Hochfranken-Feuilleton
Alles ist erlaubt, nur keine Langeweile.  (Voltaire)

Aus dem Hangar nach Hangelar?

1977 wurde die „Landshut“ zum Symbol für den eskalierenden RAF-Terrorismus. Seit einigen Wochen durchkreuzen Überlegungen einander, wie sich mit der abgewrackten Passagiermaschine ein Erinnerungsort gestalten lässt, der an den „Deutschen Herbst“ gemahnt.

86 Menschen, die meisten auf dem Weg in den Urlaub auf Mallorca: Mit einer Flugzeugentführung wollten vier Palästinenser 1977 die im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim inhaftierte Spitze der Rote-Armee-Fraktion freipressen. (Symbolfoto: Pixabay)

Von Michael Thumser

24. Dezember – Wie hängt was zusammen? Wie weit reicht die Vereinbarkeit des Unvereinbaren? Was, zum Beispiel, hat Landshut mit Ludwigshafen zu tun? Was der Bodensee von heute mit dem Terror der Siebzigerjahre? Oder ein Flugzeug der Lufthansa mit einer russischen Antonow? Oder Monika Grütters mit dem Namen Dornier? Für jede dieser wirren Fragen gibt es eine Antwort: Für alle zusammen gibt es eine Antwort.

     Um auf sie zu stoßen, braucht man nur ein wenig in die jüngere deutsche Geschichte zurückzuschauen. Am Beispiel des Streits um ein geplantes Museum für die Lufthansa-Maschine „Landshut“ und einen Erinnerungsort für den „Deutschen Herbst“ 1977 kann man obendrein lernen, was aus öffentlichem Gedenken wird – oder nicht wird –, wenn viele Köche in ein und demselben Brei herumrühren und sich obendrein die Obrigkeit einmischt.

     Für die Rückschau sollte der Blick genau fünfzig Jahre weit reichen. Damals, 1970, schlug allgemein anerkannt die „Geburtsstunde“ der linksextremistischen Rote-Armee-Fraktion (RAF), als Horst Mahler und Ulrike Meinhof, unter anderen von Gudrun Ensslin unterstützt, am 14. Mai den verurteilten Kaufhausbrandstifter Andreas Baader befreiten. Der saß in Berlin-Tegel ein, hatte aber das Gefängnis verlassen dürfen, weil ihm gestattet worden war, zusammen mit dem Rechtsanwalt Mahler und der Journalistin Meinhof im Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen an den Quellen für ein geplantes Buch zu arbeiten. In Wirklichkeit wurde hier Baaders akribisch vorbereitete Flucht ins Werk gesetzt, nach der Sprengstoffanschläge und Überfälle auf Banken in Serie gingen.

"Mahnmal des Terrors"

Gut sieben Jahre später, nach den Morden an Siegfried Buback und Jürgen Ponto, erreichten die immer brutaleren Verbrechen der RAF ihren Gipfel: mit dem Kidnapping des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer; mit der Entführung der „Landshut“, eines mit 86 Menschen besetzten, Richtung Mallorca gestarteten Passagierflugzeugs der Lufthansa, durch vier Palästinenser; mit der Ermordung des 37-jährigen Piloten Jürgen Schumann im südjemenitischen Aden; und dem Irrflug der Maschine bis nach Mogadischu, der Hauptstadt des ostafrikanischen Somalia. Dem Grauen setzte dort nach fünf Tagen die GSG 9 ein Ende, eine auf Terrorbekämpfung spezialisierte Elite-Einheit des damaligen Bundesgrenzschutzes. Zwar überlebten alle Geiseln, wenn auch traumatisiert, den Befreiungsschlag. Aber danach richteten die Entführer Schleyers ihren Gefangenen hin; Baader, Ensslin und Jan-Carl Raspe nahmen sich in Stuttgart-Stammheim das Leben.

     Der dortige Hochsicherheitstrakt könnte sich dem kollektiven Gedächtnis als vorrangiger Erinnerungsort für den „Deutschen Herbst“ empfehlen; nur kann es natürlich nicht infrage kommen, eine Justizvollzugsanstalt in Betrieb der Öffentlichkeit zu öffnen. Darum verfiel die Bundesregierung in Person des damaligen Außenministers Siegmar Gabriel von der SPD auf den weit weniger abwegigen Einfall, das Wrack der „Landshut“ dafür zu nutzen. Die Maschine schien, nachdem sie noch in den Achtzigern regulär geflogen war, ihre letzte Ruhestätte auf einem Flugzeugfriedhof in Brasilien gefunden zu haben. Von dort aber ließ Gabriel, angespornt von David Dornier aus dem berühmten Flugzeugbauer-Clan, sie im September 2017, vierzig Jahre nach dem historischen Horrorflug, in einer russischen Antonow nach Deutschland zurückbringen. In Friedrichshafen, wo sie ursprünglich vor dem Museum der Dornier-Stiftung für Luft- und Raumfahrt als „Mahnmal des Terrors“ aufgestellt werden sollte, bereiteten ihr Offizielle und Schaulustige einen großen Bahnhof. Dann aber verschwand die „Landshut“ doch unsichtbar in einem Hangar – um vor sich hin zu verrotten, drei Jahre lang. Bis jetzt. Oder doch noch länger?

     Im Jahr fünfzig nach der „Geburt“ der RAF rückt die „Landshut“ wieder in den Fokus des allgemeinen Interesses. Fünfzehn Millionen Euro – aufzubringen aus Mitteln des Bundesinnenministeriums – bewilligte der Haushaltsausschuss des Bundestags vor wenigen Wochen für die Errichtung einer Dauerausstellung unter Federführung der Bundeszentrale für politische Bildung. In der Standortfrage entschieden sich die Abgeordneten für Friedrichshafen. Wirklich steht die Stadt am Bodensee mit dem Bau von Flugzeugen seit 120 Jahren aufs Engste in Berührung, wenn auch von solchen anderer Art: Hier montierte der Pionier Ferdinand von Zeppelin die riesigen Luftschiffe, die seinen Namen in den Himmel trugen.

"Eine bizarre Idee"

Indes wird Widerspruch laut, und gleich von zwei Seiten. Oberbürgermeister, Stadtrat und Bevölkerung, so heißt es direkt aus Friedrichshafen, sähen einem Erinnerungsort „Landshut“ bei sich mit Missbehagen entgegen, denn die Maschine und all die schlimmen Vorkommnisse, für die sie stehe, hätten mit den hehren Luftfahrt-Traditionen der Kommune nichts zu tun. Auch lässt sich für fünfzehn Millionen vielleicht (vielleicht!) eine Gedenkstätte errichten; für alle Folgekosten – von jährlich 300 000 Euro ist die Rede – müsste die Stadt aber selbst aufkommen.

     In diese Kerbe schlägt, zum andern, Monika Grütters. Die Kulturstaatsministerin vermutet (wie sie betont: zusammen mit dem Rest der Bundesregierung), dass die Friedrichshafener die fortlaufende Finanzierung des Projekts nicht würden „stemmen“ können, und nannte die Idee im Magazin Der Spiegel drastisch „bizarr“. Zwar bot David Dornier, Enkel des Ingenieurs und Unternehmensgründers, an, die „Landshut“ auf einem von ihm zur Verfügung gestellten Grundstück und unterm Dach einer dafür zu gründenden Stiftung auszustellen; dieser Anregung aber unterstellt Grütters einen Mangel an Substanz. Also schlug und schlägt sie andere Schauplätze vor: so Berlins einstigen Flughafen Tempelhof oder den ehemaligen Flugplatz Gatow, wo die Bundeswehr ihr Militärhistorisches Museum unterhält.

     Oder: Hangelar bei Bonn. Mit seinem alten Militär- und einem großen Segelflugplatz kann auch jener dörfliche Ortsteil des nordrhein-westfälischen Sankt Augustin auf einschlägige Traditionen verweisen; vor neunzig Jahren sahen hier sogar einmal sage und schreibe 120 000 Menschen der Landung eines Zeppelins zu. Vor allem aber sitzt hier die GSG 9, deren Kämpen, 1977 von Ulrich Wegener geführt, als „Helden von Mogadischu“ in die deutsche Geschichte eingingen. Störend nur, dass der in Aussicht gestellte Fünfzehn-Millionen-Etat ausdrücklich an Friedrichshafen gebunden ist; eine Umwidmung müsste bei künftigen Haushaltsberatungen beschlossen werden, zu denen es erst nach der Bundestagswahl kommen wird,und die ist auf den 26. September kommenden Jahres terminiert. Bis da ists lang hin.

