstag kommender Woche jährt sich zum 250. Mal der Tauftag (wenn auch nicht der - unbekannte - Geburtstag) des Komponisten, aber für das landauf, landab und im Rest der Welt geplante Jubiläumsevent hat es 2020 nicht gereicht – das Corona-Virus war dagegen. Deshalb soll die Feierei rund um den Klassik-„Titan“ 250 Tage länger dauern.


Dienstag, 8. Dezember
Serie „Verpestete Bücher“, Teil 5
Drei Erzählungen zeigen, wie kurze Prosa die Ausdruckskraft von Romanen entfaltet. Jens Peter Jacobsen erzählt über die Pest in Bergamo, Georg Heym von einem Schiff, das die Pest an Bord hat, und Isolde Kurz über das verseuchte Florenz „Anno Pestis“ 1527, von morbiden Ausschweifungen und der grausigen Rache einer Schönen an einem untreuen Mann.


Dienstag, 1. Dezember
Deutsch-tschechische Grenze

Kulturorganisatoren in Selb und Aš stemmen gemeinsam das mehrteilige Projekt Europa – ganz nah. Es soll Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern und Jugendlichen helfen, grenzüberschreitende neue Netzwerke aufzubauen. Prachtstück der Aktion ist an der Landstraße zwischen den Partnerstädten das Großobjekt „Handreichung“ haargenau über der Grenzlinie.


Schauspiel-Produktionen des
Theaters Hof auf
ho-f

Terezín
Goldszombies
Status quo
Kanzlist Krehler

Florence Foster Jenkins

auf der Seite Schauspiel


Musiktheater-Produktionen des
Theaters Hof auf
ho-f

The Cold Heart
Hexen
Wiener Blut
Chicago
Der k
leine Muck

auf der Seite Musiktheater


Plauen, Vogtlandtheater
In Plauen blickt Georg Büchners Antiheld Woyzeck in den menschlichen „Abgrund“: Das Vogtlandtheater zeigt ihn als underdog, der als wehrloser Verlierer dem Abschaum der Gesellschaft zum Opfer fällt. In Jan Jochymskis Inszenierung verwandelt sich der arme, psychotische Mörder aus verlorener Würde am Ende in den schizophrenen Dichter Lenz aus Büchners gleichnamiger Erzählung.


_____________________________________

In jeder Buchhandlung erhältlich:

NEU   WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2.99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.

Rezension in der
Frankenpost: hier klicken.


Außerdem

als zweite, durchgesehene Auflage
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2.99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren  fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen.
Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.