Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

3. Dezember, Hof, Theater, Studio
Mit einem dreiteiligen Zyklus wendet sich das Theater Hof „wider das Vergessen“ der von den Nazis begangenen Menschheitsverbrechen. Nach der Auschwitz-Oper „Helena Citrónová“ ist nun im Studio Heinar Kipphardts Bruder Eichmann zu sehen. Ralf Hocke spielt den Cheforganisator der Judentransporte nicht als antisemitisches Monster, sondern als erscheckend alltäglichen Artgenossen.


Eckpunkt

Doppelter Schwindel

Von Curiander

3. Dezember     Im US-Buchhandel kostet das Buch mindestens 29,70 Dollar. Es sei denn, der Autor hat es persönlich signiert, dann erhöht sich der Preis um knapp das Siebzehnfache: Für die gebundene Originalausgabe von Bob Dylans am 1. November erschienene „Philosophy of modern Song“ werden, sofern der Singer-Songwriter und Literaturnobelpreisträger seinen Namen eintrug, stolze 599 Dollar fällig. Macht für die eigenhändige Unterschrift 569,30 Dollar. Auf neunhundert Exemplare beschränkte der Verlag Simon & Schuster die Sonderauflage – echte Sammlerstücke sollten unters Volk kommen und als Raritäten ihr Geld wert sein. Sind sie aber nicht: alles Fake. Autor und Verlag sahen sich in der peinlichen Lage, einräumen zu müssen, dass Dylan wohl kein einziges der Exemplare je in Händen hatte, geschweige denn mit seinem Namenszug veredelte und adelte, wenngleich ein Echtheitszertifikat dies zu bestätigen vorgab. Die Unterschrift leistete statt seiner eine Autopen genannte Signiermaschine, was im Literatur- und Kunstbetrieb gang und gäbe zu sein scheint. Den düpierten Fans – auch wenn sie mit Rückerstattung der Wuchersumme rechnen dürfen – drängt sich nun die Frage auf, wie sich ein Star, dem es an Ruhm so wenig wie an Reichtum fehlt, auf derlei Machenschaften einlassen konnte. Dylan, 81-jährig, entschuldigte sich mit Symptomen von Altersschwäche: Wegen wiederholter Schwindelanfälle habe er keinen pen, Stift, selbst führen können. Nun erhöhen handschriftliche Eintragungen keineswegs immer die Kostbarkeit von Büchern, im Gegenteil. Wer erinnerte sich nicht an eine Schulgrammatik oder ein Algebra- oder Geschichtsbuch, durch zügellose Schmierer- und Kritzeleien unlesbar und wertlos geworden? Auch wer besitzerstolz seinen eigenen Namen auf dem Vorsatzblatt eines Bandes hinterlässt, macht ihn noch nicht zu etwas Besonderem. Bücher, an selber Stelle mit einer lieben Botschaft des oder der Schenkenden versehen, steigen immerhin in ihrem sentimentalen Wert. Wer indes den Roman oder Lyrikband einer literarischen Zelebrität mit persönlicher Widmung und authentischer Unterschrift sein Eigen nennt, darf sich freuen: In solchen Fällen kann der Geldwert den Kaufpreis vielfach übertreffen. Damit hatten auch die Käufer der dylanschen Song-Philosophie gerechnet – und fielen einem doppelten Schwindel zum Opfer: Dem Künstler will die Täuschung taumelnd unterlaufen sein, mit der Störung des Gleichgewichtssinns ging eine Störung seines Rechtsempfindens einher. Aus einer spendablen Laune heraus leistete sich der Schreiber dieser Zeilen vor zwölf Jahren den Luxus, „Wagners Hund Russ“ aus der Werkstatt Ottmar Hörls zu erwerben, als lebensgroße schwarze Kunststoff-Vollplastik für 350 Euro. Mit eigenhändiger Signatur des Konzeptkünstlers hätte sie gut 700 Euro gekostet. Pro Buchstabe 87,50 Euro? So weit reichte die gute Laune dann doch nicht, die sich allerdings angesichts des Wertzuwachses hebt: Heute lägen die Preise bei 500 und 900 Euro, teilt Hörls Website mit, die übrigens auch klarstellt, die Skulptur könne „wegen ihrer Abmessungen nur als Sperrgut versendet werden“. Beim Postversand von Dylans Buch erübrigt sich solcher Warnhinweis: Es passt in ein normales Päckchen. Auch um ein Exemplar mit der gefälschten Signatur enttäuscht und zornig zu entsorgen, sind keine Umstände nötig: Zum Sperrmüll taugt es so wenig wie zu einem Original. ■

Alle früheren Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.






