Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

30. Juli, Bayreuth, Richard-Wagner-Museum
Während heuer auf dem Grünen Hügel das Erbe des „Meisters von Bayreuth“ mit gleich fünf Neuinszenierungen gepflegt wird, lenkt das Museum neben dem Haus Wahnfried den Blick von der Musikbühne weg: Die Ausstellung VolksWagner verfolgt die Ton- und Wortkunst, Mythen- und Bilderwelt des Dichterkomponisten auf fatalen und kuriosen Wegen durch „Popularisierung, Aneignung, Kitsch“.

30. Juli, Wunsiedel, Museumshof
Vor wenigen Tagen jährte sich der Geburtstag Georg Kreislers zum hundertsten Mal. Die Wunsiedler Festspiele unterhielten ein handverlesenes  „Xtra“-Publikum mit Chansons und Geschichten nicht nur, aber hauptsächlich aus der Feder des großen, 2011 gestorbenen Wiener Satirikers. Als ihr deutscher Interpret setzte Christian Auer höchst vergnüglich auf einen eigenen Ton.



Eckpunkt
Maschinenmusik

Von Curiander

30. Juli   Vor sechs Jahren verbreitete sich im Internet schlagartig ein Video, in dem, wie sein Urheber Martin Molin sagt, Musik ein „Spiel mit der Physik“ treibt. Oder ist es umgekehrt: Spielt Physik Musik? Sie tut es mithilfe der weitgehend aus Holz gezimmerten „Marble Machine“, die der schwedische Bandmusiker raffiniert ersonnen und monatelang selbst gefertigt hat: Im Innern ein verwickeltes Wegenetz durchquerend, rollen und fallen zweitausend Murmeln über komplexe Räder-, Walzen- und Hebewerke, um unter anderem ein Vibrafon, eine große Trommel und ein Becken zum Klingen zu bringen. In nur zwei Wochen ernteten Molin und seine Band Wintergatan – was so viel wie Milchstraße bedeutet – vierzehn Millionen Klicks für eine Sternenmusik, die sich Drehmomenten verdankt. An den Leierkasten etwa kann einen das erinnern. Seit einer Woche findet es eine andere, aktuelle Entsprechung in der Wilhelmshavener Kunsthalle, wo die Ausstellung „Cyclophilia“ (Liebe zum Rad) bis zum 18. September die Musikalität des Fahrrads erschließt, mit Verweisen etwa auf Frank Zappa und seinen einschlägigen Auftritt im US-Fernsehen 1963 und die Komposition „Catch Wave ’68#1“ des Japaners Takehisa Kosugi. Gar zum Geschäftsmodell erhob eine ähnliche Idee der Reutlinger Stefan Göggel, der sich als Ein-Mann-Band, Didgeridoo- und Sitar-Virtuose „GöG“ nennt und, in 125 Zentimetern Sitzhöhe auf einer selbstfahrenden Musikmaschine thronend, mit vielfältiger Tut-, Blas- und Geräuschmechanik die Menschheit erstaunt und bespaßt. Erfunden freilich haben sie alle die Verbindung von Klangkunst und kleinen oder großen Apparaturen nicht. Das Hämmern einer Schreibmaschine, nur als Beispiel, implementierte Erik Satie in sein Ballett „Parade“ von 1917 und ebenso Paul Hindemith in seine 1929 uraufgeführte komische Oper „Neues vom Tage“. Moritz Eggert besetzte 1997 seine „Symphonie 1.0“ gleich mit zwölf Schreibmaschinen, sah sich da aber schon im Voraus, nämlich 1964, himmelhoch getoppt durch Rolf Liebermann und „Les Échanges“ für 156 Büromaschinen einschließlich acht Klebestreifenbefeuchtern, dirigiert von einer elektronischen Steuereinheit. Neben derlei Pionierprojekten droht Leroy Andersons konzertanter Klassiker „The Typewriter“ von 1950 als possierlicher Gag zu verschwinden. In Boston fand sich ein „Typewriter Orchestra“ zusammen, eher kammermusikalisch besetzt. Weit größer wiederum dachte der US-Amerikaner George Antheil mit seinem „Ballet mécanique“, an dessen Trara- und Rabatzerzeugung sich mechanische Klaviere, elektrische Klingeln und Sirenen sowie zwei Flugzeugpropeller beteiligen – was 1926 und 1927 in Paris und New York denn auch angemessen krachende Skandale auslöste. Hingegen taugt seit 1994 die „Landmaschinensymphonie ST 210“ des Klangexperimentators und -objektkünstlers Erwin Stache bei den Stelzen-Festspielen bei Reuth Jahr für Jahr zum höchsten Pläsier des Publikums im sächsischen Vogtland: Dabei ersetzen Traktorenmotoren, Heuwender, Sägen und Förderbänder, aber auch eine „Gülleorgel“ und eine „Schaufelwasserdruckharfe“ ein komplettes Orchester. Über siebzig Jahre zuvor hatte der Franzose Darius Milhaud den „Machines agricoles“, den landwirtschaftlichen Geräten, bereits die Ehre einer symphonieorchestralen Suite erwiesen. Umfassend mit „Mensch – Maschine – Musik“ ist ein Buch aus dem Verlag C. W. Leske betitelt; die global wegweisende, international berühmte, populär-avantgardistisch auf elektronische Musik spezialisierte Band, von der es erzählt, ist (natürlich) „Kraftwerk“. ■

