Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell   

20. Mai, Kino
In seinem berühmten Film „Das Urteil von Nürnberg“ über einen fiktiven Prozess gegen Nazi-Hauptverbrecher setzte Regisseur Stanley Kramer 1961 ganz auf die archaische Konfrontations-Dramaturgie einer Gerichtsverhandlung. Jetzt, in Nürnberg, wird das erste jener Verfahren zur Bühne für das Psychoduell zwischen einem US-Psychiater und dem „Reichsfeldmarschall“ Hermann Göring. Dabei hat Rami Malik keine Chance gegen die Wucht Russel Crowes.



Eckpunkt 

Brief an die „Zeit“

Hof, im Mai 2026

Sehr geehrte Redaktion der Zeit,
seit Jahrzehnten begleitet mich Ihre geschätzte Zeitung, weil sie mich von Woche zu Woche gescheiter macht. Im Ressort „Wissen“ der Printausgabe vom 13. Mai stellt Ihr Artikel „Bildung? Wozu?“ gut begründet den konventionellen bürgerlichen Bildungsbegriff infrage; dazu bietet in Ihrem Online-Angebot der „Quiz-Champion“ Sebastian Klussmann einen „Bildungstest“ an. Ich habe vier Bücher mit Essays über kulturelle und kulturgeschichtliche Themen veröffentlicht, scheiterte aber bereits bei den ersten Fragen krachend. Das kann an meiner von mir überschätzten, offenbar unzureichenden Bildung liegen; vielleicht aber auch daran, dass die „22 Fragen“ Ihres Ratespiels nur selten Inhalte betreffen, die widerspruchslos als Teile von Bildung durchgehen. In puncto doppelte Vornamen bei Bundestagsmitgliedern zum Beispiel fällt die korrekte Antwort in jenen Bereich, den man landläufig als ‚unnötiges Wissen‘ ironisiert (wie es bisweilen in launigen Handbüchern gesammelt wird); und wer die Bevölkerungspyramide der Ukraine richtig zu benennen vermag, verfügt höchstwahrscheinlich über das Fachwissen von Spezialisten oder hat schlichtweg gut geraten. Schwer vorstellbar, dass sich die Redaktion eines der einflussreichsten Medien im deutschen Sprachraum nicht bewusst sein sollte, über welche definitorische Macht sie verfügt: Indem Sie bei der Unterscheidung grundverschiedener Erscheinungsformen von Wissen wenig trennscharf verfahren, tragen Sie dazu bei, dass sich in Bewusstsein und Sprachgebrauch der Menschen die Begriffe verwischen; nicht wenige Leserinnen und Leser halten dann vielleicht bereits für Bildungsgut, was einem zum Zeitvertreib ein Kreuzworträtsel abverlangt oder das beliebte Spiel „Trivial Pursuit“. Das räumt bereits mit seinem Titel ein, dass es ihm um eine „belanglose Jagd nach Allgemeinwissen“ geht. Umgekehrt wäre es angemessen, der lesenden Allgemeinheit zu vermitteln, dass niemand für ungebildet gelten sollte, nur weil ein um Ecken und Umwege ausgeklügelter Fragenkanon sie ratlos zurücklässt. Ihr „Test“ weckt noch nicht einmal die Neugier auf die Themen, aus denen Ihr „Champion“ Klussmann schöpfte. Viel Faktenwissen heißt nicht automatisch viel Weltwissen, wer viel weiß, versteht darum nicht automatisch viel. Ein Quiz bemisst den Pegelstand quantitativen, aufzählbaren Wissens. Um hingegen den Grad der Bildung zu erfassen, muss man qualitativ das Zurechtfinden in der Weite und Breite der Dinge ermitteln, ein nicht erstarrtes, aber strukturiertes Bescheid-Wissen über Ursachen und Wirkungen, Zustände und Zusammenhänge. Wer nach solcher Orientierung strebt, braucht Zeit, um aus Erfahrung klug zu werden, denn Bildung punktet nicht flott, sondern arbeitet sich suchend voran. So verstanden ist Bildung gerade das nicht, was beim Googeln oder nach dem Prompten im Chatbot aufblitzt; so verstanden, bezeichnet sie ein ‚nötiges Wissen‘ für ein konsistentes und dynamisches Bild von der Welt. Und das wiegt unendlich viel schwerer als noch die größte Summe kontextfrei abfragbarer Spitzfindigkeiten in einem Fragespiel. Ihre nächsten „22 Fragen“ stellt besser kein „Quiz-Champion“, sondern ein Zeitgenosse oder eine Zeitgenossin mit einem Hintergrund von Gelehrsamkeit und Intellektualität.
Freundlich grüßend:
Michael Thumser ■

