Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Das Gegenteil von allem

  • Im Kino: Eine Million Minuten (Deutschland, 2024, Regie: Christopher Doll, 125 Minuten)


Von Michael Thumser

23. Februar – „Vier Minuten“, wie in Chris Kraus’ Hofer Filmtage-Sensationserfolg von 2006, sind viel zu wenig. „15 Jahre“ – so der Titel seiner beim jüngsten Festival uraufgeführten Fortsetzung – wären des Guten zu viel. Aber „Eine Million Minuten“, die wollen Wolf und Vera sich als Auszeit gönnen: 695,5 Tage, nicht viel weniger als zwei Jahre Freiheit in Gemeinsamkeit.

     In rundum abgesichertem Berliner Wohlstand leben das junge Paar und seine kleinen Kinder, aber so richtig zusammen sind sie nicht. Wolf, mehr im Flugzeug und in der Welt unterwegs als daheim bei den Seinen, arbeitet bei den Vereinten Nationen pausenlos gegen den Frust an, nie genug tun zu können für die bedrohte Artenvielfalt, das Klima, für weltweit faire Arbeitsbedingungen. Da bleiben Haushalt, Brut- und Beziehungspflege an Vera hängen. „Ich bin so nicht glücklich“: Die Care-Arbeit würde sie sich lieber mit dem Partner teilen, um selbst wieder in ihrem Beruf arbeiten zu können. 

Blüte der Fantasie

Zumal Töchterchen Nina, einer therapiebedürftigen Entwicklungsstörung wegen, Sorgen macht. Ein Problemkind ist die Fünfjährige darum nicht – im Gegenteil. Als Sonnenschein der Familie spürt sie sehr genau den Druck, der die Eltern niederbeugt, und bringt als Blüte ihrer Fantasie die rettende Idee ans trübe Licht: „Eine Million Minuten nur für die ganz, ganz schönen Sachen“ – das würde allen guttun. Und weil das Wünschen im Regiedebüt des Filmproduzenten Christopher Doll (und in Wolf Küpers Bestsellervorlage von 2016) hilft, dürfen sich die vier davonmachen, nach Thailand erst, sodann nach Island. Dort lernen sie, mit den digitalen Hilfsmitteln des Homeoffice zwischen work und life zu balancieren – und sie begreifen, dass weder das Zuhause noch ein Woanders, sondern das Beieinandersein Heim und Heimat bietet. „Es geht um Zeit, zusammen, für Nina.“ Happy End. Ein Wohlfühlfilm. Aber auch ein bisschen mehr.

     Wolf ist gewohnt, den Planeten als Ganzes zu beobachten; die Linie dafür gibt seine Chefin kategorisch vor: „Wir müssen das Gegenteil von dem tun, was wir die letzten dreißig Jahre über getan haben.“ Bevor seine und Veras liebevolle, aber bedrohte Partnerschaft unheilbar Schaden nimmt, tun die beiden „das Gegenteil“ von allem, was sie bisher taten. Sie breiten ihr privates Dasein über den Planeten aus, indem sie ihr Glück an zwei Küsten suchen, im bunten, scheinbar ewigen Urlaubssonnensommer eines fernöstlichen Traumstrandes, im kalten Karst am grauen Nordatlantik knapp unterm Polarkreis. In Andreas Bergers wohlkomponierter Bildästhetik offenbaren beide Lebensräume eine vielsagende Gegensätzlich- und Zwiespältigkeit. Denn Ferne allein taugt noch nicht als Startpunkt für einen Neuanfang, und bloß durch Rollentausch – schließlich besorgt Wolf den Haushalt, während sich Vera als gelernte Bauingenieurin bewährt – stellt sich Geschlechtergerechtigkeit nicht her.

Zeit der Zähne

Indem der Regisseur und das fünfköpfige Drehbuchteam die Geschichte des Paares erzählen, erzählen sie vor allem Wolfs Geschichte. Durch Einsicht und Selbstüberwindung durchläuft er eine existenzielle Wandlung, die leicht zum Stoff einer trivialen Moralpredigt verkommen könnte, drückte nicht der fabelhafte Tom Schilling sie durch die Schwankungen seiner - noch fast jugendlichen - Aufbruchsbereitschaft, durch oft feine Nuance der Mimik unverfälscht aus. Wieder zeigt sich, dass der 42-jährige Künstler sich unter die authentischsten Charakterdarsteller im Lande rechnen darf. Ungeachtet solcher dramaturgischen Dominanz gelingt es der subtil leidensfähigen, kompromissbereit selbstbewussten Karolin Herfurth, als Vera unwidersprechliche Durchsetzungskraft aufzubauen und sich zu bewahren. Sympathischerweise erlaubt die Schauspielerin - und Ehefrau des Regisseurs - der kleinen Pola Friedrichs, ihr mit Ninas erhellend schräger Sicht auf die Welt und ihren pausbäckigen Sentenzen zwischendurch den Rang abzulaufen.

     Am Wachstum ihrer Milchzähne, nicht an Himmel, Wind und Wetter lässt sich die Zeit und Jahreszeit ablesen, um die „es geht“: an den sich allmählich schließenden Lücken in Ninas witzig-vorwitzigem Mund. Dass es Zeit für kein Geld der Welt zu kaufen gibt – so wenig wie die Nähe der Liebe –, nicht für Bienenfleiß, Integrität und Engagement, nicht für ein in der Mühle der Termine aufgeriebenes Dasein, das baut sich als Grundproblem vor Millionen Menschen auf. Stimmt schon, die Protagonisten in Christopher Dolls Film leisten sich eine kostspielige, geradezu traumhafte Luxuslösung, wie sie in der bundesdeutschen Wirklichkeit selbst gutsituierten und cleveren Zeitgenossen aus dem oberen Mittelstand wohl kaum je zu Gebote steht. Freilich lässt sich die unterhaltsame, von einem exquisiten Ensemble getragene Aussteigermär auch als Planspiel anschauen (Was wäre, wenn …?), als realistische Modellsituation mit radikal utopischer Klärung. Für dergleichen war Kino noch immer gut, und selten zu seinem Schaden.


Das Asthma der Geschichte

  • Im Kino: Napoleon (USA/Großbritannien, 2023, Regie: Ridley Scott, 158 Minuten)


Von Michael Thumser

7. Dezember – Am Ende seiner Tage konnte er nichts von dem Wenigen, das er noch aß, bei sich behalten. Bevor er am 5. Mai 1821 den Geist aufgab, hatte Napoleon Bonaparte, erst 51 Jahre alt, mit verkrebstem Magen seine letzten Wochen im Bett zugebracht, so geschwächt, dass er selbst bei den wenigen Metern zum „Nachtstuhl“, der Toilette, gestützt werden musste.

