Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

In eigener Sache

liebe Leserin, lieber Leser,
seit bald einem Jahr arbeiten wir gern, viel und gründlich für Sie. Nun allerdings sehen wir uns als kleine, ehrenamtlich tätige Redaktion nach reiflicher Überlegung gezwungen,die Erscheinungsweise unseres Online-Angebots zu verändern. Statt, wie bisher und noch in dieser Woche, immer dienstags und samstags wird ho-f von der kommenden Woche an jeweils ein Mal, und zwar am Donnerstag, neu erscheinen. Davon sind wohlgemerkt Zahl und Inhalte unserer Beiträge kaum betroffen.
Wir freuen uns darauf, Sie auch weiterhin im gewohnten Umfang mit Quer- und Längsschnitten durch das kulturelle Leben der Region zu versorgen.



Aktuell

Dienstag, 3. August
Hof, Altes Landkrankenhaus
Volles Haus und bunt belebter Garten: Zur diesjährigen Kunstsaat, der Mitgliederausstellung des Hofer Kunstvereins, strömten etwa 140 Besucherinnen und Besucher. Doch der Verein hat im Jahr seines 25. Geburtstags allen Grund, sich große Sorgen zu machen: Die Galerie verliert ihr Domizil im Haus Theresienstein.


Dienstag, 3. August
Bayreuth, Festspielhaus
Kann das gehen: Richard Wagners wunderschöne Meistersinger mit ihrem antisemitischen Unterton in ein Lustspiel mit kritischer Masse verwandeln? Regisseur Berrie Kosky, selbst Jude, findet den goldenen Mittelweg zwischen Posse und Provokation. Seine grandiose Inszenierung ist auch in ihrem vierten Jahr auf dem Grünen Hügel  ein Bühnenwunder.



Eckpunkt
Wuth und Weiblichkeit

Von Curiander

Dienstag, 3. August  Marek Janowski ist Dirigent. Und er ist ein Mann. In der Welt der klassischen Musik von der die Dirigentin Oksana Lyniv aus gutem Grund sagt, sie sei „konservativ“ scheint sich das Eine ohne das Andere kaum denken zu lassen. Noch. „Wenn die Qualität stimmt“, sagt Janowski, seit 2013 amtierender Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, sei das Geschlecht der Person, die ein Orchester leitet, „unwichtig“ – Frau oder Mann: heute kein Thema mehr. Ob er da nicht falsch liegt? In der Republik musizieren etwa 130 professionelle Orchester – nur bei fünf standen 2019 Frauen als Chefinnen am Pult. Gegenwärtig allerdings, das hängt auch mit den aktuellen Bayreuther Festspielen zusammen, machen sie von sich reden. So hat es die erwähnte Oksana Lyniv auf dem Grünen Hügel der Wagner-Kapitale in den Graben geschafft: Bei der Neuproduktion des „Fliegenden Holländers“ (über die ho-f demnächst berichten wird) wirkt sie dort als erste Frau in der 145 -jährigen Festivalgeschichte. In Nürnberg bejubeln konservative wie fortgeschrittene Klassikfreundinnen und -freunde die längst auch international gefeierte Joana Mallwitz. Noch. Nach achtzehn Jahren Festanstellung an unterschiedlichen Opernhäusern wolle sie dem Staatstheater 2023, nach knapp fünf Jahren, den Rücken kehren, teilte die 34-jährige Künstlerin mit, die sich darauf freut, im Herbst ihr erstes Kind zu bekommen, und sich darüber ärgert, dass Nürnberg sein geplantes Konzerthaus nun nicht kriegen soll. Jetzt wolle sie den Fokus wechseln. Eben jenen, den Brenn- und Mittelpunkt, legen die Philharmoniker in Sachsens Metropole demnächst auf die Arbeit mit Frauen als Orchesterleiterinnen: Frauke Roth, Intendantin des Ensembles, hat für die Saison 2021/22 fünf Damen ans Pult geladen, darunter Joanna Mallwitz, die, wenn sie schon mal da ist, im Mai nächsten Jahres auch gleich in der (ab 2024 von einer Frau, der Schweizerin Nora Schmid, geführten) Semperoper debütieren wird. Warum aber gibt es, neben so vielen Männern, die den Taktstock schwingen, so wenige Frauen, die dasselbe tun – oder die mans tun lässt? Und dürfen sich fortgeschrittene Klassikfreunde mit dem Hinweis begütigen lassen, es sehe damit heutzutage immerhin ein wenig besser aus als früher? Arg kurz ist die Historie der dirigierenden Frauen tatsächlich und seit jeher dünn besät: Sie begann etwa mit Fanny Hensel, der 1847 gestorbenen Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys, und setzte sich unter anderen mit der Britin Ethel Smyth (1858 bis 1944) oder der vor allem als Klavierpädagogin legendären Nadia Boulanger fort, die 1979 starb – die Damen komponierten nicht nur, sondern ließen es, fast als Erste, sich auch nicht nehmen, ihre Schöpfungen selbst zu dirigieren. Über das empörende Ungleichgewicht von Männern und Frauen (beileibe nicht nur) im Musikbetrieb informiert sachlich und fundiert das Digitale deutsche Frauenarchiv im Internet. Dort findet sich auch eine Online-Version des 2002 von Elke Mascha Blankenburg als Buch veröffentlichten „Europäischen Dirigentinnen-Readers“: Über neunzig Damen mit teils imponierenden Biografien macht er namhaft und nährt auch in männlichen Lesern das Unverständnis der ungehaltenen Fanny Hensel, aus deren Briefen die Website Musik und Gender im Internet  wie folgt zitiert: „Dass man seine elende Weibsnatur jeden Tag von den Herren der Schöpfung vorgerückt bekommt, ist ein Punkt, der einen in Wuth und somit um die Weiblichkeit bringen könnte.“ ■

Frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

Zuletzt Samstag, 31. Juli
Bayreuth, Festspielhaus
Bei den Richard-Wagner-Festspielen gibts heuer coronahalber keinen „Ring“ , aber wenigstens eine Walküre. Die taugt zur handfesten Irritation: Wie bei einer konzertanten Aufführung verharren die Sängerinnen und Sänger an der Rampe, während Hermann Nitsch für Dynamik sorgt: Hektoliterweise lässt er Regenbogenfarben auf die Bühne schütten.



Schauspiel

Theater Hof:
Schlafen Fische?
Der Sturm
Mutter Courage und ihre Kinder
Willkommen
Toulouse
Der Rest
Othello
Die Känguru-Chroniken
Florence Foster Jenkins
Kanzlist Krehler
Status quo
Goldszombies
Terezín

Luisenburg-Festspiele (Wunsiedel):
Der Name der Rose (Musical)
Faust I

Vogtland-Theater Plauen:
RemIXed (Beethovens Neunte)
Woyzeck


Musiktheater
Theater Hof:

Der Prozess
Chaplin (Ballett)
Der kleine Muck (Ballett)
Chicago
Wiener Blut
Hexen
The Cold Heart
Bayreuther Festspiele:
Die Meistersinger von Nürnberg
Die Walküre



Konzert
zuletzt
Hofer Symphoniker:
Klassik am Eisteich
Hofer Symphoniker:
Mozart mit Albrecht Mayer
Musica Bayreuth:
Bamberger Symphoniker
Musica Bayreuth: Messiaen, Quartett für das Ende der Zeit


Film und Fernsehen
zuletzt
44. Grenzland-Filmtage Selb


Anderes
zuletzt
Ein Jubiläum, kein Jubelfest
Die 25. Kunstsaat des Hofer Kunstvereins
Keine Zeit für Wunder
Kästners „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ als Buch zum Film
Alles ist möglich (fast alles)
3D-Druck im Selber Porzellanikon
Du kommst auch drin vor
Ralf Sziegoleits neues Buch
... ...


Serie
Verpestete Bücher

Zehn literarische Epidemien
und ein Epilog

bisher:

1. Poe: Die Maske des Roten Todes
2. Boccaccio: Das Dekameron

3. Defoe: Die Pest zu London

4. Gotthelf: Die schwarze Spinne

5. Jacobsen, Heym, Isolde Kurz: Kleine Erzählungen

6. Thomas Mann: Der Tod in Venedig

7. Camus: Die Pest

8. Szczypiorski: Eine Messe für die Stadt Arras
9. Roth: Nemesis
10. London: Die Scharlachpest


Essay  
zuletzt
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik
Verständige Weiber
Zum Internationalen Frauentag
Die Weisheit der Einfältigen
Über Närrinnen und Narren
... ...


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Im Buchhandel
erhältlich:

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.

Rezension in der
Frankenpost: hier klicken.


Als zweite, durchgesehene Ausgabe
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren  fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen.
Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.