Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

4. Oktober, Kaiserhammer, Tanzsaal
Schon seit 35 Jahren gibt es das Totale Bamberger Cabaret. Aber die Gags des ungebärdigen Satire-Trios zünden heute noch wie ehedem – zumindest jene, die Georg Koeniger, Florian Hoffmann und Michael A. Tomis bei einem „Best of“ dem Publikum des Vereins Kulturhammer in Kaiserhammer bei Thierstein vorführten. Im Gasthauses Egertal bogen sich hundert Besucherinnen und Besucher vor Lachen.

4. Oktober, Kino
Was 1983 der Skandal um die „Hitler-Tagebücher“ für den Stern, das war 2018 für den Spiegel die Affäre um die gefälschten Reportagen des  Wunderknaben Claas Relotius. Aus dem gravierenden Stoff hat Komiker und Komödienspezialist Michael „Bully“ Herbig einen intelligenten, leichten Film gemacht: Seine Tausend Zeilen bringen zum Lachen, nähren die lustvolle Empörung und mahnen zur Skepsis.



Eckpunkt

Nichts Neues

Von Curiander

27. September   Als am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, war der „Untergang des Abendlandes“ in seiner alten, aus dem verlängerten neunzehnten Jahrhundert überkommenen Gestalt besiegelt. Oswald Spengler, Verfasser der berühmten kulturhistorischen Studie unter jenem schlagwortartigen Titel, deklarierte um 1920 das unheilvolle Datum zum „größten Tag der Weltgeschichte“. Solch absurd frenetischer Auffassung widersprach neun Jahre später der vom Krieg traumatisierte Journalist Erich Maria Remarque in seinem Bestseller „Im Westen nichts Neues“. Mit reportageartiger Schonungslosigkeit rollt er darin die Entsetzlichkeiten des menschenverschlingenden Stellungskriegs auf. Schon im Jahr darauf kam Lewis Milestones Verfilmung in die US-Kinos, ein weiteres Jahr später (und um drei Viertelstunden gekürzt) auch in die deutschen. Joseph Goebbels, bald darauf der plärrende „Reichspropagandaminister“ Adolf Hitlers, leitete völkische Schlägertrupps zu Krawallaktionen in den Lichtspielhäusern an. Als Remarques Roman noch 1933, im Jahr der braunen „Machtergreifung“, auf den Scheiterhaufen der nationalsozialistischen
Bücherverbrennungen landete, konnte ihm selbst das nicht den Garaus machen; im Gegenteil. Derart geadelt, steht er heute im Ruf, eine der Inkunabeln des „Kriegsbuchs“ zu sein – schlechthin das Antikriegsbuch in deutscher Sprache. Zwei Oscars heimste Milestones Leinwandversion von 1930 ein. Heuer ist „Im Westen nichts Neues“ neuerlich für einen Academy Award, nämlich den Auslands-Oscar, nominiert – in der von Edward Berger inszenierten deutschen Adaption, die, nach der Uraufführung am 12. September beim Toronto International Filmfestival, ab Donnerstag in ausgewählten Kinos in Berlin und Hamburg, Stuttgart und Gauting gezeigt wird, bevor Netflix sie vom 28. Oktober an seiner Klientel online offeriert. Aber sagt „ein Bild“, also der Film, wirklich mehr als viele tausend Wörter? Am 24. Februar, Wladimir Putins „großem Tag“, an dem er die Ukraine überfallen ließ, mussten auch die Deutschen einsehen, dass Krieg sich sogar in Europa
als anthropologische Konstante hartnäckig behauptet: „nichts Neues“. Wer darüber erschrak, wird auch über Remarques Roman und andere pazifistische „Kriegsbücher“ erschrecken, deren Lektüre freilich eben darum gerade jetzt wieder lohnt: etwa über Arnold Zweigs ab 1926 erschienenen sechsbändigen Zyklus über den „Großen Krieg der weißen Männer“, oder über Edlef Köppens „Heeresbericht“ von 1930, der rund um die Erlebnisse seines soldatischen Antihelden zahllose Originaltöne aus „großer Zeit“ montiert, kommentiert und konterkariert. Als der populäre Heimatromancier Ludwig Ganghofer 1915 an die Front reiste, fiel ihm dort „immer ein fernes Pfeifen in der Luft“ auf; „von der Tiefe des Feldhanges klingt ein lustiges Knallen herauf, als ständen da drunten die Schießstätten des Münchner Oktoberfestes.“ Das Völkergemetzel als Volksbelustigung: ein Mords-Spaß. Karl Kraus, legendärer Wiener Publizist und zwischen 1915 und 1922 Verfasser eines galligen, achthundert Druckseiten starken Dramas über „Die letzten Tage der Menschheit“, mahnte hingegen: „Kriegsmüde hat man zu sein nicht nachdem, sondern ehe man den Krieg begonnen hat.“ Die Bücher von Remarque, Zweig, Köppen und manch anderen können einen im krausschen Sinne müde machen, indem sie einen hellwach halten. Also wohl doch lieber Originalliteratur als Verfilmungen: Ein guter Roman sagt mehr als tausend Bilder. ■