     Am Ende des Films ist er anders beieinander. Da sitzt der gestürzte Imperator auf St. Helena im Garten von Longwood House, seinem zweiten und letzten, reichlich schäbigen Exil, und scherzt mit zwei halbwüchsigen Mädchen, die er mit Trauben bewirft. Dann, als schattenhafte Rückenfigur mit dem unverkennbaren Zweispitz auf dem ehrgeizigen Haupt, kippt er schmerz- und lautlos nach links zur Seite. Monate der Resignation und der sich verschlimmernden Krankheit erspart Starregisseur Ridley Scott seinem historischen Helden.

     Der hier gar keiner ist: kein Held. Nicht als geringster Vorzug von „Napoleon“ kann gelten, dass dieser große Film, wenn er schon nicht getreu den Fakten der Geschichte folgt, vor allem keine Geschichte vorbildlichen Wagemuts und triumphierender Tapferkeit ausbreitet, nicht die Legende eines „großen Einzelnen“ – wie man seinesgleichen früher einmal nannte –, der sich genial den Weltlauf unterwirft. Bevor der Protagonist zu Beginn, im Dezember 1793 und also vier Jahre nach Ausbruch der grande révolution française, den von einheimischen Royalisten und britischen Seestreitkräften besetzten Hafen von Toulon erobert, ist sein eingefrorenes Gesicht zu sehen, mit einem sich selbst wie betend Kraft zumurmelnden, schwer atmenden Mund. Nicht der Atem der Geschichte, ihr Asthma macht sich so bemerkbar. Angst hat Napoleon, sogar er, im Film die einzige wirklich menschliche Regung des selbst ernannten Kriegsgotts. Er wird sich während der gut zweieinhalb Kinostunden dieses vermeintlichen Heldenlebens nicht völlig von ihr befreien.

Entsetzliches Scheitern

Die eisstarre Mimik leiht Joaquin Phoenix dem Feldherrn aus Ajaccio – einem, der niemals jung gewesen ist. Die verbissen wie zur Faust geballten Züge des gerade mal 24-jährigen Siegers von Toulon und frisch gekürten Brigadegenerals sehen schon beinah so maskenhaft farblos aus wie die des Sterbenden von St. Helena. Für Napoleons Wirken als Verwaltungsreformer und Gesetzgeber des code civil interessiert Ridley Scott sich nicht, er lässt, was an Verdiensten sich benennen ließe, unerwähnt. Ausschließlich den notorischen Krieger und Kriegsherrn führt er vor, der weite Teile Europas durch die Eisenhärte seines Willens bezwingt und dem die Lust auf ausufernde Macht alle Lustigkeit ausgetrieben hat. Als „Retter“ jener Republik, die ein Königspaar hat köpfen lassen, um Bestand zu haben, lässt er sich feiern – um sich sodann selbst zum Kaiser zu krönen. Im menschenleeren Moskau, dem Ziel seines ehrgeizigsten, entsetzlich gescheiterten Feldzugs, nimmt er auf dem verwaisten Zarenthron des Kremls Platz und figuriert doch in keinem filmischen Moment so wenig wie in diesem als der Universalherrscher, der er aus eigenen Gnaden zu werden trachtete.

     Die Produktion mutet weit stärker wie ein europäischer Film an als wie ein ‚typisch‘ amerikanischer. Dennoch hat, nicht zuletzt vonseiten akademischer Historiker, Scotts in mancherlei Hinsicht unkonventionelles Biopic reichlich Widerspruch erfahren: Diese Einzelheit, jener Umstand stimmten nicht überein mit der gründlich erforschten Faktenlage. Ein wohlfeiler Vorwurf: Seriöses Geschichtskino erfüllt seine Aufgabe nicht erst, wenn es einen Volkshochschulvortrag oder ein Telekolleg ersetzt, sondern darf sich die Freiheit der Fiktion erlauben, um seine Stoffe zu erfinden. Eben dies nimmt Regisseur Scott sich heraus. Statt in einem effektvoll bunten Kriegsepos von einem opulenten Schlachtengemälde zum nächsten zu eilen, entwirft er unverhohlen ein subjektiv einseitiges, darum nicht weniger bedenkenswertes Porträt des Vermessenen. Kühl fügt er charakterisierende Episoden aneinander, wobei er sich einer genreüblichen US-Dramaturgie von sich überbietenden Spannungskurven mitsamt dem Pathos unerschrockener Mannhaftigkeit und waghalsiger Bewährungsproben verweigert.

Frostklirrende Massaker

Nicht erst mit den horrenden Opferzahlen auf Texttafeln vor dem Abspann macht Scott dem Heerführer die Rechnung eines massenhaften Menschenverbrauchs auf: Die Wahl-, Wehr- und Gesichtslosigkeit, mit der Scharen von Soldaten dem Gutdünken des Schlachtenlenkers ausgeliefert sind, zeigt sich ausdrücklich glanzlos in ihrem aberhundert- und -tausendfachen Krepieren während der Gefechte. Noch grauenvoller als das finale Gemetzel von Waterloo, das im Juni 1815 die „Hundert Tage“ des aus der ersten Verbannung nach Elba zurückgekehrten Wiedergängers abschloss, gelingen dem Regisseur zuvor die frostklirrenden Schilderungen der Massaker von Austerlitz und Borodino: buchstäblich Blutbäder in Grauweiß, Eisblau, Rot. Mit den reduzierten Mitteln des Kriegskinos bläht er den Typus des Warlords zur abstoßend-furchterregenden Schreckgestalt mit Überreichweite auf. Ein Menschenleben oder zehn gelten ihm so wenig wie die 560.000, die während seines Russlandfeldzugs von 1812 in der Grande Armée zugrunde gingen. Noch während der Überfahrt in sein zweites, letztes, atlantisches Exil spricht er sich selbst frei von allem persönlichen Versagen und Kriegsverbrechertum.