Ein "würdiger Ausstellungsort" - nur wo?

Noch kniffliger werden die Denkspiele, sobald die Besitzverhältnisse in Betracht kommen. Das Wrack der „Landshut“ gehört dem Außenministerium. Das allerdings hält sich – wie auch das Innenresort – mit Auskünften zur Sachlage bedeckt und lässt lieber Geschwurbel ab: Der Südkurier aus der Bodensee-Stadt Konstanz zitiert das Auswärtige Amt mit der Einlassung, man sehe „in den verschiedenen Vorschlägen aus Verwaltung, Parlament und Gesellschaft ein Zeichen von gelebter Demokratie. Die Vielfalt an Ideen und die offene Diskussion darüber kommt dem Ziel zugute, einen würdigen Ausstellungsort für die ‚Landshut‘ zu finden.“ Um ans besagte „Ziel“ zu gelangen, helfen fromme Sprüche freilich wenig. Von dieser Seite ist bei der Suche nach einem „würdigen Ausstellungsort“ mithin wenig zu erwarten. Und ebenso wenig seitens des Dornier-Museums: Vor einigen Monaten hat Claude Dornier desse Leitung im Streit niedergelegt; die neue Führung ließ unlängst wissen: Man hält sich raus.

     Bizarr – das Wort mag manchem Beobachter der Verwirrung erst recht auf der Zunge liegen, wenn er die Möglichkeit einer „dezentralen Lösung“ erwägt. Aus Monika Grütters Umfeld heißt es nämlich, auch die Ausstellung von Einzelteilen des Flugzeugs an unterschiedlichen Orten gelte durchaus als Option. Das freilich hieße, an der ausgemusterten Maschine nachträglich zu vollziehen, was 1977 sowohl die Entführer wie die GSG 9 vermieden: ihre Vernichtung. Mit der alten „Landshut“ würde auch der Erinnerungsort „Landshut“ buchstäblich in Trümmer geschlagen: in nichtssagende Erinnerungsbrocken. Eine Tragfläche hier, ein Teil des Fahrwerks da oder das Heck dort wäre, für sich genommen, nur das, wonach es aussähe: Schrott; und der hätte ruhig weiter in Brasilien vergammeln können. Denn wer wollte beim Anblick eines solchen Fragments wirklich das Ganze imaginieren: die Form des Flugzeugs, den Passagier-Raum und seinen Inhalt – das Ausmaß 86-fachen, fünf Tage währenden Leids? Jene Variante passt nicht unter einen Hut mit dem, was der prominente Kulturwissenschaftler Jan Assmann unter Erinnerungsorten verstand: nämlich „Fixpunkte“ aus der Vergangenheit, „die im kulturellen Gedächtnis zu symbolischen Figuren gerinnen“. Ein Triebwerk, eine Tragfläche allein geränne zu nichts.

     Die „Landshut“ aber symbolisiert durchaus etwas – und vereint sich in einem gewichtigen Ganzen ihrerseits als Teil mit vielen anderen Teilen: mit dem Bodensee und der Antonow, mit Bundespolitikern und toten Terroristen … Nicht alles, aber überraschend vieles hängt irgendwie zusammen. Darum sollte man auch die „Landshut“ im Stück belassen.




Gesellschaft gestalten

Hier geht es um Kunst, der es um demokratische Freiheiten geht: „Hof Kunst & Kultur“ stellt online die lokale Off-Szene vor und erzählt, wo und wie die Kreativen arbeiten.

Die ehemalige Bayerische Wollfilzfabrik in Hof-Moschendorf: Rock und Party in einer Sommernacht. (Fotos: Frank Wunderatsch)

Von Michael Thumser

19. Dezember – Auf dem Bildschirm, gleich zu Beginn des Trailers, taucht kurz Alexander Kaiser aus den Tiefen seines Kunstkaufhauses auf, um ein Fenster zu öffnen. Ein alltäglicher Vorgang; hier allerdings wird fast eine symbolische Handlung daraus. Denn mit dem Fenster öffnet der emsige Wirt, der in der Hofer Königstraße während seuchenfreier Zeiten Protagonisten und Repräsentantinnen der lokalen Off-Kultur zu präsentieren pflegt, den Blick in ein ehrgeiziges Onlineprojekt: „Hof Kunst & Kultur“ führt vor, wie hierorts Künstlerinnen und Künstler mit ihren besonderen Gaben „Gesellschaft gestalten“. Kurz nach Kaisers Auftritt bekräftigt sein Kollege Michael Böhm hinterm Tresen des Galeriehauses: „Für eine Stadt mit knapp 50 000 Einwohnern haben wir ein Kulturangebot, das seinesgleichen sucht.“

    Auf zwei Wegen gelangt man am Bildschirm oder Display zum Ziel: direkt über die Web-Adresse www.hof-kunst-kultur.de; oder, kaum weniger umweglos, über www.kulturfilz.de. Aber wie das: Filz? So nennt man doch ein heimliches Bündnis korrupter Menschen, die sich gegenseitig Vorteile zuschanzen? „Hof Kunst & Kultur“ will freilich genau das Gegenteil: transparente Einblicke in die freie lokale Szene und neue Einsichten über sie bieten. Das fatale Wort rührt vom Verein „Kulturzentrum Hof – Alte Filzfabrik“ um den Vorsitzenden Manuel Hoffmann her, unter dessen Dach das Projekt angesiedelt ist. Den Standort beschreibt die Website des Vereins als „Anlaufstelle für die regionale Jugend- und Subkultur“. In der ehemaligen Bayerischen Wollfilzfabrik im Ortsteil Moschendorf hat er sich eine Bleibe eingerichtet und bietet Bands und anderen Kreativen kostengünstige Probe- und Veranstaltungsräume.

Synergie von Hoch- und Subkultur

Indes: Proben? Veranstaltungen? Alle Live-Aktivitäten bremste das Coronavirus auch hier gründlich aus. Der Verein kümmert sich derweil virtuell um die Szene. Die Feder bei „Hof Kunst & Kultur“ führen Fabian Riemen und Frank Wunderatsch. Der eine verbrachte seine Jugend in Regnitzlosau und Hof und arbeitet jetzt als Schauspieler, Produzent und Autor; der andere, aufgewachsen in Helmbrechts und Hof, ist Fotograf, Licht- und Produktdesigner. Gemeinsam entwickelten sie „eine Plattform, auf der die Vielfalt und die gesellschaftliche Rolle der Hofer Kunst- und Kulturlandschaft abgebildet wird“, wie sie mitteilen. Als Unterstützer gewannen sie die Stadt und deren Kulturamtsleiter Peter Nürmberger, das Programm „Demokratie leben!“ des Bundesinnenministeriums sowie den Lions- und den Soroptimist-Club. Der Kreis der Förderer passt mit seiner uneinheitlichen Zusammensetzung ins Konzept: In Hof, loben Riemen und Wunderatsch, habe sich eine Landschaft entwickelt, in der Hoch- und Subkultur „sich gegenseitig antworten und synergetisch wirken“.

Roland Spranger, Roman- und Bühnenautor: "Ich hab keinen Bock, mich Konventionen zu beugen."

    Im Zustand der Kultur, in ihren Spielarten erkennen sie ein „Spiegelbild der Gesellschaft“ und in der Widersprüchlichkeit der Kunstformen und -produktionen ein „Grundelement“ der Demokratie. Das Wesen und die Buntheit der Szene abseits der klassischen Einrichtungen, ihre Einbettung ins Zusammenleben der Menschen in Stadt und Land - all das dokumentieren die beiden nicht trocken durch graues Theoretisieren. Sie fassen Menschen ins Auge, die der Off-Kultur ein Forum bieten, so wie die Herren Kaiser und Böhm das schätzenswert tun. Und sie fragen an jedem Freitag bei einer anderen Künstlerin, einem anderen Künstler der Hoch- oder der Subkulzut nach, warum, wie und wo sie Musik machen oder malen, spielen oder schreiben. Fotos, Texte und, am anschaulichsten, professionell hergestellte filmische Porträts stellen Kreative aus beiden Bereichen vor, die darin ausführlich zu Wort kommen und zugleich in die Räume einladen, in denen sie schaffen.