Rückblick

29. November, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Andere Kabarettisten mögen mit ihrer Satire schärfer und öfter treffen - als Imitator findet Wolfgang Krebs nicht leicht seinesgleich. Und auch wenn unklar bleibt, warum sein aktuelles Programm „Vergelts Gott!“ heißt, darf man doch bestens unterhalten anerkennen: Er hat sie alle drauf, den Stoiber und den Söder, den altbairischen Dorf-Drahtzieher - und den „Kini“ sowieso.

29. November, Kino
Im Februar brachte Karoline Herfurth ihren Ensemble- und Episodenfilm „Wunderschön“ heraus. Nun schiebt sie, neuerlich tragikomisch, gleich Einfach mal was Schönes nach. Ihrem Thema bleibt sie treu: Frauen, die ihr Leben erst eigentlich gewinnen, indem sie es selbstbestimmt bestreiten. Wieder umgab sich die Regisseurin, die auch die Hauptrolle spielt, mit großartigen Darstellerinnen.


Theater Hof
Schauspiel
zuletzt
Bruder Eichmann
Abgrund
Peer Gynt
Greta

Musiktheater
zuletzt
Helena Citrónová
Die letzten fünf Jahre
Jack the Ripper
Lucia di Lammermoor
(konzertant)

Vogtlandtheater (Plauen):
zuletzt
Frühlings Erwachen (Live fast, die young)
Wunschkonzert/Warum läuft Herr R. Amok?
(Staatsschauspiel Dresden)
Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
Radames/Harakiri


Studiobühne Bayreuth
zuletzt
Glückliche Tage
Die Quizkönigin
Die Blechtrommel
Das Original


Theater andernorts
zuletzt
Tristan bei den Bayreuther Festspielen
Amadeus
auf der Luisenburg
Trolle unter uns
auf der Luisenburg
Celine
im Selber Rosenthal-Theater


Konzert
zuletzt
Tschaikowskys „Rokoko-Variationen“ und andere russische Musik in Selb
„projects4cellos“
eröffnen die neue Kammermusikreihe der Symphoniker
Jess Gillam,
24-jährige Spitzen-Saxofonistin, bei den Symphonikern
Die Hofer Symphoniker spielen Musik aus den Vereinigten Staaten


Film und Fernsehen
zuletzt
Einfach mal was Schönes
56. Internationale Hofer Filmtage
Tausend Zeilen
45. Grenzland-Filmtage in Selb


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Wolfgang Krebs in Hof
Martin Zingsheim bei den Kulturwelten
Stefan Waghubinger beim Forum Naila
TBC in Kaiserhammer


Anderes
zuletzt
Die dunkle Seite:
Fünftägiges Krimi-Lesefest in Helmbrechts und Hof
Lektionen: Der siebzehnte Roman Ian McEwans ist einer seiner besten
Fränkische Lichtmaler: Große Fotokunst-Ausstellung in Hof
Die „Gruppe 47“: Auftakt im Allgäu, Finale in  der Fränkischen Schweiz


Essay  
zuletzt
Symphonien des Grauens
125 Jahre „Dracula“ von Bram Stoker
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik


_____________________________________


Das neue Buch ist da
Erhältlich im Buchhandel und online

KAISERS BART - Dreizehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 344 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18, als E-Book 9,99 Euro.
Auch Kaisers Bart kommt vor in diesem Buch, zum Beispiel der des mittelalterlichen Staufers Barbarossa. Wenn wir uns indes heute „um des Kaisers Bart streiten“, dann geraten wir nicht wegen einer royalen Haupt- und Staatsaktion, sondern um einer Bagatelle willen aneinander. Dem Gewicht nach irgendwo dazwischen halten sich die Themen der dreizehn Essays auf, die alle dem weiten Feld der Kulturgeschichte entsprossen sind. Umfassend recherchiert und elegant formuliert, erzählen sie über Bücher und Bärte, Genies und Scheusale, über selbstbestimmte Frauen, wegweisende Männer und Narren in mancherlei Gestalt, über Stern- wie Schmerzensstunden der Wort- und Tonkunst. Worüber berichtet wird, scheint teils schon reichlich lang vergangen – „sooo einen Bart“ aber hat nichts davon.


Weiterhin im Buchhandel
und im Internet erhältlich


VERPESTETE BÜCHER - Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Krise auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeit. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen ihr raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die greifbare Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.
Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.
Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.