Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Aktuell

8. Januar
Viele Sprachen der Welt sind vom Untergang bedroht: Davor warnen Experten bereits seit Jahren, doch taten sies noch nie so entschieden wie jetzt. Von 6511 Sprachen, die sie beobachteten, können 1500 bis zum Ende des Jahrhunderts verschwunden sein. Wo sich Idiome davonmachen, gehen Kulturen zugrunde. Hierzulande sterben Dialekte aus – und viele schöne alte Wörter fielen schon dem  Vergessen anheim.

 

Weitere Produktionen des Theaters Hof:
Die Ensembles des Hauses holen gegenwärtig und in den kommenden Wochen Vorstellungen von Produktionen nach, die während der ersten Hochphase der Corona-Pandemie zwar geprobt wurden, aber nur selten oder gar nicht öffentlich gezeigt werden konnten. Über sie hat ho-f bereits (in der Regel nach Besuch der Generalproben) berichtet. Sie finden die Rezensionen auf den jeweiligen Unterseiten Schauspiel und Musiktheater, wenn Sie nach unten scrollen. Auf dem PC können sie auch mit der Tastenkombination strg+f die Suchfunktion aktivieren, ins Suchfenster das Hauptwort des Stücktitels eintragen und die Eingabetaste drücken.

 


Eckpunkt
Chip mit Grütze

Von Curiander

8. Januar   Wenn die Älteren und Alten unter uns vor fünfzig Jahren „Pong“ lernen wollten, mussten sie sich nicht arg anstrengen. Den kurzen Namen trug das Spiel, weil es uns sozusagen höchstens halb so schwer fiel wie Pingpong, das dreidimensionale Tischtennis mit richtigem Ball und echten Schlägern. Ein „Pong“-Turnier hingegen wurde als Videospiel – des US-Herstellers Atari – ausgetragen, auf einem flachen, dunklen Bildschirm, den ein Lichtpunkt durchquerte, damit wir ihn mittels senkrechter Strichlein links und rechts abfingen und zurückschickten. Im Vergleich zu heutigen games nahm eine Partie nur Kleinstmengen unseres Hirnschmalzes in Anspruch: Etwa eine Million Neuronen genügten dafür, gerade mal ein Hunderttausendstel der Zellen in unserem Zerebrum. Herausgefunden haben dies jetzt Tüftlerinnen und Tüftler in Australien, die erforschen, wie sich technische Hardware und elektrophysikalische Vorgänge mit den Fähigkeiten unseres organischen Gripses verknüpfen lassen: Weltweit berichteten unlängst Medien (wie hierzulande der Focus), die Startup Cortical Labs seien einem biologischen Prozessor auf der Spur. Sehr vereinfacht gesagt, züchtete das Team auf dem Elektrodengewebe einer Platine eine kleine Gewebemenge aus Stammzellen des menschlichen Gehirns, setzte jene wet ware – nasse Sache – speziellen elektromagnetischen Signalen aus und registrierte antwortende Impulse aus dem Mikrochip. Und siehe da: Binnen fünf Minuten gelangte der Zellhaufen an ein Ziel, an dem eine zweckgleich eingesetzte Künstliche Intelligenz (KI) erst nach einer Stunde ankam – er konnte „Pong“ spielen. Mit solch spektakulären Experimenten einer biologisch basierten Informatik, wie sie auch in den Vereinigten Staaten und Europa unternommen werden, scheint ein Weg beschritten, der die KI weit hinausführt aus der Gebundenheit an Einsen und Nullen, hin zu Talenten, die vor Kurzem noch unserer naturgewollten Grütze vorbehalten schienen: zu freien Assoziationen, Geistesblitzen und Gedankensprüngen, Zukunftsplanung, Kreativität, den Fiktionen der Kunst … Wann spielt ein Computer? Bislang nur dann, wenn menschlicher Verstand ihn zu spielen heißt. Wie spielt er? Mit unmenschlicher Rechenleistung und widernatürlicher Geschwindigkeit. Bereits zum 25. Mal jährte sich 2021 der Tag, an dem ein Elektronengehirn erstmals gegen einen amtierenden Schachweltmeister triumphierte: Das Superhirn „Deep Blue“ von IBM bezwang 1996 Garri Kasparow in zwei von sechs Partien, indem es zweihundert Millionen mögliche Züge pro Sekunde durchrechnete; im Jahr darauf entschied es ein ganzes Turnier gegen den Russen für sich. Auch in Dame und Backgammon erweist sich KI dem humanen Köpfchen längst als überlegen. 2016 schließlich zwang sie eine Koryphäe des 2500 Jahre alten Brettspiels Go aus China in die Knie. Spiel, das deutsche Wort, kann viel bedeuten. Kleine Kinder spielen meist ungehindert, spontan und planlos. Andere Spiele folgen festen Regeln, deren Eindeutigkeit Computern einleuchtet. Zugleich verfolgt das Spiel an sich keine Zwecke außerhalb seiner selbst. Werden aber die auf Einsen und Nullen abonnierten Schaltkreise so viel Freiheit verkraften? Für fast jedes Spiel trifft zu, was Loriot in einem seiner Sketche ironisch darüber sagen lässt: Es ist „etwas Heiteres, es soll Freude machen“. Werden folglich digitale Endgeräte demnächst über Siege jubeln? Wird, während einer Arbeitspause, unser Laptop kraft eigener Entscheidung Bitcoins bei einem Glücksspiel setzen? Dürfen wir dem PC genug Charakter zutrauen, uns nicht zu verspotten, wenn wir unterliegen? Und wie sieht das Fäustchen aus, in das der Computer sich lacht?  ■

Frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

4 Januar, Hof, Theater, Großes Haus
Das Schauspiel-Ensemble setzt die erfolgreiche Reihe seiner szenischen Liederabende fort. In Walk on the wild Side lässt Intendant Reinhardt Friese sechs Alleinreisende in einem Zimmer des Moonlight Motels zusammentreffen. Alle haben ihr Päckchen zu tragen, was sie nicht am Singen hindert: Songs von Janis Joplin und den Stones, Cohen, Bowie und Dylan, Aretha Franklin und Tina Turner ...

 

 Theater Hof
Schauspiel
Walk on the wild Side
Es brennt Reis
Caligula
Endlose Aussicht
Prinz Friedrich von Homburg
Anna Viehmann
Schlafen Fische?

Der Sturm
Mutter Courage und ihre Kinder
Willkommen
Toulouse
Der Rest
Othello
Die Känguru-Chroniken
Florence Foster Jenkins
Kanzlist Krehler
Status quo
Goldszombies
Terezín

Musiktheater
Medea
Der Prozess
Chaplin (Ballett)
Der kleine Muck (Ballett)
Chicago
Wiener Blut
Hexen
The Cold Heart


Vogtlandtheater (Plauen):
Die vier fünf Jahreszeiten
Aus dem Nichts
Der zerbrochene Krug
RemIXed (Beethovens Neunte)
Woyzeck

Studiobühne Bayreuth:
Die Blechtrommel
Das Original
Vater
Die Zukunft war früher auch besser
Das Liebeskonzil


Konzert
zuletzt
Hofer Symphoniker: Beethovens „Pastorale“ mit Bildern
Hofer Symphoniker:
Die Geigerin Carolin Widmann und Musik aus England
Hofer Symphoniker: Matthias und Tillmann Höfs mit Wolf Kerscheks „Vier Elementen“
Hofer Symphoniker: William Youn mit Mozarts „Jeunehomme“-Konzert
... ...


Film und Fernsehen
zuletzt
55. Internationale Hofer Filmtage
James Bond 007: Keine Zeit zu sterben
Dune
The Father


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
La-Le-Lu in Helmbrechts
Lucy van Kuhl in Bad Steben


Anderes
zuletzt
Schwindender Überfluss:
Immer mehr Sprachen sind vom Aussterben bedroht
ho-f
anderwärts:
Zu Besuch in Berlins Neuer Nationalgalerie
Bücher & Musik:
Kurzrezensionen
Con gusto:
Dieter Richter über die Deutschen und die italienische Küche
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Essay  
zuletzt
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik
Verständige Weiber
Zum Internationalen Frauentag
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Das neue Buch ist da

VERPESTETE BÜCHER - Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.

Erhältlich in allen Buchhandlungen.

Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Krise auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeit. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen ihr raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die greifbare Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

Weiterhin
im Buchhandel erhältlich

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


Als zweite, durchgesehene Ausgabe
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren  fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.