     Einer von ihnen ist Roland Spranger, arrivierter Hofer Roman- und Theaterautor. Ein bekennend freier Künstler: „Ich hab keinen Bock, mich Konventionen zu beugen“, gibt er, vor vielen Büchern sitzend und von Büchern umgeben, frisch von der Leber weg zu. Beim Schreiben denke er darum wenig an den Leser seiner Prosa, die Zuschauerin eines seiner Stücke, sondern „eher an mich“. Denn „das Relevanteste an einem Text ist, wie viel Freude man selbst daran hat“. Der Erfolg gibt ihm Recht: Ein stattliches Häuflein seiner Romane liegt auf dem Tisch des Arbeitszimmers, und am PC sieht man ihn an einem neuen, „Tiefenscharf“, tüfteln. Das Theater Hof wird, irgendwann ‚nach Corona‘, ein weiteres Bühnenwerk uraufführen.

Kunst bietet Freiheit

Texte mit „Haltung“ will Spranger kreieren, denn Kunst trägt der liberalen Gesellschaft bei. „Totalitäre Systeme“, sagte er leger, aber ernst, „fürchten die Kunst, weil sie Freiheit bietet und Menschen, die nur schwach zu vernehmen sind, eine Stimme gibt.“ An der freien Szene in Hof schätzt Spranger, dass niemand gegen den anderen konkurriere: Hier gebe es keine „Gegenströmungen“, sondern ein Nebeneinander und Sichberühren des „Heterogenen“.

Mine Gümüştekin-Jaballah, Malerin: "Das Wasser der Saale ist schöner als Edelsteine."

     Jene Vielseitigkeit drückt die Malerin Mine Gümüştekin-Jaballah schon durch den Hidschab aus, das traditionelle Kopftuch, das Haar, Hals und Schultern der Muslima bedeckt. Freundlich in sich ruhend zwischen Wänden voller „Wasserbildern“, erzählt sie, dass sie auch Bäume oder eine Straße mit Autos male. Aber das Sujet ihrer Wahl ist das Flüssige, sanft gewellt oder sprudelnd oder schäumend, blau oder grau, funkelnd wie von Sternen oder ausgebreitet unter einem Wolkenhimmel in flammendem Orange. Das Wasser der Saale, schwärmt sie, sei „schöner als Edelsteine“, und um zu zeigen, wie sie es zum Glänzen bringt, öffnet sie eine Truhe voller Malutensilien, Farbdosen und -tuben.

     Kunst, sagt Gümüştekin-Jaballah, bedeute Freiheit, brauche Freiheit und gebe Freiheit. Und die ist ein Menschenrecht. Ist Kunst auch eins? Jedenfalls ist sie für die Künstlerin nichts Elitäres: „Ich glaube nicht, dass Kunst Talent braucht“, lautet ihre überraschend steile These, „Kunst kann jeder schaffen.“ Sie selbst hat unzweifelhaft Talent und schafft damit Tag für Tag. Sie sagt auch: „Kunst ist das Schöne im Leben“, und man „findet sie überall“; gerade in Hof, wie sie erfahren hat, wenn auch verzögert. In Braunschweig aufgewachsen, hielt sie zunächst nicht viel von der Stadt an der edelsteinernen Saale. Längst aber weiß sie: „Hof ist einfach anders, sehr bunt. Es könnte ein kleiner Teil von Berlin sein.“

     Alexander Kaiser, Hausherr im Kunstkaufhaus, sieht das ganz ähnlich, nur sagt ers im Filmtrailer unverblümter: „Hof war kulturell schon immer geil.“




Der Titan in der Krise

Am Donnerstag jährt sich zum 250. Mal der Tauftag Ludwig van Beethovens. Für ein richtiges „Beethovenjahr“ hat es 2020 nicht gereicht – das Corona-Virus war dagegen. Deshalb soll die Feierei 250 Tage länger dauern.

Vom 17. Mai bis zum 2. Juni vergangenen Jahres versammelte der renommierte Konzeptkünstler Ottmar Hörl 700 Kunststofffigurinen des jungen Beethoven auf dem Münsterplatz vor Bonns Alter Post. Die Bürgeraktion "Unser Ludwig" verwies dabei auf den unerwarteten Gesichtsausdruck des Komponisten: "Anders als sonst wurde der berühmteste Sohn der Stadt als junger und lächelnder Ludwig dargestellt." (Foto: Valdas Miskinis/Pixabay)

Von Michael Thumser

12. Dezember – Was wurde eigentlich aus dem „Beethovenjahr“ 2020?

     Bei einer Auktion in Dallas hat vor wenigen Wochen ein Brief 275 000 Dollar eingebracht. Das Stück Papier, zerknittert und vergilbt, teilt nur Gleichgültiges mit; aber es besitzt den einträglichen Vorzug, von der Hand Ludwig van Beethovens zu stammen. Die Kaufsumme – vier Mal höher als vom Versteigerer erwartet – belegt: Der vielberufene „Titan“ der Tonkunst ist und bleibt was wert, zumindest sofern er in Reliquien greifbar ist. Aber darf auch die klassische Musik, die nach Meinung vieler in seinem Schaffen gipfelt, weiterhin mit solcher Geltung rechnen – wo sie Corona-halber doch nicht mehr live erklingt, wer weiß, wie lange noch?

     Am 24. April wollte die Bundesregierung ein „Zeichen der Hoffnung“ setzen, wie sie in der Republik zurzeit wohl jedermann und jede Frau und jede Branche, die Kultur zumal, gut brauchen kann. Als die Corona-Krise sozusagen noch in den Kinderschuhen steckte, kam Kulturstaatsministerin Monika Grütters auf eine Entscheidung der Beethoven-Jubiläums-GmbH zu sprechen; deren Aufsichtsrat hatte angekündigt, das Festprogramm über das runde Geburtsjahr des Meisters hinaus weit ins nächste Jahr hinein zu verlängern. Grütters nahm die Mitteilung freudig auf: „Damit können die abgesagten Veranstaltungen nun verschoben und bis zum Sommer 2021 durchgeführt werden.“ Für die öffentlichen Huldigungen habe der Bund insgesamt 27 Millionen Euro vorgesehen, und die stünden weiter bereit.

     Acht Monate liegt die Frohbotschaft zurück und stammt mithin aus einer Seuchenphase, als der (erste) lockdown zwar für eine harte, wahrscheinlich aber singuläre Zwangsmaßnahme galt. Seinerzeit bestand noch Aussicht, aus dem kommenden Donnerstag, dem 17. Dezember, an dem sich der Tauftag des Bonner Erz-Klassikers zum 250. Mal jährt, „nicht das Finale, aber den Höhepunkt der Feierlichkeiten“ zu machen. Malte Boecker, Direktor des Bonner Beethoven-Hauses und dort Direktor auch der – vom Bund mit der landesweiten Koordination des Jubeljahrs beauftragten – „BTHVN“-GmbH, hatte noch im Juli das vorgeblich Covid-19-freie 2021 guten Glaubens als „sichere Bank“ für Veranstalter ausgegeben. Mittlerweile sind alle Termine im Veranstaltungskalender unter der Dachmarke „BTHVN2020“ gestrichen, und es scheint, allen aufkeimenden Impfprogrammen zum Trotz, so gut wie ausgeschlossen, dass der zweite lockdown mit dem 10. Januar enden könnte, wie zunächst erhofft; im Gegenteil: Gut möglich, dass er sich 2021 noch weiter verschärft. Folglich steht in den Sternen, ob Theater und Kleinkunstbühnen, Konzertsäle und Museen bis zum Sommer wenigstens einigermaßen wieder in die Gänge kommen.

