10. Oktober 2026 Wer sich an den Wasserschaden erinnert, der am 3. Februar 2022 das Theater Hof folgenreich durchtränkte, der kann sich vorstellen, was jüngst, am 29. September 2026, das Publikum in Barcelona empfand. Während des dritten Akts von Giuseppe Verdis „Aida“ begannen im Gran Teatre del Liceu unzählige Mobiltelefone urplötzlich Laut zu geben, panisch und im Chor. Vielhundertstimmig verbreiteten sie einen Alarm des Zivilschutzes, der vor Sturm und starkem Regen an der nahen Küste warnte. Dramaturgisch fügte sich die Flut der spanischen Signale stimmig in die Opernhandlung ein, die im Alten Ägypten spielt, am Nil, mithin an jenem Strom, der alljährlich zur fruchtbringenden Überschwemmung anschwillt. Katastrophal hingegen hätte sich die Gefahrenmeldung um ein Haar auf den Verlauf des Abends ausgewirkt. Denn Antonello Manacorda am Pult des Orchesters brach die Vorstellung erst einmal ab, Anna Netrebko in der Titelrolle musste verstummen. So illustriert das Geschehnis, auf welch dünnem Eis (um bei der Wassermetapher zu bleiben) so ein Musikdrama sich von der Ouvertüre bis zum Finale fortbewegt. Im Sommer vergangenen Jahres fand eine Bregenzer „Freischütz“-Aufführung wegen miserablen Wetters nicht auf der spektakulären Seebühne, sondern weitgehend im Saale statt. In der New York Met fiel im März 2024 die Bühnentechnik so vollständig aus, dass das Ensemble Giacomo Puccinis „Turandot“ nur singen, jedoch nicht spielen konnten. Das tiefste Wasser aber, worin Musikdramatik versinken kann, ist und bleibt der Mensch – das Publikum: zumal im neunzehnten Jahrhundert ein Meer eines mit Geld bezahlten und darum gesteuerten Wohlwollens oder Widerstands. Kaum mag man noch für möglich halten, dass am 20. Februar 1816 die Uraufführung des „Barbiers von Sevilla“, Gioacchino Rossinis populärster Oper, in Roms Teatro Argentina niedergebuht wurde und zum Komplettreinfall missriet. Am 17. Februar 1904 erlitt der erfolgverwöhnte Giacomo Puccini in der Mailänder Scala Ähnliches, als seine „Madame Butterfly“ an der Aggressivität eines Auditoriums scheiterte, das sich nicht scheute, neben den üblichen Missfallenskundgebungen auch höhnisch zu lachen und Tierstimmen zu imitieren. Neun Jahre später gehörten derlei Nachäffereien desgleichen zum vielleicht berühmtesten Skandal in der Geschichte des Musiktheaters, als am 29. Mai 1913 in Paris Igor Strawinskys Ballett „Le Sacre du Printemps“ in eine Saalschlacht abdriftete. Die wuchtig perkussive Rhythmik der dissonant rohen Musik, die mit allen Formen und Normen des klassischen Tanzes brach, dazu die Geschichte eines vorgeschichtlichen Menschen-, genauer: Mädchenopfers in Vaslav Nijinskys expressionistischer Choreografie für Sergej Djagilews „Ballets Russes“ – all das provozierte das Publikum von Anfang an. „Man lachte, höhnte, pfiff, ahmte Tiere nach", beschrieb Jean Cocteau den Abend im Théâtre des Champs-Elysées, „Ästheten und einige Musiker“ beleidigten die Zuschauenden in den Logen und griffen sie sogar tätlich an: Zwischen Verächtern und Verteidigern „entwickelte sich der Tumult zum Handgemenge“. Trotz des Protest-Tsunamis konnte das Stück bis an seinen Schluss gebracht werden, und auch jetzt, in Barcelona, durften Aida und Radames ihr tragisches Ende dann doch noch erleiden. Ungelöst bleibt allerdings die Frage, zu welchem Zweck die Leute wohl ihre Handys mit in die Vorstellung genommen hatten. ■
Rückblick
30. September, Hof. Freiheitshalle, Festsaal
Zwei Schlachtrösser des Repertoires standen beim ersten Hofer Saisonkonzert der Symphoniker auf dem Programm: das zweite Klavierkonzert von Brahms und die „Pathétique“ Tschaikowskys. Schon dieser Auftakt zur neuen Spielzeit - unterm Titel Lyrik und Leidenschaft - darf als einer ihrer Höhepunkte gelten. Als Solist gastierte Herbert Schuch erstmals in Hof. Ihn dürften erfahrene Musikfreunde aus Reinhold Mages’ Selber Reihe „Klassik in der Fabrik“ kennen.
26. September, Lichtenberg, Haus Marteau
Als lyrischer Tenor gehört er seit Langem international du den profiliertesten Vertretern seines Fachs: Christoph Prégardien, am Flügel souverän von Yaara Tal begleitet, stellte mit Liedern von Franz Schubert, Gustav Mahler und Franz Liszt drei unterschiedliche Wesensarten romantischen Kunstgesangs aufschlussreich nebeneinander. Das begeisterte Publikum erlebte im Urelement Wasser einen Lebenslauf, der zurück zur Quelle fand.
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Die Bücher
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SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 436 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.