Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

17. Mai, Plauen, Vogtlandtheater
Sechs Tage lang hatte das Theater Plauen-Zwickau das Sächsische Theatertreffen zu Gast. Mit einem Doppelprogramm nahm das Staatsschauspiel Dresden teil: Erst ein Fräulein, dann ein Versager suchen, in Enge gefangen, Erlösung im Freitod. Zwei tragikomische Dystopien des Kleinbürgertums: Man darf die beiden Randgestalten komisch finden, sollte sich aber schämen deswegen.


Eckpunkt
Die Erbsubstanz

Von Curiander

17. Mai   Manche sagen, so gut wie Luigi Miraglia spreche niemand sonst auf der Welt Latein. Nicht nur, dass der 56-Jährige vom Blatt weg Texte aus dem alten Rom lesen und verstehen kann; er vermag in der vermeintlich „toten“ Sprache des Imperiums lebendig zu parlieren. In Frascati bei Rom leitet er die Accademia Vivarium Novum, wo allsommerlich Menschen aller Altersgruppen täglich bis zu zwölf Stunden lang die Schulbank drücken, um es ähnlich weit zu bringen. „In zwei Monaten“, versicherte Miraglia der dpa, „lernt man hier mehr als in fünf Jahren auf der Schule.“ Dort indes, an den Gymnasien hierzulande, gilt Latein oft als Problemfach – dabei rangiert es nach Englisch und Französisch auf Platz drei der am meisten gewählten Fremdsprachen. Was jetzt also: „Tot oder lebendig!?“ So heißt eine am Freitag eröffnete Ausstellung, die bis zum 8. Januar im mittelalterlichen Kloster Dalheim bei Lichtenau im Kreis Paderborn den durch 2100 Jahre schwankenden, nie aber gegen Null gehenden Stellenwert der „Muttersprache Europas“ bemisst. Flüssig dahingeplaudertes Latein mag heute – wie Esparanto – als elitäre Geheimniskrämerei von Sprachverliebten gelten; und doch rettete sich die alte Sprache in mancherlei Gestalt bis in die Gegenwart. Dennoch rät Jürgen Gerhards, Soziologie-Professor in Berlin, davon ab, Kinder Latein lernen zu lassen. Zwar brachte es der Experte selbst bis zum großen Latinum. Doch davon ausgehend, „dass Lernzeit eine begrenzte Ressource“ sei, und angesichts der fortschreitenden Globalisierung sollten junge Menschen besser durch Englisch, Französisch, Spanisch ihre künftige Kommunikationsfähigkeit erweitern. Liebgewonnene „Sekundärfunktionen“ würden überschätzt: Der Forschungsstand zeige, dass an ihnen nichts dran sei. Gerade auf sie aber verweisen die Befürworter des Lateins, die in ihm sozusagen die Erbsubstanz der europäischen Kultur erkennen. Mit Blick auf seine geradezu modellhaft klare Architektur verweisen sie auf die Förderung des logischen Denkens, auf ein generell tieferes Verständnis für grammatikalische Zusammenhänge, auf Erleichterungen beim Erwerb anderer, namentlich romanischer Fremdsprachen. Und sie sind überzeugt: Wer in die alte Sprache und ihre Literatur eintauche, gehe in der Gegenwart mit vielen Fremdwörtern problemlos um und entwickle von Jugend auf ein Gefühl für Sprache ‚an sich‘ wie für etliche Sprachen des Kontinents; früh eigne er sich Methoden strukturierten Lernens an und erhöhe die eigene „Lesekompetenz“, die allgemein seit Jahren bedenklich sinkt; zudem erarbeite er sich einen Direktzugang zu Geschichte und Charakter des ausgedehnten christlich-abendländischen Kulturkreises. In dem diente Latein einst als Identität stiftendes Leitmedium und verbindende Verkehrssprache. Letzteres hat sich, zugegebenermaßen, sogar im Vatikan geändert. Dennoch werden nach wie vor sämtliche päpstliche Urkunden und Verlautbarungen auf Latein publiziert – wo doch die Welt heute voller Dinge steckt, von denen die alten Römer keine Ahnung haben konnten. Um diesem Manko abzuhelfen, erstellt die päpstliche Lateinakademie das „Lexico recentis Latinitatis“ mit über 15.000 gegenwartstauglichen Neologismen: „neapolitarum latronum grex“ für die „Räuberbande“ der Camorra, „acetaria aringorum“ für den Heringssalat, und (weniger überraschend) „praeservativum“ für das Kondom. ■

Alle frühere Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

14. Mai, Selb, Rosenthal-Theater
Zu den altgedienten und in allen satirischen Ehren ergrauten Vertretern des bayerischen Kabaretts gehört Bruno Jonas. In seinem Programm „Meine Rede“ tritt er wie ein Präsident oder Erweckungsprediger ans Rednerpult, um vor einem hundertköpfigen Publikum mit der Sehnsucht nach einem „Gemocht, geliebt, gelikt“-Konsens und der allseitigen „Stand-by-Empörung“ abzurechnen.
 


Theater Hof

Schauspiel
zuletzt
Richard der Dritte
White Power Barbies
Es brennt Reis
Caligula

Musiktheater
zuletzt
María de Buenos Aires
Walk on the wild Side
Medea
Der Prozess


Vogtlandtheater (Plauen):
zuletzt
Wunschkonzert/Warum läuft Herr R. Amok? (Staatsschauspiel Dresden)
Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
Radames/Harakiri
Marie! Romy! Petra!


Studiobühne Bayreuth:
zuletzt
Glückliche Tage
Die Quizkönigin
Die Blechtrommel
Das Original


Theater andernorts
zuletzt
Celine in Selb
Danner
von Roland Spranger in Hof
Die Mobilés mit „Moving Shadows“ beim Forum Naila
Die Falle
in Selb



Konzert
zuletzt
Händels „Messias“ in Oberkotzau
St.-Michaelis-Kantorei Hof
mit Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem
Hofer Symphoniker
mit Per Arne Glorvigen, einem Weltmeister des Bandoneons
Friedenskonzert
in Hof


Film und Fernsehen
zuletzt
45. Grenzland-Filmtage in Selb
Tod auf dem Nil
Belfast
Wunderschön


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Bruno Jonas in Selb
Willy Astor in Hof
Chris Boettcher in Selb
Yann Yuro beim Forum Naila


Anderes
zuletzt
Es hat Wellen geschlagen:
Gedenken an Sophie Scholl und die „Weiße Rose“
Bittersüße Mandeln:
Hanna von Feilitzsch las aus ihrem Roman
Nacht am helllichten Tag: Gedichte und Orgelmusik „Aus der Tiefe“
Schwindender Überfluss: Immer mehr Sprachen sind vom Aussterben bedroht


Essay  
zuletzt
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik
Verständige Weiber
Zum Internationalen Frauentag

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Das neue Buch

VERPESTETE BÜCHER - Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.

Erhältlich in allen Buchhandlungen.

Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Krise auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeit. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen ihr raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die greifbare Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

Weiterhin
im Buchhandel erhältlich

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


Als zweite, durchgesehene Ausgabe
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.