Grütters: Beethovens Musik steht für die Hoffnung

An guten Ideen mangelts indes nicht; auch nicht am guten Willen der zurzeit teils heftig gescholtenen Politik. „Wir feiern“, hatte Grütters bekräftigt, „Beethovens 250. Geburtstag 250 Tage länger.“ So einfach sah das damals aus. Darum also: „Mir ist es wichtig, in dieser beispiellosen Krise für das Publikum und die beteiligten Künstlerinnen und Künstler ein Zeichen der Hoffnung zu setzen, für die auch die Musik Beethovens steht.“

     Nun aber hat sich die Krise verschärft und verdoppelt, nicht die Hoffnung. Schwindet da, mit ihr, die Freude nicht auch? Als die Pandemie noch jung war, glaubten viele, ihr mit loyalem Bürgersinn, mit unverdrossen guter Laune und Galgenhumor trotzen zu können. Landauf, landab schlossen sich über soziale Netzwerke Berufs- und Amateurmusiker in Beethovens Geist zusammen und verabredeten, zu festen Zeiten aus Fenstern und von Balkonen herab die „Ode an die Freude“ aus der neunten Symphonie des „Titans“ vokal und instrumental zu schmettern. Vorangegangen waren ihnen die sprichwörtlich musikliebenden und von Covid-19 besonders heftig heimgesuchten Italiener mit der Aktion „Zeigt euch am Fenster“: Dem mit dieser Devise überschriebenen „Flashmob sonoro“ schloss sich in Rom auch Bürgermeisterin Virginia Raggi an, die ihre Landsleute mit Worten ermutigte, wie sie Angela Merkel vor fünf Jahren während der „Flüchtlingskrise“ sehr ähnlich an die Deutschen richtete: „Zusammen schaffen wir das.“ Auch prominente Einzelkämpfer setzten augenfällige Zeichen: James Blunt, britischer Sänger und Songwriter, postierte sich, während die Säle in der Elbphilharmonie öd und leer bleiben mussten, kurzerhand vorm Haupteingang und legte los. Der Pianist Igor Levit – populärer Klassikstar und im Herbst Mittelpunkt einer Kritikerkontroverse – lud 52 Mal zu „Hauskonzerten“ ein, denen man via Internet beiwohnen konnte.

     Inzwischen haben Resignation, Lähmung, blanke Angst sich breit gemacht. Soloselbstständigen nicht anders als großen Kulturinstituten und -veranstaltern fällt es immer schwerer, tagtäglich ihr Dasein zu fristen; erst recht bangen sie vor der Zukunft ‚nach Corona‘ und fragen sich, ob sie die überhaupt erleben werden. Obendrein sehen sie sich in einen für Deutschland unwürdigen Rechtfertigungsdisput darüber verwickelt, ob Kultur „systemrelevant“ oder nur „lebensrelevant“, schlechterdings unverzichtbar oder bloß unentbehrlich sei und ob es die angeblich elitäre „Hochkultur“ auf ihrem vermeintlich erhabenen Logenplatz weit über der breiten Bevölkerung noch verdiene, aus Steuermitteln gefördert und gefüttert zu werden. Zugegeben, dringend der Klärung bedarf auch die Frage, wer für Wiederanschubfinanzierungen und Dauersubventionen des Kulturbereichs aufkommen soll, wenn es gilt, die horrenden Schäden für die deutsche und europäische Volkswirtschaft zu reparieren; daran aber, die Unterstützung einfach aufzugeben, darf nicht einmal gedacht werden.

Wird es jemals wieder so schön wie früher?

Unter den Künstlerinnen und Künstlern sehen die einen sehnsuchtsvoll dem Moment entgegen, an dem sie dort weitermachen wollen, wo sie vor dem 22. März oder dem 1. November haben aufhören müssen. Andere unken: So wie früher, so wunderschön, wirds niemals wieder. Als von all dem noch nichts zu ahnen war, just ein Jahr ists her, da erklomm die Vorfreude auf das zu erwartende Jahr der klingenden Lustbarkeiten einen Höhepunkt: Im November 2019 rief Monika Grütters Beethoven zum „berühmtesten Deutschen“ aus – was ihr Luther, Bach, Goethe und Konsorten vielleicht nachsehen – und stellte an der Seite von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet in Berlin das nationale Gesamtprogramm für die Jubiläumsperiode vor. Sage und schreibe auf gut tausend Konzert- und Musiktheater-Aufführungen, Ausstellungen und Kongresse verwiesen die beiden dabei; auch Maskenzüge und Spaßveranstaltungen, ein extra komponiertes Musical und sogar Projekte einer Gehörlosen-Schule sollten dazugehören.

     Beethoven-„Marathons“, so hieß es, würden Unentwegte und Unermüdliche nach Bonn locken. In der Bundeshauptstadt startete der Rundfunkchor die Spendenaktion „Beethoven braucht dich!“, deren Erlös einem „außergewöhnlichen Filmprojekt mit der ‚Missa solemnis‘ als Solistin“ und einem Kompositionsauftrag für ein Chorfest in der Philharmonie zugedacht war. Im In- und Ausland traten mehr oder weniger illustre Orte an, der globalen Feierei mehr oder weniger umfassende Konzepte beizutragen, so der Kissinger Sommer oder Veranstalter in Esslingen, in Wien, in Wellington auf Neuseeland … „Beethoven-Jahr auf allen Kanälen“, titelte die Deutsche Presse-Agentur. So groß wie die Hoffnung war damals die Freude. Auf eine Art Sankt-Nimmerleins-Tag ist all das längst aufgeschoben. Wenn nicht aufgehoben. Derzeit müsste die Agentur über ihre Meldung schreiben: Beethoven-Jahr macht Generalpause.

Drei Monate lang nur Klavier gespielt

Die kann man freilich nutzen. Nicht wenige Tonträger-Labels und etliche Tonkünstler erwiesen dem „Titan“ mit neuen CDs oder der Wiederveröffentlichung älterer Aufnahmen die Ehre. So spielte Daniel Barenboim, weltweit einer der großen alten Herren der klassischen Musik und seit siebzig Jahren gefeierter Pianist, alle Sonaten Beethovens auf CD ein. „Seit fünfzig Jahren“, sagte er, „gab es keine Phase, in der ich die Zeit gehabt hätte, drei Monate lang nur Klavier zu spielen“; jetzt wars soweit, und er hat in den 32 Werken „auch immer wieder Neues entdeckt“. Dem Künstler mag der Einfall, sich auf so anspruchsvolle Art die kostbare Zeit zu vertreiben, wie ein Licht aufgegangen sein; für ungewöhnlich darf man sie nicht halten: Auch Igor Levit verfiel auf sie – und Barenboim bereits zum fünften Mal. Inwieweit selbst feine Ohren dafür taugen, die nuancierten Unterschiede zwischen seinen Interpretationen wertschätzend wahrzunehmen, muss sich erweisen.

     Wie zum Kehraus aus dem Beethovenjahr erhebt sich der Komponist leibhaftig über dem Personal der weihnachtlichen Bonner Stadtkrippe im Münster-Carré. Etliche Figuren des winterlich bunten Treibens tragen Mund-Nasen-Schutz, und der Meister, vom Sockel seines Denkmals vor der Alten Post herab, dirigiert sie – buchstäblich, mit dem Taktstock. 6068 Kilometer entfernt, in New York, konnten Zuhörer unlängst eine umfassende Darbietung seiner bedeutendsten Kammermusik erleben: Knapp eine Woche lang interpretierten vier Streicher sämtliche sechzehn Streichquartette live. In einem Gebäude gegenüber dem Metropolitan Museum durfte ihnen jeweils ein Zuhörer oder ein Paar oder eine Gruppe von Personen, die (wie das seit acht Monaten so griffig heißt) in einem Haushalt leben, zehn Minuten lang lauschen; dann kamen die nächsten Besucher an die Reihe. Der Zulauf war beträchtlich. Am Ort des Geschehens – das Anwesen gehört der Bundesrepublik – residierte übrigens lang das Goethe-Institut; jetzt firmiert das Gebäude als „Platz für Ideen“. Was könnte besser passen. Was könnte, Corona seis geklagt, nötiger sein.




Zwei Hände, die handeln

Haargenau über der Grenzlinie zwischen Selb und Aš haben Kulturorganisationen der Partnerstädte ein spektakuläres Kunstobjekt errichtet. Ebenso wie zwei große Stahlräder gehört es zum Projekt „Europa – ganz nah“.

Hans-Joachim Goller mit den Händen über der deutsch-tschechischen Grenze: Hier wird nicht fest, schon gar nicht gewaltsam zugegriffen - man nähert sich an. (Fotos: thu)

Von Michael Thumser

Selb, Aš, 1. Dezember – „Werden wir uns je wieder die Hände schütteln?“, fragte schon im Mai das Jump-Radio des Mitteldeutschen Rundfunks und machte (sprachlich holprig) wenig Hoffnung: „Zu gefährlich ist es, dass der Sars-CoV-2-Erreger dabei übertragen wird.“ So schlägt das – zu Recht gebotene – social distancing anhaltend durch bis in so intime Lebensbereiche wie den Kontakt zu Freunden, Kollegen oder dem Arzt.