     Weit über zeitliche Klüfte und räumliche Entfernungen hinweg spannt der Film die Ereigniskette zwischen Aufstieg und Untergang. Als Kontinuum hält die süchtige Liebe zwischen Napoleon und Joséphine de Beauharnais die Stationen zusammen: zwei, die weder mit- noch ohneeinander auskommen. An der Seite der aristokratisch sozialisierten, geistvoll koketten femme fatale mit ihrer mondänen Eleganz offenbart der zu historischer ‚Größe‘ sich emporkämpfende Popanz einen eklatanten Mangel an Weltläufigkeit. Im Herzen ein Prolet, muss er sich von seinen Gegnern als „korsischer Rüpel“ schmähen lassen. Den Charismatiker Napoleon spielt Joaquin Phoenix, ohne sich zu schonen, als Kotzbrocken. Nicht einmal vor den kaninchenartig fixen Kopulationen mit seiner Kaiserin schält er sich aus der Uniform, in die er sich bis zur Bocksteifheit eines Monuments einknöpft. Gemäß dem speziellen Bild, das der Regisseur und sein Drehbuchautor David Scarpa von dem Usurpator entwerfen, sieht sich der – vielfach erstklassig erprobte – Darsteller schlichtweg zum Verzicht auf Schauspielerei angehalten; hingegen lässt Vanessa Kirby als Joséphine, unter einer resilienten Oberfläche von Schicklichkeit, mittels hauchfeiner Nuancen das Glühen einer unauslöschlichen Leidenschaft spüren.

     Was Ridley Scotts Film, neben vielem anderen, nicht berichtet: Napoleon kehrte fast zwanzig Jahre nach seinem Tod zum zweiten Mal nach Frankreich zurück, nun für immer, ins Pariser Hôtel des Invalides als letzter Ruhestätte. Dort, in der Krypta unter der goldenen Kuppel, verharrte am 28. Juni 1940 Adolf Hitler in stiller Ehrfurcht vor dem dreizehn Tonnen schweren Sarkophag aus rötlichem russischem Porphyr, um sich vom Atem der Geschichte anwehen zu lassen. Hätte der Franzose aus Korsika zu Lebzeiten einen deutschen Gast wie diesen, der seine Megalomanie überbot, willkommen geheißen? Der Tod hat sie einander gleich gemacht: Am Ende ihrer Tage gingen beide ähnlich elend vor die Hunde.



Variationen der Stille

  • Im Kino: Ein ganzes Leben (Deutschland/Österreich 2023, Regie: Hans Steinbichler, 115 Minuten)


Von Michael Thumser

21. November – Wie die Menschen in diesem Hochtal der Alpen um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert leben, so haben ihre Vorfahren dort vor siebzig oder achtzig, zwei- oder dreihundert Jahren auch schon gelebt: ausschließlich von dem, was sie Wäldern und Feldern mit Körperkraft und Eifer abringen, gleichsam vorgeschichtlich ohne Segnungen und Risiken des Fortschritts, ohne wirksame Vorkehrungen gegen Unheil und Gefahr, keinen anderen Geboten gehorchend als denen, die ihnen die Religion gegeben hat und die sie selbst sich geben.

     „Ein ganzes Leben“: Das des Bergbauernknechts Andreas Eggert, in Hans Steinbichlers Film, währt siebzig Jahre, und wenns hoch kommt, sinds achtzig Jahre, und immerfort ist es ist Mühe und Arbeit gewesen. Nichts in all der Zeit ändert sich am Grund dieser Existenz, mag sich auch darum herum alles ändern, tiefgreifend und unumkehrbar. Wandel allenthalben: Der Körper des Protagonisten  (Stefan Gorski, als Greis: August Zirner) blüht auf, nimmt Schaden und verfällt, mit der Elektrizität, dem Wintertourismus und den Autobussen hält die Zivilisation unabweisbar Einzug zwischen den Schneegipfeln, die allein sich in stolzer Stille Unwandelbarkeit vorbehalten. Was die Buchvorlage, Robert Seethalers für seine lakonische Kürze und beredte Einfachheit gefeierter Roman von 2014, erzählt, das inszenieren der Regisseur und Armin Franzens einzigartig kreative Kamera ganz im selben Sinn, gleichwohl ganz autonom: entschieden cineastisch.

Das ungeschönte Schöne

Von der „Ewigkeit“ der Berge und ihrer Wälder sang und säuselte der eskapistische Heimatfilm der Fünfziger- und Sechzigerjahre reichlich. Grund genug für den Regisseur – der selbst ein sogenanntes Kind der Berge ist –, jede Analogie mit ihnen im Keim zu ersticken. Geradezu übervorsichtig umgeht er die sommerdurchsonnte Ansichtskartenmotivik, die romantisierende Zünftigkeit im Zwischenmenschlichen, das gekünstelt Urwüchsige der Ausdrucksweise von einst. In seinem Film ist das unleugbar Schöne ungeschönt: Keine Sehenswürdigkeiten geben die machtvollen – und eingestandenermaßen von Gemälden Caspar David Friedrichs inspirierten – Gebirgsaussichten und -rundblicke preis. Statt Idyllik offenbaren sie eine vielfach abweisende Rauheit und Härte. Vergleichbar eignet jedem Gesicht etwas zeit- und leidgeprüft Knorriges und Derbes.

     Weil Andreas unehelich zur Welt kam, darf der verwaiste „Bankert“ in der dunklen Wohnstube des Bergbauern Kranzstocker nur abseits von der Familie, in einer noch dunkleren Ecke, sein Essen verzehren. Woher er hierher gekarrt worden ist, verrät der Film nicht; wohin er nach den sieben, acht Jahrzehnten seines Erdendaseins entschwinden wird, ist ihm, der „nie an Gott geglaubt“ hat, ganz gleich. Dazwischen ist er einfach da: gebunden an die Enge des Hofs, des Dorfes und der Umgegend, über die hinaus der Blick von den Bergflanken und -gipfeln aus in ein unerreichbar Unendliches führt.

Verlage Hanser/Goldmann, 192 Seiten, gebunden 19, als Taschenbuch 12 Euro.

     Schutzlos wächst der duldsam willfährige Junge in einem menschenrechtsfreien Raum heran, ausgeliefert den Misshandlungen des aus Schwermut sadistischen Pflegevaters (grandios abstoßend: Andreas Lust) und seiner hasserfüllten Ausbeuterei. Wie unter einer Hornhaut sich abhärtend, gedeiht Andreas durch Knochenarbeit baumstark zum Kraftkerl. In gesuchter Einsamkeit wirtschaftet er für sich; dann gewinnt er die schlicht-empathische Marie (Julia Franz Richter) zur Gefährtin und findet sein Glück in ihr, bis er es an die Gewalten der Natur zurückgeben muss. Halsbrecherisch verdingt er sich beim Seilbahnbau und arbeitet insofern der metastasierenden Zivilisation zu, ohne dass die ihn je etwas angeht … In die Stille seiner Innen- und die engen Grenzen seiner Außenwelt verkapselt er sich beharrlich, sogar noch, als der Zweite Weltkrieg ihn als Wehrmachtssoldaten weit weg an die Ostfront verschlägt: Auf den Kaukasus schaut er, als wärs die Bergwelt daheim; „nur“, schreibt er in einem seiner ungeschliffen poetischen Briefe an die tote Marie, „die russische Kälte ist anders“.

