Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

2. Juli
Im achtzehnten Jahrhundert kam in England die gothic novel auf, das Genre des Schauerromans, im neunzehnten Jahrhundert blühte die Schwarze Romantik. In beiden Traditionen steht, sie vollendend, der Ire Bram Stoker mit seinem Meisterwerk Dracula. Der Wälzer kann als Urschrift aller modernen Vampirgeschichten gelten, wie sie seit der Jahrtausendwende eine mächtige Konjunktur erleben.



Eckpunkt
Duft in Dosen

Von Curiander

23. Juni   Immanuel Kant, der Erzphilosoph der deutschen Aufklärung, lebte als Königsberger Stadtbürger in einer Welt, die weitaus strenger roch, als wir es uns heute vorstellen können, in unseren vergleichsweise saubergeleckten Kommunen, von den Odeurs aus Deospraydosen, Rasierwasser- und Eau des Toilette-Flakons umwabert. Vielleicht auch wegen der Unausweichlichkeit der mehrheitlich ekligen Gerüche mochte Kant das Riechen nicht. Von den fünf Sinnen achtete er das Sehen, Hören und das fühlende Tasten hoch; hingegen sprach er dem Geruchs- und dem Geschmackssinn jeden Beitrag zur Erkenntnis ab. Den ausufernden Gegenentwurf dazu lieferte Marcel Proust von 1913 an: Die ersten Seiten seines Riesenromans „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ beschreiben, wie das bloße Aroma einer in Tee getauchten Madeleine den autobiografischen Icherzähler magisch in seine Kindheit und Jugend zurückversetzt, 4200 Seiten in sieben Bänden lang. Steht auch uns eine Tasse Tee und entsprechendes Gebäck zu Gebote, vermögen wir das Erlebnis immerhin im Ansatz nachzuvollziehen. Hingegen ahnen wir kaum, wie es in Kants Königsberg gerochen und gestunken haben mag. Oder wie roch es – so fragten dieser Tage etliche Zeitungen mit den Worten eines Agenturberichts – zu Zeiten des nur oberflächlich überfeinerten Barocks? In Jena erforscht das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, wie sich die mal schmeichelnden, mal abscheulichen Duftnoten vergangener Epochen so rekonstruieren lassen, dass unsere neuzeitlichen Nasen sie wieder wahrnehmen. Ähnliches unternimmt zurzeit ein berühmtes Museum in Spanien. Bis zum 17. Juli präsentiert der Prado auf sehr spezielle Art das Gemälde „Der Geruch“ aus der Serie über „Die fünf Sinne“, die 1618 die Freunde Jan Brueghel der Ältere und Peter Paul Rubens gemeinsam vollendeten. Es zeigt eine tiefenentspannte Nackte, wie Eva in einem Garten Eden voller bunter Blüten, saftiger Bäume, strotzender Früchte hingestreckt; ein Kleinkind oder Engelchen bietet ihr einen Blumenstrauß dar, neben sich hat sie Fläschchen und Döschen mit Salben und Düften ausgebreitet, auch leistet ihr, schwarz-grau gefleckt, eine Zibetkatze Gesellschaft, wie sie ihres Moschusbuketts wegen einstmals beliebt war. Zum synästhetischen Erlebnis wird das Schaustück durch das spanische Modeunternehmen Puig: Mittels einer „Air Parfum“-Technik versprüht es im Saal zehn zu den Bildmotiven passende Wohlgerüche, um die schnuppernden Betrachterinnen und Betrachter von heute vollends in die altflandrische Paradies-Vision zu entrücken. Pragmatisch betrachtet, kommen die hypnotisierenden Odeurs schlicht aus der Dose. Andere Dünste hingegen, sowohl willkommene wie jene von Wald, Feld und Flur, als auch widerwärtige, etwa der Dampf bäuerlicher Misthaufen oder die Gülle aus einem Schweinestall, vagabundieren frei im Freien und lassen uns die Heimat auf sehr reale Weise sinnlich erfahren. Darum forderten im Mai Bayerns Freie Wähler, jenes ländliche „Sinnes-Erbe“, ferner rurale Geräusche, unter rechtlichen Schutz zu stellen. Gut zu schützen wusste Piero Manzoni seine „Merde d’artista“, bevor er sie 1961 in neunzig Portionen unters Volk brachte: Abgefüllt in Konservenbüchsen, wird der Darminhalt des Italieners seither für Kunst ausgegeben. Als solche nähme Immanuel Kant die Dosen sicherlich nicht hin, wüsste sie aber in wenigstens einer Hinsicht zu schätzen: Man riecht nichts.  ■

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Rückblick

28. Juni, Hof, Kirche St. Michaelis
Zum Abschluss der Saison mischen die Hofer Symphoniker die Stile und lassen lebhaften „Affeckten“ die Zügel schießen: Beim ihrem elften  Abonnementkonzert ergründen das Orchester, Dirigent Enrico Delamboye und der Cellist Johannes Moser: Wie romantisch ist die frühe Klassik? Wie gerät Altvater Bach in einen Ausflug Max Regers zum französischen Impressionismus?



Theater Hof

Schauspiel
zuletzt
Greta
Richard der Dritte
White Power Barbies
Es brennt Reis

Musiktheater
zuletzt
Frühlings Erwachen
Hossa - Die Hitparade 3
María de Buenos Aires
Walk on the wild Side


Vogtlandtheater (Plauen):
zuletzt
Wunschkonzert/Warum läuft Herr R. Amok? (Staatsschauspiel Dresden)
Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
Radames/Harakiri
Marie! Romy! Petra!


Studiobühne Bayreuth:
zuletzt
Glückliche Tage
Die Quizkönigin
Die Blechtrommel
Das Original


Theater andernorts
zuletzt
Amadeus auf der Luisenburg
Trolle unter uns
auf der Luisenburg
Celine
im Selber Rosenthal-Theater
Danner
von Roland Spranger in Hof


Konzert
zuletzt
Regers „Romantische Suite“ ist Hauptwerk beim Saisonschluss der Hofer Symphoniker
Evelyn Huber
beschließt die Helmbrechtser Kulturwelten
Weltenbrand: Die Hofer Symphoniker multimedial in Selb
Bachs vier Orchestersuiten
bei der Musica Bayreuth


Film und Fernsehen
zuletzt
45. Grenzland-Filmtage in Selb
Tod auf dem Nil
Belfast
Wunderschön


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Bruno Jonas
in Selb
Willy Astor
in Hof
Chris Boettcher
in Selb
Yann Yuro
beim Forum Naila


Anderes
zuletzt
„Waldgeschratet“:
Harry Tröger vertont Sagen aus Fichtelgebirge und Frankenwald
Eine DDR-Bürgerin als Westspionin:
Titus Müllers neuer Agentenroman
Es hat Wellen geschlagen:
Gedenken an Sophie Scholl und die „Weiße Rose“
Bittersüße Mandeln:
Hanna von Feilitzsch las aus ihrem Roman


Essay  
zuletzt
Symphonien des Grauens
125 Jahre „Dracula“ von Bram Stoker
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik

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Das neue Buch

VERPESTETE BÜCHER - Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.

Erhältlich in allen Buchhandlungen.

Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Krise auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeit. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen ihr raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die greifbare Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

Weiterhin
im Buchhandel erhältlich

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


Als zweite, durchgesehene Ausgabe
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.