28. April 2026 Unser Erwachsenenskelett besteht aus 206 Knochen. Das ist eine Menge. 22 davon entfallen auf unseren Schädel. Das ist nicht viel. Überhaupt ist bei manchen von uns seit Kindesbeinen eher wenig los im Kopf. Beschämend klein aber fängt der Schädel bei jedem und jeder an, und noch nicht einmal als Knochen: Kurz bevor wir vom Embryo zum Fötus wurden, also in der sechsten bis achten Schwangerschaftswoche, hat sich um unser „Neuralrohr“ im Kopfbereich, eine Vorstufe zum zentralen Nervensystem, lockeres Gewebe gelegt – ein knorpeliger Ring, der später zur Schädelbasis verknöchert. Mithin ist unser Haupt, auf dessen äußere Ansehnlichkeit und innere Kapazitäten wir doch große Stücke halten, anfangs nicht mehr als eine weiche, runde Masse; nichts daran verrät die spätere sphärische Behausung unserer Persönlichkeit, die am Ende wie durch ein Wunder (und es ist eins!) daraus geworden sein wird. Der Schädel schützt unser Gehirn, in ihm manifestieren sich symbolisch sowohl Geist und Erkenntnisstreben als auch das Bewusstsein unserer Sterblichkeit. Folglich repräsentiert er für die allermeisten Kulturen weit mehr als nur eines von vielen Gebeinen. Nun will die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin 574 Schädel aus Westafrika, die Mehrzahl von Menschen aus Kamerun, zurückgeben. Bis jetzt sind sie Teil einer Sammlung mit insgesamt 7700 Stücken, die 2011 von der Berliner Charité übernommen worden war. Ein fatales Erbe des Kolonialismus: Einst gehörten sie indigenen Arbeitern beim deutschen Eisenbahnbau oder stammen aus Nekropolen und von Schlachtfeldern, wenn nicht von Hinrichtungen. Bereits vor drei Jahren kehrten 1100 Schädel in die Länder des ehemaligen Deutsch-Ostafrika zurück, also nach Tanganjika, Ruanda, Burundi und Mosambik. Damals wie jetzt gingen der „verantwortungsvollen Rückführung“ umfängliche Untersuchungen zur Herkunft voraus. Und das ist gut so, setzt die Aktion doch ein Zeichen für die Würde des Todes, den Menschen erlitten, denen Deutsche einst die Würde des Lebens abgesprochen hatten. Ähnlich unseren allfälligen Schulter-, Knie- und Hüft-Beschwerden gemahnt uns die Rückgabe nebenbei daran, wie hoch wir die Komplexität unseres Stützgerüstes achten sollten, das wir oft genug als Klappergestell denunzieren. Den Schädel immerhin adelt unsere Umgangssprache zum Denkkasten. In ihm äußert sich das erwähnte Wunder auch durch mancherlei Merkwürdigkeiten. So rieselt im einen oder anderen Gehirn vielleicht der Kalk, gewiss aber lässt sich in jedem Schädel Sand finden – die Otolithen genannten Kalzit-Kristalle, die in unseren Gleichgewichtsorganen im Felsenbein auf empfindlichen Härchen tanzen und so gewährleisten, dass wir die Balance halten. Kurioser noch der Umstand, dass die stärkste Naht des Schädels eben dort verläuft, wo viele von uns schlimmer Kopfschmerz quält – entlang der sogenannten Kranznaht nämlich –, ohne dass zwischen beidem ein kausaler Zusammenhang bestünde. Oder die Muster in den Stirnhöhlen: Von Mensch zu Mensch sehen sie so einzigartig aus, dass sie wie Fingerabdrücke den Kriminalisten dabei helfen können, Leichen zu identifizieren. Von solchen Kopfhöhlen gibt es insgesamt acht. Der „Hohlkopf“ allerdings, Schimpfname für einen besonders hirnlosen Zeitgenossen, kommt in der Natur erst vor, wenn der Mensch sein Hirn los und der Totenschädel leer ist. ■
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Rückblick
15. April, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Knitterhemd und Haare, die zu Berge stehen und aussehen wie die Flusen aus dem Sieb des Wäschetrockners: Seit vierzig Jahren ist Urban Priol als ungebrochen rückhaltloser Pöbler des deutschen politischen Kabaretts unterwegs. Auch in seinem Programm „Im Fluss“ nimmt er kein Blatt vor den geistesblitzenden Mund, wenn er gegen Merz oder Trump austeilt. Immerhin hier und da kommt er zur Ruhe: Dann ist sogar Gelegenheit für leise Weisheiten.
14. April, Hof, Theater, Großes Haus
Wer wars? Whodunit? „Die Mörder sind unter uns“, orakelt eine Dame auf der Bühne, und der Plural könnte andeuten, dass „es“ vielleicht mehr als nur einer oder eine waren. Ralf Hocke, sonst vor allem Schauspieler, inszenierte die Krimikomödie Cluedo betont grafisch wie auf Witzzeichnungen als minuziös choreografiertes Ensemblestück. So wächst die Boulevardposse, trotz manchen Klamauks, über das Mittelmaß des Tür-auf-Tür-zu-Genres beträchtlich hinaus.
Theater Hof
Schauspiel
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Cluedo
Tannöd
Simpel
Verbrennungen
Musiktheater
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Die Geisterbraut
Die Bajadere
Monty Python’s Not the Messiah
Die Tagebücher von Adam und Eva
Theater andernorts
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Der große Gatsby in Bayreuth
Prima Facie im Vogtlandtheaster
Die Meistersinger in Bayreuth
Salome im Vogtlandtheater
Konzert
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Fantastische Symphonien: Albrecht Mayer als Oboensolist und Dirigent
Genuss und Reflexion: Romantische Musik aus Russland in Zeiten des Krieges
Größtenteils sonnig: Die Symphoniker in Selb mit entspannter Klassik und Romantik
Ein Saal außer Rand und Band: Das Hofer Publikum feiert den Pianisten Fabian Müller
Film
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49. Grenzland-Filmtage Selb/Aš
Wuthering Hights
Lolita lesen in Teheran
59. Internationale Hofer Filmtage
Kleinkunst, Kabarett, Comedy
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Urban Priol pöbelt gegen alle und alles
Erwin Pelzig macht in ernsten Zeiten ernst
TBC macht lauter gute Vorschläge
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung
Anderes
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„Offenohrigkeit“: Ullrich Fichtner erlebt in aller Welt die Macht der Musik
Holländerinnen: Dorothee Elmigers Tropen-Horror ist ein Meisterwerk
Buch & Musik: Biedermanns „Lázár“ ein Flop, Spohrs Kammermusik wunderbar
Der neue McEwan: Mit dem Top-Romancier auf der Suche nach einem verlorenen Gedicht
Die Bücher
Erhältlich im Buchhandel
und bei vielen Onlineanbietern
SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 436 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.