Die Zeit dazwischen

Mit dem einsilbigen Andreas im Zentrum variiert der Film das Thema Stille vielfältig: als Schweigen im Walde und Verstummen aus Angst und aus Sehnsucht, als Seelen- wie als Friedhofsruhe, als nächtliche Geräuschlosigkeit, stille Übereinkunft zwischen Liebenden, Totenstarre. Statt in urlaubslandschaftliche Sommerwärme führt der Film (in dem auffallend viel gefroren wird) mit seiner Kühle und Kälte, seiner unzerredeten Kargheit in eine Natur, die den Blick, das Herz, die Lungen schrankenlos zu weiten vermag, aber  auf ihrer Unbeherrschbarkeit besteht: Sie lässt sich nicht einfrieden, und vor der Feindseligkeit ihrer Katastrophen gibt es keine Zuflucht. Die Steinmassive in ihrer nicht zu erweichenden Feierlich- und Fürstlichkeit vor sich und um sich, beweist der Einzelmensch, wie unerheblich, winzig und vergänglich er stets war und ist. Noch auf dem beständigsten Felsen hat er „keinen festen Boden unter den Füßen“.

     Selten zeigt das Kino einen Menschen so offenkundig aus seiner Gegenwart gefallen wie gegen Ende den unbestimmbar betagten Andreas, der gemeinsam mit anderen Dörflern im Fernsehen dem ersten Menschen auf dem Mond zusieht. Aus- und andauernd blieb und bleibt er „ein ganzes Leben“ lang, wer er war und wie er ist: aufrecht eingesponnen in sich selbst, ganz auf sich gestellt. „Ich brauche niemanden, aber ich habe alles, was ich brauche“, resümiert er, unbeirrt in seiner immerwährenden Genügsamkeit. Über sein Woher und Wohin denkt er nicht nach, aber „die Zeit dazwischen“, schreibt er an die Marie seiner Erinnerungen, als alter Einsiedler schon wie in einem Felsengrab hausend, die hat ihn „staunen“ gemacht. Er geht, wie er gekommen ist: verwaist, allein, zufriedengestellt.



57. Internationale Hofer Filmtage

Allein in den Städten

Als Autorenfilmer reinsten Wassers setzt Carsten Jain-Pütz bewährte Festival-Traditionen fort. In „The Connections“ erzählt er von zwei Geschwistern, die nicht wissen, wohin mit ihrem Leben, und führt, trotz großer räumlicher Distanz zwischen den beiden, ihre Geschichten zu einer zusammen.

Vanessa Thüring und Tiago Bôto als Hanna und Luis: Kein Mittel gegen Lethargie und Lähmung. (Fotos: Hofer Filmtage)


Von Michael Thumser

Hof, 30. Oktober – In den ersten Auflagen des Festivals waren alle Filme kurz; während seiner frühen Jahre wurden sie länger und blieben dennoch „Neue Deutsche“ Filme – „Autorenfilme“ reinsten Wassers also, deren Regisseure auch das Drehbuch verantworteten und unabhängig von den großen Studios produzierten. Daran hat sich viel geändert, gleichwohl gibt es noch Autorenfilmer in Hof, und Carsten Jain-Pütz darf von sich behaupten, ein multipel talentiertes Musterexemplar zu sein: Das Geschwisterdrama „The Connections“, seine Abschlussarbeit an der Fachhochschule Dortmund, inszenierte er nicht nur, er schrieb auch das Skript, besorgte den Schnitt, firmierte als Produzent und schuf sogar die Musik. Im Abspann nimmt die Liste der credits schier kein Ende – trotzdem scheint es, als hätte Jain-Pütz alles ‚ganz allein‘ gemacht. Ein Mann, der weiß, was er will; kein Wunder, mit Anfang vierzig.

     Indessen wissen seine Hauptfiguren, ungefähr zehn Jahre jünger, gar nichts mit sich anzufangen. An Begabung herrscht bei der einen so wenig Mangel wie beim anderen. Aber Hanna (Vanessa Thüring), durch Lissabon trudelnd, bringts einfach nicht fertig, sich mit ihren Zeichnungen an der Kunsthochschule zu bewerben; und ihr Bruder Jonas (Alexander Peiler), spürsinniger Fotograf in Berlin, puzzelt am Computer lieber an Bildern herum, die er nie verkaufen wird, statt sich den Diktaten einer kommerzorientierten Werbeagentur zu unterwerfen; wiederholt sieht man ihn laufen, doch er kommt nicht an. So trudeln die beiden von Gott, Welt und allen guten Geistern verlassen durch die Metropolen und erfahren peinigend, dass „Städte Orte der Isolation sind“, voll von „einsamen Menschen“ wie sie selber. 

     Was „aus ihren Träumen geworden“ sei, werden sie gefragt, während Plakatwände, Bildschirme und hippe Hochglanzmagazine, erst recht die einlullende Stimme eines Affirmationscoachs aus dem Off, sie mit Mantras aus dem faulen Erfolgs-Evangelium moderner Glücksverheißung malträtieren: Genieße das Leben; du bist attraktiv und sexy; du hast ein Recht auf Deine Freiheit … Gute Geister, um bei der Wahrheit zu bleiben, gibt es schon: Luis, einen aufopfernd verliebten Freund Hannas, Jonas’  lange langmütige Partnerin. Doch auch sie kennen kein Mittel gegen Lethargie und Lähmung. Die Geschwister stoßen sie vor die Köpfe und stoßen sie von sich und wiederholen – gefragt, wies um sie stehe – stets dieselbe lasche Lüge: „Alles gut soweit. Es läuft.“

Bettina Lieder als Clara: "Attraktiv, sexy, frei".

     In zwei Alltagsgeschichten erzählt Carsten Jain-Pütz vom Stillstand zweier nicht mehr ganz junger, hilfloser Leben an der letzten Schwelle zu einem „verantwortlichen“ Erwachsensein. Zwei scheinbar wenig erhebliche Geschichten; streng parallel verlaufen sie, berührungslos, in weiter Distanz voneinander. Der Regisseur aber hält seine Protagonisten nicht bloß auf Abstand; ebenso stiftet er durch Leitmotive, Grundmuster und eine formbewusste Dramaturgie der Gleichzeitigkeit unauflösliche connections zwischen ihnen: weitreichende Anschlüsse und Verbindungen, untergründigen Zusammenhang und -halt. Nicht anders reiht er die Einzelszenen auf: Vielsagend isoliert stehen viele – die meisten – für sich; dennoch überführt sinnstiftende Montage sie in ein Doppel-Standbild und bewegt sie insgeheim auf ein finales Hoffnungszeichen zu.