     Auch die zwei mächtigen Hände, die seit Kurzem auf der Straße zwischen Selb und Aš haargenau über dem deutsch-tschechischen Grenzverlauf schweben, scheinen zu begrüßendem Körperkontakt bereit und vermeiden ihn doch. Zwar passt das Bild so (auch) zu den gängigen Verhaltensmaßregeln im Zeichen der Pandemie, als wärs ein Appell: Fasst euch nicht an! Gleichwohl hängen die Hände nicht unmittelbar mit ihnen zusammen. Denn keinen Handschlag zwischen den Grenzanrainern, der Tschechischen und der Bundesrepublik, soll das Großobjekt symbolisieren; sondern es illustriert eine „Handreichung“: Hier wird nicht fest, schon gar nicht gewaltsam zugegriffen; sondern man nähert sich an, ähnlich der Art, in der auf Michelangelos berühmtem Schöpfungsfresko an der Decke der Sixtinischen Kapelle in Rom der Finger Gottvaters berührungslos dem Finger Adams entgegenkommt. Auch am Grenzübergang wird nicht genommen, sondern gegeben – überreicht, verbreitet, vermittelt … Zwei Hände, die handeln: Inspirierend an solcher Kunst wirkt, dass sie, dank expandierender Ästhetik und konzentrierter Ausdruckskraft, allen möglichen Deutungen offensteht. Nur positiv, das liegt fest, müssen die Deutungen sein.

Wuchtig, luftig, frei

Die „Handreichung“ entstand im Rahmen des bilateralen Kunstprojekts „Europa – ganz nah“, zu dem sich der Kunstverein Hochfranken Selb und „Knivova, Muzeum a Informacni centrum“, eine eigenständige Einrichtung der Partnerstadt Aš, zusammentaten. Als Schirmherren treten keine Geringeren als die Außenminister der Nachbarstaaten, Heiko Maas und Tomáš Petříček auf, als Projektleiter firmiert der umtriebige, als Grenzgänger erfahrene Hans-Joachim Goller. Von 1976 bis 1996 diente er Selb als Zweiter Bürgermeister und Kulturdezernent, initiierte dort den 1990 gegründeten Kunstverein und führte schon bei etlichen west-östlichen Aktionen die Feder. Der Verein bringt zehn Prozent der Projektkosten von insgesamt 180 000 Euro auf, fünf Prozent steuert die Oberfrankenstiftung bei; den Löwenanteil von 85 Prozent übernahm die Europäische Union.

     Drei mal drei mal drei Meter misst das würfelförmige Stahlgestell, in dem die Hände auf Abstand und doch dicht beieinander an Edelstahlseilen befestigt sind, wuchtig, luftig und frei. Eine Hand arbeitete Wolfgang Stefan aus Vielitz bei Selb aus einem einzigen massiven Holzklotz heraus, während die andere sein tschechischer Kollege Tomáš Dolejš aus etwa 150 Stahlblechplatten zusammenfügte. In Größe und Geste konform, machen die Hände aus ihrer Ungleichartigkeit keinen Hehl und ergeben trotzdem ein Paar. Sie an Ort und Stelle zu bringen, war indes kein leichtes Unterfangen: „Einen Hindernislauf“ nennt Goller die Zeit vom Antrag bei der deutsch-tschechischen Grenzkommission – die der Kunst zuliebe eine „Ausnahmegenehmigung der seltensten Art“ erteilte – bis zur kurzen Teilöffnung des Übergangs, der zur Zeit der Aufstellung coronabedingt geschlossen war.

     Europa – ganz nah? Barrieren könnten sich auch auf einem weiteren Gebiet des Projekts auftun. Denn so, wie der Kunstverein es umreißt, zielt es als Ganzes darauf ab, „zusammen mit Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern und Jugendlichen aus Selb und Aš neue grenzüberschreitende Netzwerke für die Zukunft aufzubauen“. Wie aber soll das gehen, wenn – wie Hans-Joachim Goller einräumt – auf tschechischer Seite nur mehr gelegentlich Deutsch gesprochen wird und in Deutschland kaum noch jemand die Ausdauer aufbringt, Tschechisch zu lernen? Hier baut der Organisator nicht zuletzt auf die jungen Leute: „Die lernen“, bestätigt er, „heutzutage auf beiden Seiten Englisch fast wie eine zweite Muttersprache.“

Jan Samecs "Europa-Rad" am Selber Schützengarten: "Symbol für die Vitalität und Mobilität in Europa, die Dynamik des Miteinanders."

     Zum Dritten fügen sich zwei weitere Objekte ans Kunstprojekt an: zwei weitgehend baugleiche, in wichtigen Details allerdings unterschiedliche „Europa-Räder“. Eines, von Detlev Bertram geschaffen, wurde in Aš am Textilmuseum (Mikulášská 3) platziert, das andere, von Jan Samec , am Selber Schützengarten (Hohenberger Straße 33). Zusammen kennzeichneten sie „die Schwesterstädte als grenzüberschreitende Europastadt Selb-Aš“, interpretiert der Kunstverein. Dabei versinnbildliche das Rad „die Vitalität und Mobilität in Europa, die Dynamik des Miteinanders auf allen Ebenen. Die vielfarbigen Glasscheiben in den Rädern symbolisieren die unterschiedlichen Perspektiven“ auf den Kontinent. Die Gläser in Selb, marmoriert, sind den zwölf Monaten und Tierkreiszeichen zugeordnet, jene in der Nachbarstadt monochrom gestaltet. Keine Fenster: Zwar für Transparenz stehen die Scheiben, aber nicht simpel für Durchblick, sondern, wie es scheint, durchaus idealistisch für die Buntheit der Lebenshaltungen, für die Bandbreite der Zukunftsmöglichkeiten. Dabei erinnern sie zugleich an die Schaufelbretter oder -bleche in Mühlrädern. Vielleicht besagt das – sofern auch diese Kunstwerke offen sind für alle möglichen positiven Deutungen–: Es muss, um Europa weiter zu einen, noch reichlich geschaufelt, geschürft und ausgehoben werden. Doch solang das Rad sich dreht, erzeugt es Energie.



Lauernde Unsicherheiten

In Hof stellt Matthias Politycki seinen neuen Roman „Das kann uns keiner nehmen“ vor. Als kundiger Weltreisender, erfahrener Erzähler und sympathischer Plauderer erzählt er von Liebe und Freundschaft im Schatten des Kilimandscharo.


Von Michael Thumser

Hof, 28. Oktober – Zum „Spitzentitel“, erzählt Matthias Politycki in Hof, ernannte der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe seinen jüngsten Roman, als er ihn im März veröffentlichte. Wichtiger Teil der geplanten Werbekampagne für „Das kann uns keiner nehmen“ sollte eine ausführliche Lesereise sein. Doch sie wurde abgesagt, zwei Mal sogar, im Frühjahr zunächst, jetzt im Herbst wieder, und natürlich ist beide Male Corona schuld. Als „Weltreisenden“ zwar kennt Regine Kaiser von der zur Lesung einladenden Hofer „Buchgalerie“ den renommierten Autor; der aber weiß zum Glück erklärtermaßen auch kurze Trips zu schätzen: wie jenen, der den in Hamburg und München lebenden Autor am Mittwoch wieder nach Hof führte. Seine Mutter stammte von hier, eine Kusine lebt in der Stadt, in der er, kurz vorm Lockdown, die auf absehbare Zeit letzte Lesung schnell noch absolviert.

     Das passt. „Mein schnellstes Buch“ nennt er den Roman. Kaum vom Kilimandscharo an den heimischen Schreibtisch zurückgekehrt, habe er ihn „wie im Rausch geschrieben“. Denn er schrieb ihn sich von der Seele. In der Handlung stecken versteckt Elemente von eigenen existenziellen Erlebnissen: Erinnerungen an eine schwere Krankheit am Fuß von Afrikas höchstem Berg, an eine Nahtoderfahrung in Ruanda während einer „Bürgerkriegspause“, an eine lebensbestimmende Herzensangelegenheit.

