Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

31. Januar, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Wer wollte, konnte am Freitag Wolfgang Amadeus Mozarts Geburtstag (den 265.) feiern. Die Symphoniker wollten: Mozart zu Ehren gaben Sie mit ihrem fünften Hofer Konzert der Saison dem Salzburger Genie einen klassischen Festabend. Neben einer seiner Symphonien erklang auch eine von Franz Schubert. Mit einem Cellokonzert Jopseh Haydns brillierte die junge Julia Hagen, die gleichfalls aus Salzburg stammt.

31. Januar, Kino
Vorgestern, in der Steinzeit, zogen zottige Männer zum Jagen aus, während die Frauen die Höhle hüteten und Früchte sammelten. Glaubt zumindest Rob Müller in Caveman  noch immer. Als modernes Exemplar der Spezies Höhlenmensch versteht der „Vollidiot“ die Frauen von heute gründlich falsch. In Laura Lackmanns Kömödie - nach Rob Beckers internationalem Bühnenhit - wird ihm amüsant Bescheid gestoßen.


Eckpunkt

Drei in einem

Von Curiander

31. Januar   Wer sich von uns nur ein wenig mit Philosophie beschäftigt, der weiß, dass nicht das Festhalten an unumstößlichen Systemen, sondern der Zweifel an ihrer Unumstößlichkeit unser Denken weiterbringt. Jahrtausendelang freilich konnte jedes Misstrauen gegen fürstliches oder klerikales Herrenwissen schlimme Folgen haben. Erlitten hätte sie beinahe Martin Luther, der 1521 beim Reichstag zu Worms den Flammentod als Ketzer hat gewärtigen müssen. 79 Jahre später bestieg ein italienischer Schwerintellektueller in Rom dann wirklich den Scheiterhaufen: Giordano Bruno, dessen Geburtstag sich heuer zum 475. Mal jährt, hatte sich erfrecht, nicht allein die Gestalt Jesu Christi als fleischgewordene Personifikation Gottes zu beargwöhnen, obendrein stellte er die „heilige Dreifaltigkeit“ Gottes als Vater, Sohn und Heiliger Geist infrage. In unseren säkularen Zeiten weigert sich eine zunehmende Zahl von Zeitgenossinnen und -genossen, sowohl das eine wie das andere für bare Münze zu nehmen. Aus unserem Sprachgebrauch hat sich die anschauliche Vorstellung gleichwohl nicht fortgestohlen: jene bildkräftige Allegorie, die eine umso abstraktere Trias für untrennbar gehaltener Elemente unauflöslich umfasst. Acht Tage bevor Wladimir Putin seinen Angriffskrieg vom Zaun brach, zitierte das Warschauer Onlineportal Nexta ihn mit Worten, in denen er pathetisch eine „dreieinige“ Nation beschwor, bestehend aus Russland, dem durchaus willigen Belarus und der gänzlich abgeneigten Ukraine. Ähnlich profan reimte, zum Beispiel, vor Jahresfrist Peter Lenfers, Pfarrer im westfälischen Warendorf, in einer Karnevalspredigt: Am Wochenende vor Rosenmontag scheute er sich nicht, Long-Covid, „Long-[Faschings-]Prinz“ und „Long-[Schützen-]König“ zu einer irdischen „Dreieinigkeit“ zusammenzuführen. Tusch: sehr witzig. Immerhin führen die Pointe und ihr kirchlicher Urheber auf den vor allem geistlichen Bezug des Begriffs zurück; wie es auch die Zeitung Die Rheinpfalz tat, als sie sich in der Mythenwelt rund ums rheinland-pfälzische Mutterstadt umsah: Bei einer „Dreieinigkeit aus Weißer Frau, Gespenstermönch und Höllenhund“ wurde sie fündig, wohlgemerkt „an einem Ort, an dem laut Sage ein inzwischen untergegangenes Kloster gestanden haben soll“. In Einrichtungen solcher Art halten die frommen Brüder und Schwestern natürlich eisern am Glauben an die von Giordano Bruno geleugnete Trinität fest. Und seit jeher taufen die Kirchen des ausdrücklich monotheistischen Christentums Kinder „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, wie es der auferstandene Jesus im Matthäus-Evangelium anordnet. Also was ist dieser Gott denn nun: Ist er drei? Oder doch nur einer? (Und unbedingt männlich?) Wenn wir so fragen, helfen uns aufgeschlossene Theologen gern mit vergleichenden Hinweisen auf das Wasser weiter: Das tritt ja auch in dreierlei Gestalt auf, als Dunst, als Flüssigkeit, als Eis. Warm darf es uns bei Jean Paul werden: Zwar, als frostigen Albtraum ließ der Dichter schon mal eine „Rede des toten Christus“ vom Stapel, „dass kein Gott sei“, geträumt aber wird die Horrorvision - ein „Blumenstück“ aus dem „Siebenkäs“-Roman - „an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge“; im „Titan“ entwirft er, gleichfalls bei sommerlicher Temperatur, eine vollends freundliche Szene: Da kutschiert „unter dem schönsten Himmel“ ein „offener Triumphwagen“ herum, besetzt mit Damen, einer „weiblichen Dreifaltigkeit.“ ■

Alle früheren Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.