Alexander Peiler als Jonas: Laufen, ohne anzukommen.

     Das freilich nichts beschönigt. Die Karrieristin Clara (Bettina Lieder), „attraktiv“ und „sexy“, noch keine vierzig, bombensicher in dem, was sie will, vermeintlich „frei“, sie hält anklagend ein Plädoyer gegen Jonas, den schluffigen „Verweigerer“: Man könne, belehrt sie ihn, „aus seinem Leben nur was machen, wenn man sich nicht querstellt“. Ihr Verdammungsurteil heißt: „Du bist jetzt ganz allein.“ Nach dem Schuldspruch aber steht die Schöne in ihrer schicken Wohnung selbst verloren und verlassen da. In ihrem Yuppie-Job ist sie Spitze: einsame Spitze.

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57. Internationale Hofer Filmtage

Wie man die Welt aushält
Vor dreizehn Jahren fragte das Regie-Duo Starost-Grotjan sieben hellköpfige Kinder, darunter die Schwestern Vassileva aus Hof, nach dem Sinn des Lebens. Nun, da die Kleinen von einst erwachsen und noch klüger sind, stellen sie sich in der Doku „7 oder Wie halte ich die Zeit an“ dem Rätsel aufs Neue.

Chrysanthi Schmitt Charlampidi: "Unglücklich möchte ich nicht sein." (Fotos: Hofer Filmtage)


Von Michael Thumser

Hof, 29. Oktober – Warum sind wir auf der Welt? Eine Frage, an der sich die Erwachsenen, zumal gelernte und gelehrte Philosophen, seit ein paar Tausend Jahren die Zähne ausbeißen. Lösen können das Rätsel vielleicht nur Kinder – und wie unverstellt und fantasievoll, hellköpfig und tiefensichtig sies versuchen, zeichneten Antje Starost und Hans Helmut Grotjahn vor dreizehn Jahren mit der Kamera auf: Ihre Dokumentation „7 oder Warum ich auf der Welt bin“ kam 2011 bei den Filmtagen erstmals auf die Leinwand, tourte dann durch viele weitere Festivals, gewann Preise und entzückt seither ungebrochen das Publikum der Programmkinos. Von sieben Mädchen und Jungs aus Hof, Deutschland und der Welt hatte das Berliner Regie-Paar Antworten auf die Frage aller Fragen eingeholt, kluge An- und Einsichten, denn „man hat immer was zum Nachdenken“, sagte seinerzeit eines der Kinder aus Erfahrung und ganz ohne Altklugheit. Verständlicherweise reizte es die Filmemacher, sich mit gehörigem Abstand neuerlich den Protagonistinnen und Protagonisten von einst zuzuwenden.

     In Hof, wo die Idee zu dem Projekt 2006 wie zufällig entstanden war, feierte nun die Fortsetzung Weltpremiere. Die Vorführung am Freitag wollte sich auch Vivi Vassileva, die inzwischen weltweit aktive Musikerin, nicht entgehen lassen, ist sie doch hier geboren und aufgewachsen – und hat, wie ihre Schwester Vici, den fertigen Film „7 oder Wie man die Zeit anhält“ zuvor noch nicht gesehen. Bis heute, sagt sie nach der Vorführung, bewundere sie die Regisseurin und den Regisseur dafür, wie ernst sie die Kinder vom ersten Treffen an genommen hätten: „Sie begegneten uns auf Augenhöhe.“

     Zwischen sieben und dreizehn waren die sieben damals und sind heute zwischen zwanzig und sechsundzwanzig Jahren alt. Die Jugendzeit haben sie alle hinter sich, wenn sich auch unterschiedliche Reifegrade des Erwachsenseins bemerkbar machen. Gegen die respektvoll diskreten Porträts der sieben schnitten Starost und Grotjahn ausgewählte, bisweilen nüchtern-poetische Einblicke in ihre sehr verschiedenartigen Lebensräume und -verhältnisse. Zu Beginn der Dreharbeiten vor etwa fünf Jahren erwartete Vivis Schwester Vici selbst ein Kind und kam sich, mit dem „Wunder“ in ihrem Bauch, „wie Superwoman“ vor; heute, da der Nachwuchs längst auf der Welt ist, fühlt sie sich in ihrer eigenen „Geschichte mehr im Mittelpunkt als vorher“. 

Vici Vassileva: "Superwoman" mit einem "Wunder" im Bauch.

     Die anderen bringen ihr Studium zu Ende, wie Jonathan, das Mathematikgenie, oder gehen schon Berufen nach, so Vanessa, die in Ecuador mit ihrer Mutter einen Laden betreibt und Optikerin werden will. Für die Zukunft weiß Chrysanthi, die griechische Ergotherapeuthin, keine großen Ziele anzugeben, dies aber schon: „Unglücklich möchte ich nicht sein.“ Basile aus Paris hingegen verfolgt ohne falsche Illusionen den „Plan“, dereinst in einem eigenen Geschäft selbst gestalteten Schmuck zu verkaufen. Albrecht, zur Drehzeit FSJler in einem Krankenhaus, findet, nichts wäre schlimmer, als wenn schon jetzt „alles klar und sicher wäre“. Besonders weit hat es Vivi gebracht: Als phänomenale Perkussionistin zählt sie international zu den herausragenden Tonkünstlerinnen ihrer Generation. Leben ist Prozess: „Wie man die Zeit anhält“, weiß auch Basile nicht, obwohl ers gern täte.

Vivi Vassileva: Begegnungen auf Augenhöhe.

     Von der Weisheit der frühen Jahre weichen die vier jungen Frauen und drei jungen Männer heute nicht grundlegend ab; für das Gesagte von früher, das der neue Film immer wieder, durch Rückblenden in den alten, zitiert, schämen sie sich nicht; es gäbe keinen Grund dafür. „Der Mensch ist zugleich die Blüte, aber auch der Winter“, sagte 2010 eines der Kinder, „wenn die Menschen verschwinden, bleibt die Erde zurück und hat ihre Ruhe.“ Das gilt heute nicht anders und noch dringlicher, zur Schwarzseherei aber lässt sich davon keiner der jungen Menschen verleiten. „Warum bin ich auf der Welt?“: Abermals vor die alte und ewige Frage gestellt, antworten sie mit Vertrauen in die Zukunft und sich selbst. Sie sind da, um etwas von sich und überhaupt das Leben weiterzugeben; um Teil eines Ganzen zu sein; um die Welt besser zu machen; um selbst zu „glänzen“; oder um für andere „ein Sonnenschein“ zu sein … Oder schlicht: um das Dasein zu genießen.