Ein bleicher Zausel, der immer noch den Rocker geben will

Fiktiv ummantelte Politycki all das mit der Geschichte einer „Männerfreundschaft wider Willen“. Die Beteiligten charakterisiert er, unter anderem den Romanbeginn vorlesend, mit undramatisch sanfter, aber lebendig akzentuierender Stimme. Auch der Icherzähler ist Schriftsteller – wenn auch kein Selbstporträt Polityckis –, eine Schreibpause, vielleicht eine Schreibblockade hat ihn ausgebremst. Auf dem Kibo, dem höchsten Gipfel, will er mit dem Kilimandscharo eine „offene Rechnung“ begleichen. Allerdings kommt seiner depressiven Gedächtnishygiene ein wüster Althippie, „Unsympath und Prolet“ in die Quere, vorderhand ein dünner und bleicher „Zausel, der immer noch den Rocker geben" will. Aber bald spüren beide Männer, dass innere Not sie „zwangsweise“ zueinander und zur Tugend einer fast irrealen Verbundenheit führt: Hans, der „politisch korrekte“ Hamburger, lernt die „eigene Form von Humor“ zu schätzen, womit „der Tscharlie“ in lapidarer, laienphilosophisch zupackender Miesbacher Mundart jeden eisigen Vorbehalt wegtaut. Auf frisierten Motorrollern über die Insel Sansibar brausend, feiern sie ein paar Tage lang die schiere Lust am Leben. Das traurige Ziel des Ausflugs freilich ist ein Krankenhaus: Denn „dem Tscharlie“ bleibt nicht mehr viel Zeit für den weisen Unfug, mit dem allein er sein erlöschendes  Dasein zu meistern vermag.

     Als Erzähler des Buchs wie als leibhaftiger Rezitator in eigener Sache unterminiert Politycki lange kaum spürbar die vermeintliche Komödie, in der es doch „eigentlich darum geht, dass gestorben werden muss“. Denn in seinen flüssig formulierten Auslassungen über den Liebesschmerz und die abenteuernde Lebenssehnsucht des gedankenschweren Intellektuellen aus Norddeutschland und des „charmanten Rüpels“ mit dem bairischem Quer- und Betonkopf klingt zugleich und immer vernehmlicher ein Grundton der Krise mit.

     Dass Matthias Politycki währenddessen plastische Bilder der Fremde entwirft, ohne sie als Exotik auszustellen, ist ein vordringlicher Vorzug seines Schreibens, ganz wie er einem „Weltreisenden“ gebührt: Knapp, aber farbig, mit zuverlässigem Gespür für Atmosphären und die „lauernden Unsicherheiten“ in ihnen faltet er Landschaften unter „diesem riesigen afrikanischen Himmel“ auf und setzt darin erhellend Handys und Satellitenschüsseln gegen die Ärmlichkeit roher Holzhütten mit Dächern aus Plastikplanen; auch setzt er das „offene Draufloslachen“ ungemein offenherziger Menschen gegen ihre „große Verlorenheit danach“.

     Bei so viel spürbarer Empathie für Land und Leute verwundert es, dass sich der Icherzähler Hans (und mit ihm der Erzähler Politycki) zu umso zweifelhafteren Klischees hinreißen lässt. „Das ist Afrika!“, heißt es Mal um Mal verzückt. Indes: Nein, das ist eben nicht „Afrika“, sondern ‚nur‘ Tansania, eines seiner 55 Länder. Von dem Riesenkontinent, der ein Drittel der globalen Landmasse umfasst und dem kleinen Europa drei Mal Platz böte, spricht Politycki leitmotivisch wie vom aufatmend erreichten, überschaubaren Ziel einer Traumreise. Auch stilistische Marotten machen sich im Text störend bemerkbar, unter anderem (und vor allem) Inquit-Formeln, die ein schlichtes „Sagte er“ oder „Entgegnete sie“ gegen Tätigkeiten austauschen: „Drei der Zelte seien übrigens die unsern, setzte er das Glas wieder ab.“ In einer (in Hof nicht vorgelesenen) Passage auf Seite 191 prangt jene Unart als ausgewachsene Stilblüte: „‚Verdammte Scheiße‘, wollte ich mit der Faust auf den Teppich schlagen. Aber ich tat es nicht.“ Um dergleichen zu verhüten, ist der Lektor da.

     Den hinderte Politycki hingegen an anderer Stelle wohlweislich daran, einzugreifen. Umstritten war, wie er erzählt, eine Passage, worin Afrikaner die Flüchtlingspolitik Deutschlands und Europas beurteilen – verurteilen nämlich, wofür sie Gründe geltend machen. „Erzähl die Wahrheit“, hatten die tansanischen Gefährten von Politycki und seinem Roman gefordert; wirklich geht es ihm um nichts anderes. So authentische Stimmen fängt ein „Weltreisender“ erst ein, wenn er ein Land ergründet, indem er aufrichtig mit den Leuten spricht. „Reisen“, sagt Politycki, aus eigener Erfahrung  klug, beginnt, wo Urlaub aufhört.




Optimismus unterm
Schwert des Damokles

Bei der Vorstellung des Spielplans für die Saison 2021/22 erinnert das Theater Hof daran, wie lange und wie eifrig es das Genre Musical schon pflegt, und kündigt eine weitere Uraufführung an. Ivo Hentschel kehrt als neuer Chefdirigent zurück. 


Von Michael Thumser

Hof, 16. Oktober – Mag sein, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, wie man so sagt. Im Theater Hof lebt sie erst mal kräftig auf, und das gleich doppelt. Denn dass Techniker, Inszenierungsteams und Ensembles am 30. Oktober, zur Premiere von „Wiener Blut“, endlich mit dem Publikum in die so gut wie fertige, gleichwohl von Stadt und Generalunternehmer umkämpfte Schaustelle einziehen werden – davon gehen Intendant Reinhardt Friese, Oberbürgermeisterin Eva Döhla und Kulturamtsleiter Peter Nürmberger derzeit aus. Garantieren freilich könnten sie nichts, räumen sie ein. Noch baumelt ein Schwert des Damokles über ihnen.

     Zum andern hofft Friese, spätestens ab Herbst 2021 wieder „mit großem Besteck“ ans Werk gehen zu können, also mit Chor, Ballettcompagnie und Symphonikern in voller Stärke. Optimistisch schaute er am Freitag im Foyer des Theaters in die Zukunft, als er der Presse kurz nach Beginn der laufenden Spielzeit bereits den Spielplan der kommenden vorstellte. Er hat Grund, sich mutig zu zeigen: Trotz Corona bleibe das Publikum treu. „Abonnements wurden kaum gekündigt, und momentan können wir gar nicht genug Vorstellungen anbieten, um die immense Nachfrage, auch nach Gastspielen außerhalb Hofs, zu befriedigen.“

     Wer ein Theater besucht, tuts nicht zuletzt, weil er sich als soziales Wesen unter seinesgleichen tummeln will. Indes weiß auch Friese vom „Rückzug vieler Menschen ins Private, in Blasen und Echokammern“ – ein bedenklicher Zug der Zeit. Sein Programm für 2021/22, „Künstler, Killer, Könige“ betitelt, will ergründen, wie Menschen miteinander umgehen, und an sie appellieren, „sich zu versammeln“, auch im Hofer Haus, nach der Pandemie, unter möglichst normalen Umständen. Dann wird nachgeholt, was auf die lange Bank geschoben werden musste, so die Strauß-Operette „Die Fledermaus“, Mel Brooks’ und Thomas Meehans Musical „The Producers“ und, als große Oper, „Lucia di Lammermoor“.

     Auf Letztere verweist Friese, weil Gaetano Donizettis populäres Werk eine der bedeutsamen musikdramatischen Frauengestalten der nächsten Saison enthält. Weitere derart schicksalsschwangere Damen bietet das (dann technisch auf den neusten Stand gebrachte) Große Haus mit Luigi Cherubinis „Medea“ auf – und mit „Helena Citrónová“; die erst im vergangenen Januar uraufgeführte Oper des Thailänders Somtow Sucharitkul erzählt die wahre Geschichte einer verbotenen Liebe in Auschwitz und wird in Hof zum zweiten Mal überhaupt produziert.

