Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

23. Februar,
Kino
Er verdient, durch die Welt jettend, das Geld, während sie zurücksteckt und daheim die Kinder aufzieht: Bei aller Liebe hat das überkommene Geschlechtermodell Wolfs und Veras Partnerschaft ziemlich aufgelöst. Eine große Reise soll die Rettung bringen: In Christopher Dolls unterhaltsamem und bedenkenswertem Regiedebüt gönnt sich die Familie Eine Million Minuten Auszeit, um wieder zu sich selbst zu finden.




Eckpunkt

Mauerfälle

Von Curiander

20. Februar   „Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen“: So trostlos malte Friedrich Hölderlin 1803 im bekanntesten seiner „Nachtgesänge“ das Bild seines Daseins. Ebenso hätte der Dichter damit den vierzigsten Geburtstag der DDR, ihren letzten, 1989, gemeint haben können. Kein anderes Land lud den Begriff und das Bild der Mauer als eines dialektischen Bauwerks derart mit sprachlos machenden, eiskalten Gedankenverbindungen auf. Dabei gibt sie zunächst ein im Grunde positives Sinnbild ab für etwas fest Gefügtes, mithin Bergendes und Schützendes, für die „Umfriedung“ eines Platzes, für Sitz und Besitz, für den Übergang vom Äußeren ins Eigene. Wer wohl, und wozu, schichtete vor geschätzten zehntausend Jahren auf einem Landstück im Nordwesten des heutigen Ostseebads Rerik jene Steine, über die seit 8500 Jahren das Meer flutet, heute 21 Meter hoch? In der vergangenen Woche berichteten Medien über den Fund, der Forschenden des Leibniz-Instituts in Warnemünde und der Universität Rostock gelang. Die den Wall errichteten, mussten gute Gründe haben, denn große Mühen wandten sie auf, um 1673 Felsbrocken zu einer ein Meter hohen, zwei Meter breiten und fast einen Kilometer langen Schanze zu fügen. Wen oder was suchten sie von sich fernzuhalten? Oder handelt es sich bei der steinzeitlichen Anlage – eine der größten ihrer Art aus jener Epoche in Europa – gar nicht um eine defensive Befestigung? Tatsächlich halten die Forschenden es für möglich, dass sie der Jagd auf Rentiere gedient habe. Solch friedlicher Absicht dienen Mauern freilich weitaus seltener als fortifikatorischen Zwecken, an die sich obendrein oft noch ideologische binden. So adelten die Herren Ulbricht und Honecker die Grenzwand, die von 1961 an Berlin auf einer Länge von 155 Kilometern 28 Jahre lang einschloss, zum „antifaschistischen Schutzwall“, obwohl sie ihre Bestimmung doch darin fand, zusammen mit den übrigen ostdeutschen Sperranlagen ein riesiges Gefängnis einzurichten. Aber Mauern fallen; und mitunter gewinnt solch ein Ereignis mythische Züge. Das war schon so bei der ältesten Stadt der Welt: Archäologen wissen, dass in Jericho vor zehntausend Jahren die Bewohner zwar noch keine Töpferwaren kannten, ihre Siedlung aber bereits wehrwirksam mit steinernen Bollwerken und Türmen zu umgeben verstanden. Im alttestamentarischen Buch Josua berichtet die Bibel, wie die Israeliten vor etwa 3400 Jahren die bronzezeitliche Metropole ein ums andere Mal umkreisten, am siebten Tag gar siebenfach; der Klang von sieben Posaunen, die sie dabei geblasen hätten, habe die Basteien in Trümmer zerfallen lassen. Zwar bereitete der verbarrikadierten DDR nicht Blechblasmusik das Ende, wohl aber, auch ihr, marschierendes, demonstrierendes Fußvolk. So wuchs das Mauerblümchen des Freiheitswillens, von der Partei stets als Unkraut bekämpft, schließlich zum grünenden Steinbrech sich aus. Übrigens wissen Globetrotter ebenso wie Sportfreunde manche Mauer zu schätzen: Als mit Abstand berühmtestes und staunenswertestes Exemplar muss die Chinesische Mauer gelten, ein vielteiliger Komplex zur Verteidigung gegen Reiternomaden aus der Mongolei und Mandschurei, zwischen dem achten vorchristlichen und dem siebzehnten nachchristlichen Jahrhundert nach und nach aufgeführt durch Millionen von Menschen. Deutlich niedriger liegt der Personalbedarf für die Mauer, die sich beim Fußball aus Leibern formiert, um vor dem Tor Schlimmes zu verhüten. ■