     Zwar, zeitgemäßes Problembewusstsein macht sich in allen Ahnungen und Annahmen, Erkenntnissen und Gedankengängen geltend, aus denen sich die Auskünfte fügen. Weit deutlicher jedoch, nicht selten leuchtend spricht aus ihnen erwartungsvoller Mut, hochansteckender Optimismus. Nicht wie man „die Zeit anhält“, aber wie man die Welt aushält, lässt sich hier lernen.

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57. Internationale Hofer Filmtage

Kurz vorm Kippen

Ein Ü-60-Lustspiel: Ben von Grafenstein bringt das kauzige Vermächtnis Zoltan Pauls nach Hof. In „Überleben in Brandenburg“ trägt der 2022 gestorbene ungarisch-österreichische Regisseur und Schauspieler den (Wahl-)Kampf gegen die völkische Rechte sehr entspannt in der ostdeutschen Provinz aus.

Der 2022 gestorbene Zoltan Paul als Laszlo: Lebenskünstler und -genießer mit Schelmenkopf und Schalksgesicht. (Fotos: Hofer Filmtage)


Von Michael Thumser

Hof, 28. Oktober – Kann und darf man, heute in Deutschland, „nicht rechts, nicht links, nicht Mitte“ sein, weil man politisch „darübersteht“? Dem österreichischen Schauspieler und Filmemacher Zoltan Paul war es wichtig, freiheitlich Haltung zu zeigen, beobachtete doch der in Ungarn aufgewachsene Österreicher mit Grausen, wie sich in der Heimat seiner Kindheit ein autoritäres Regime breitmacht. Hierzulande als Demokrat überleben, zumal im Osten der Republik, sozusagen rechts von der einstigen innerdeutschen Grenze – wie soll das auf Dauer gehen, wenn bei Umfragen zum Beispiel in Brandenburg, elf Monate vor der dortigen Landtagswahl, die AfD sich mit 32 Prozent vor alle anderen Parteien setzt?

     Im vergangenen Jahr starb Zoltan Paul, erst 68-jährig, in Berlin und hinterließ die Bruchstücke einer Komödie, die der Regisseur Ben von Grafenstein abrundend vervollständigte. Mit dem Ergebnis ist er nun erstmals bei den Hofer Filmtagen dabei, denen Paul zwischen 2012 und 2022 vier Mal die Ehre gab. Ein Vermächtnis also, ein lustiges und zugleich bedenkenswertes. In „Überleben in Brandenburg“ spielt Zoltan Paul sich selbst, wenn auch unter falschem Namen. Laszlo Kovacz heißt er hier und vertrödelt als nicht eben erfolggekrönter Regisseur in einem ostdeutschen Kaff wohlhabend und ungestört die Zeit, als zunächst ein provokanter Nachbar, dann eine unberechenbare Nachbarin seine herbstlichen Potenziale herausfordern. Während er dem blonden Gift der soziopathischen Sexgöttin verfällt, lässt er sich, wenn auch widerstrebend, bei der anstehenden Bürgermeisterwahl gegen den Kandidaten einer völkischen Rechtspartei aufstellen – obwohl er doch eigentlich als herzkranker, wenngleich vitaler „Althippie-Träumer“, Tunichtgut und Kauz gern „darüberstehen“ würde: über Gesinnungsstreit und Familiengezänk, über der Liebe und überhaupt dem Dasein. Das aber drohen der Wahlkampf und andere Konflikte gehörig aus der Kurve zu tragen.

Sabine Weibel: Blondes Gift.

     „Ich glaube“, sagt Regisseur Ben von Grafenstein in Hof, „den Film versteht hier jeder“. Wohl wahr. Auch wenn der Name AfD nie fällt, „versteht“ sich von selbst, um wen und was es sich bei Laszlos Gegenspieler handelt. Eine krachende Meinungsschlacht auf dem Lande hätte Zoltan Paul in seinem Drehbuch um ihn entfesseln können, oder im Kleinen vor dem Niedergang der Freiheit im Großen warnen, oder eine erotische Politposse durchdeklinieren. Lieber indes hielt er, sich die Hauptrolle auf den eigenen gut gehaltenen Leib schreibend, entspannt den Ball so flach wie seinen Bauch. Laszlo, ein milder, unversehens überforderter Lebenskünstler und -genießer, greift als Bürgermeisterkandidat nicht nach den großen Themen, sondern fragt bei den Leuten nach den Alltagskleinigkeiten nach, gratuliert ihnen zum sechzigsten Ehejubiläum, lässt sich von ihnen den verseuchten Dorfsee zeigen, der „kurz vorm Kippen“ steht. 

     Auch Nachlassverwalter Ben von Grafenstein umgeht alles Zeichenhafte, Überschwere. Vielleicht darum bediente sich der eine wie der andere der schlichten Filmästhetik vergangener „Fernsehspiel“-Epochen und der Mitwirkung von Laien aus der ländlichen Bevölkerung am Drehort, mit Dialogen und Auftritten, die oft wie eben ausprobiert, wie Improvisationen wirken. Keinen Schaden nimmt die Geschichte daran, dass sie hier und da stottert, stockt und stolpert und überhaupt großzügig darauf verzichtet, richtig in die Gänge zu kommen. Fernab der Ballungsräume und der Metropolen gehen die peripheren Uhren eben halb so schnell.

Adele Neuhauser: Jahrzehntelang erfahrene Koryphäen doppelbödiger Charakterkunst.

     Oft und anhaltend füllt Laszlos Schelmenkopf mit seinem Schalksgesicht die Leinwand, als hätte Zoltan Paul am eigenen Beispiel demonstrieren wollen, wie leichtlebig und naturbelassen einer altern kann. Ein Ü-60-Lustspiel ist sein Film ohnehin, für den sich neben ihm Adele Neuhauser (als Laszlos sieggewohnte Gattin), Dietrich Hollinderbäumer (als Schluckspecht und Schwiegervater) und der – auf Schurken abonnierte – Joachim Assböck als Rechtsaußen vor Jan Kerharts Kamera versammeln. Hier tummeln sich also jahrzehntelang erprobte Koryphäen doppelbödiger Charakterkunst.

     „Nicht rechts, nicht links, nicht in der Mitte“? In altersweiser Beiläufigkeit bekennt Laszlo, lieber als die Geschichten aus der Wirklichkeit seien ihm die erfundenen: „Da weiß man, wie sie ausgehen“. 2024 wird nicht nur in Brandenburg, auch in Thüringen und Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewählt, und wie die Geschichte ausgeht, lässt sich schon ahnen. Gegen Gift ist die Demokratie so allergisch wie der See in Laszlos Kaff: Irgendwann kann auch sie kippen.

■ Die Hofer Filmtage im Internet: hier lang.