Theater Hof goes Broadway

Mit einem Seitenblick und –hieb auf ungenannt bleibende, aber erkennbar benachbarte Theaterunternehmen erinnert der Intendant daran, wie lang und eifrig gerade sein Haus das Genre Musical schon pflegt: „Kein deutschsprachiges Theater tut dafür so viel wie wir.“ Geradezu auf einem „Hochfranken-Broadway“ sei man mit den vergangenen vier Ur- und zwei deutschen Erstaufführungen unterwegs. 2022 steht eine weitere Weltpremiere an: Für „Jack the Ripper“ mit der Musik von Frank Nimsgern schrieb Friese selbst das Textbuch. Statt „blutrünstigen Splatters“ verspricht er „soziale Hintergründe“. Mit Astor Piazzollas Tango-„Operita“ „María de Buenos Aires“ und einem Studio-Abend sind die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts wieder mit im Spiel, sofern sie dürfen, wie sie wollen.

     Zum Thema Musik stellt das Theater einen Neuzugang vor: einen Herrn, der schon mal da war. Ivo Hentschel, 2013/14 hierorts erster Kapellmeister, kehrt 2021 als Chefdirigent zurück. In Cottbus, Berlin, Schwerin tat er sich zwischenzeitlich um, wie er berichtet; nun freut er sich auf Hof, weil die hier breit aufgestellte Musiksparte „in Sachen Oper, Operette und Musical gleichbleibend lebendig ist, ohne Rangunterschiede gelten zu lassen“.

     Mit Uraufführungen lockt gleichfalls das Hofer Schauspiel. Ein Auftragswerk kommt von keinem Geringeren als Franzobel alias Franz Stefan Griebl, einem der zurzeit prominentesten Autoren Österreichs. Er greift den Hofer Hexenprozess gegen Anna Viehmann und ihre Hinrichtung im Jahr 1665 auf – ein Verweis auch auf digitale Hexenjagden heutzutage, wie Reinhardt Friese anmerkt. Zudem tut sich das Theater zum vierten Mal mit dem fleißigen Hofer Schriftsteller Roland Spranger zusammen: Von ehrgeizigen Frauen in der weitgehend patriarchalischen neurechten Szene soll die Produktion handeln. Klassisches kommt von William Shakespeare („Richard der Dritte“) und für Kinder hinzu (Otfried Preußlers immergrüner „Räuber Hotzenplotz“) – und, nach „Penthesilea“ und „Käthchchen“, neuerlich von Heinrich von Kleist: Man wagt sich an den „Prinzen Friedrich von Homburg“, ein Drama, das, weil unübertroffen poetisch, aber auch schlachtenlärmend preußisch-national, nicht oft gegeben wird. „Wiederentdecken“ wollen die Schauspielerinnen und Schauspieler Tennessee Williams („Die Nacht des Leguans“), Albert Camus („Caligula“) und Heiner Müller mit seiner „Hamletmaschine“ von 1977.

     Für Zuschauerinnen und Zuhörer heißt all das: Sie können was erleben – mit einem Spielplan, der wohl, wie Oberbürgermeisterin Eva Döhla lobt, „alle Begeisterungsgruppen“ anspricht. Wirklich darf es in Zeiten wie diesen aufseiten der Theaterleute wie des Publikums an Zuversicht und Enthusiasmus weniger fehlen denn je. Döhla: „Wir brauchen Unerschütterlichkeit.“




Ein Salat von Engelsbeinen

Dieter Richter ist mit „Fontane in Italien“ unterwegs. Der Vortrag des in Hof geborenen Literaturwissenschaftlers lässt keinen Zweifel daran: Dem „Mann des Nordens“ war sein Preußen lieber.

Von Michael Thumser

Hof, 14. Oktober – Ein Mann des Südens ist einem „Mann des Nordens“ auf der Spur, als der in den Süden reist. Kompliziert? Gar nicht, wenn Dieter Richter davon erzählt: von Theodor Fontane, der sich bekennend im Norden – in Berlin und der Mark Brandenburg, auch in England oder Schottland – deutlich wohler fühlte als in Italien. Gleichwohl verfügte sich der „große Reisende und große Reiseschriftsteller“ 1874 (und noch einmal 1875) dorthin, pflichtschuldig beinah.

     Umso lieber hält Dieter Richter, Germanist und erklärter Mann des Südens, sich dort auf. 1938 in Hof geboren, als Professor jahrzehntelang im Norden, in Bremen, lehrend, ist er als Kulturwissenschaftler, Völkerkundler und genießender Mensch zur Hälfte im „Süden“ zu Hause, einer Himmelsrichtung, deren Historie er 2009 in einem erfolgreichen, preisgekrönten Sachbuch nachvollzog. Die Stadt Amalfi verlieh dem Gelehrten die Ehrenbürgerwürde, der Staat Italien einen hohen Orden. Wer sollte dem preußischen „Mann des Nordens“ dorthin kenntnisreicher folgen?

     Richter spürt ihm, vor vierzig konzentrierten Zuhörerinnen und Zuhörern im vollbesetzten Saal der Hofer Münch-Ferber-Villa, in einem Vortrag nach, der einmal mehr die Vorzüge dieses notorisch fesselnden Experten ausbreitet: unerschöpfliches Wissen und unprätentiöses Auftreten, lebendige Rhetorik und verständliche Darstellung. Einer, der gründlich Bescheid weiß: Nicht nur, dass er, um sein Buch „Fontane in Italien“ zu schreiben, noch einmal alle Romane und Erzählungen des poetischen Realisten und realistischen Poeten durchlas, wie er einfließen lässt; er stöberte auch in den Briefen und Tagebuchaufzeichnungen sowohl des Schriftstellers wie seiner Frau Emilie.

     An ihrer Seite brach der 54-jährige Gemahl am 30. September 1874 in Berlin auf, um in der Eisenbahn, der für den späteren Romancier „großartigsten Erfindung unserer Tage“, über Verona und Venedig, Florenz, Rom und Neapel in die noch ziemlich frischgebackene Reichshauptstadt zurückzukehren. Genau fünfzig Tage waren die beiden fort, addiert Dieter Richter vor, ein Resümee des „großen Reisenden“ zitierend: „Trouble und Hetzjagd“, alles in allem, und immer zu wenig Zeit für die am Baedeker orientierten Besichtigungen von Fiesole, den Albaner Bergen, Capri … Den Fontanes erging es nicht anders, als es Touristen heute ergeht. Immerhin: „Was zu leisten war, war geleistet.“

Toscana, Venedig, der Lido  - „eigentlich langweilig“

Den Charakter des Preußen und des Erzählers Fontane erkennt Dieter Richter auch im „großen Reisenden“ wieder. Mit ihm sei ein „Skeptiker“ unterwegs gewesen, einer, der nur der subjektiven Anschauung, dem eigenen Urteil vertraut und dem beflissenen Enthusiasmus eines gedruckten Reiseführers gerne widerspricht. Denn er will sich prinzipiell „nicht faszinieren lassen“, weder von den Hügeln der Toscana oder der Fahrt zum Lido von Venedig, die Fontane „eigentlich langweilig“ findet, noch von Bildkunst, die man gefälligst für Meisterwerke zu halten hat. Fontane verweigert sich: „Ziemlich kalt“ lassen ihn vielbestaunte Gemälde etwa Tizians, Rafaels und anderer Zelebritäten, in denen er schon mal, „flott zusammengeschmiert“, einen „Salat von Engelsbeinen“ gewahrt.

     Als „Mann des Nordens“ an „Askese“ gewöhnt, unterzieht er sich mitsamt der Gattin der klassischen Bildungsreise wie einer „Arbeit“. Und die erledigt er nach eigenem Gutdünken: „Es kommt nicht auf die Masse des zu Schauenden an“, notiert er – und dürfte es heutigen Massentouristen so in die Stammbücher schreiben –, „wichtig ist: Das Auge darf nicht trübe sein.“ Geschärft ist Fontanes ganz unverschleierter Blick beinah ausschließlich fürs Historische: Dort, wo Landschaft als Erinnerungsort taugt, sieht seine Wahrnehmung sich angestachelt, am Trasimenischen See zum Beispiel, vernichtete doch Hannibal dort 217 vor Christus eine römische Armee. Dergleichen inspiriert den auch als Militärhistoriker namhaften Fontane weit mehr als ein ergreifendes Naturpanorama.