Alle früheren Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

15. Februar, Hof, Theater, Studio
Bestialischer Terror palästinensischer Todesschwadronen gegen israelische Frauen, Kinder, Alte. Seit bald zwanzig Wochen Krieg in Gaza. Wie humanistisch bleiben – nach einem Massaker? Eine Performance der Regisseurin Sapir Heller – auf einen Text der Dramatikerin Maya Arad Yasur – weist aufrüttelnd in „17 Schritten“ einen Weg aus Panik und Vergeltungsdrang zu menschlicher Vernunft.

14. Februar, Hof, Theater, Studio
Vier Mal schon hatte das Haus Roland Spranger mit einem Stück beauftragt - zuletzt mit den fabelhaften „White Power Barbies“ -; jetzt geschah es zum fünften Mal. In Dämon beschwört der arrivierte Hofer Autor reichlich Teufelswerk aus dem Alltag herauf. Unter Antje Hochholdingers Regie verknüpfen drei Akteure Momente blutiger Alltagsgewalt maulfertig und makaber zu einer bitterkomischen Revue.



Theater Hof

Schauspiel
zuletzt
Dämon
Die bitteren Tränen der Petra von Kant
Der rote Löwe
Bilder deiner großen Liebe


Musiktheater
zuletzt
Sweeney Todd
Winterreise
A Tale of two Cities
Tell me on a Sunday


Theater andernorts
zuletzt
Der König stirbt in der Studiobühne
Siegfried, Götterdämmerung
in Bayreuth
Rheingold und Walküre
in Bayreuth
Parsifal
auf Bayreuths Grünen Hügel


Konzert
zuletzt
Triumphale Neunte: Christian Zacharias beschließt den Hofer Beethoven-Zyklus
Irgendwie exotisch: Die Symphoniker frönen ihrer Reiselust
Irgendwie vorweihnachtlich:
Das vierte Hofer Konzert der Symphoniker
Henri-Marteau-Preisträgerin:
Die Geigerin Hawijch Elders gibt Selb die Ehre



Film und Fernsehen
zuletzt
Eine Million Minuten
Napoleon
Ein ganzes Leben
57. Internationale Hofer Filmtage


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung
Philipp Scharrenberg verwirrt Bad Steben
Birgit Süß:
Das Graue vom Himmel
Definitiv vielleicht:
Günter Grünwald in Hof


Anderes
zuletzt
ORGAN2/ASLSP: Kleine Änderung beim längsten Musikstück der Welt
Joe Bausch: Der „Tatort“-Pathologe blickt in Hof in die Köpfe von Schwerstverbrechern
Bücher & Musik:
Philosophiegeschichte, Kammermusik, Landkarten, Tieck
200 Jahre Hofer Stadtbrand: Wiedergeburt im Zeichen des Biedermeiers



Essay  
zuletzt
Ein Quantum Brecht muss bleiben
Zum 125. Todestag des Stückeschreibers
Symphonien des Grauens
125 Jahre „Dracula“ von Bram Stoker

Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien

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Die Bücher
Erhältlich über den Buchhandel und online

KAISERS BART - (2022) Dreizehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 344 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18, als E-Book 9,99 Euro.
Auch Kaisers Bart kommt vor in diesem Buch, zum Beispiel der des mittelalterlichen Staufers Barbarossa. Wenn wir uns indes heute „um des Kaisers Bart streiten“, dann geraten wir nicht wegen einer royalen Haupt- und Staatsaktion, sondern um einer Bagatelle willen aneinander. Dem Gewicht nach irgendwo dazwischen halten sich die Themen der dreizehn Essays auf, die alle dem weiten Feld der Kulturgeschichte entsprossen sind. Umfassend recherchiert und elegant formuliert, erzählen sie über Bücher und Bärte, Genies und Scheusale, über selbstbestimmte Frauen, wegweisende Männer und Narren in mancherlei Gestalt, über Stern- wie Schmerzensstunden der Wort- und Tonkunst. Worüber berichtet wird, scheint teils schon reichlich lang vergangen – „sooo einen Bart“ hat aber nichts davon.



VERPESTETE BÜCHER - (2021) Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Pandemie auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeit. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen ihr raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

WIR SIND WIE STUNDEN - (2020) Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.
Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


DER HUNGERTURM - (2011/2020) Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.
Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.