57. Internationale Hofer Filmtage

Plötzlich ist alles anders

„Wald“ heißt das Festival-Debüt von Elisabeth Scharang: Schwer traumatisiert rettet sich eine Journalistin in die spätzeitliche Natur eines österreichischen Hinterlands. Bildpoetisch setzt der Film auf Schweigen und Stille und bricht doch die Stummheit zwischen zwei einander entfremdeten Freundinnen auf.

Brigitte Hobmeier als Marian: Nichts ist erträglich außer der Stille. (Fotos: Filmladen Filmverleih)


Von Michael Thumser

Hof, 27. Oktober – Man kann, zum Beispiel durch einen Unfall, ein Bein verlieren und dennoch seelisch heil aus der Not herauskommen. Marian hingegen, in Elisabeth Scharangs Film, erlebt das Verhängnis umgekehrt: Als ein Terrorist bei einem Straßencafé in die Menge schoss, blieb sie äußerlich unverletzt – im Innern indes hat sie schier nicht wiedergutzumachend Schaden genommen.

     Schlicht „Wald“ überschrieb die österreichische Regisseurin ihr Filmtage-Debüt (so wie Doris Knecht 2015 ihren Roman, von dem sich Scharang wichtige Motive entlieh). Denn die Stille mitten in dem Meer aus Bäumen fern der Stadt, die öden Weiten des flachen Landes darum herum sind das Einzige, was Marians traumatisiertes Gemüt noch erträgt. Lange ist sie als urbane Journalistin durch die Welt und deren Krisengebiete gereist – nun aber, in der Krise, die ganz sie selbst betrifft, zieht es sie auf schmalen Straßen dorthin zurück, von wo sie mit sechzehn Jahren aufbrach und floh: in den längst vergammelten Bauernhof ihrer Kinderjahre. Ohne Auto und Strom, Fernsehen und Radio stellt sie sich ganz auf sich; sogar das Handy sperrt sie, sich verweigernd, weg. Nach den Schüssen und der Angst ist für Marian „plötzlich alles anders“. Innerlich wie ausgeleert, erfüllt von einer Art Grabesruhe, fühlt sie sich zu Tode erschrocken, mehr noch: um ihr gewohntes Leben gebracht, vielleicht für immer. „An die Zukunft zu denken, überfordert mich, die Vergangenheit macht mich traurig“, sagt sie dem geliebten Mann, der sie kurz besucht und den sie wieder fortschickt. „Der einzige Ort, jetzt, ist hier.“

Nachbarschaft ohne Nähe

In langen Einstellungen und Sequenzen forschen die Regisseurin und Jörg Widmer mit der Kamera die scharfen Züge, den hilflosen Aktionismus, die mutlosen Erstarrungen ihrer ausdrucksfeinen, ausdrucksstarken Hauptdarstellerin Brigitte Hobmeier aus und setzen sie mit Haus und Hof, Wald und See, Erde und Himmel in ein atmosphärisch ungemein stimmiges Verhältnis. Dann tritt, mit nicht minder plastischem Gesicht, Gerti Drassl hinzu, als Marians Hofnachbarin Gerti eine nicht minder markante zweite Protagonistin. Allerdings – für eine Nachbarschaft ohne Nähe steht sie: Denn Marians Einkehr in die Einsamkeit ist zugleich eine Heimkehr in zerstörte Vertrautheiten, ungeklärte Vorbehalte, schwelende Animositäten. Zu den Dörflern, die Marian nicht bei sich haben wollen – und sie buchstäblich vor den Kopf stoßen –, zählt Gerti auch. In Jugendtagen gehörten die beiden verschworen zusammen, bis Marian, verschwindend, sie schutzlos bei ihrem bitterbösen Vater und der unbeholfenen Mutter zurückließ. Seither hat die Zeit Gerti hart und trocken gemacht. Nun wirft sie der Zurückgekehrten vor, sie verraten zu haben. Und taut dann doch allmählich auf.

Marian mit Gerti (Gerti Drassl): Eine Mädchenfreundschaft, eingefroren.

     Auch in der Natur tauts am Ende. Zwischen Herbst und Winter und Vorfrühling hat die Regisseurin den gemächlichen, gleichwohl insgeheim erregten Gang der Handlung angesiedelt und trotzdem die Zeit scheinbar zum Stillstand gebracht. Aus Momenten, kaum aus Geschehnissen fügen sich die redescheuen Episoden, aus Blicken auf alte Fotos, aus eingeatmeten Gerüchen, vorsichtigen Berührungen mit Resten des Gestern. Dabei erfährt Marian, dass Alleinsein und Einsamkeit ein und dasselbe sein können inmitten einer Natur, die sich in den Bildern nicht aufgehübscht, sondern in einer dem Wortsinn nach natürlichen, weil abweisend aufrichtigen, spätzeitlich vernebelten Schönheit offenbart. Weil, so wie Wald und Flur, auch Schweigen und Stille diskrete Triebkräfte des Films sind, fallen alle Geräusche, Stimmen, Schreie, dazu die sinngleiche (Klavier-)Musik von Hania Rani umso expressiver ins Gewicht. Erst recht die Gewalt: Wie in den Krisengebieten der Welt geschieht sie in Österreichs hinterstem Winkel, tödlich auch hier.

     Für ein kleines Wunder darf gelten, dass der so sparsamen wie sorgfältigen Erzählung alle niederdrückende Schwere abgeht. Darauf hat Elisabeth Scharang in den mutlosen Augen- wie bei aufmunternden Lichtblicken zu achten gewusst, erzählt sie doch nicht weniger als drei Geschichten auf einmal: nicht die einer tiefen Verletzung allein, auch die einer Freundschaft und die einer Befreiung.

■ Die Hofer Filmtage im Internet: hier lang.



57. Internationale Hofer Filmtage

Erst wer stirbt, verschwindet

Im Eröffnungsfilm des Festivals dockt Chris Kraus als begnadeter Kino-Erzähler an seinen Sensationserfolg „Vier Minuten“ aus dem Jahr 2006 an. Bis in dessen Seelentiefen dringt „15 Jahre“ zwar nicht vor. Aber die Besetzung imponiert, allen voran die neuerlich hinreißende Hannah Herzsprung.