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Rückblick

27. September, Hof, Freiheitshalle, Festaal „Das Wandern ist des Müllers Lust“, behauptet Franz Schubert in einem seiner Lieder. Doch auch zum leidvollen Weg eines Einsamen in den Weltschmerz kann das Wandern werden. Von beidem war beim ersten Symphoniker-Konzert der neuen Saison in Hof zu erfahren - in zwei Werken der österreichischen Romantik: Nach Schuberts „Wanderer-Fantasie“ erklang Anton Bruckners vierte Symphonie.


Theater Hof
Schauspiel
zuletzt
Greta
Richard der Dritte
White Power Barbies
Es brennt Reis

Musiktheater
zuletzt
Die letzten fünf Jahre
Jack the Ripper
Lucia di Lammermoor
(konzertant)
Frühlings Erwachen


Vogtlandtheater (Plauen):
zuletzt
Wunschkonzert/Warum läuft Herr R. Amok? (Staatsschauspiel Dresden)
Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
Radames/Harakiri
Marie! Romy! Petra!


Studiobühne Bayreuth:
zuletzt
Glückliche Tage
Die Quizkönigin
Die Blechtrommel
Das Original


Theater andernorts
zuletzt
Tristan bei den Bayreuther Festspielen
Amadeus
auf der Luisenburg
Trolle unter uns
auf der Luisenburg
Celine
im Selber Rosenthal-Theater


Konzert
zuletzt
Große Musik der Romantik beim Saisonstart der Hofer Symphoniker
Das Klavierduo Tal-Groethuysen in Bayreuths Markgräflichem Opernhaus
„Klassik am Eisteich" mit den Hofer Symphonikern unter Enrico Delamboye
„Himmlische Klänge":
Kammerkonzert mit Mitgliedern der Symphoniker in Hof


Film und Fernsehen
zuletzt
Tausend Zeilen
45. Grenzland-Filmtage in Selb
Tod auf dem Nil
Belfast


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
TBC in Kaiserhammer
Christian Auer
singt Georg Kreisler
Eisi Gulp
auf der Luisenburg
Bruno Jonas in Selb


Anderes
zuletzt
Fränkische Lichtmaler:
Große Fotokunst-Ausstellung in Hof
Die „Gruppe 47“: Auftakt im Allgäu, Finale in  der Fränkischen Schweiz
Bayreuths Wagner-Museum zeigt den Komponisten missbraucht und verkitscht
Bücher und Musik
über J. G. A. Wirth aus Hof, Flügel aus Bayreuth und anderes


Essay  
zuletzt
Symphonien des Grauens
125 Jahre „Dracula“ von Bram Stoker
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik


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Das neue Buch

VERPESTETE BÜCHER - Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.

Erhältlich in allen Buchhandlungen

Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Krise auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeit. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen ihr raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die greifbare Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

Weiterhin im Buchhandel erhältlich

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


Als zweite, durchgesehene Ausgabe
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.