Rückblick

24. Januar, Hof, Theater, Großes Haus
Zu den verlässlichen Leistungsträgern des Hauses gehört seit jeher seine Compagnie. Auch mit der jüngsten Premiere feierten die Tänzerinnen und Tänzer, von den Symphonikern unter Ivo Hentschel begleitet, beim Publikum Triumphe. Torsten Händler choreografierte zwei berühmte Strawinsky-Ballette: Den „Feuervogel“ hüllt er in weiche Tücher, den „Petruschka“ erzählt er neu: politisch einwandfrei.

24. Januar, Rehau, Rehau-Art
Wenn man den sechs Herren glauben darf, so hat Six Pack vor gut dreißig Jahren in Bayreuth das Genre der A-cappella-Comedy begründet. Den routinierten Vokal-Pionieren nimmt man das gerne ab: Beim Tourstart bringen sie das Publikum mit tonkünstlerischen Clownerien zum Toben. Als „Goldsinger“ machen sie dem 007-Agenten James Bond tapfer, wenn auch in aller heiligen Einfalt Konkurrenz.

24. Januar, Hof, Kapelle der Adventgemeinde
25 Jahre lang lud Dietmar Ungerank Künstlerinnen und Künstler  nach Hof zu seinen Gitarrenhighlights ein. Dann, 2017, war Schluss. Doch jetzt dürfen sich Freunde des gepflegten Saitenspiels freuen: Die unter Kennern hochgeachtete Reihe gibt es wieder – probehalber. Beim ersten von vorerst vier Konzerten bekennt sich der Japaner Yoshimasa Yoshida als Verehrer Bachs und gibt dem Gastgeber die Ehre.



Theater Hof
Schauspiel
zuletzt
norway.today
Bruder Eichmann
Abgrund
Peer Gynt

Musiktheater
zuletzt
Feuervogel/Petruschka
Paris, mon amour
Die Fledermaus
Helena Citrónová

Vogtlandtheater (Plauen):
zuletzt
Geschlossene Gesellschaft
Frühlings Erwachen (Live fast, die young)
Wunschkonzert/Warum läuft Herr R. Amok?
(Staatsschauspiel Dresden)
Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

Studiobühne Bayreuth
zuletzt
Glückliche Tage
Die Quizkönigin
Die Blechtrommel
Das Original


Theater andernorts
zuletzt
Tristan bei den Bayreuther Festspielen
Amadeus
auf der Luisenburg
Trolle unter uns
auf der Luisenburg
Celine
im Selber Rosenthal-Theater


Konzert
zuletzt
Mozart zu Ehren: Klassisches Geburtstagsfest mit den Symphonikern
Gitarrenhighlight
mit Yoshimasa
Yoshida aus Japan
Barockfantasien mit der Flötistin Silvia Müller und Ensemble
Tschaikowskys „Rokoko-Variationen“ und andere russische Musik in Selb


Film und Fernsehen
zuletzt
Caveman
Operation Fortune
She said
Oskars Kleid


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Six Pack bei der Rehau-Art
Wolfgang Krebs in Hof
Martin Zingsheim bei den Kulturwelten
Stefan Waghubinger beim Forum Naila


Anderes
zuletzt
Fassbinder, Schygulla, Ballhaus
oder
So doof ist Hof gar nicht

Bücher & Musik:
Kulturgeschichte Bayerns, Komponistinnen aus Frankreich ...
Nussknacker und Mausekönig
mit Hans-Jürgen Schatz und Pjotr Tschaikowsky
Die dunkle Seite:
Fünftägiges Krimi-Lesefest in Helmbrechts und Hof


Essay  
zuletzt
Symphonien des Grauens
125 Jahre „Dracula“ von Bram Stoker
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik


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Das neue Buch ist da
Erhältlich im Buchhandel und online

KAISERS BART - Dreizehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 344 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18, als E-Book 9,99 Euro.
Auch Kaisers Bart kommt vor in diesem Buch, zum Beispiel der des mittelalterlichen Staufers Barbarossa. Wenn wir uns indes heute „um des Kaisers Bart streiten“, dann geraten wir nicht wegen einer royalen Haupt- und Staatsaktion, sondern um einer Bagatelle willen aneinander. Dem Gewicht nach irgendwo dazwischen halten sich die Themen der dreizehn Essays auf, die alle dem weiten Feld der Kulturgeschichte entsprossen sind. Umfassend recherchiert und elegant formuliert, erzählen sie über Bücher und Bärte, Genies und Scheusale, über selbstbestimmte Frauen, wegweisende Männer und Narren in mancherlei Gestalt, über Stern- wie Schmerzensstunden der Wort- und Tonkunst. Worüber berichtet wird, scheint teils schon reichlich lang vergangen – „sooo einen Bart“ hat aber nichts davon.


Weiterhin im Buchhandel
und im Internet erhältlich


VERPESTETE BÜCHER - Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Krise auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeit. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen ihr raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die greifbare Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.
Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.
Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.