Hannah Herzsprung als Jenny: Die Frau, „die im Herzen explodiert“. (Foto: PR)


Von Michael Thumser

Hof, 26. Oktober – Kann man ‚einfach so‘ weitererzählen, nach sechzehn Jahren? Darf Chris Kraus erwarten, dass treue Filmtagebesucher und Kinogänger die Geschichte seines frühen Meisterwerks „Vier Minuten“ von 2006 präsent genug im Kopf haben, um dem Schicksal der Protagonistin Jenny von Loeben jetzt problemlos weiter folgen zu können? Klug genug ist der Regisseur und Autor, einer der besonders einfallsreichen und geschickten Erzähler des aktuellen deutschsprachigen Kinos, um mit „Fünfzehn Jahre“ nicht einfach ein Sequel draufzusetzen. Vielmehr besinnt er sich ambitioniert auf die alte Geschichte, um aus ihren Wurzeln eine fast neue wachsen zu lassen, eine, die durchaus für sich steht und besteht – eine andere Geschichte.

     144 Minuten lang spürt Kraus der Frage nach: Wofür soll, kann, wird Jenny, die Frau, „die im Herzen explodiert“, sich entscheiden – für Vergebung? Für Vergeltung? Gerade zwanzig war sie und als Pianistin einzigartig talentiert, als sie für einen Mord, den ihr Freund beging, die Schuld auf sich nahm und im Knast verschwand, für fünfzehn lange Jahre. „Das zieht sich.“ Nun, endlich frei, sucht sie ihr Heil – ja, worin? Im Himmel? In der Rache? Jedenfalls in einer Form ausgleichender Gerechtigkeit. Aber sogar als Beterin im „Team Jesus“ ist und bleibt sie „immer noch die alte Jenny“, eine „Soziopathin“, verbockt, verschlossen und eruptiv bereit zu grausiger Gewalt. Von neuen „Begegnungen“ dürfe sie neue Lebensrichtungen erwarten, verheißt „Team“-Leiterin Markowski (scheinbar abgeklärt, doch selbst nicht ohne dunkle Seite: die herrlich borstige Adele Neuhauser). Sehr widerstrebend „begegnet“ Jenny dem einarmigen syrischen Musiker Omar, den der IS verstümmelt hat. Bei ihm ahnt sie eine zögerliche Art von Liebe, mit ihm nimmt sie an einer Talentshow für Menschen „mit Behinderung“ teil: Ein rührend singendes „Kriegsopfer“ und eine Tastenakrobatin mit „Borderline“ - solch ein Duo passt goldrichtig ins Konzept krawallbunt aufgeblähter Abgeschmacktheiten. Im Studio indes trifft Jenny auf ihre Vergangenheit, die „einfach nicht vorbei“ sein will: In Gimmiemore, dem gefeierten Popsänger und überheblichen Juror, erkennt sie den Verräter von einst; kein Zufall, da ist sie sicher, sondern „ein Gotteszeichen“, um ihm den „Krieg“ zu erklären.

     144 Minuten - aber es „zieht sich“ nicht. Chris Kraus, der so gut Geschichten erfinden kann, kann sie auch auf eine Weise erzählen, wie allein der Film es vermag. Ein Meister ist er darin, mit einem vermeintlich kleinen Plot das sogenannte große Kino bis in alle Winkel auszufüllen. Gelegentlich bricht er, klärend statt verwirrend, die Chronologie der Episoden auf. Gegen den tristen Realismus von Jennys rauer Rückkehr in die bürgerliche Existenz schneidet er grob gekörnte Wackelvideos aus ihrer Punker-Jugend mit Gimmiemore und konfrontiert ihn grell mit dem unwirklichen Hochglanz und Superstargedöns, den Lasershows und zwischenmenschlichen Unaufrichtigkeiten im Mikrokosmos des Breitenfernsehens, das aus nichts besteht als aus der Oberfläche seiner Bilder.

     Bis tief hinab unter die Oberfläche der Bilder führt Chris Kraus die wichtigsten seiner Charaktere, allen voran die neuerlich sensationelle Hannah Herzsprung. Der Fotografenschar im Foyer des Hofer Scala-Kinos präsentiert sie sich verhalten lächelnd mit der Glätte einer fast ätherischen Beauté – bevor die Leinwand sie schonungslos mit ungesunder Haut und den abgelebt unebenen Zügen vollständiger Desillusionierung porträtiert. Als Jennys Lebens- und Herzsprungs Filmpartner erweist sich nicht so sehr Omar, das invalide Terroropfer (Hassan Akkouch), den der Regisseur nervtötend wie ein hypermotorisches  Kind inszeniert; weitaus facettenreicher, dadurch gleichrangig neben ihr agiert das Hassobjekt, der hippe Gimmiemore: Albrecht Schuch, zwischen schmalziger Telegenität und ehrlichem Endzeitbewusstsein famos changierend, nicht an dunkler Vergangenheit, sondern am sinnleeren Dasein leidend, erst recht an Krebs im letzten Stadium. An seinem Beispiel begreift Jenny, was sie mit Omar während der TV-Show in die Mikrofone schmettert: „Erst wer stirbt, verschwindet.“

Das Plakat zur Produktion

     Gimmiemores Welt ist die des Kitsches („Voll schön … ich habe geweint …“), und ein wenig tränenfeucht ist auch der Film geraten, der seinerseits nicht immer weit genug Abstand vom Kitsch hält. Manche Nebenfigur opfert das Drehbuch vordergründigem Humor, obendrein trägt die Symbolik – Jenny, einen erschossenen Löwen streichelnd und betrauernd – arg dick auf. An die dramaturgische und historische Vielschichtigkeit des Vorgängers, mit der aufwühlend spröden Monica Bleibtreu als Jennys posttraumatisch verheerter Klavierlehrerin, reicht das Sequel, das keines ist, nicht heran. 2006 riss die Uraufführung von „Vier Minuten“ das Hofer Publikum zum weitaus anhaltendsten Beifall hin, den der Schreiber dieser Zeilen je nach einem Festivalfilm erlebt hat. Auch heuer, am Eröffnungs-Dienstag, applaudierten die Zuschauenden heftig, zwar bei weitem nicht so lang, doch für Hannah Herzsprung ehrerbietig stehend. Wohlverdient.

     So weit bewährt sich das notorische Erzähltalent des Regisseurs dann doch, dass er ihr und seiner dünnhäutig verletzlichen, hinreißend heftigen – von ihm zweifellos geliebten – Hauptfigur ein Happy End verweigert. In der poetisch anrührenden (und wiederum ein wenig kitschigen) Schlussszene ist Herzsprung „immer noch die alte Jenny“ und trotzdem eine andere. Ergreifend singt sie am Klavier, allein jetzt; in der Luft lässt Kraus sie hängen, traurig, aber nicht verzweifelt und keineswegs „verschwunden“. Jenny von Loeben lebt: Was soll, kann, wird aus ihr wohl werden? Hoffentlich bringt Kraus es über sich, sie los- und ziehen zu lassen, fortan in Frieden.

■ Die Hofer Filmtage im Internet: hier lang.