     So verwundert es nicht, dass er, mit Nationalstolz dem neuen deutschen, preußisch geführten, gegen Frankreich siegreichen Kaiserreich verbunden, „die Spree und die Müggelberge“ in Berlins Südosten dem schimmernden Golf von Neapel, dem qualmenden Vesuv vorzieht. Vor solchem Süden, das steht für Fontane fest, muss sich sein Norden nicht verstecken. Was ihn nicht hinderte, in seinem bedeutenden erzählerischen Schaffen, das nach der Rückkehr aus Arkadien den Anfang nahm, immer wieder auf die italienischen Reiseerfahrungen anzuspielen. Vier Belege nennt Dieter Richter, und jedesmal handelt sichs um eine Hochzeitsreise: die der tragischen Effi Briest und die der Ehefrau des Offiziers Schach von Wutenow, die erst als Witwe des Selbstmörders Rom besucht, dann die der sich emanzipierenden Melanie von Straaten aus „L’Adultera“ an der Seite ihres Geliebten – und schließlich die Hochzeitsreise des jungen Woldemar von Stechlin mit seiner Armgard, „die einzig gelungene“ unter den genannten. In jenem letzten und – nicht nur für den Vortragenden – schönsten Fontane-Roman ahnen die Eheleute eine magische Verbindung zwischen dem aufregend rauchenden Vesuv und dem weit weniger unruhigen, gleichwohl erregbaren Stechlinsee in der brandenburgischen Heimat – für Richter „ein wunderbares Bild für die globale Vernetzung der Welt“.




Unwillkürlich komponiert

Der Lido liegt in Hof: Moritz Holfelder zeigt in der Freiheitshalle Momentaufnahmen von den Rändern der Filmfestspiele in Venedig und dem „Strand des Kinos“.


Von Michael Thumser

Hof, 24. September – Krise ist, wenn die unvorstellbare Ausnahme zur goldenen Regel wird. Stell dir vor, es gibt Kultur, und nur ein paar Leute gehen hin: So ließe sich in diesen Monaten ein Aperçu von Carl Sandburg (das nicht von Brecht stammt) abwandelnd. Aus der wunderlichen ‚Vorstellung‘ wurde Wirklichkeit, weil Corona-Viren unsichtbar umherschwirren. Zwar gewöhnten wir uns an die Masken vor den Mündern; nun aber startet die Kultur in eine Wintersaison, während der Schauhallen, Musentempel, Kunstkneipen höchstens zur Hälfte von Besuchern bevölkert sein dürfen. Wo Menschen die Räume nicht selten bis zum letzten Platz füllten, bleiben derzeit Plätze aus Sicherheitsgründen mit Absicht frei, um notwendige Distanz zu schaffen. Das gabs noch nie, befremdet stark, und ob die Gäste sich daran gewöhnen werden, steht in den Sternen. In denen über Hof und denen überm Lido.

     Denn auch die dortige 77. Auflage der Filmfestspiele von Venedig habe heuer unumgänglich zur „Ausnahme“ werden müssen, teilte Katja Nicodemus am Freitag im großen Foyer der Freiheitshalle mit: Über Absperrungen vor den Kinopalästen und über unbesetzte Sitzreihen in ihnen berichtet die Zeit-Feuilletonistin – viel eingehender aber, und mit sympathisch privater Anschaulichkeit, darüber, wie es bei der Mostra und darum herum bis 2019 zuging. Beinah poetisch vergleicht sie das Weltfestival mit Hof, dessen Filmtage sie von wiederholten Besuchen gleichfalls kennt und wo sie nun als eloquente Rednerin hilft, eine Ausstellung mit Fotografien ihres bayerischen Kollegen Moritz Holfelder zu eröffnen. An der Saale fand Nicodemus eine ähnlich beiläufige Beschaulichkeit vor wie zwischen der „sonnendurchfluteten Vergänglichkeit“ der Lagunen-Bauten; dies „achselzuckende Eigenleben“ behalten beide Plätze als Regel bei, mag die Kinoprominenz, indem sie sich ein paar Tage lang scharenweise die Klinken in die Hand gibt, auch hier wie dort den Ausnahmezustand inszenieren.

     Den Lido schätzt die Kritikerin als „Sehnsuchtsort“, als einen „Ort der Bilder auch jenseits der Kinoleinwand“. Gerade da, mal mehr, mal weniger abseits vom roten Teppich, hat sich Moritz Holfelder im vorvergangenen Spätsommer aufgehalten, um als Fotograf tätig zu werden: am „Strand des Kinos“. Strand ist, wo das Meer aufhört und das Land noch nicht anfängt und andersherum; keine Grenze, sondern ein Bereich dazwischen. Hier trieb sich Holfelder mit offener Neugier, deshalb ohne festes Ziel herum. Keine gesucht hohe, elaborierte Lichtbildkunst brachte er mit, sondern fast ausschließlich attraktive Beispiele für die rasche Reaktion dokumentierender Reportage-Fotografie. Nicht mit jeweils zahllosen Aufnahmen versuchte er sich an seinen Motiven; er hielt drauf: auf Menschen, Gebäude und Räume, Wasser und Wolken, Bauzäune und Bagger …

Spannung und Nonchalance

Auf Menschen vor allem. Um die Beine einer überschlanken Beauté plustert sich das schneeweiße Gewölk eines Galakleids; in lächelnder Runde spielen ältere Männer Karten, halbnackt, mit dicken Brüsten; emsig treffen Straßenarbeiter und Reinigungskräfte letzte Vorbereitungen; unbeteiligt streckt sich ein junger Schläfer im Sand aus. An einer Wand des Hofer Festsaal-Foyers reihen sich Bilder vom Schauen aneinander: Leute, die durch ihre Gleitsicht- oder Virtual-Reality-Brillen blicken oder auf ihr Smartphon glotzen oder von einer Balustrade hinunter oder über Zäune hinweg linsen oder auf die Kinoleinwand starren; dazu Poser, die sich zur Schau stellen; massenhaft Pressefotografen, die aus einem Pulk heraus einen Star ablichten. Zu Themengruppen stellt die Ausstellung Momentaufnahmen zusammen, die als Schnappschüsse von zufällig aufgestöberten Sujets durchgingen, wirkten nicht die besten unter ihnen trotzdem wie unwillkürlich komponiert.

     Auf Kalenderblatt-Format beschränkt sich das meiste. Doch auch schöne Großformate sind zu sehen: „Wasser und Meer“ mit der ungeordneten Aufgeregtheit brandender Wellen; und, gleich daneben, „Hinter den Kulissen der Mostra“ mit den umso strengeren Lineaturen von luftigen Premierenfeier-Aufbauten und raumgreifenden Schatten am Strand. Viel Leichtigkeit und Spontaneität atmet die Atmosphäre der Bilder, zwischen denen sich ein Rhythmus aus erwartungsvoller Spannung und Nonchalance ergibt. Auf fünf von ihnen wird hintergründig zwar Großes und Gravierendes, die Kinowelt Bewegendes erwartet; gleichwohl drücken die Gesichter jüngerer und älterer Damen und Herren oder die klassizistische Fassade eines Palazzos die Haltung unbelasteter Gelassenheit aus. Es kommt, wies kommt, könnte die Serie heißen. „Ankunft“ heißt sie. 

     Abschied hingegen will auf einigen vermeintlich schwarz-weißen Aufnahmen die Farbe nehmen: Zwischen Grautönen gibt sie sich erst beim zweiten, genauen Hinsehen zu erkennen. Mit der Kultur in der Region soll es sich von jetzt an umgekehrt verhalten – wenn es nach dem Leiter des Hofer Kulturamts geht. Peter Nürmberger hat genug von den grauen Monaten (fast) ohne Theater, Konzerte, Ausstellungen. „Seit März“ war all das, wie er sagt, „einfach beiseite gewischt“. Das soll – und muss – endlich „Vergangenheit“ sein. Recht hat er. Erst die Allgegenwart von Kunst und Künsten, egal wie leicht, wie schwer, bringt Farbe ins öffentliche und ins private Leben, ob an der Lagune oder an der Saale. Das muss, trotz zwingender Ausnahmen, die Regel sein und bleiben. 

 Bis zum 27. November, Montag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr, und nach Vereinbarung. Eintritt frei.
Zur Veranstaltung im Netz: hier lang.