Alle früheren Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

27. Juli, Bayreuth, Festspielhaus
Ein  neuer „Ring“ steht in den nächsten Tagen bei den Richard-Wagner-Festspielen an. Eröffnung aber feierten sie triumphal mit Tristan und Isolde, gleichfalls in einer neuen Inszenierung. Roland Schwabs Version zeigt die Halluzination einer unbedingten Liebe, Dirigent Markus Poschner macht als Einspringer seine Sache prima, und das Ensemble hält den Strapazen weitgehend stand.

27. Juli, Bayreuth, Markgräfliches Opernhaus
Die Bayreuther Klaviermanufaktur Steingraeber und Söhne blieb auch mit ihrem dritten Versuch erfolglos, Martha Argerich in die Stadt zu bringen. Zwei Mal kam Corona dazwischen; heuer sagte die 81-jährige Klavierlegende krankheitshalber ab. An ihrer Stelle – und freilich nicht bloß als Ersatz – reiste das weltberühmte Duo Tal-Groethuysen mit einem attraktiven Raritätenprogramm an.



Theater Hof
Schauspiel
zuletzt
Greta
Richard der Dritte
White Power Barbies
Es brennt Reis

Musiktheater
zuletzt
Lucia di Lammermoor (konzertant)
Frühlings Erwachen
Hossa - Die Hitparade 3
María de Buenos Aires


Vogtlandtheater (Plauen):
zuletzt
Wunschkonzert/Warum läuft Herr R. Amok? (Staatsschauspiel Dresden)
Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
Radames/Harakiri
Marie! Romy! Petra!


Studiobühne Bayreuth:
zuletzt
Glückliche Tage
Die Quizkönigin
Die Blechtrommel
Das Original


Theater andernorts
zuletzt
Tristan bei den Bayreuther Festspielen
Amadeus
auf der Luisenburg
Trolle unter uns
auf der Luisenburg
Celine
im Selber Rosenthal-Theater


Konzert
zuletzt
Das Klavierduo Tal-Groethuysen in Bayreuths Markgräflichem Opernhaus
„Klassik am Eisteich" mit den Hofer Symphonikern unter Enrico Delamboye
„Himmlische Klänge":
Kammerkonzert mit Mitgliedern der Symphoniker in Hof
Regers „Romantische Suite“ ist Hauptwerk beim Saisonschluss der Hofer Symphoniker


Film und Fernsehen
zuletzt
45. Grenzland-Filmtage in Selb
Tod auf dem Nil
Belfast
Wunderschön


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Christian Auer singt Georg Kreisler
Eisi Gulp
auf der Luisenburg
Bruno Jonas in Selb
Willy Astor
in Hof


Anderes
zuletzt
Bayreuths Wagner-Museum
zeigt den Komponisten missbraucht und verkitscht
Bücher und Musik
über J. G. A. Wirth aus Hof, Flügel aus Bayreuth und anderes
„Waldgeschratet“:
Harry Tröger vertont Sagen aus Fichtelgebirge und Frankenwald
Eine DDR-Bürgerin als Westspionin:
Titus Müllers neuer Agentenroman



Essay  
zuletzt
Symphonien des Grauens
125 Jahre „Dracula“ von Bram Stoker
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik

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Das neue Buch

VERPESTETE BÜCHER - Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.

Erhältlich in allen Buchhandlungen.

Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Krise auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeit. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen ihr raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die greifbare Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

Weiterhin im Buchhandel erhältlich

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.

Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


Als zweite, durchgesehene Ausgabe
in neuer Aufmachung:

DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.

Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.