Alle bisherigen Kolumnen in den
Eckpunkt-Archiven (siehe oben im Menü)


Rückblick   

15. Mai, Hof, Volkshochschule, Glashalle
Dirigentenwechsel beim Kammerchor Hof: Michael Konstantin übernahm das renommierte Ensemble im Herbst vergangenen Jahres von Wolfgang Weser, der es höchst verdienstvoll viele Jahre lang geleitet hat. Jetzt zeigte der doppelte Debütauftritt des Neuen, worin er andere Wege geht – und was er beibehält: Tonkultur, Klangbalance, Mut zum hohen Anspruch. Das Programm beschwor die vielfältige Power of Nature, zu der auch die Liebe gehört.

13. Mai, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Im Lauf zweier Wochen traten beim neunten Internationalen Violinwettbewerb Henri Marteau 91 junge Geigerinnen und Geiger gegeneinander an. Bei der abschließenden Gala nahmen fünf Gewinner und die Gesamtsiegerin ihre Preise entgegen. Durchweg phänomenal die Fähigkeiten der höchstens 23 Jahre alten Künstlerinnen und Künstler; der jüngste der Geehrten ist noch keine zwölf. Das Publikum staunte fassungslos. Aber auch Skepsis ist erlaubt.


Theater Hof

Schauspiel
zuletzt
Cluedo
Tannöd
Simpel
Verbrennungen


Musiktheater
zuletzt
Jekyll & Hyde
Die Geisterbraut
Die Bajadere
Monty Python’s Not the Messiah

Theater andernorts
zuletzt
Der große Gatsby in Bayreuth
Prima Facie
im Vogtlandtheaster
Die Meistersinger
in Bayreuth
Salome
im Vogtlandtheater


Konzert
zuletzt
Unter neuer Leitung: Der Kammerchor Hof beschwört die „Power of Nature“
Die jungen Besten: Bei der Marteau-Gala lassen phänomenale Talente staunen
Kulturforum Bayreuth: Junge Musiker in der vollkommen runderneuerten Stadthalle
Fantastische Symphonien: Albrecht Mayer als Oboensolist und Dirigent


Film
zuletzt
Nürnberg
49. Grenzland-Filmtage Selb/Aš
Wuthering Hights
Lolita lesen in Teheran


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Urban Priol pöbelt gegen alle und alles
Erwin Pelzig macht in ernsten Zeiten ernst
TBC macht lauter gute Vorschläge
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung


Anderes
zuletzt
„Offenohrigkeit“: Ullrich Fichtner erlebt in aller Welt die Macht der Musik
Holländerinnen: Dorothee Elmigers Tropen-Horror ist ein Meisterwerk
Buch & Musik: Biedermanns „Lázár“ ein Flop, Spohrs Kammermusik wunderbar
Der neue McEwan: Mit dem Top-Romancier auf der Suche nach einem verlorenen Gedicht


_____________________________________


Die Bücher

Zu beziehen überall im Buchhandel 
und bei vielen Online-Anbietern


SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 436 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.


KAISERS BART - (2022) Dreizehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 344 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18, als E-Book 9,99 Euro.
Auch Kaisers Bart kommt vor in diesem Buch, zum Beispiel der des mittelalterlichen Staufers Barbarossa. Wenn wir uns indes heute „um des Kaisers Bart streiten“, dann geraten wir nicht wegen einer royalen Haupt- und Staatsaktion, sondern um einer Bagatelle willen aneinander. Dem Gewicht nach irgendwo dazwischen halten sich die Themen der dreizehn Essays auf, die alle dem weiten Feld der Kulturgeschichte entsprossen sind. Umfassend recherchiert und elegant formuliert, erzählen sie über Bücher und Bärte, Genies und Scheusale, über selbstbestimmte Frauen, wegweisende Männer und Narren in mancherlei Gestalt, über Stern- wie Schmerzensstunden der Wort- und Tonkunst. Worüber berichtet wird, scheint teils schon reichlich lang vergangen – „sooo einen Bart“ hat aber nichts davon.



VERPESTETE BÜCHER - (2021) Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Pandemie auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeitet. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen deren raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

WIR SIND WIE STUNDEN - (2020) Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.
Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


DER HUNGERTURM - (2011/2020) Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.
Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.